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Der
WM-Rückblick
Die WM ist vorbei. Zeit für einen kleinen Rückblick.
Was fiel auf, was eher unter den Tisch? Was
waren die Überraschungen, die Sensationen? Nun,
zumindest diesen Punkt kann man schnell abhaken,
es gab keine. Für mich jedenfalls nicht. Was
bewegte die Nation? Und warum sind wir jetzt
eigentlich alle so toll? Fragen über Fragen,
und ich wette, ich werde keine einzige vernünftig
beantworten können, denn ´natürlich ist das
eine sehr subjektive Angelegenheit. Aber fangen
wir doch einfach mal an.
An
den Beginn der WM hat der liebe Gott das Eröffnungsspiel
gestellt, nebst nachfolgender kompletter
Vorrunde. Außer in Deutschland, da geht’s
schon weit vorher los. Kaum war die Diskussion
verebbt, warum ein deutscher Nationaltrainer
zwingend und unbedingt seinen Wohnsitz in
Deutschland haben muss, kaum hatte sich des
Volkes und der Kaiser Büttel Zorn darüber
gelegt, dass der Trainer es gewagt hatte, Oliver
Kahn endlich mal da hin zu setzen, wo er in den
letzten Jahren zwischendurch immer mal hingehört
hätte, nämlich auf die Bank, da stand das Eröffnungsspiel
gegen Costa Rica an. Vorher gab es aber noch
etwas anderes, nämlich die Wade der Nation. Müscha
„Du hast die Haare schön“ Ballack, in
meinen Augen einer der meistüberschätztesten
Fußballer dieser Dekade, tat was an der Wade
weh. Müscha sagte (zum Trainer): „Aua aua!“
Der Trainer sagte (zu Müscha): „Dann bleibst
du eben im ersten Spiel draußen!“ Das war
jetzt nicht ganz nach dem Geschmack unserer
Mittelfeld-Ikone, er hätte es wohl besser
gefunden, aufzulaufen und dann unter Schmerz
verzerrtem Gesicht nach einer Stunde vom Platz
zu humpeln, um sich für seinen heldenhaften
Einsatz gebührend feiern zu lassen. Wäre ja
nicht das erste Mal gewesen. Da hatte er
allerdings nicht mit der Standfestigkeit des
Trainers gerechnet. Natürlich mit dem Wissen,
dass in der Presse sowieso das gesamte Spiel der
deutschen Mannschaft an ihm ausgerichtet wird,
wollte er jetzt doch unbedingt spielen, und
sagte daher kurzerhand: „Ich bin fit!“
Leider nicht zum Trainer, sondern zum Haus- und
Hofberichterstatter, der großen deutschen
Tageszeitung mit den vier noch größeren
Buchstaben. Ein bisschen Druck auf diesen Quälgeist
kann nicht schaden, wird er sich gedacht haben.
Meiner Meinung nach wäre hier eine Strafarbeit
fällig gewesen. Und zwar in gotischer Schrift,
ein kleiner Arbeitsanreiz sollte immer
mitgegeben werden. Über das Verständnis des
Berufs eines Fußballprofis, oder so etwas in
der Art. Und wer weiß, vielleicht war es ja
auch so. Ballack saß im ersten Spiel brav auf
der Bank und wurde auch nicht entscheidend
vermisst. Schon eher vermisste man eine
funktionierende Abwehr. Zwei Gegentore gegen
Costa Rica, du meine Güte. Besonders auffällig
im negativen Sinn Rechtsverteidiger Arne
Friedrich. Der schien unter dem Trauma zu
stehen, der letzte Verbliebene der
Nutella-Viererbande zu sein. Vielleicht hat es
ihn am Vorabend auch furchtbar getroffen, im
Fernsehen tatsächlich noch einmal den Spot mit
den einstigen Haselnusscreme-Mitstreitern
Hinkel, Lauth und Kuranyi sehen zu müssen.
„Ach, sie sind so früh gefallen!“ mag er
geseufzt haben. Auf dem Rasen legte er dann eine
Gedenkminute für die Kameraden ein, die fast
das ganze Spiel über dauerte. Zum Glück
reichten auch zehn Mann, um Costa Rica 4:2 zu
besiegen. Und das alles ohne Ballack! Wenn ich
an die Presse aus den letzten Monaten vor der WM
zurückdenke, war das eine eigentlich unmögliche
Leistung. Das konnte ja nur gut weitergehen.
Prompt wurde Polen mit 1:0 weggeputzt. Und
nachdem auch jedes Käseblatt vom Dorf vor dem
Spiel ca. zehnmal durchgekaut hatte, dass die
beiden deutschen Stürmer Podolski und Klose aus
Polen stammen, war ja klar, dass es der französischstämmige
Neuville auf die Vorarbeit des wasweißichstämmigen
Odonkor machen musste. Damit war die Vorrunde für
die deutsche Mannschaft gelaufen, das 3:0 gegen
Ecuador war nur ein besseres Trainingsspiel,
einzig geeignet, Herrn Podolski davon
abzulenken, dass es böse Menschen in diesem
Land gibt, die auf seine Kosten Witze machen,
wogegen man am besten mit Einstweiligen Verfügungen
vorgeht, weil man sich nicht in eine bestimmte
Ecke drängen lassen möchte. Hat eigentlich
noch mal jemand etwas von dieser Sache gehört?
Ich nicht. Gehört habe ich allerdings etwas
anderes, nämlich, dass die Comedy weiterlief .
Die ist übrigens nur mäßig lustig, was aber
auch zum Teil daran liegt, dass sie dem Objekt
der Begierde gar nicht mal so unähnlich ist.
Wer je ein Interview mit Podolski gehört hat,
wird es bestätigen können.
In
den anderen Vorrundengruppen gab es vielleicht
die ein oder andere Überraschung, aber richtige
Knaller blieben aus. So zeigte uns Trinidad
& Tobago, wie eine Fußballmannschaft zum
Jungbrunnen werden kann: man stelle den ca. 87jährigen
Ersatztorwart fünf Minuten vor Spielbeginn ins
Tor, weil sich der etatmäßige Keeper beim Aufwärmen
verletzt. Man lasse ihn unter der ersten Flanke
des Gegners gnadenlos durchsegeln, sodass der
neutrale Zuschauer mitleidig denkt: Das kann ja
heiter werden. Genau dies sage man dann dem Opi
auf dem Rasen, bevor die nächste Ecke
geschlagen wird. Und plötzlich will der sich
nicht mehr blamieren, beim ersten WM-Spiel
seiner Nation! Shakar Hislop war ein ganz Großer
an jenem Tag, brachte solche Millionenstürmer
wie Larsson oder Ljungberg zur Verzweiflung, und
wurde in der zweiten Halbzeit gar noch besser,
als T & T fast die kompletten 45 Minuten mit
zehn Mann spielen musste. Ich glaub, da hätten
noch drei Mann vom Platz fliegen können, der hätte
das 0:0 ganz alleine festgehalten. Es gibt
solche Tage. Und dasselbe Kunststück hätten
sie einige Tage später gegen England beinahe
noch einmal fertig gebracht, hätte der Schiri
nicht übersehen, wie sich Englands Storch im
Salat Peter Crouch beim Führungstreffer kurz
vor Schluss eindeutig regelwidrig verhielt. Aber
natürlich Oberwasser für alle Kurzbehaarten
dieses Landes: wenn der Abwehrspieler schon mit
Zopf aufläuft, dann darf er sich nicht wundern,
wenn da mal herzhaft zugefasst wird. Schade,
dass sie nicht wenigstens ein Tor erzielten, die
Gute-Laune-Kicker aus der Karibik, ich hätte es
ihnen gegönnt.
In
der Gruppe C setzten sich Argentinien und die
Niederlande durch, die Elfenbeinküste und
Serbien-Montenegro blieben auf der Strecke.
Schade um die Elfenbeinküste, die schönen
Offensivfußball spielte, nicht schade um
Serbien-Montenegro, die auf dem Feld die Auflösung
ihres Doppelstaates zum 01.07. schon mal
vorspielten, besonders im Spiel gegen
Argentinien.
Aus
der Gruppe D kamen Mexiko und Portugal weiter,
am meisten Spaß machte jedoch der Torwart von
Angola, besonders im Spiel gegen Mexiko, als man
hochverdient ein 0:0 erkämpfte. Der hielt die
unglaublichsten Bälle, ließ aber wirklich jede
Flanke fallen. So etwas hab ich noch nie
gesehen, rekordverdächtig. Es reichte leider
nicht, weil die Portugiesen mit minimalem
Aufwand ihre Spiele nach Hause brachten, und der
Iran im letzten Gruppenspiel gegen Angola auch
nicht nach Hause fahren wollte, ohne wenigstens
einen Punkt zu machen.
Richtig
was zu sehen gab es in Gruppe E. Da fertigte
Tschechien kurz die USA ab und dachte, man habe
nun Ruhe bis zum Achtelfinale. Man hatte sogar
Ruhe darüber hinaus, denn nach Niederlagen
gegen Ghana und Italien war der Ofen schon nach
der Vorrunde aus. Besonders wie die Ghanaer die
Tschechen zerlegten, sodass die froh sein
konnten, dass es am Ende nur 0:2 hieß, war
beeindruckend. Da wurde Fußball gespielt, nicht
gemauert und abgewartet. Sehr abwechslungsreich
auch die Partie Italien-USA mit drei
Platzverweisen. Hier versäumte es die FIFA, mal
ein Exempel zu statuieren und solche Schläger
wie de Rossi für einen längeren Zeitraum aus
dem Verkehr zu ziehen. So erhielt er nur vier
Spiele Sperre, durfte prompt im Finale wieder
ran und verwandelte sogar noch einen Elfmeter
zum Weltmeistertitel. Schöne Belohnung.
In
den übrigen Gruppen war eigentlich noch weniger
los. Brasilien marschierte durch, weil sich
augenscheinlich niemand traute, die von der
Werbung zu Fußballgöttern hochstilisierte Elf
vom Thron zu stoßen. Chancen dafür hatten
Kroatien und Australien reichlich, doch beim
Abschluss sah es immer so aus, als hätten sie
Angst vor einer Anklage wegen Majestätsbeleidigung.
Als die Japaner es dann doch mal taten und sogar
1:0 in Führung gingen, war Brasilien schon längst
eine Runde weiter, doch um sich nicht zu
blamieren, traute sich Trainer Parreira mal,
eine Halbzeit nach vorne zu spielen, und schon
wurde der Gegner 4:1 weggefidelt. Wahrscheinlich
hat er sich daraufhin dermaßen erschrocken,
dass er die Offensivbemühungen der Truppe beim
nächsten Spiel wieder sofort auf ein Minimum
reduzierte. Schließlich ist Parreira ein Mann,
dessen Credo lautet: lieber viermal 1:0 als
einmal 4:1, und dazwischen gibt es anscheinend
nichts.
Okay,
dass Australien weiterkam, war vielleicht eine
Überraschung, aber nicht wirklich, nicht
umsonst spielen oder spielten ja ein gutes
Dutzend Australier in der englischen Premier
League, und zwar nicht als Balljunge oder
Platzwart. Und allein für diese unglaublichen
Maskottchen, die die Fans dabei hatten, Dutzende
von Plastik-Kängurus, lohnte sich das
Weiterkommen.
Frankreich
gähnte sich eine Runde weiter, die Schweiz
hingegen konnte überzeugen. Südkorea und Togo
auch, allerdings eben nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten.
Bewunderungswürdig allein schon die Tatsache,
dass man sich bei Togo alle paar Tage überhaupt
daran erinnerte, zum Fußball nach Deutschland
gekommen zu sein. Da gab es wahrlich Wichtigeres
zu tun, das Training bestreiken, ein
Trainer-Chaos anrichten, schlussendlich die doch
noch ausgezahlten Prämien in Windeseile in der
Stadt ihres Quartiers noch auf den Kopf hauen.
Dafür fand ich sie spielerisch gar nicht mal so
schlecht, auch wenn sie alle drei Spiele
verloren. Immerhin ließen sie die Allgäuer
Einzelhändler mit Tränen der Freude in den
Augen zurück, das ist doch auch schon etwas.
In
der letzten Vorrundengruppe kam Spanien mit überzeugenden
Leistungen weiter, die Ukraine eigentlich
weniger, es kam auf die Tagesform an. Zunächst
auf die des Trainers Oleg Blochin, der gegen
Spanien wohl die Devise ausgegeben hatte, unter
allen Umständen das eigene Tor zu verteidigen,
sonst würden die Spieler erschossen. Da er für
seinen eisernen Willen berüchtigt ist,
verteidigten seine Mannen verbissen das 0:4 und
hatten Glück mit einer anderen Tagesform, der
des saudi-arabischen Torwarts nämlich, der
einer der Garanten für den ukrainischen
4:0-Sieg war. Mit der dritten entscheidenden
Tagesform mogelte man sich schließlich ins
Achtelfinale: beim abschließenden Match gegen
Tunesien übersah der Schiri ein klares
Handspiel der Ukrainer im eigenen Strafraum.
Elfmeter, 1:0 – Tunesien wäre weiter gewesen.
Um nicht ebenfalls Gefahr zu laufen, von Blochin
erschossen zu werden, pfiff der Schiri anschließend
auf der anderen Seite einen Witzelfer, 1:0 –
die Ukraine war weiter. So bitter kann es
werden, wenn Schiedsrichter ein Spiel nicht nur
leiten, sondern auch gleich entscheiden.
Es
folgte das Achtelfinale, nach dessen Abschluss
ich mich entgeistert fragte, bei welcher
Veranstaltung ich war. Okay, der erste Tag
begann gut, zwei Podolski-Abstauber nach 12
Minuten gegen Schweden, beide genial vorbereitet
von Klose. Deutschland spielte Schweden in der
ersten Halbzeit Knoten in die Beine, besonders
die Abwehrspieler wurden reihenweise schwindlig
gekickt. Als die Nordländer nach der Pause mit
Müh und Not sowie unter Zuhilfenahme eines
Kompasses wieder aufs Feld zurückgefunden
hatten, wollten sie nur noch nach Hause. Um
ihrem Trainer das auch klar zu machen, ballerte
Larsson gleich mal einen Elfmeter aus dem
Stadion raus, wahrscheinlich um die gedachte
Heimflugroute vorzugeben. Wieder einer weniger,
die deutsche Mannschaft hochverdient weiter. Ein
nettes Spiel auch am Abend zwischen Argentinien
und Mexiko, welches seinen Höhepunkt in der
Verlängerung durch das Traumtor von Maxi
Rodriguez fand. Ein schönes Spiel.
Aber
was dann folgte, war die Ernüchterung. Fünf
Jahre lang ist uns von der Werbung vorgegaukelt
worden, dass die Superstars kämen, die
Ballzauberer, die Artisten. Und was gab es zu
sehen: diese jämmerlichen Figuren, deren Namen
jahrelang tausendfach durch die Gazetten gingen,
und die dermaßen überbezahlt sind, dass sie es
wohl unter ihrer Würde fanden, etwas von den Fähigkeiten
aufblitzen zu lassen, die ihnen zugeschrieben
werden. Ein Beckham kotzt nach 70 Minuten, weil
er platt war, nicht nur er, die gesamte
englische Mannschaft wirkte im Turnier in jedem
Spiel nach 75 Minuten ziemlich groggy. Groß
waren eigentlich nur ihre Frauen, die
Baden-Baden unsicher machten, 1,4 Mio. Euro
ausgaben und so manches Wettsaufen mit
wahrscheinlich entgeisterten Einheimischen klar
für sich entschieden. Vielleicht hätte man die
auflaufen lassen sollen.
Brasilien
gegen Ghana im Bayern-München-Style, irgendwie
ein Tor machen, dann bloß nicht mehr arbeiten,
auf die Unfähigkeit des Gegners beim Ausnutzen
auch der dicksten Torchancen setzen, und wenn
das Spiel wirklich zu kippen droht, dann hilft
der liebe Gott oder diesem Fall der Schiri, der
ihnen ein Abseitstor zur Vorentscheidung
schenkte.
Die
hochgelobten Italiener mal wieder mit einer
ganzen Spitze gegen die Fußballweltmacht
Australien, so was hätte sich hierzulande auch
nur Rudi Völler erlauben können. Und als ihnen
nichts mehr einfiel, half dann auch der Schiri:
selten einen so gewollten Elfer gesehen, wie den
in der 94. Minute. Da legt sich O’Neill ca. 5
Minuten, bevor Grosso ankommt, quer in den Weg,
der hat alle Zeit der Welt, den Ball an ihm
vorbeizulegen, was er auch tut, dann läuft er
aber unerklärlicherweise geradeaus, vielleicht
wollte er grad seiner Oma auf der Tribüne
zuwinken, soviel Zeit hätte er gehabt, und fällt
über den Aussie, der Schiri denkt erleichtert:
Na endlich, ist mir eh zu heiß hier, und pfeift
Elfmeter. Das nennt man dann übrigens
Schlitzohrigkeit des Spielers (oder auch des
Schiris, je nach Auslegung).Und die Australier
beschweren sich noch nicht einmal, weil sie viel
zu froh sind, überhaupt bis in dieses
Achtelfinale gekommen zu sein. Das soll eine WM
sein?
Totti
machte den Elfer rein, Italien war weiter, und
damit ist die beste Szene von Superstar Totti in
diesem Turnier bereits genannt. Frankreich kommt
gegen Spanien weiter, dank der Schlitzohrigkeit
von Thierry Henry, der den Freistoß zum
vorentscheidenden 2:1 ebenfalls mit einer mehr
als lächerlichen Schwalbe rausholt. Und dieser
Mann spielt in der englischen Premier League!
Wieder ein alter Glaube meinerseits
pulverisiert. Schade um die Spanier, aber das
sagt man ja eh alle zwei Jahre, ob WM oder EM,
das kann man sich bequem als Textbaustein
abspeichern.
Die
Ukraine und die Schweiz liefern sich das unwürdigste
Spiel zweier Mannschaften, die angeblich ins
Viertelfinale wollen, die einen können nicht,
die anderen wollen nicht, denn Trainer Blochin
hat den Spielern eingeimpft, dass die Null
hinten stehen muss, sonst würden sie
erschossen. Ergo kommt es zum Elfmeterschießen,
welches die Schweiz zeitgleich mit dem gesamten
Turnier verlässt, um einige entgeisterte
Gesichtsausdrücke und zwei Rekorde reicher: sie
scheiden aus, ohne bei dem Turnier in der regulären
Spielzeit einen Gegentreffer kassiert zu haben
und ohne, dass sie im 11-m-Schießen einen
eigenen Treffer erzielen können. Naja, ich sag
mal, wer als erste drei Schützen zwei Kölner
Absteiger und einen Stimmungssteher aus
Leverkusen ranlässt, der darf sich nicht
wundern, wenn so etwas dabei rauskommt. Die
ukrainischen Spieler hingegen profitieren davon,
dass sie zuvor zur Zielübung sämtliche Frösche
rund um ihr Mannschaftsquartier erschossen
haben, die durch ihr nächtliches Gequake
bekanntlich Schuld an der 0:4-Auftaktpleite
gegen Spanien waren, und ziehen ins
Viertelfinale ein. Unglaublich, wer das alles
darf.
Das
gilt auch für das Spiel Portugal-Niederlande.
Natürlich hat der Schiri Schuld. Der war mit
seinen vier Platzverweisen nämlich noch viel zu
gnädig. Bei mir wär das Spiel vorzeitig
beendet gewesen, da ich mindestens fünf
Portugiesen runtergeworfen hätte. Zusätzlich
zu Costinha und Deco noch Figo nach Kopfstoß,
Nuno Valente nach Kung-Fu-Einlage gegen Robben
(als der Schiri das Spiel bereits unterbrochen
hatte!) und Torwart Ricardo aufgrund seiner üblen
Schauspielerei und Zeitschinderei, die er
erfolgreich von letzten EM hinüber gerettet
hat. Zack, ich hätte nach 75 Minuten abpfeifen
können. Dann beide Mannschaften nach Hause
schicken, weil sie erwiesenermaßen keine Ahnung
haben, wie Fußball gespielt wird, und die
Elfenbeinküste und Angola nachnominieren. So
aber kam Portugal sogar noch weiter, weil die
Niederländer unter Trainer van Basten
neuerdings so spielen, wie sie es bei uns immer
gehasst haben. Mit einer Einschränkung: wir
haben mit diesem Gerumpel wesentlich öfter
gewonnen.
Viertelfinale:
Frankreich kickt Brasilien raus, völlig
verdient. Die Art und Weise, wie Henry den
Siegtreffer erzielt, im Umkreis von fünf Metern
kein Gegenspieler, und das nach einer
Standardsituation, wirkt schon fast wie
brasilianische Arroganz. Wie, der ist in England
in den letzten fünf Jahren viermal Torschützenkönig
geworden? Aber der wird schon wie alle anderen
zuvor brav drüber schießen. Er tut es nicht,
und Brasilien ist raus. Sie wollen zwar noch
einmal angreifen, haben aber vergessen, wie das
geht, Parreira hat es ihnen lange und
erfolgreich genug verboten. Und tschüss.
Italien
schlägt die Ukraine 3:0. Nach 6 Minuten steht
es bereits 1:0, aber die Ukraine verteidigt
verbissen weiter, die Spieler haben immer noch
keine Lust, erschossen zu werden. In der Pause
legt Oleg Blochin endlich mal seine bisherige
Spielkultur ab, bei der man nur mutmaßen kann,
nach wessen Vorbild sie gestrickt wurde,
Lobanowski oder Stalin. Er befiehlt den Angriff,
sonst würden alle erschossen. Prompt überrennt
die Truppe in den ersten fünfzehn Minuten der
zweiten Halbzeit die etwas irritierten
Italiener, sie treffen alles, die Latte, den
Torwart, den Abwehrspieler auf der Linie, den
Abwehrspieler vor der Linie, aber leider nicht
ins Tor und werden dann ausgekontert. Sie
verabschieden sich erhobenen Hauptes, haben sie
doch bewiesen, dass man eine Halbzeit lang guten
Fußball spielen kann. Bei dieser WM reicht so
etwas für’s Viertelfinale.
Portugal-England,
schon wieder so ein Gurkenkick, alle fordern
Schmerzensgeld, besonders die Portugiesen,
Cristiano Ronaldo schwalbt sich zu Boden, dass
es nur so Höchstnoten der Preisrichter rauscht,
da denkt sich Wayne Rooney: ich hab noch gar
nicht den Asi raushängen lassen bei dieser WM,
und er tritt Carvalho in die Weichteile, Rot.
Jetzt endlich, jetzt rafft sich England auf, kämpft
und rennt (Beckham ist natürlich schon draußen),
ist eigentlich besser als die Portugiesen, die
einfach nur abwarten, obwohl sie in Mann mehr
sind. Fast werden mir die Engländer
sympathisch, aber sie schießen das eine Tor
nicht und müssen ins 11-m-Schießen, und das
braucht man bei Engländern gar nicht erst zu
gucken. Aus und vorbei, weil auch sie nur zwei
halbe gute Partien gespielt haben (gegen
Schweden und gegen Portugal). Bei dieser WM
reicht auch so etwas für’s Viertelfinale.
Deutschland-Argentinien:
vielleicht nicht schön, aber superspannend.
Eine ganze Nation rätselt: Was stand auf
Lehmanns Zettel beim 11-m-Schießen? Die
Vermutungen reichen von einem leeren Blatt
Papier über „Lass zwei rein, sonst wirkt es
arrogant“ bis zu „2 Eier, 1 Bund Möhren und
nimm die Pfandflaschen mit! Deine Conny“.
Letztlich ist es egal, es erfüllt seinen Zweck,
Lehmann wird der Elfer-Held, Deutschland ist im
Halbfinale. Alles ist gut. Oder doch nicht?
Leider
nicht. Denn da ist die „Affäre Frings“. Der
ist in eine nach dem Schlusspfiff von den enttäuschten
Argentiniern angezettelten Rangelei verwickelt.
Er will wahrscheinlich nur die Frisur von
Team-Manager Oliver Bierhoff schützen, man weiß
es nicht so genau. Denn zu Gesicht bekommt man
diese Bilder erst einmal nicht. Nur die von dem
fiesen Cuvre, der Mertesacker in den Unterleib
tritt, und dem Asi Maxi Rodriguez, der mit fünf
Meter Anlauf auf Schweinsteiger zusteuert und
ihn von hinten schlägt. Das bekommt man dann
auch ungezählte Male in Zeitlupe, damit man den
Übeltäter auch ordentlich erkennen kann. Und
damit es auch der letzte Suffkopp in der Kneipe
sieht, wird es anschließend nochmals in
Zeitlupe wiederholt, und Rodriguez mit einem
roten Kreis markiert. Der wird so oft gezeigt,
dass ich seitdem auf den BRAVO-Starschnitt
warte. Von Frings: nix.
Das
holt nun das italienische Fernsehen nach, das
die Bilder von Frings sendet. Dass das unfair
ist, den nächsten Gegner derart in die Pfanne
zu hauen (und zumindest innerlich auf einen
daraus erwachsenden Vorteil für die eigene
Mannschaft zu spekulieren), dürfte unstreitig
sein. Aber was ist mit dem deutschen Fernsehen,
dem die Bilder auch vorlagen, und das
stattdessen Maxi Rodriguez in Endlosschleife
zeigt? Auch unfair? Oder positiver Patriotismus,
nur mal eben anders? Und was ist mit Frings
selbst? Der hat zwei Tage die Stirn, zu
behaupten, es habe sich um eine
„Abwehrhandlung“ gehandelt. Lügt er frech?
Ist er schlicht nur blöd? Oder weiß er, dass
er sich diese unglaubliche Aussage leisten kann,
weil er halt schwarz-rot-geil ist? Wenn
Letzteres der Fall sein sollte, ist seine
Rechnung aufgegangen. Kaum wird er von der FIFA
wegen der Tätlichkeit zu einem Spiel Sperre
verknackt, wird er nämlich in den Medien und in
Volkes Stimme vom Täter zum Opfer gemacht. Die
große Zeitung mit den noch größeren
Buchstaben bringt am Tag des Halbfinalspiels
gegen Italien eine ganze Seite nur mit
Standbildern der Szene und „beweist: Frings
hat gar nicht angefangen! Er wurde
provoziert!“ Stimmt. Und? Dem hat die FIFA
Rechnung getragen, in dem das zweite Spiel
Sperre (Mindestsperre bei Tätlichkeiten) zur
Bewährung ausgesetzt wird. Aber doch nicht mit
schwarz-rot-geil! Nicht mit einer Zeile wird
Frings als das bezeichnet, was er ist: ein
unbeherrschter Trottel, der seiner Mannschaft
damit einen Bärendienst erwiesen hat. Und ein
ziemlich dreister Lügner obendrein.
Schlitzohrigkeit, you know? Ich hätte gehofft,
Klinsmann nimmt ihn mal beiseite und sagt:
„Frings, beherrschst du eigentlich die
gotische Schrift?“ Leider tut er es nicht.
Nein, Frings ist nicht Schuld. Auch nicht das
deutsche Fernsehen, das die Bilder irgendwie
nicht zeigen konnte. Schuld an seiner Sperre
sind andere. Und zwar interessanterweise auch
nicht die Kollegen vom italienischen Fernsehen,
die die Bilder gezeigt haben. Eine Krähe hackt
der anderen ja kein Auge aus. Schuld ist ganz
Italien, die „Pizza-Petzer“. Weil dem
Italiener ja an sich nicht zu trauen ist.
Nur
eine Zwischenfrage: was glaubt der geneigte Fan,
was wäre gerade in der deutschen
Boulevardpresse los gewesen, wenn es nicht
Frings, sondern ein Italiener gewesen wäre? Die
hätten das auf sich beruhen lassen? Die hätten
das nicht thematisiert à la „Wieso darf
dieser Schläger gegen uns spielen?“ Die wären
„fair“ gewesen, wenn sie einen Gegner auf
dem Weg zum WM-Titel hätten schwächen können?
Also bitte. Wer das glaubt, sollten mal sein
schwarz-rot-goldenes Brett vor dem Kopf
wegnehmen.
Eben
war es noch Fußball, jetzt können wir endlich
mal wieder unseren nationalen Vorurteilen frönen.
In der Presse werden die Italiener auf
Pizzalieferanten, Spaghettifresser und Mafiosi
reduziert. Es wird wirklich und wahrhaftig zum
Boykott von Pizzabuden aufgerufen – kommt das
den Deutschen nicht irgendwie bekannt vor? Naja,
sicherlich weit hergeholt. Da ich beim
Halbfinale im Stadion war, kann ich aus eigenem
Erleben sagen, dass da noch ganz andere Sachen
gerufen wurden als das harmlose „Ihr seid nur
ein Pizzalieferant“. Es waren immer nur
wenige, deshalb war es zuhause wohl kaum zu hören.
Mir waren es einige wenige zuviel. Meinungsmache
funktioniert leider immer noch genau so, wie der
Boulevard es wünscht und umsetzt.
Das
Ende ist bekannt, Italien gewinnt, weil
Pizzalieferant Grosso einen Kunstschuss
auspackt, der ihm einmal im Jahr gelingt. Im
Jahr 2006 leider nicht beim Training, sondern in
der vorletzten Minute der Verlängerung beim
Stande von 0:0. Italien gewinnt 2:0, nicht
unverdient, weil sie besonders in der Verlängerung
einfach stärker waren, sie wollten nicht ins
11-m-Schießen, das war deutlich zu spüren. Die
deutsche Mannschaft hat verloren, aber nicht
enttäuscht.
Der
Rest ist schnell erzählt, Deutschland putzt im
Spiel um Platz drei auch noch Portugal, weil die
Party grad so geil ist und holt Bronze. Diese
Mannschaft hätte mit ihrem Hurra-Stil den Titel
verdient gehabt. Sagte man übrigens auch über
die Tschechen vor zwei Jahren, aber das nur
nebenbei. Die Mannschaft hat den Fans wieder den
Spaß am Fußball zurückgebracht und ist, zusätzlich
begünstigt durch die Maurerarbeiten der meisten
anderen Teams in der Endrunde, wieder ins
Rampenlicht des internationalen Fußballs zurückgekehrt.
Sie macht Lust auf mehr. Hoffen wir, dass sie
diese Spielkultur bis zur EM 2008 weiter pflegen
und hier und da noch verbessern kann. Dann
werden wir wieder ordentlich Spaß haben.
Spaß
hatte ich beim Finale eigentlich nicht, bei zwei
Mannschaften mit solch identischen Systemen, ist
ein 11-m-Schießen zur Entscheidung
unausweichlich. Diesmal gewann Italien und wurde
Weltmeister. Und da Italien momentan sowas von
Bah ist, stilisierte man gleich den nächsten Täter
zum Opfer hoch. Fast jeder kann verstehen, dass
der Franzose Zidane bei seiner Rammbock-Einlage
gegen Materazzi so ausgerastet ist, denn der hat
ihn ja schließlich gaaaanz schlimm beleidigt.
Das kommt ja eigentlich nie vor, außer bei den
Italienern, da kann man schon mal Verständnis
haben. Kindergartenmanier als Spielkultur. Und
dann wird der Täter über den Opferstatus
hinaus noch zum Helden, nämlich zum besten
Spieler des Turniers gewählt. Lachhafter
geht’s kaum noch. Aber natürlich schafft die
FIFA das locker und wählt ausgerechnet die
fiesen Treter und Schwalbenkönige aus Portugal
zur „unterhaltsamsten Mannschaft der WM“.
Sie können damit nur das Spiel gegen die
Niederlande gemeint haben. Alles andere wäre
Slapstick.
Schlussendlich
wird Klose Torschützenkönig mit fetten fünf
Treffern und Podolski zum „besten Jungstar der
WM“ gewählt, falls er nicht dagegen eine
Einstweilige Verfügung erwirkt, weil er nicht
in eine bestimmte Ecke gedrängt werden will.
Wer weiß, was der FIFA noch alles Lustiges
einfallen wird? Ich warte ja noch darauf, dass
Cristiano Ronaldo für seine ungezählten
Schwalben öffentlich Flugmeilen gutgeschrieben
werden, das hätte was.
Also,
weltmeisterlicher Fußball konnte bei diesem
Turnier eher selten gesichtet werden, aber es
war spannend, und die Stimmung in den Stadien
und in den Städten war sensationell und machte
Lust auf mehr. Wir kamen aus dem Feiern gar
nicht mehr raus, und als die Regierung dies
nutzte, um die größte Steuererhöhung der
Geschichte durchzudrücken, da hat’s niemand
gemerkt, und wenn doch, dann wurde
wahrscheinlich gesagt: „Dafür weiß Angie
jetzt auch, was Abseits ist, das ist es mir
wert!“ Hauptsache schwarz-rot-geil.
Ja,
wir haben ja wieder ein gesteigertes
Patriotengefühl. Wir brauchen dafür eine WM,
andere Nationen können das einfach so! Vorbild
waren hier immer wieder die USA. Dann mal viel
Spaß bei Entwickeln desselben
Nationalbewusstseins wie das des Amerikaners.
Von nix ne Ahnung, nur: wir sind die Guten! Eine
einfache und nützliche Sichtweise. Dann aber
bitte nicht vergessen, dass der gemeine Ami
seine Flaggen sofort öffentlich verbrennt,
sollten sie versehentlich auch nur mit einer
Tuchspitze den Boden berühren. Viel Spaß
dabei. Und noch etwas: das deutsche Grundgesetz
definiert in Artikel 22 relativ unmissverständlich:
“Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.“ Von
irgendwelchen lustigen Sponsorenaufdrucken ist
da meines Wissens nicht die Rede. Mit
„EXPRESS“ oder „Bitburger“ auf dem
deutschen Fähnchen einen auf positiven
Patrioten machen, das hat fast schon
karnevalistische Züge.
Genau
wie das Absingen der Nationalhymne im Stadion.
Wenn dem deutschen Fan nichts mehr einfällt,
singt er die Nationalhymne als Anfeuerungsruf.
Und das auch nicht neuerdings, das konnte man
schon bei der EM 2004 hören, da ist es nur
niemandem aufgefallen, weil es keinen Anlass zur
Party gab und alles so schnell vorbei war. Auch
hier gibt es natürlich ein lebendiges Vorbild:
die Engländer machen das schon seit
Jahrzehnten. Stimmt, die singen allerdings
genauso regelmäßig ihren imperialistischen
Gassenhauer „Britannia, rule the waves!“ aus
den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Also da müssen
wir doch auch mithalten können! Und deshalb
freue ich mich schon darauf, bei der EM 2008 im
Stadion „Die Wacht am Rhein“ zu hören. Das
ist politisch unverdächtig und klingt schön
tapfer. Wie es sich für positive Patrioten gehört.
Also zumindest für solche, die das auch
zwanghaft der Welt vorführen müssen, weil es
ihnen nicht reicht, dass sie es für sich
wissen, dass sie Patrioten sind. Jeder so wie er
mag.
Und
ich will jetzt eine Pizza. Aber natürlich mit
dem Bringdienst. Damit der Italiener um die Ecke
gleich wieder weiß, wo er hingehört, WM-Titel
hin oder her.
Aber
dennoch hat sich ganz prächtig amüsiert: janus.
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