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Von der Kreisliga A über die Ehrendivision in die Arena - Winterpausen-Zeitvertreib

 

Bäh, Winterpause! Ich kann sie nicht mehr sehen. Und während der geneigte Erst- und Zweitliga-Fan schon dem nächsten Wochenende entgegen fiebert, wenn es endlich wieder los geht, und selbst die Oberligen am 13.02. den Spielbetrieb eventuell aufnehmen, wenn nicht auch in diesem Jahr der Winter wieder in den Februar fällt, muss die Regionalliga Nord noch bis zum 19.02. warten. Höchste Zeit also für ein wenig Zeitvertreib.

 

Ja, in der Winterpause hat man es nicht leicht. Man ist ja schon dankbar für Kleinigkeiten. Und wenn ein Olli Kahn im Trainingslager seinen Co-Torwarttrainer in einer Art und Weise anpöbelt, dass selbst ein Boulevardblättchen, das sich ansonsten für keine Schlüpfrigkeit zu schade ist, sich weigert, den genauen Wortlaut abzudrucken; wenn ein Darius Kampa quasi aus dem Nichts heraus plötzlich zu meinem Lieblingsspieler mutiert, weil er in aller Öffentlichkeit mal zeigt, was er von seinem Verein Borussia Ostholland hält; wenn Schwarz-Gelb Bankrottmund einen neuen Sponsor umgarnt, der als Hobby nebenbei dem Waffenhandel frönt und damit im Kampf gegen den Abstieg wenigstens die Chance gewahrt wird, die Aufstellung des Gegners vielleicht vor Spielbeginn schon entscheidend zu schwächen - wenn all dies in der Öffentlichkeit platt getreten wird und mannigfaltige Beachtung findet - dann weiß man, es ist Winterpause. Abwechslung muss dringend her, bevor vielleicht auf Schalke noch ein Sack Reis umfällt oder im Kabinentrakt des VfB Stuttgart die Heizung nicht funktioniert, und ich so einen Stuss auch noch auf Seite 1 lesen muss. Da hilft nur eins: Testspiele.

 

Testspiele sind einerseits lustig, da es um nix geht, man überraschende, weil negative Ergebnisse also nicht so Ernst nehmen muss, Testspiele sind andererseits öde, weil es um nix geht, man auch überraschende, weil positive Ergebnisse also nicht so Ernst nehmen muss. Immerhin kann man so die ein oder andere interessante Partie sehen. Dies war am 15. und 18. Januar der Fall. Und da ich mich in der Winterpause dermaßen langweile, mache ich denn auch einen Artikel daraus. Getreu dem Motto: wenn ich leide, leiden alle!

 

15.01.2005, 15.00 Uhr: Concordia 08 Oidtweiler - Fortuna Düsseldorf 0:6

 

Kein Mensch weiß, wo Oidtweiler liegt. Nachdem dies geklärt ist, weiß kein Mensch, wie Fortuna überhaupt zu diesem Spiel gekommen ist. Aber zunächst etwas für die Bildungshungrigen: Oidtweiler ist ein Stadtteil von Baesweiler, ungefähr 100 km von Düsseldorf entfernt. Das wiederum liegt  im Raum Aachen, an der B 57 (Aachen-Krefeld-Mönchengladbach) und der B 56 (Bonn-Niederlande). Baesweiler verfügt nicht nur über die Postleitzahl 52499, sondern auch insgesamt über knapp 28.000 Einwohner, von denen auf die Ortschaft Oidtweiler immerhin noch fast 3.000 entfallen. Das klingt jetzt nicht gerade nach der großen weiten Welt, aber halt! Baesweiler lebt! Das sage nicht ich, das sagt der Bürgermeister höchstpersönlich auf der stadteigenen Homepage. Na, da bin ich ja beruhigt. Und die Nummer 1 der Stadt fordert unmissverständlich: Leben Sie mit! Aber klar, warum nicht? Danke für die Erlaubnis.

 

Ein ungewöhnlicher Ort für ein Testspiel von Fortuna Düsseldorf. In diese Gegend verirren wir uns eher selten, Kreisligisten für Testspiele gibt es zuhauf vor der eigenen Haustür. Es ist wohl so, dass jemand aus der Firma, die Concordia sponsort, jemanden in Düsseldorf kennt, der wiederum jemanden bei Fortuna kennt. Kurze Anfrage, schon war das Testspiel Kreisliga A gegen Regionalliga Nord festgezurrt. Ein schöner Ausflug, warum nicht?

Etwas verwirrend nur die Organisation des Spiels. Auf der Homepage von Fortuna stand lange Zeit zu lesen, dass das Spiel um 16.00 Uhr angepfiffen werden sollte. Plötzlich hieß es dann 15:00 Uhr. Wer weiß, vielleicht wurde das Match bereits im Sommer ausgemacht und die Sommerzeit einfach mitgerechnet? Wenn dies der Fall ist, dann liegt Baesweiler allerdings in einer Zwischenzone, denn auf den dortigen Spielankündigungsplakaten stand schon im Dezember als Anstoßzeit 14.30 Uhr zu lesen. Und niemand konnte nun genau Auskunft geben. Also: rechtzeitiges Erscheinen garantiert beste Plätze und sogar die Chance, etwas vom Spiel mitzubekommen. Denn wer weiß, vielleicht hat man dem Schiri ja als Anstoßzeit 14.00 Uhr genannt.

 

Und so mache ich mich von Bonn aus wieder auf zum Aachener Hauptbahnhof, um von dort aus mit dem Wagen weiterzureisen. Die Deutsche Bahn befindet sich auch noch im Winterschlaf, alle Verbindungen sind nämlich pünktlich und es gibt überhaupt keine Zwischenfälle, außer der leicht rötlichen Verfärbung meines Gesichts, als ich die nötige Zusatzfahrkarte zu meinem Jobticket für die Strecke Düren-Aachen erstehe. Die kostet nämlich mittlerweile 5,90 €, und vor Weihnachten hatte bei der Preisgestaltung für die gleiche Strecke noch deutlich eine 4 vor dem Komma gestanden. Na ja, wenn die Züge schon pünktlich fahren, dann kann man ja mal schnell die Preise geringfügig erhöhen. Und wenn sich auch erst die Verspätungen wieder eingependelt haben, dann fühlt man sich endlich wieder heimisch bei der Deutschen Bahn, dann hat sie ihr angestrebtes Geschäftsziel „Verknappung des Service bei gleichzeitiger stetiger Preiserhöhung“ wieder erreicht. Ich gebe ihr diesbezüglich noch einen Monat, dann können sie wieder jubeln.

 

Aber genug von der Bahn. Die Autofahrt beginnt also am Aachener Hauptbahnhof und geht zunächst nach Alsdorf bzw., wie mir hinterher gesagt wird, in die Gegend zwischen Alsdorf und Würselen, ins Niemandsland. Hier steht mitten in der Wildnis eine Spedition mit angeschlossenen Wohngebäuden, und hier werden noch zwei Mitfahrerinnen eingeladen. Ja, euer Autor fährt mit drei Mädels zum Testspiel! Es ist Winterpause, da gönnt man sich schon mal was.

 

Nachdem die Fahrerin beim Ausparken noch schnell Eimer und Besen beiseite geräumt hat, die völlig sinnfrei in der Hofmitte platziert waren und vom Wagen aus nicht eingesehen werden konnten, ist Oidtweiler schnell gefunden. Da, wo die Hauptstraße so eng wird, dass zwei Autos nur mit Mühe aneinander vorbei kommen, was dann dadurch zunichte gemacht wird, dass auf einer Seite am Bordstein auch noch Parkflächen freigegeben sind, sodass es nicht mehr möglich ist, aneinander vorbei zu fahren - das ist Oidtweiler. Genau so schnell, wie wir hinein gefunden haben, sind wir auch schon wieder draußen. Irgendwie haben wir es versäumt, in die Bahnhofstraße abzubiegen. Ein entsprechendes Straßenschild wäre ja auch langweilig gewesen. Also flugs gewendet und noch mal durch die einspurige Gasse und siehe da - erste rechts, fertig. Wir befinden uns in einem Wohngebiet, in dem eigentlich nur eins auffällt: ein großer Bus, der am Straßenrand parkt und der verdächtige Ähnlichkeit mit dem Mannschaftsbus von Fortuna hat. Und schon sind wir richtig, es wird hinter der Turnhalle geparkt, direkt daneben liegt der Rasenplatz. Er sieht etwas holprig aus, an der dem Eingang zugewandten Außenlinie, wo keine Sonne hinkommt, ist er weiß und gefroren. Beste Bedingungen also für ein nettes Freundschaftsspiel ohne Verletzungsgefahr.

 

Der Himmel ist strahlend blau, und es ist arschkalt. Da gerüchteweise nun doch erst um 15 Uhr angestoßen werden soll, begeben wir uns zunächst in die angeschlossene Caféteria. Und hier geht einem das Herz auf: neben der Theke, an der die Getränke ausgegeben werden, haben sich drei etwas ältere Mütterchen einen Tapeziertisch aufgebaut und legen los: es gibt frische Waffeln, selbstgebackenen Kuchen, Käse- und Mettbrötchen. Das nenn ich noch Catering! Hinter dem Tresen kann übrigens eins der ominösen Spielankündigungsplakate gesichtet werden. Es steht tatsächlich, von niemandem korrigiert, immer noch 14.30 Uhr als Anstoßzeit drauf, außerdem ist die Fortuna eigentlich mit offiziellem Vereinsnamen ein „TSV“ und kein „TuS“ - aber egal, der gute Wille zählt, und Mühe haben sie sich reichlich gegeben. Sogar ein Stadionheft ist extra für die Begegnung ausgelegt worden und wird kostenlos verteilt, außerdem hat sich draußen neben der Caféteria noch ein Stand mit Grillwürstchen breit gemacht. So vergehen die restlichen Minuten bis zur Anstoßzeit (tatsächlich 15 Uhr) wie im Fluge.

 

Ganz großes Kino dann beim Einlaufen der Mannschaften: das Fanprojekt Oidtweiler, bereits mit eigener Zaunfahne hinter dem Tor vertreten, begrüßt beide Mannschaften mit fünf Bengalen am Spielfeldrand sowie mit zwei überdimensionalen großen Schwenkfahnen in den Vereinsfarben schwarz-weiß. In der Kreisliga! Ein sehr schönes Bild, das nenn ich noch Einsatz.

 

Oidtweiler rockt

 

 

Dem will der Stadionsprecher nun in nichts nachstehen. Ich habe leider keine Ahnung, wie der Mann heißt, ansonsten würde jetzt die persönliche Ansprache erfolgen: Jung, das ist eine fantastische Performance! Die mitgereisten Fortuna-Fans - inklusive meiner Wenigkeit - kommen ins Staunen, wer denn neuerdings so alles in unserer Mannschaft spielt. Was der Mann beim Verlesen der Mannschaftsaufstellungen mit den Namen anstellt, ist schon sensationell. Und dabei haben wir nun wirklich keine besonderen Zungenbrecher im Kader, also zumindest in der ersten Halbzeit nicht. Großer Spaß.

 

Der Mann ist dann auch nicht mehr zu bremsen und setzt gleich anschließend noch eins drauf. Kaum hat er nämlich die Mannschaftsaufstellungen vorgetragen, darf er schon wieder ans Mikro, Fortuna hat nach noch nicht mal zwei Minuten das 1:0 erzielt. Torschütze ist Marcel Podszus. Unser Mann greift also zum Mikro - und sagt die Uhrzeit an, nicht die Spielminute. Es ist 15.02 Uhr, Uhrenvergleich für alle, eine praktische Sache! Außerdem ist er mit unserem „Was für ein Spitzenkalauer“-PoPo-Sturm durcheinander gekommen und schreibt den Treffer nicht Podszus, sondern Gustav Policella zu. Der wiederum müsste nun vor Freude Purzelbäume schlagen, dürfte er doch der erste Spieler der Welt sein, der nicht nur die Flanke zu einem Treffer gegeben, sondern diese auch direkt selbst eingenetzt hat. Wusste gar nicht, dass unser Gustav so ein guter Sprinter ist.

 

Und so geht es weiter, Fortuna trifft, der Stadionsprecher sagt die Uhrzeit an, Oidtweiler ist hoffnungslos unterlegen, sorgt jedoch mit dem einzigen Torschuss in der ersten Halbzeit für einen richtigen Kracher, der schöne Schuss landet nämlich am Pfosten, springt dann aber wieder ins Feld zurück und gibt Torwart Deuß die Gelegenheit, wenigstens einmal in diesem Spiel seine Vorderleute lautstark anzumotzen. Zur Pause steht es 4:0 für Fortuna (15.02 Uhr, 15.14 Uhr, 15.30 Uhr und 15.38 Uhr) durch Treffer von Podszus (2), Mayer und Policella. Beeindruckend hierbei insbesondere das Tor von Mayer, der am 16-m-Raum stehend nicht weiß, wohin er den Ball spielen soll und ihn deshalb einfach mal aus dem Stand ins linke Eck schlenzt. Ein schöner Treffer.

 

Einer der Fortuna-Fans neben mir gerät nun etwas in Bedrängnis, hatte er doch nach dem etwas drucklosen 2:0-Erfolg der Fortuna im allerersten Testspiel am Mittwoch zuvor beim Bezirksligisten VfR Neuss anscheinend angekündigt, sich aus Dankbarkeit künftig nach jedem Fortuna-Tor ein Würstchen holen zu wollen. Beständig pendelt er zwischen Wurststand und Spielfeldrand hin und her und wird der beste Freund der Verkäuferin, die sich, nachdem sie von seinem Versprechen erfahren hat, als Fortuna-Fan outet, obwohl sie aus Oidtweiler kommt: „Also von mir aus kann die Fortuna dann 10:0 gewinnen!“ Sie sind sehr gastfreundlich, und unser Fan muss eine Geschenkpackung Rennie einstecken haben, ansonsten weiß ich nicht, wie er das hier schaffen will.

 

In der Pause gehe ich in die Caféteria und möchte dort die Örtlichkeit benutzen. Geht nicht, alle (beiden) Urinale und die Toilette sind besetzt von Fortuna-Spielern, und der Sportler geht natürlich vor. Da gönn ich mir doch lieber noch eine Cola im Glas für einen Euro und warte, bis das Spiel wieder angepfiffen wird.

 

Zu Beginn der zweiten Halbzeit zeigt auch Trainer Uwe Weidemann Einsicht mit unserem Bratwurst-Fan. Er wechselt die komplette Mannschaft aus, bringt 11 Neue, darunter auch einige Kandidaten der zweiten Mannschaft, so dass der Spielfluss natürlich ein wenig verloren geht. Auch unser französischer Abwehrspieler Laurent Guthleber hat einen Funken Mitleid für den angereisten Fan übrig: nach noch nicht mal zehn Minuten humpelt er mit einer Zerrung vom Platz. Die Mannschaft spielt fortan zu zehnt weiter, denn es ist kein Einwechselspieler mehr vorhanden, und Uwe Weidemann verzichtet darauf, einen der Recken aus der ersten Halbzeit unter der Dusche wegzuholen und erneut einzusetzen. Das ist Fortuna! Mit 22 Mann zum Spiel anreisen, aber bereits in der 55. Minute niemanden mehr zum Einwechseln haben! Ich glaub, das gibt es wirklich nur bei uns...

 

Der Stadionsprecher gibt auch auf, entweder haben sie ihm die Namen der zweiten Elf nicht zur Verfügung gestellt, oder aber er schreckt vor einigen jetzt doch auf dem Platz befindlichen Zungenbrechern zurück. Nun, es gibt auch nicht mehr viel durchzusagen, eine Hütte noch von Kruse, eine von Kizilaslan, dazu noch zwei nicht gegebene Treffer und ein Lattenschuss, einige kleine Chancen noch für Oidtweiler - das war’s. 6:0 gewinnt Fortuna an diesem netten Nachmittag vor ca. 250 zufriedenen Zuschauern, auch unser Wurstfan hat es gut überstanden, und als Quintessenz aus diesem Spiel bleibt für mich eigentlich nur die Frage, welchen Frisurberater einige Fortunen in der Winterpause gewählt bzw. entlassen haben. Bei Herrn Guthleber ist es ja schon voll in die Hose gegangen, kaum sind die Haare ab, läuft er im modischen Kurzhaarschnitt auf und humpelt zehn Minuten später wieder runter. Nicolaj Hust kommt nunmehr gezopft daher, schöner als je zuvor, und Andy Lambertz sollte mal jemand sagen, dass ein blonder Prinz Eisenherz jetzt auch nicht wesentlich besser aussieht als ein braunhaariger. Ja, auf was man in der Winterpause alles achtet! Denn normalerweise ist es mir völlig egal, mit welchem Haarschnitt die Truppe gewinnt, Hauptsache, sie gewinnt.

 

Ein schöner Ausflug bei netten Gastgebern, denen ich alles Gute für die restliche Saison in der Kreisliga A wünsche, vielleicht geht ja noch was in Sachen Aufstieg, man ist Dritter hinter Yurdumspor und Fatihspor. Welches Yurdum und welches Fatih damit gemeint sind, war leider nicht rauszukriegen.

 

Jedoch gibt es keinen längeren Aufenthalt in Oidtweiler, denn der nächste Termin ruft. Ab ins Auto und auf die Piste!

 

15.01.2005, 19.00 Uhr: Roda JC Kerkrade - Alemannia Aachen 0:2

 

Denn heute findet unweit von diesem gastfreundlichen Örtchen ein weiteres interessantes Spiel statt: Roda JC Kerkrade, niederländischer Ehrendivisionist, empfängt Alemannia Aachen zum freundschaftlichen Vergleich bzw. zum „prettige wedstrijd“ oder auch zum „benefietwedstrijd“, wie die Eintrittskarte verspricht. Kerkrade ist gleich um die Ecke, hat freundschaftliche Beziehungen zu Alemannia, hat sogar die selben Klubfarben gelb-schwarz, ist außerdem ein Gegner von durchaus gutklassigem Kaliber - da macht man doch gerne mal einen Abstecher.

 

Aber zunächst wollen wir eine kleine Stärkung zu uns nehmen. Es wird beschlossen, das Gasthaus zum Goldenen M in Übach-Palenberg anzusteuern. Wer kennt nicht den McDonald’s in Übach-Palenberg! Nun, ab ca. 17.30 Uhr an diesem Tag kann ich zumindest sagen, wer ihn außer mir noch kennt: ungefähr 1.000 glückliche Eltern mit ungefähr 5.000 kreischenden Blagen, die sich alle ins Gewerbegebiet nach Übach-Palenberg aufgemacht haben, um mal so richtig gemütlich zu speisen oder gleich Kindergeburtstag zu feiern. Der Laden ist unfassbar voll und noch unfassbarer laut. Immerhin stehe ich recht günstig an einer Kasse platziert, ich wäre als Erster von uns vieren dran. Kurz vor mir hechtet jedoch eine treusorgende Mutti an die Kasse, weil ihre grad geschlossen wird (somit also nicht ganz zu Unrecht) und gibt eine Bestellung auf, bei der mir Hören und Sehen vergeht. Als ich endlich mein Tablett mit den Speisen ergattert habe, sind die Mädels mit ihren schon fast fertig, und das obwohl sie den Super-GAU aller McDonald’s-Kunden vor sich hatten: eine Mutti mit Kind, die bei der Bestellung ihrem Gör sagte: „Nun such dir mal in Ruhe was aus!“ Vielleicht gibt dies einen kleinen Aufschluss darüber, was für eine Bestellung die Dame vor mir auf die Menschheit losließ...

 

Aber egal. Nachdem im Lokal aufgrund mangelnder Bewegungsfreiheit mehr oder weniger gemütlich gespeist wurde, geht es weiter nach Kerkrade. Zu diesem Zweck wird Herzogenrath angefahren, das praktisch schon eine Stadt mit Kerkrade bildet, die sogar über eine gemeinsame Verwaltung verfügt. Am ehemaligen Grenzübergang befindet sich ein Kreisverkehr. Man fährt in Deutschland rein und kommt in den Niederlanden wieder raus, von einer Grenze kann nun wirklich keine Rede sein, es fällt lediglich auf, dass die Verkehrsschilder ein bisschen anders aussehen, das war’s. Nun also ab zum Stadion.

 

Letzteres entpuppt sich als nicht ganz so leicht. Lebhaftes Geschnatter auf der Rückbank hebt an. Die beiden Mädels sind schon mal am Stadion vorbei gefahren. Damals kamen sie allerdings über die Autobahn. Und die Landstraße war auch anders. Und das Stadion könnte auch die alte Hütte von Roda gewesen sein, nicht der Neubau. Dann wäre man hier völlig falsch. Obwohl alles so bekannt aussieht. Oder andersrum.

 

Während ich der kurzweiligen Unterhaltung lausche, tut die Fahrerin das einzig Vernünftige, sie fährt einfach immer geradeaus. Und wir finden das Stadion auch zügig, im Gegensatz zu den Insassen des ein oder anderen Wagens, der vor uns umdreht und die Straße wieder zurückfährt: der Trick an der Sache ist nämlich, dass man aus Kerkrade erst mal wieder rausfahren muss. Da, wo die Wagen vereinzelt enttäuscht wenden, nämlich am Ortsausgangsschild, muss man tapfer durchhalten und wird an der nächste Ampel mit einem Hinweisschild auf das Stadion belohnt. Einmal rechts abbiegen, immer geradeaus ins Gewerbegebiet, man kanns nicht verfehlen.

 

Wir erwischen einen sensationellen Parkplatz, unmittelbar am Zaun, der das Stadiongelände vom übrigen Umland abtrennt. So einen kurzen Anmarschweg kriegt man noch nicht mal bei Fortuna hin, außer man ist VIP und verfügt über den entsprechenden Parkausweis. Noch größer ist meine Freude, als ich feststellen, dass wir aus purem Zufall sogar am richtigen Eingang an der Südtribüne parken. Zwei Minuten zum Stadiongelände und eine zu den Sitzplätzen, das ist wirklich phänomenal.

 

Kerkrade wartet noch auf Fans...

 

Apropos Sitzplatz: das Parkstad Limburg Stadion, im Jahr 2000 fertig gestellt, ist ein 19.200 Zuschauer fassender, gemütlicher All-Seater. Die Sitzreihen sind in den Vereinsfarben gehalten, wobei lustigerweise die schwarzen Sitze zum großen Teil völlig wahllos zwischen die gelben gesprenkelt worden sind. Ein Muster, ein Bild oder gar einen Schriftzug ergibt das beim besten Willen nicht (bis auf eine Stellen in einem Unterrang, auf der sich der Vereinsname Roda JC Kerkrade bildet). Moderne Kunst halt. Aber es lässt mich doch auch über die Offenheit nachdenken, die man in den Niederlanden dem „weichen“ Drogenkonsum entgegen bringt. Sollte dies vielleicht doch eine Rolle bei dieser Farbanordnung gespielt haben? Schließlich sehen die Sitzreihen in der LTU-Arena in Düsseldorf auch so aus, als ob der Planer sich auf einem ordentlichen LSD-Trip befunden hätte. Das macht allerdings noch halbwegs Sinn, weil die kunterbunte Mischung von weitem vorgaukelt, mit Zuschauern belegt zu sein, auch wenn sie es nicht ist, psychologische Kriegsführung also. Hier erkenne ich bei bestem Willen keinen Sinn, aber vielleicht soll das ja auch nicht sein.

 

Bei der Verpflegung kommt es anfangs zu ein bisschen Verwirrung. Zwar stehen an den Buden für Speisen und Getränke die Preise in Euro, kassiert wird aber nicht in bar, sondern mittels einer Geldkarte, den Besuchern der Arena auf Schalke bestens bekannt. Normalerweise erhält man in niederländischen Stadien ja auch nur Einlass mit einer sogenannten Club-Karte, die man in einen Leseschlitz einführen muss, woraufhin das elektronische Drehkreuz am Eingang Einlass gewährt. Dies ist für das Freundschaftsspiel natürlich außer Kraft gesetzt worden, und die Automaten, an denen man die Geldkarten bekommt, praktischerweise gleich mit. Die Karten im Wert von wahlweise 5 oder 10 Euro werden statt dessen von freundlichen Helfern verkauft, die sich in der Nähe jedes Standes aufgebaut haben. Nachdem dies geklärt ist, wird das Angebot studiert und siehe da, schon habe ich ein neues Lieblingsessen: „broodje gehaktbal“ ist ganz klar meine Nummer 1. Mir doch egal, dass das nix anderes als ein Frikadellenbrötchen ist, es klingt auf jeden Fall sensationell. Mal sehen, ob ich das nicht beim nächsten Fortuna-Heimspiel mal probeweise verlange.

 

Da Aachen und Kerkrade eine langjährige Freundschaft verbindet, sind die Sicherheitsvorkehrungen minimal. Es gibt auch keine Blocktrennung oder so etwas, Deutsche und Niederländer sitzen kunterbunt durcheinander. Allerdings tut sich Roda etwas schwer darin, meine persönlichen Sympathien zu gewinnen: zunächst denke ich stirnrunzelnd, wer zweimal über die Lautsprecheranlage den Holzmichl spielt, der hat bei mir schon schlechte Karten. Als ob sie es gewusst hätten, setzen sie noch einen obendrauf: gespielt wird wirklich und wahrhaftig Jürgen Marcus, „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“. Damit nicht genug, auf der Videowand, die ich leider in diesem Moment nur zu gut einsehen kann, läuft auch der Original-Jürgen-Marcus-Auftritt in der ZDF-Hitparade vor dreißig Jahren! Und da isser dann: unglaubliche 70er-Frisur, der krampfhafte Versuch, Play-back zu singen, dermaßen offensichtlich, dass es weh tut und dazu ungezählte Muttis, die während seines Auftritts die Bühne stürmen und ihrem Star Blümchen in die Hand drücken. Ich glaubs einfach nicht und bin hin- und hergerissen zwischen Tränen der Rührung und heftigem Kopfschütteln, dass so was überhaupt möglich ist. Für mich mutete das wie eine Kriegserklärung an. Ab 18.15 Uhr wurde zurückgesungen...

 

Das Spiel beginnt dann mit einer Viertelstunde Verspätung, weil die Südtribüne noch in einem offiziellen Akt in Theo-Pickée-Tribüne umbenannt wird, nach dem langjährigen, mittlerweile, wenn ich das richtig verstanden habe, verstorbenen Präsidenten von Roda, der zu Lebzeiten den Stadionneubau wohl maßgeblich mitinitiiert hat. Eine schöne Idee, wie ich finde, jedenfalls besser als irgendwelche Warsteiner- oder Telekomtribünen. Ich hoffe nur, sie haben das Stadion schon bezahlt...

 

Als die Mannschaften schließlich den Rasen betreten, gibt’s noch ein Schmankerl der besonderen Art, denn natürlich verfügt auch Roda über ein Maskottchen, wobei ich auf die Entfernung nicht erkennen kann, worum es sich dabei handelt. Auf jeden Fall stürmt es vor den Mannschaften auf den Rasen und legt im Mittelkreis eine derartige Performance hin, als habe es soeben höchstpersönlich den 2:2-Ausgleich der Niederlande in der 89. Minute des WM-Endspiels 1974 erzielt. Da kurz zuvor ja noch Jürgen Marcus auf der Videowand zu bewundern war, frage ich mich in dieser Sekunde unwillkürlich, ob ich nicht doch aus Versehen in eine Zeitreise geraten bin. Aber höchstwahrscheinlich ist dem Studenten in dem Kostüm nur etwas kühl und er möchte sich etwas Bewegung verschaffen. Denn es ist, mit Verlaub gesagt, wirklich schweinekalt. Ganz vorn unter dem Dach hängen zwar Heizstrahler, die sind auch eingeschaltet, aber davon hat man nur etwas, wenn man direkt unter ihnen neben dem Tribünenaufgang steht. Da man dadurch allerdings den hinter einem sitzenden Fans die Sicht versperrt, sollte man dies tunlichst unterlassen und gefälligst frieren. Somit bleibt das Fazit, dass es diese Heizgeräte anscheinend nur in zwei Versionen gibt, entweder Modell „Schleichender Erfrierungstod“ wie zum Beispiel in Kerkrade, sprich: nutzlos, oder Modell „Saharafreuden“, wie zum Beispiel in Leverkusen, wo man es im Winter locker schafft, einen Temperaturunterschied von 30 Grad zwischen drinnen und draußen zu zaubern, was auf der Tribüne vielleicht noch angenehm sein mag, einen beim anschließenden Verlassen des Stadions allerdings kreislaufmäßig aus den Socken haut. Jaja, manchen kann man es auch nie Recht machen...

 

Zum Spiel selbst kann gesagt werden, Aachen ist erstaunlicherweise klar besser als der niederländische Erstligist und gewinnt völlig verdient mit 2:0 durch Tore von Meijer und Schlaudraff. Der Neuzugang aus Mönchengladbach damit mit seinem zweiten Tor im zweiten Spiel. Enttäuschend vielleicht nur, dass er nach seiner Einwechslung 20 Minuten bis zu seinem Treffer benötigt - beim ersten Testspiel in Gent hatte er mit der ersten Ballberührung getroffen. Aber ich glaube nicht, dass das gegen ihn ausgelegt wird. Es ist beileibe kein Freundschaftsspiel auf dem Rasen, insbesondere die Spieler von Kerkrade neigen zu mancher Nickligkeit und sind vor allem große Freunde der sekundenschnellen Rudelbildung. Aber im Endeffekt geht doch alles friedlich über die Bühne. Und am darauffolgenden Dienstag gewinnt Kerkrade in Köln mit 3:2, nachdem sie in der Woche zuvor schon 4:1 gegen den 1.FC Kaiserslautern gesiegt hatten. So schlecht sind die also nicht, daher ein für mich doch erstaunlich leichter Sieg der Alemannia.

 

Etwas mehr Schwierigkeiten gibt es dann bei der Abfahrt. Nachdem wir festgestellt haben, dass die Heckscheibe zugefroren ist, obwohl wir vielleicht drei Stunden dort geparkt haben, haben wir reichlich Zeit, wieder Durchblick zu bekommen, denn es geht und geht nicht vorwärts, die Jungs in den orangefarbenen Westen und mit diesen lustigen beleuchteten Zeigestöcken wedeln selbige zwar wie wild hin und her, aber es dauert doch geraume Zeit, bis wir wieder vom Parkplatz runter sind, und dies gelingt auch nur durch die Finte, einfach die entgegen gesetzte Richtung einzuschlagen. Vielleicht hat man doch nicht mit so vielen Zuschauern gerechnet? Immerhin 10.500, davon ca. 7.000 aus Aachen, das ist nicht schlecht für ein Freundschaftsspiel.

 

Nachdem wir die Rückfahrt nach Aachen somit mit einem kleinen Umweg durch Kerkrade antreten müssen, der uns durchs stockfinstere Gewerbegebiet und weitere nicht gerade sehenswerte Teile der Stadt bringt, bleibt nur noch der Dank an meine drei Mitstreiterinnen für einen äußerst amüsanten Tag sowie die Erkenntnis, dass zu ein und demselben Punkt durchaus 15 verschiedene Anfahrtsbeschreibungen existieren können, die anschließend allesamt falsch sind. Aber das kenn ich ja noch aus Freialdenhoven...

 

Ach ja, die Zugfahrt nach Hause. Bahntechnisch verlief sie ohne Probleme, allerdings hatte ich, als ich in Köln in die Regionalbahn nach Bonn einstieg, natürlich noch den Hauptgewinn des Abends gezogen: ein Trupp Karnevalisten, alle blau wie tausend Russen, auf dem Heimweg von irgendeiner Veranstaltung, die man wirklich nur im Suff ertragen kann, „Lachende Kölnarena“ oder ähnlicher Schwachsinn (wenn sie ehrlich wären, würden sie es in „Saufende Kölnarena“ umbenennen, aber wer wird denn am deutschen Brauchtum kratzen?). Diese Mittvierziger reisen natürlich nach Andernach, was bedeutet, dass ich die komplette halbe Stunde, die der Zug nach Bonn benötigt, etwas von ihnen habe. Denn natürlich haben sie das Selbstverständnis aller besoffenen Brauchtumsidioten, die meinen, wenn sie etwas lustig finden, hat das der ganze Waggon gefälligst ebenfalls lustig zu finden, dafür ist ja schließlich Karneval. Ohne Rücksicht auf Verluste (Trommelfell, Innenohr) werden Gesänge, Tröten, ja sogar Trillerpfeifen eingesetzt, um den Rest der Passagiere zu terrorisieren. Aber man muss auch Verständnis haben, schließlich muss Mutti morgen wieder das Essen pünktlich auf den Tisch bringen, während Vati sich mit den Blagen rumärgern darf, die Sonntage todlangweilig finden. Da darf man ja schon mal ein bisschen ausflippen. Und wenn ich so albern ausgesehen hätte wie die, hätte ich mich auch besoffen, um es lustig zu finden. Jedem das Seine! Trotzdem bin ich froh, dass ich die Bahn in Bonn verlassen darf. Unvergessen wird mir der gequälte Blick eines meiner Mitreisenden bleiben, den ich beim Aussteigen zufällig sah. Das arme Schwein musste nämlich noch weiter fahren.

 

Ein schöner Tag zur Einstimmung. Denn das große Spiel steht ja noch bevor. Drei Tage später ist es soweit:

 

18.01.2005, 19.00 Uhr: Fortuna Düsseldorf - Bayern München 1:5

 

Nun, ich wäre nicht janus, wenn ich nicht vor dem großen Spiel mal eben fünf Minuten abschweifen würde. Darf ich? Danke.

 

Das Spiel diente zur „sportlichen Eröffnung“ der LTU-Arena. Die „normale“ Eröffnung war schon am Wochenende zuvor mit zwei ausverkauften Grönemeyer-Konzerten über die Bühne gegangen. Das Spiel gegen Union Berlin im letzten September war nur ein Testlauf, damals war die Arena noch gar nicht komplett fertig gestellt. Nun sollte es also so weit sein.

 

Von Anfang an gab es Kritik an den Eintrittspreisen. Dauerkartenbesitzer der Fortuna ergatterten wenigstens noch eine 50 %ige Ermäßigung. 20 % minus gab es auch noch für Zuschauer, die ein Konto bei der Stadtsparkasse Düsseldorf oder einen Vertrag mit den Stadtwerken Düsseldorf besitzen, beides Sponsoren sowohl der Fortuna als auch der Arena. Um in den Genuss dieser Ermäßigung zu kommen, müsste man natürlich in Düsseldorf wohnen, denn wer aus dem Umland hat schon ein Konto bei der Stadtsparkasse Düsseldorf? Alle anderen durften somit mal kurz ungläubig lachen, dann voll bezahlen. Fortuna drückte - gegen den Willen der Stadt - wenigstens noch 1.000 Familienkarten durch, damit komplette Familien ein wenig günstiger in die Arena kommen würden. Und da geschah nun das Unglaubliche: selbst Dreijährige sollten 10 Euro Eintritt bezahlen, mit der schönen Begründung, sie würden ja auch einen Sitzplatz belegen.

 

Das ist natürlich ein ganz großer Witz, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Dass man selbst die Kleinsten schon schröpft, ist auch mir relativ neu. Fortuna übrigens auch, die konnten nämlich beim besten Willen nichts für die Eintrittspreise, die durften sie bloß verkaufen. Denn - um es noch mal glasklar zu sagen -  Fortuna hat mit der Arena nicht das Geringste zu tun. Niente. Rien. Nothing.

 

So weit, so schlecht. Dummerweise gingen dem örtlichen Boulevardblättchen, der siebenbuchstabigen kleinen Schwester des großen Bruders mit den vier noch größeren Buchstaben dann aber zwischen Weihnachten und Neujahr die Schlagzeilen aus. Also dachten sie sich, Fortuna hat gerade im zweiten Halbjahr 2004 für so viel negativen Output gesorgt, da kann man die ruhig noch mal in die Pfanne hauen. Die sind es ja gewohnt, dass man auf ihnen rumtrampelt.

 

Und so fand man im Express dann die herzzerreißende Schmonzette der kleine Zarah. Die 3jährige, die von ihrer Mutti immer zu den Spielen der Fortuna mitgenommen wird. Die im Flinger Broich auch nie Eintritt zu zahlen braucht. Die dort angeblich schon bekannt ist wie ein bunter Hund. Und die - wenn man dem Artikel glauben darf - den ganzen Tag nur „Fortuna, Fortuna“ vor sich hinbrabbelt. Wie goldig. Und die jetzt 10 Euro Eintritt für das Spiel gegen Bayern zahlen sollte. So erfuhr es die Mutti auf der Fortuna-Geschäftsstelle. Und zwar erfuhr sie es deshalb, weil die Geschäftsstelle gar nicht anders handeln durfte - sie hatte die Preise ja schließlich nicht gemacht. Aber was interessiert das die sieben kleinen Buchstaben? Prompt erschien der Artikel, in der das Verhalten der Geschäftsstelle mit „Ober-Peinlichkeit“ und „Posse“ umschrieben wurde. Die Mutti hatte sich nämlich so sehr aufgeregt, dass es ihr ernsthaft ans Gemüt ging, wenn ich dem Artikel Glauben schenken darf - schließlich wechselt ihre Stimmung zwischen „stinksauer“ und „mit Tränen in den Augen“, und das in ganzen 13 Zeilen! Beachtlich, möchte ich sagen. Und da ja jeder brav vor dem Boulevard kuscht, war Mutti wohl noch damit beschäftigt, die Tränen in ihren Augen zu trocknen, als Vorstandsmitglied Sesterhenn der kleinen Zarah eine kostenlose Eintrittskarte übergab, natürlich unter den fotografischen Augen der sieben kleingeistigen Buchstaben. Der verantwortliche Schreiberling wird sich erleichtert zurück gelehnt haben - Honorar gerettet, mit was für einem Blödsinn, das interessiert ja keinen. Wer Niveau will, der soll FAZ lesen.

 

Wie jetzt? höre ich den erstaunten Leser rufen? Du findest das nicht gut, dass die Zeitung eingeschritten ist? Dass sie sich für die Kleinen eingesetzt hat, die sich selbst nicht wehren können? Für die Muttis, die ihre Kinder mit einer Eintrittskarte glücklich machen wollten, jetzt aber vor den hohen Kosten zurückschreckten? Hast du denn kein Herz?

 

Doch, hab ich. Und zusätzlich sogar noch Augen und Hirn. Dies heißt, ich bin des Lesens und Nachdenkens kundig. Denn ein klitzekleiner Schönheitsfehler war an der ganzen Geschichte, weshalb ich sie hier auch mal bringen wollte: die kleine Zarah ist zwar ein armes Ding, wie alle Kinder, die zum Spiel in die Arena wollten; sie hat aber Glück gehabt, sie hat nämlich einen in Düsseldorf bekannten Großonkel: Ex-Fortuna-Bundesligaspieler Werner Lungwitz (90 Einsätze, 7 Tore). Natürlich vergaß die Mutti nicht, dies unter Tränen so gerade noch hervor zu bringen und natürlich vergaß die Zeitung auch nicht, dies im entsprechenden Artikel zu erwähnen. Die Großnichte von Onkel Werner soll Eintritt zahlen? Das geht ja gar nicht. Und in der Tat, die Drohung zog, denn zwei Tage später hatte die Kleine ihre kostenlose Karte. Und Mutti wie alle anderen vergaßen dann auch mal schnell, dass die Fortuna-Geschäftsstelle gar nichts dafür konnte. Dazu hätte sich nämlich die kleine Zeitung mit den großen Buchstaben an die Arena wenden müssen. Aber das traute man sich offenkundig nicht.

 

Denn vielleicht würde ich es noch einsehen, dass man einen bekannten Namen nimmt, um Druck zu erzeugen. Aber nachdem Klein-Zarah die Karte erhalten hatte, schrieb der Express im weiteren - nichts. Das Thema kam mit keiner Silbe mehr zur Sprache. Die Folge davon war, dass weiterhin alle anderen Kinder für das Spiel Eintritt bezahlen mussten, da die Arena natürlich nicht einen Millimeter von ihren Preisen abwich. Wozu auch, sie waren ja auch nicht angegriffen worden. Ich hoffe, Zarahs Mutti hatte wenigstens noch ein paar Tränen für diese Kinder übrig. Bei der Arena und beim Express hatte es augenscheinlich niemand.

 

So, das war der kleine Ausflug in das hierzulande so normale Verhalten, dass derjenige bekommt, was er will, der am lautesten schreit und die besten Beziehungen hat.

 

Aber was solls, trotz der horrenden Eintrittspreise gab es ja genügend Leute, die Karten kauften. Ausverkauft war es nicht ganz (51.000 passen rein), aber immerhin 45.000 Zuschauer bildeten eine schöne Kulisse für das Spiel. Beste Aussichten also auf einen gelungenen Abend.

 

Der gelungene Abend beginnt mit einer ereignislosen Anreise zum Düsseldorfer Hauptbahnhof sowie der Weiterfahrt von dort mit dem Auto. Da wir ziemlich früh da sind, können wir beobachten, wie am U-Bahnhof, der direkt an der Arena gebaut worden ist, tatsächlich im Zwei-Minuten-Takt die Bahnen ankommen und die Leute ausspucken. Das scheint besser zu klappen als noch beim Union-Spiel, als es doch zu einem ziemlichen Chaos bei der Anreise kam. Im Vorprogramm wird einiges geboten an kleinen Spielchen, Traditionsmannschaften und F-Jugend-Teams dürfen den Heiligen Rasen schon mal antesten. Die unvermeidliche Blaskapelle gibt alles. Das DSF, das heute live überträgt, strahlt seine Interviews auch direkt über die Stadionlautsprecher aus, damit alle etwas davon haben. Ganz nett.

 

Die Verpflegung gucke ich mir nur an, Selbsttest scheidet heute aus. Stellvertretend für so einiges an Meinungen sei hier der Eintrag eines Fans aus dem Forum der offiziellen Homepage wiedergegeben, der meinte, die Currywurst verstieße gegen sämtliche Paragraphen der Lebensmittelverordnung und sei dazu berufen, in eine Quizsendung zu kommen, damit man endlich mal erfahre, was drin sei. Außerdem finde ich persönlich 3 Euro für eine Currywurst auch ein bisschen stark. Aber das hat Tradition, das eine wie das andere - wer jemals im alten Rheinstadion gespeist hat, der wird wissen, was ich meine.

 

Kurz vor Spielbeginn entere ich zu meinem Sitzplatz auf, der hoch oben auf der LTU-Tribüne liegt. Die Sicht ist zufriedenstellend. Entzückt bin ich, als meine Begleiterin mich auf ein „Wülfrath“-Transparent in der Fortuna-Fankurve hinter einem der Tore aufmerksam macht. Dass ich das noch erleben darf - meine Heimatstadt hängt endlich mal richtig. Bislang hatte ich Wülfrath-Transparente nur in Mönchengladbach und in Wuppertal gesehen. Es geht also doch!

 

Das Dach geschlossen, schnuckelige 15 Grad: die Bayern können kommen

 

Fortuna-Stürmer Frank Mayer hatte vor dem Spiel noch behauptet: „Dem Kahn hau ich einen rein!“ Da Olli Kahn sich bei Mayer anscheinend nicht sicher ist, ob der damit einen Ball meint, spielt er vorsichtshalber gar nicht erst. Auch Roy Makaay wird geschont, ansonsten hat Felix Magath alles dabei. In der ersten Halbzeit lässt er eine Elf spielen, die bei den Bayern wohl eher unter „Reserve“ fällt, die allerdings so mancher Bundesligist mit Kusshand als erste Garnitur nehmen würde. Die sind allerdings anscheinend dermaßen überrascht, von Anfang an auf dem Feld zu stehen, dass sie den Beginn komplett verpennen. Schon nach elf Sekunden muss Rensing den ersten Schuss von Kruse abwehren, und nach 99 Sekunden steht es eigentlich 1:0 für Fortuna, Hereingabe von Policella, Mayer verlängert an Gegenspieler und Torwart vorbei, und Marcel Podszus steht frei vor dem leeren Tor. Der kann den Ball anstoppen und Gegenspieler Jeremies, der zwei Meter entfernt steht, noch eine lange Nase drehen, bevor er die Kugel ins Tor schiebt. Statt dessen haut er sie an die Latte. Ja, das ist Fortuna! Im letzten Heimspiel vor der Winterpause versenkte Podszus einen Ball aus dem Lauf aus 16 Metern im langen Eck, da stand noch ein Abwehrspieler neben ihm und der Torwart war auch noch im Tor. Hier semmelt er die Kugel aus 3 Metern vor dem leeren Tor an die Latte. Manchmal liebe ich die Fortunen ja für solche Einlagen. Allerdings auch nur bei Freundschaftsspielen...

 

In der 8. Minute dann das 1:0 für Bayern. Klarer Beschiss, Handspiel von Pizarro. Aber Schiri Jansen gibt den Treffer trotzdem, auch wenn Pizarro selbst erst mal die Hände vors Gesicht schlägt. Und selbst wenn es kein Handtor wäre, ist es ein doofes Tor, reiner Zufall, denn Pizarro wird nach einer Ecke von Demichelis angeköpft und erzielt so aus Versehen die Führung. Diese beiden Szenen verdeutlichen, dass auch der Bayern-Dusel wieder mitreist. Das lässt für die Bundesliga-Rückrunde wieder einiges befürchten.

 

Dennoch entwickelt sich ein gutes Spiel, Fortuna ist nämlich überhaupt nicht geschockt und spielt munter nach vorn, bringt die Bayern ein ums andere Mal in Bedrängnis. Selbst der weltbekannte Bayern-Fan, der das Spiel im DSF kommentiert, erwähnt des Öfteren, dass die Bayern sich nur durch Fouls zu behelfen wissen. Folgerichtig fällt in der 34. Minute auch der Ausgleich, als Andy Lambertz Gegenspieler Tobias Rau so alt aussehen lässt, wie der bestimmt einmal werden möchte, den Ball in die Mitte bringt, und Frank Mayer zum hochverdienten 1:1 vollstreckt. Damit geht es in die Pause. Ein prima Spiel der Fortuna, was auch vom Gegner entsprechend gewürdigt wird.

 

Übrigens, für die Pause hätte ich einen Event-Tipp: falls mal jemand die Möglichkeit hat, in der Arena Fahrstuhl zu fahren, viel Vergnügen. Abwärts fährt das Ding nicht, es hüpft. Ein Traum für jeden, der über einen nervösen Magen verfügt. Außerdem quatscht einen im Fahrstuhl eine penetrant liebliche, weibliche Stimme an und vermittelt so unglaubliche Informationen wie die, dass sich soeben die Türen geöffnet haben. Das ist Unterhaltung auf hohem Niveau.

 

In der zweiten Halbzeit wird munter gewechselt, Felix Magath bringt 8 neue Spieler, Uwe Weidemann sieben. Doch während bei den Bayern so unbedeutende Strategen wie Ballack, Scholl oder Lucio auflaufen, kommen bei Fortuna solche Größen wie Tytarchuk, Otta oder Kizilaslan, die im bisherigen Saisonverlauf kaum mal ein komplettes Regionalligaspiel absolviert haben. Der Trainer will allen Spielern dieses Erlebnis gönnen, und damit bin ich auch sehr einverstanden. Damit ist der Ausgang des Spiels allerdings klar, Bayern gewinnt 5:1, wobei drei Treffer in den letzten 10 Minuten fallen. Das Ergebnis fällt um ein, zwei Tore zu hoch aus, über eine Stunde hat Fortuna sehr gut mitgehalten. Von Respekt gegenüber großen Namen war nichts zu spüren. So verpasste Lukas Marzok dem Salihamidzic einen Beinschuss, von dem er seinen Enkeln wohl noch erzählen wird, Marcel Ndjeng ließ Tobias Rau mehr als einmal ganz schlecht aussehen und Andy Lambertz spielte dem Hargreaves  öfters mal Knoten in die Beine. Gar nicht zu bremsen: Frank Mayer. Egal ob da Bergisch Gladbach oder Bayern München kommt, er steht trotzdem zehnmal pro Spiel im Abseits. Respekt. Wenn er mal nicht zurückgepfiffen wurde, machte aber auch er ein sehr starkes Spiel. Das macht Mut. Ich krieg doch lieber fünf Stück gegen Bayern und gewinn am 19.02. gegen Wolfsburgs Amateure den Meisterschaftsauftakt ins neue Jahr als umgekehrt. Ein netter Abend war es allemal. Auch wenn es beim Abtransport der Zuschauer mit der U-Bahn wohl doch wieder zu Verzögerungen kommt und die Leute um einiges länger brauchen, um von der Arena wegzukommen als sie für den Hinweg benötigt haben.

 

Was ist das Fazit von alldem?: Oidtweiler war cool, Kerkrade interessant, aber das Beste, Schönste, Größte und Tollste ist natürlich die Arena. Sagt jedenfalls der ein oder andere. Ich nicht. Aber ich muss sie ja auch nicht füllen. Ob das Teil nun wirklich das Nonplusultra für Düsseldorf ist, das soll jeder für sich selbst rausfinden.

 

Und somit darf ich allen Erst- und Zweitliga-Lesern einen schönen Rückrundenauftakt wünschen. Wir machen noch ein wenig weiter mit unseren Testspielen gegen Darmstadt, Mainz Amas, Koblenz, Offenbach (ja, wir haben die halbe Regionalliga Süd gechartert) und Germania Lich-Steinstraß, bevor es auch bei uns wieder um Punkte geht. Und eigentlich könnte ich hier noch ein paar Seiten zum Thema Dieter Bierbaum verlieren, der Stadionsprecher von Fortuna, der nach 34 Jahren am Morgen vor dem Arena-Spiel zurückgetreten ist. Angeblich weil ihm ein zweiter Sprecher zur Seite gestellt werden sollte (der durfte es dann ganz alleine machen), und weil man so ja kein Ehrenmitglied mit über 600 Einsätzen als Stadionsprecher behandeln dürfe. Wegen der Verdienste und so. Weil in diesem Land ja alte Verdienste mehr zählen, als die Dreistigkeiten, die man sich aktuell rausnimmt. Aber es mir dann doch zu albern, über diese Posse mehr als ein paar Zeilen zu verschwenden, zumal da das Ende der Fahnenstange bestimmt noch nicht erreicht ist. Ist ja schließlich noch Winterpause. Deshalb ein freundliches „Tschö“ von mir an den Stadionsprecher, verbunden mit einem „Herzlich willkommen!“, wenn er es sich doch wieder anders überlegt und lang genug hofiert worden ist. Jeder macht sich halt so wichtig, wie er meint.

 

Lieber möchte ich schließen mit dem Arena-Spruch des Tages. Getätigt hat ihn niemand anderes als Kalle Rummenigge in seinem Interview vor dem Spiel im DSF. Vom Reporter befragt, ob Makaay und Kahn bei diesem Spiel geschont werden sollten, um keine Verletzungen vor dem Rückrundenauftakt zu riskieren, antwortete der Fußballhilfsgott: „Wir wollen niemanden schonen, aber auch nichts riskieren.“ Aha. Ich vermute, der hat mittlerweile wirklich einen Ghostwriter. Solche Stilblüten in dieser Anzahl und Qualität, wie er sie seit Jahren raushaut, kann einer alleine doch gar nicht spontan erfinden. Dafür Hut ab.

 

Wartet genauso gespannt auf Wolfsburg Amateure wie er auf Bayern gewartet hat: janus

 

 

 

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