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Von der Kreisliga A über die Ehrendivision
in die Arena - Winterpausen-Zeitvertreib
Bäh, Winterpause!
Ich kann sie nicht mehr sehen. Und während der
geneigte Erst- und Zweitliga-Fan schon dem nächsten
Wochenende entgegen fiebert, wenn es endlich
wieder los geht, und selbst die Oberligen am
13.02. den Spielbetrieb eventuell aufnehmen,
wenn nicht auch in diesem Jahr der Winter wieder
in den Februar fällt, muss die Regionalliga
Nord noch bis zum 19.02. warten. Höchste Zeit
also für ein wenig Zeitvertreib.
Ja, in der
Winterpause hat man es nicht leicht. Man ist
ja schon dankbar für Kleinigkeiten. Und wenn
ein Olli Kahn im Trainingslager seinen Co-Torwarttrainer
in einer Art und Weise anpöbelt, dass selbst
ein Boulevardblättchen, das sich ansonsten für
keine Schlüpfrigkeit zu schade ist, sich weigert,
den genauen Wortlaut abzudrucken; wenn ein Darius
Kampa quasi aus dem Nichts heraus plötzlich
zu meinem Lieblingsspieler mutiert, weil er
in aller Öffentlichkeit mal zeigt, was er von
seinem Verein Borussia Ostholland hält; wenn
Schwarz-Gelb Bankrottmund einen neuen Sponsor
umgarnt, der als Hobby nebenbei dem Waffenhandel
frönt und damit im Kampf gegen den Abstieg wenigstens
die Chance gewahrt wird, die Aufstellung des
Gegners vielleicht vor Spielbeginn schon entscheidend
zu schwächen - wenn all dies in der Öffentlichkeit
platt getreten wird und mannigfaltige Beachtung
findet - dann weiß man, es ist Winterpause.
Abwechslung muss dringend her, bevor vielleicht
auf Schalke noch ein Sack Reis umfällt oder
im Kabinentrakt des VfB Stuttgart die Heizung
nicht funktioniert, und ich so einen Stuss auch
noch auf Seite 1 lesen muss. Da hilft nur eins:
Testspiele.
Testspiele
sind einerseits lustig, da es um nix geht, man
überraschende, weil negative Ergebnisse also
nicht so Ernst nehmen muss, Testspiele sind
andererseits öde, weil es um nix geht, man auch
überraschende, weil positive Ergebnisse also
nicht so Ernst nehmen muss. Immerhin kann man
so die ein oder andere interessante Partie sehen.
Dies war am 15. und 18. Januar der Fall. Und
da ich mich in der Winterpause dermaßen langweile,
mache ich denn auch einen Artikel daraus. Getreu
dem Motto: wenn ich leide, leiden alle!
15.01.2005,
15.00 Uhr: Concordia 08 Oidtweiler - Fortuna
Düsseldorf 0:6
Kein Mensch
weiß, wo Oidtweiler liegt. Nachdem dies geklärt
ist, weiß kein Mensch, wie Fortuna überhaupt
zu diesem Spiel gekommen ist. Aber zunächst
etwas für die Bildungshungrigen: Oidtweiler
ist ein Stadtteil von Baesweiler, ungefähr 100
km von Düsseldorf entfernt. Das wiederum liegt
im Raum Aachen, an der B 57 (Aachen-Krefeld-Mönchengladbach)
und der B 56 (Bonn-Niederlande). Baesweiler
verfügt nicht nur über die Postleitzahl 52499,
sondern auch insgesamt über knapp 28.000 Einwohner,
von denen auf die Ortschaft Oidtweiler immerhin
noch fast 3.000 entfallen. Das klingt jetzt
nicht gerade nach der großen weiten Welt, aber
halt! Baesweiler lebt! Das sage nicht ich, das
sagt der Bürgermeister höchstpersönlich auf
der stadteigenen Homepage. Na, da bin ich ja
beruhigt. Und die Nummer 1 der Stadt fordert
unmissverständlich: Leben Sie mit! Aber klar,
warum nicht? Danke für die Erlaubnis.
Ein ungewöhnlicher
Ort für ein Testspiel von Fortuna Düsseldorf.
In diese Gegend verirren wir uns eher selten,
Kreisligisten für Testspiele gibt es zuhauf
vor der eigenen Haustür. Es ist wohl so, dass
jemand aus der Firma, die Concordia sponsort,
jemanden in Düsseldorf kennt, der wiederum jemanden
bei Fortuna kennt. Kurze Anfrage, schon war
das Testspiel Kreisliga A gegen Regionalliga
Nord festgezurrt. Ein schöner Ausflug, warum
nicht?
Etwas verwirrend
nur die Organisation des Spiels. Auf der Homepage
von Fortuna stand lange Zeit zu lesen, dass
das Spiel um 16.00 Uhr angepfiffen werden sollte.
Plötzlich hieß es dann 15:00 Uhr. Wer weiß,
vielleicht wurde das Match bereits im Sommer
ausgemacht und die Sommerzeit einfach mitgerechnet?
Wenn dies der Fall ist, dann liegt Baesweiler
allerdings in einer Zwischenzone, denn auf den
dortigen Spielankündigungsplakaten stand schon
im Dezember als Anstoßzeit 14.30 Uhr zu lesen.
Und niemand konnte nun genau Auskunft geben.
Also: rechtzeitiges Erscheinen garantiert beste
Plätze und sogar die Chance, etwas vom Spiel
mitzubekommen. Denn wer weiß, vielleicht hat
man dem Schiri ja als Anstoßzeit 14.00 Uhr genannt.
Und so mache
ich mich von Bonn aus wieder auf zum Aachener
Hauptbahnhof, um von dort aus mit dem Wagen
weiterzureisen. Die Deutsche Bahn befindet sich
auch noch im Winterschlaf, alle Verbindungen
sind nämlich pünktlich und es gibt überhaupt
keine Zwischenfälle, außer der leicht rötlichen
Verfärbung meines Gesichts, als ich die nötige
Zusatzfahrkarte zu meinem Jobticket für die
Strecke Düren-Aachen erstehe. Die kostet nämlich
mittlerweile 5,90 €, und vor Weihnachten hatte
bei der Preisgestaltung für die gleiche Strecke
noch deutlich eine 4 vor dem Komma gestanden.
Na ja, wenn die Züge schon pünktlich fahren,
dann kann man ja mal schnell die Preise geringfügig
erhöhen. Und wenn sich auch erst die Verspätungen
wieder eingependelt haben, dann fühlt man sich
endlich wieder heimisch bei der Deutschen Bahn,
dann hat sie ihr angestrebtes Geschäftsziel
„Verknappung des Service bei gleichzeitiger
stetiger Preiserhöhung“ wieder erreicht. Ich
gebe ihr diesbezüglich noch einen Monat, dann
können sie wieder jubeln.
Aber genug
von der Bahn. Die Autofahrt beginnt also am
Aachener Hauptbahnhof und geht zunächst nach
Alsdorf bzw., wie mir hinterher gesagt wird,
in die Gegend zwischen Alsdorf und Würselen,
ins Niemandsland. Hier steht mitten in der Wildnis
eine Spedition mit angeschlossenen Wohngebäuden,
und hier werden noch zwei Mitfahrerinnen eingeladen.
Ja, euer Autor fährt mit drei Mädels zum Testspiel!
Es ist Winterpause, da gönnt man sich schon
mal was.
Nachdem die
Fahrerin beim Ausparken noch schnell Eimer und
Besen beiseite geräumt hat, die völlig sinnfrei
in der Hofmitte platziert waren und vom Wagen
aus nicht eingesehen werden konnten, ist Oidtweiler
schnell gefunden. Da, wo die Hauptstraße so
eng wird, dass zwei Autos nur mit Mühe aneinander
vorbei kommen, was dann dadurch zunichte gemacht
wird, dass auf einer Seite am Bordstein auch
noch Parkflächen freigegeben sind, sodass es
nicht mehr möglich ist, aneinander vorbei zu
fahren - das ist Oidtweiler. Genau so schnell,
wie wir hinein gefunden haben, sind wir auch
schon wieder draußen. Irgendwie haben wir es
versäumt, in die Bahnhofstraße abzubiegen. Ein
entsprechendes Straßenschild wäre ja auch langweilig
gewesen. Also flugs gewendet und noch mal durch
die einspurige Gasse und siehe da - erste rechts,
fertig. Wir befinden uns in einem Wohngebiet,
in dem eigentlich nur eins auffällt: ein großer
Bus, der am Straßenrand parkt und der verdächtige
Ähnlichkeit mit dem Mannschaftsbus von Fortuna
hat. Und schon sind wir richtig, es wird hinter
der Turnhalle geparkt, direkt daneben liegt
der Rasenplatz. Er sieht etwas holprig aus,
an der dem Eingang zugewandten Außenlinie, wo
keine Sonne hinkommt, ist er weiß und gefroren.
Beste Bedingungen also für ein nettes Freundschaftsspiel
ohne Verletzungsgefahr.
Der Himmel
ist strahlend blau, und es ist arschkalt. Da
gerüchteweise nun doch erst um 15 Uhr angestoßen
werden soll, begeben wir uns zunächst in die
angeschlossene Caféteria. Und hier geht einem
das Herz auf: neben der Theke, an der die Getränke
ausgegeben werden, haben sich drei etwas ältere
Mütterchen einen Tapeziertisch aufgebaut und
legen los: es gibt frische Waffeln, selbstgebackenen
Kuchen, Käse- und Mettbrötchen. Das nenn ich
noch Catering! Hinter dem Tresen kann übrigens
eins der ominösen Spielankündigungsplakate gesichtet
werden. Es steht tatsächlich, von niemandem
korrigiert, immer noch 14.30 Uhr als Anstoßzeit
drauf, außerdem ist die Fortuna eigentlich mit
offiziellem Vereinsnamen ein „TSV“ und kein
„TuS“ - aber egal, der gute Wille zählt, und
Mühe haben sie sich reichlich gegeben. Sogar
ein Stadionheft ist extra für die Begegnung
ausgelegt worden und wird kostenlos verteilt,
außerdem hat sich draußen neben der Caféteria
noch ein Stand mit Grillwürstchen breit gemacht.
So vergehen die restlichen Minuten bis zur Anstoßzeit
(tatsächlich 15 Uhr) wie im Fluge.
Ganz großes
Kino dann beim Einlaufen der Mannschaften: das
Fanprojekt Oidtweiler, bereits mit eigener Zaunfahne
hinter dem Tor vertreten, begrüßt beide Mannschaften
mit fünf Bengalen am Spielfeldrand sowie mit
zwei überdimensionalen großen Schwenkfahnen
in den Vereinsfarben schwarz-weiß. In der Kreisliga!
Ein sehr schönes Bild, das nenn ich noch Einsatz.

Oidtweiler
rockt
Dem will der
Stadionsprecher nun in nichts nachstehen. Ich
habe leider keine Ahnung, wie der Mann heißt,
ansonsten würde jetzt die persönliche Ansprache
erfolgen: Jung, das ist eine fantastische Performance!
Die mitgereisten Fortuna-Fans - inklusive meiner
Wenigkeit - kommen ins Staunen, wer denn neuerdings
so alles in unserer Mannschaft spielt. Was der
Mann beim Verlesen der Mannschaftsaufstellungen
mit den Namen anstellt, ist schon sensationell.
Und dabei haben wir nun wirklich keine besonderen
Zungenbrecher im Kader, also zumindest in der
ersten Halbzeit nicht. Großer Spaß.
Der Mann ist
dann auch nicht mehr zu bremsen und setzt gleich
anschließend noch eins drauf. Kaum hat er nämlich
die Mannschaftsaufstellungen vorgetragen, darf
er schon wieder ans Mikro, Fortuna hat nach
noch nicht mal zwei Minuten das 1:0 erzielt.
Torschütze ist Marcel Podszus. Unser Mann greift
also zum Mikro - und sagt die Uhrzeit an, nicht
die Spielminute. Es ist 15.02 Uhr, Uhrenvergleich
für alle, eine praktische Sache! Außerdem ist
er mit unserem „Was für ein Spitzenkalauer“-PoPo-Sturm
durcheinander gekommen und schreibt den Treffer
nicht Podszus, sondern Gustav Policella zu.
Der wiederum müsste nun vor Freude Purzelbäume
schlagen, dürfte er doch der erste Spieler der
Welt sein, der nicht nur die Flanke zu einem
Treffer gegeben, sondern diese auch direkt selbst
eingenetzt hat. Wusste gar nicht, dass unser
Gustav so ein guter Sprinter ist.
Und so geht
es weiter, Fortuna trifft, der Stadionsprecher
sagt die Uhrzeit an, Oidtweiler ist hoffnungslos
unterlegen, sorgt jedoch mit dem einzigen Torschuss
in der ersten Halbzeit für einen richtigen Kracher,
der schöne Schuss landet nämlich am Pfosten,
springt dann aber wieder ins Feld zurück und
gibt Torwart Deuß die Gelegenheit, wenigstens
einmal in diesem Spiel seine Vorderleute lautstark
anzumotzen. Zur Pause steht es 4:0 für Fortuna
(15.02 Uhr, 15.14 Uhr, 15.30 Uhr und 15.38 Uhr)
durch Treffer von Podszus (2), Mayer und Policella.
Beeindruckend hierbei insbesondere das Tor von
Mayer, der am 16-m-Raum stehend nicht weiß,
wohin er den Ball spielen soll und ihn deshalb
einfach mal aus dem Stand ins linke Eck schlenzt.
Ein schöner Treffer.
Einer der Fortuna-Fans
neben mir gerät nun etwas in Bedrängnis, hatte
er doch nach dem etwas drucklosen 2:0-Erfolg
der Fortuna im allerersten Testspiel am Mittwoch
zuvor beim Bezirksligisten VfR Neuss anscheinend
angekündigt, sich aus Dankbarkeit künftig nach
jedem Fortuna-Tor ein Würstchen holen zu wollen.
Beständig pendelt er zwischen Wurststand und
Spielfeldrand hin und her und wird der beste
Freund der Verkäuferin, die sich, nachdem sie
von seinem Versprechen erfahren hat, als Fortuna-Fan
outet, obwohl sie aus Oidtweiler kommt: „Also
von mir aus kann die Fortuna dann 10:0 gewinnen!“
Sie sind sehr gastfreundlich, und unser Fan
muss eine Geschenkpackung Rennie einstecken
haben, ansonsten weiß ich nicht, wie er das
hier schaffen will.
In der Pause
gehe ich in die Caféteria und möchte dort die
Örtlichkeit benutzen. Geht nicht, alle (beiden)
Urinale und die Toilette sind besetzt von Fortuna-Spielern,
und der Sportler geht natürlich vor. Da gönn
ich mir doch lieber noch eine Cola im Glas für
einen Euro und warte, bis das Spiel wieder angepfiffen
wird.
Zu Beginn der
zweiten Halbzeit zeigt auch Trainer Uwe Weidemann
Einsicht mit unserem Bratwurst-Fan. Er wechselt
die komplette Mannschaft aus, bringt 11 Neue,
darunter auch einige Kandidaten der zweiten
Mannschaft, so dass der Spielfluss natürlich
ein wenig verloren geht. Auch unser französischer
Abwehrspieler Laurent Guthleber hat einen Funken
Mitleid für den angereisten Fan übrig: nach
noch nicht mal zehn Minuten humpelt er mit einer
Zerrung vom Platz. Die Mannschaft spielt fortan
zu zehnt weiter, denn es ist kein Einwechselspieler
mehr vorhanden, und Uwe Weidemann verzichtet
darauf, einen der Recken aus der ersten Halbzeit
unter der Dusche wegzuholen und erneut einzusetzen.
Das ist Fortuna! Mit 22 Mann zum Spiel anreisen,
aber bereits in der 55. Minute niemanden mehr
zum Einwechseln haben! Ich glaub, das gibt es
wirklich nur bei uns...
Der Stadionsprecher
gibt auch auf, entweder haben sie ihm die Namen
der zweiten Elf nicht zur Verfügung gestellt,
oder aber er schreckt vor einigen jetzt doch
auf dem Platz befindlichen Zungenbrechern zurück.
Nun, es gibt auch nicht mehr viel durchzusagen,
eine Hütte noch von Kruse, eine von Kizilaslan,
dazu noch zwei nicht gegebene Treffer und ein
Lattenschuss, einige kleine Chancen noch für
Oidtweiler - das war’s. 6:0 gewinnt Fortuna
an diesem netten Nachmittag vor ca. 250 zufriedenen
Zuschauern, auch unser Wurstfan hat es gut überstanden,
und als Quintessenz aus diesem Spiel bleibt
für mich eigentlich nur die Frage, welchen Frisurberater
einige Fortunen in der Winterpause gewählt bzw.
entlassen haben. Bei Herrn Guthleber ist es
ja schon voll in die Hose gegangen, kaum sind
die Haare ab, läuft er im modischen Kurzhaarschnitt
auf und humpelt zehn Minuten später wieder runter.
Nicolaj Hust kommt nunmehr gezopft daher, schöner
als je zuvor, und Andy Lambertz sollte mal jemand
sagen, dass ein blonder Prinz Eisenherz jetzt
auch nicht wesentlich besser aussieht als ein
braunhaariger. Ja, auf was man in der Winterpause
alles achtet! Denn normalerweise ist es mir
völlig egal, mit welchem Haarschnitt die Truppe
gewinnt, Hauptsache, sie gewinnt.
Ein schöner
Ausflug bei netten Gastgebern, denen ich alles
Gute für die restliche Saison in der Kreisliga
A wünsche, vielleicht geht ja noch was in Sachen
Aufstieg, man ist Dritter hinter Yurdumspor
und Fatihspor. Welches Yurdum und welches Fatih
damit gemeint sind, war leider nicht rauszukriegen.
Jedoch gibt
es keinen längeren Aufenthalt in Oidtweiler,
denn der nächste Termin ruft. Ab ins Auto und
auf die Piste!
15.01.2005,
19.00 Uhr: Roda JC Kerkrade - Alemannia Aachen
0:2
Denn heute
findet unweit von diesem gastfreundlichen Örtchen
ein weiteres interessantes Spiel statt: Roda
JC Kerkrade, niederländischer Ehrendivisionist,
empfängt Alemannia Aachen zum freundschaftlichen
Vergleich bzw. zum „prettige wedstrijd“ oder
auch zum „benefietwedstrijd“, wie die Eintrittskarte
verspricht. Kerkrade ist gleich um die Ecke,
hat freundschaftliche Beziehungen zu Alemannia,
hat sogar die selben Klubfarben gelb-schwarz,
ist außerdem ein Gegner von durchaus gutklassigem
Kaliber - da macht man doch gerne mal einen
Abstecher.
Aber zunächst
wollen wir eine kleine Stärkung zu uns nehmen.
Es wird beschlossen, das Gasthaus zum Goldenen
M in Übach-Palenberg anzusteuern. Wer kennt
nicht den McDonald’s in Übach-Palenberg! Nun,
ab ca. 17.30 Uhr an diesem Tag kann ich zumindest
sagen, wer ihn außer mir noch kennt: ungefähr
1.000 glückliche Eltern mit ungefähr 5.000 kreischenden
Blagen, die sich alle ins Gewerbegebiet nach
Übach-Palenberg aufgemacht haben, um mal so
richtig gemütlich zu speisen oder gleich Kindergeburtstag
zu feiern. Der Laden ist unfassbar voll und
noch unfassbarer laut. Immerhin stehe ich recht
günstig an einer Kasse platziert, ich wäre als
Erster von uns vieren dran. Kurz vor mir hechtet
jedoch eine treusorgende Mutti an die Kasse,
weil ihre grad geschlossen wird (somit also
nicht ganz zu Unrecht) und gibt eine Bestellung
auf, bei der mir Hören und Sehen vergeht. Als
ich endlich mein Tablett mit den Speisen ergattert
habe, sind die Mädels mit ihren schon fast fertig,
und das obwohl sie den Super-GAU aller McDonald’s-Kunden
vor sich hatten: eine Mutti mit Kind, die bei
der Bestellung ihrem Gör sagte: „Nun such dir
mal in Ruhe was aus!“ Vielleicht gibt dies einen
kleinen Aufschluss darüber, was für eine Bestellung
die Dame vor mir auf die Menschheit losließ...
Aber egal.
Nachdem im Lokal aufgrund mangelnder Bewegungsfreiheit
mehr oder weniger gemütlich gespeist wurde,
geht es weiter nach Kerkrade. Zu diesem Zweck
wird Herzogenrath angefahren, das praktisch
schon eine Stadt mit Kerkrade bildet, die sogar
über eine gemeinsame Verwaltung verfügt. Am
ehemaligen Grenzübergang befindet sich ein Kreisverkehr.
Man fährt in Deutschland rein und kommt in den
Niederlanden wieder raus, von einer Grenze kann
nun wirklich keine Rede sein, es fällt lediglich
auf, dass die Verkehrsschilder ein bisschen
anders aussehen, das war’s. Nun also ab zum
Stadion.
Letzteres entpuppt
sich als nicht ganz so leicht. Lebhaftes Geschnatter
auf der Rückbank hebt an. Die beiden Mädels
sind schon mal am Stadion vorbei gefahren. Damals
kamen sie allerdings über die Autobahn. Und
die Landstraße war auch anders. Und das Stadion
könnte auch die alte Hütte von Roda gewesen
sein, nicht der Neubau. Dann wäre man hier völlig
falsch. Obwohl alles so bekannt aussieht. Oder
andersrum.
Während ich
der kurzweiligen Unterhaltung lausche, tut die
Fahrerin das einzig Vernünftige, sie fährt einfach
immer geradeaus. Und wir finden das Stadion
auch zügig, im Gegensatz zu den Insassen des
ein oder anderen Wagens, der vor uns umdreht
und die Straße wieder zurückfährt: der Trick
an der Sache ist nämlich, dass man aus Kerkrade
erst mal wieder rausfahren muss. Da, wo die
Wagen vereinzelt enttäuscht wenden, nämlich
am Ortsausgangsschild, muss man tapfer durchhalten
und wird an der nächste Ampel mit einem Hinweisschild
auf das Stadion belohnt. Einmal rechts abbiegen,
immer geradeaus ins Gewerbegebiet, man kanns
nicht verfehlen.
Wir erwischen
einen sensationellen Parkplatz, unmittelbar
am Zaun, der das Stadiongelände vom übrigen
Umland abtrennt. So einen kurzen Anmarschweg
kriegt man noch nicht mal bei Fortuna hin, außer
man ist VIP und verfügt über den entsprechenden
Parkausweis. Noch größer ist meine Freude, als
ich feststellen, dass wir aus purem Zufall sogar
am richtigen Eingang an der Südtribüne parken.
Zwei Minuten zum Stadiongelände und eine zu
den Sitzplätzen, das ist wirklich phänomenal.

Kerkrade
wartet noch auf Fans...
Apropos Sitzplatz:
das Parkstad Limburg Stadion, im Jahr 2000 fertig
gestellt, ist ein 19.200 Zuschauer fassender,
gemütlicher All-Seater. Die Sitzreihen sind
in den Vereinsfarben gehalten, wobei lustigerweise
die schwarzen Sitze zum großen Teil völlig wahllos
zwischen die gelben gesprenkelt worden sind.
Ein Muster, ein Bild oder gar einen Schriftzug
ergibt das beim besten Willen nicht (bis auf
eine Stellen in einem Unterrang, auf der sich
der Vereinsname Roda JC Kerkrade bildet). Moderne
Kunst halt. Aber es lässt mich doch auch über
die Offenheit nachdenken, die man in den Niederlanden
dem „weichen“ Drogenkonsum entgegen bringt.
Sollte dies vielleicht doch eine Rolle bei dieser
Farbanordnung gespielt haben? Schließlich sehen
die Sitzreihen in der LTU-Arena in Düsseldorf
auch so aus, als ob der Planer sich auf einem
ordentlichen LSD-Trip befunden hätte. Das macht
allerdings noch halbwegs Sinn, weil die kunterbunte
Mischung von weitem vorgaukelt, mit Zuschauern
belegt zu sein, auch wenn sie es nicht ist,
psychologische Kriegsführung also. Hier erkenne
ich bei bestem Willen keinen Sinn, aber vielleicht
soll das ja auch nicht sein.
Bei der Verpflegung
kommt es anfangs zu ein bisschen Verwirrung.
Zwar stehen an den Buden für Speisen und Getränke
die Preise in Euro, kassiert wird aber nicht
in bar, sondern mittels einer Geldkarte, den
Besuchern der Arena auf Schalke bestens bekannt.
Normalerweise erhält man in niederländischen
Stadien ja auch nur Einlass mit einer sogenannten
Club-Karte, die man in einen Leseschlitz einführen
muss, woraufhin das elektronische Drehkreuz
am Eingang Einlass gewährt. Dies ist für das
Freundschaftsspiel natürlich außer Kraft gesetzt
worden, und die Automaten, an denen man die
Geldkarten bekommt, praktischerweise gleich
mit. Die Karten im Wert von wahlweise 5 oder
10 Euro werden statt dessen von freundlichen
Helfern verkauft, die sich in der Nähe jedes
Standes aufgebaut haben. Nachdem dies geklärt
ist, wird das Angebot studiert und siehe da,
schon habe ich ein neues Lieblingsessen: „broodje
gehaktbal“ ist ganz klar meine Nummer 1. Mir
doch egal, dass das nix anderes als ein Frikadellenbrötchen
ist, es klingt auf jeden Fall sensationell.
Mal sehen, ob ich das nicht beim nächsten Fortuna-Heimspiel
mal probeweise verlange.
Da Aachen und
Kerkrade eine langjährige Freundschaft verbindet,
sind die Sicherheitsvorkehrungen minimal. Es
gibt auch keine Blocktrennung oder so etwas,
Deutsche und Niederländer sitzen kunterbunt
durcheinander. Allerdings tut sich Roda etwas
schwer darin, meine persönlichen Sympathien
zu gewinnen: zunächst denke ich stirnrunzelnd,
wer zweimal über die Lautsprecheranlage den
Holzmichl spielt, der hat bei mir schon schlechte
Karten. Als ob sie es gewusst hätten, setzen
sie noch einen obendrauf: gespielt wird wirklich
und wahrhaftig Jürgen Marcus, „Eine neue Liebe
ist wie ein neues Leben“. Damit nicht genug,
auf der Videowand, die ich leider in diesem
Moment nur zu gut einsehen kann, läuft auch
der Original-Jürgen-Marcus-Auftritt in der ZDF-Hitparade
vor dreißig Jahren! Und da isser dann: unglaubliche
70er-Frisur, der krampfhafte Versuch, Play-back
zu singen, dermaßen offensichtlich, dass es
weh tut und dazu ungezählte Muttis, die während
seines Auftritts die Bühne stürmen und ihrem
Star Blümchen in die Hand drücken. Ich glaubs
einfach nicht und bin hin- und hergerissen zwischen
Tränen der Rührung und heftigem Kopfschütteln,
dass so was überhaupt möglich ist. Für mich
mutete das wie eine Kriegserklärung an. Ab 18.15
Uhr wurde zurückgesungen...
Das Spiel beginnt
dann mit einer Viertelstunde Verspätung, weil
die Südtribüne noch in einem offiziellen Akt
in Theo-Pickée-Tribüne umbenannt wird, nach
dem langjährigen, mittlerweile, wenn ich das
richtig verstanden habe, verstorbenen Präsidenten
von Roda, der zu Lebzeiten den Stadionneubau
wohl maßgeblich mitinitiiert hat. Eine schöne
Idee, wie ich finde, jedenfalls besser als irgendwelche
Warsteiner- oder Telekomtribünen. Ich hoffe
nur, sie haben das Stadion schon bezahlt...
Als die Mannschaften
schließlich den Rasen betreten, gibt’s noch
ein Schmankerl der besonderen Art, denn natürlich
verfügt auch Roda über ein Maskottchen, wobei
ich auf die Entfernung nicht erkennen kann,
worum es sich dabei handelt. Auf jeden Fall
stürmt es vor den Mannschaften auf den Rasen
und legt im Mittelkreis eine derartige Performance
hin, als habe es soeben höchstpersönlich den
2:2-Ausgleich der Niederlande in der 89. Minute
des WM-Endspiels 1974 erzielt. Da kurz zuvor
ja noch Jürgen Marcus auf der Videowand zu bewundern
war, frage ich mich in dieser Sekunde unwillkürlich,
ob ich nicht doch aus Versehen in eine Zeitreise
geraten bin. Aber höchstwahrscheinlich ist dem
Studenten in dem Kostüm nur etwas kühl und er
möchte sich etwas Bewegung verschaffen. Denn
es ist, mit Verlaub gesagt, wirklich schweinekalt.
Ganz vorn unter dem Dach hängen zwar Heizstrahler,
die sind auch eingeschaltet, aber davon hat
man nur etwas, wenn man direkt unter ihnen neben
dem Tribünenaufgang steht. Da man dadurch allerdings
den hinter einem sitzenden Fans die Sicht versperrt,
sollte man dies tunlichst unterlassen und gefälligst
frieren. Somit bleibt das Fazit, dass es diese
Heizgeräte anscheinend nur in zwei Versionen
gibt, entweder Modell „Schleichender Erfrierungstod“
wie zum Beispiel in Kerkrade, sprich: nutzlos,
oder Modell „Saharafreuden“, wie zum Beispiel
in Leverkusen, wo man es im Winter locker schafft,
einen Temperaturunterschied von 30 Grad zwischen
drinnen und draußen zu zaubern, was auf der
Tribüne vielleicht noch angenehm sein mag, einen
beim anschließenden Verlassen des Stadions allerdings
kreislaufmäßig aus den Socken haut. Jaja, manchen
kann man es auch nie Recht machen...
Zum Spiel selbst
kann gesagt werden, Aachen ist erstaunlicherweise
klar besser als der niederländische Erstligist
und gewinnt völlig verdient mit 2:0 durch Tore
von Meijer und Schlaudraff. Der Neuzugang aus
Mönchengladbach damit mit seinem zweiten Tor
im zweiten Spiel. Enttäuschend vielleicht nur,
dass er nach seiner Einwechslung 20 Minuten
bis zu seinem Treffer benötigt - beim ersten
Testspiel in Gent hatte er mit der ersten Ballberührung
getroffen. Aber ich glaube nicht, dass das gegen
ihn ausgelegt wird. Es ist beileibe kein Freundschaftsspiel
auf dem Rasen, insbesondere die Spieler von
Kerkrade neigen zu mancher Nickligkeit und sind
vor allem große Freunde der sekundenschnellen
Rudelbildung. Aber im Endeffekt geht doch alles
friedlich über die Bühne. Und am darauffolgenden
Dienstag gewinnt Kerkrade in Köln mit 3:2, nachdem
sie in der Woche zuvor schon 4:1 gegen den 1.FC
Kaiserslautern gesiegt hatten. So schlecht sind
die also nicht, daher ein für mich doch erstaunlich
leichter Sieg der Alemannia.
Etwas mehr
Schwierigkeiten gibt es dann bei der Abfahrt.
Nachdem wir festgestellt haben, dass die Heckscheibe
zugefroren ist, obwohl wir vielleicht drei Stunden
dort geparkt haben, haben wir reichlich Zeit,
wieder Durchblick zu bekommen, denn es geht
und geht nicht vorwärts, die Jungs in den orangefarbenen
Westen und mit diesen lustigen beleuchteten
Zeigestöcken wedeln selbige zwar wie wild hin
und her, aber es dauert doch geraume Zeit, bis
wir wieder vom Parkplatz runter sind, und dies
gelingt auch nur durch die Finte, einfach die
entgegen gesetzte Richtung einzuschlagen. Vielleicht
hat man doch nicht mit so vielen Zuschauern
gerechnet? Immerhin 10.500, davon ca. 7.000
aus Aachen, das ist nicht schlecht für ein Freundschaftsspiel.
Nachdem wir
die Rückfahrt nach Aachen somit mit einem kleinen
Umweg durch Kerkrade antreten müssen, der uns
durchs stockfinstere Gewerbegebiet und weitere
nicht gerade sehenswerte Teile der Stadt bringt,
bleibt nur noch der Dank an meine drei Mitstreiterinnen
für einen äußerst amüsanten Tag sowie die Erkenntnis,
dass zu ein und demselben Punkt durchaus 15
verschiedene Anfahrtsbeschreibungen existieren
können, die anschließend allesamt falsch sind.
Aber das kenn ich ja noch aus Freialdenhoven...
Ach ja, die
Zugfahrt nach Hause. Bahntechnisch verlief sie
ohne Probleme, allerdings hatte ich, als ich
in Köln in die Regionalbahn nach Bonn einstieg,
natürlich noch den Hauptgewinn des Abends gezogen:
ein Trupp Karnevalisten, alle blau wie tausend
Russen, auf dem Heimweg von irgendeiner Veranstaltung,
die man wirklich nur im Suff ertragen kann,
„Lachende Kölnarena“ oder ähnlicher Schwachsinn
(wenn sie ehrlich wären, würden sie es in „Saufende
Kölnarena“ umbenennen, aber wer wird denn am
deutschen Brauchtum kratzen?). Diese Mittvierziger
reisen natürlich nach Andernach, was bedeutet,
dass ich die komplette halbe Stunde, die der
Zug nach Bonn benötigt, etwas von ihnen habe.
Denn natürlich haben sie das Selbstverständnis
aller besoffenen Brauchtumsidioten, die meinen,
wenn sie etwas lustig finden, hat das der ganze
Waggon gefälligst ebenfalls lustig zu finden,
dafür ist ja schließlich Karneval. Ohne Rücksicht
auf Verluste (Trommelfell, Innenohr) werden
Gesänge, Tröten, ja sogar Trillerpfeifen eingesetzt,
um den Rest der Passagiere zu terrorisieren.
Aber man muss auch Verständnis haben, schließlich
muss Mutti morgen wieder das Essen pünktlich
auf den Tisch bringen, während Vati sich mit
den Blagen rumärgern darf, die Sonntage todlangweilig
finden. Da darf man ja schon mal ein bisschen
ausflippen. Und wenn ich so albern ausgesehen
hätte wie die, hätte ich mich auch besoffen,
um es lustig zu finden. Jedem das Seine! Trotzdem
bin ich froh, dass ich die Bahn in Bonn verlassen
darf. Unvergessen wird mir der gequälte Blick
eines meiner Mitreisenden bleiben, den ich beim
Aussteigen zufällig sah. Das arme Schwein musste
nämlich noch weiter fahren.
Ein schöner
Tag zur Einstimmung. Denn das große Spiel steht
ja noch bevor. Drei Tage später ist es soweit:
18.01.2005,
19.00 Uhr: Fortuna Düsseldorf - Bayern München
1:5
Nun, ich wäre
nicht janus, wenn ich nicht vor dem großen Spiel
mal eben fünf Minuten abschweifen würde. Darf
ich? Danke.
Das Spiel diente
zur „sportlichen Eröffnung“ der LTU-Arena. Die
„normale“ Eröffnung war schon am Wochenende
zuvor mit zwei ausverkauften Grönemeyer-Konzerten
über die Bühne gegangen. Das Spiel gegen Union
Berlin im letzten September war nur ein Testlauf,
damals war die Arena noch gar nicht komplett
fertig gestellt. Nun sollte es also so weit
sein.
Von Anfang
an gab es Kritik an den Eintrittspreisen. Dauerkartenbesitzer
der Fortuna ergatterten wenigstens noch eine
50 %ige Ermäßigung. 20 % minus gab es auch noch
für Zuschauer, die ein Konto bei der Stadtsparkasse
Düsseldorf oder einen Vertrag mit den Stadtwerken
Düsseldorf besitzen, beides Sponsoren sowohl
der Fortuna als auch der Arena. Um in den Genuss
dieser Ermäßigung zu kommen, müsste man natürlich
in Düsseldorf wohnen, denn wer aus dem Umland
hat schon ein Konto bei der Stadtsparkasse Düsseldorf?
Alle anderen durften somit mal kurz ungläubig
lachen, dann voll bezahlen. Fortuna drückte
- gegen den Willen der Stadt - wenigstens noch
1.000 Familienkarten durch, damit komplette
Familien ein wenig günstiger in die Arena kommen
würden. Und da geschah nun das Unglaubliche:
selbst Dreijährige sollten 10 Euro Eintritt
bezahlen, mit der schönen Begründung, sie würden
ja auch einen Sitzplatz belegen.
Das ist natürlich
ein ganz großer Witz, darüber braucht man nicht
zu diskutieren. Dass man selbst die Kleinsten
schon schröpft, ist auch mir relativ neu. Fortuna
übrigens auch, die konnten nämlich beim besten
Willen nichts für die Eintrittspreise, die durften
sie bloß verkaufen. Denn - um es noch mal glasklar
zu sagen - Fortuna hat mit der Arena nicht
das Geringste zu tun. Niente. Rien. Nothing.
So weit, so
schlecht. Dummerweise gingen dem örtlichen Boulevardblättchen,
der siebenbuchstabigen kleinen Schwester des
großen Bruders mit den vier noch größeren Buchstaben
dann aber zwischen Weihnachten und Neujahr die
Schlagzeilen aus. Also dachten sie sich, Fortuna
hat gerade im zweiten Halbjahr 2004 für so viel
negativen Output gesorgt, da kann man die ruhig
noch mal in die Pfanne hauen. Die sind es ja
gewohnt, dass man auf ihnen rumtrampelt.
Und so fand
man im Express dann die herzzerreißende Schmonzette
der kleine Zarah. Die 3jährige, die von ihrer
Mutti immer zu den Spielen der Fortuna mitgenommen
wird. Die im Flinger Broich auch nie Eintritt
zu zahlen braucht. Die dort angeblich schon
bekannt ist wie ein bunter Hund. Und die - wenn
man dem Artikel glauben darf - den ganzen Tag
nur „Fortuna, Fortuna“ vor sich hinbrabbelt.
Wie goldig. Und die jetzt 10 Euro Eintritt für
das Spiel gegen Bayern zahlen sollte. So erfuhr
es die Mutti auf der Fortuna-Geschäftsstelle.
Und zwar erfuhr sie es deshalb, weil die Geschäftsstelle
gar nicht anders handeln durfte - sie hatte
die Preise ja schließlich nicht gemacht. Aber
was interessiert das die sieben kleinen Buchstaben?
Prompt erschien der Artikel, in der das Verhalten
der Geschäftsstelle mit „Ober-Peinlichkeit“
und „Posse“ umschrieben wurde. Die Mutti hatte
sich nämlich so sehr aufgeregt, dass es ihr
ernsthaft ans Gemüt ging, wenn ich dem Artikel
Glauben schenken darf - schließlich wechselt
ihre Stimmung zwischen „stinksauer“ und „mit
Tränen in den Augen“, und das in ganzen 13 Zeilen!
Beachtlich, möchte ich sagen. Und da ja jeder
brav vor dem Boulevard kuscht, war Mutti wohl
noch damit beschäftigt, die Tränen in ihren
Augen zu trocknen, als Vorstandsmitglied Sesterhenn
der kleinen Zarah eine kostenlose Eintrittskarte
übergab, natürlich unter den fotografischen
Augen der sieben kleingeistigen Buchstaben.
Der verantwortliche Schreiberling wird sich
erleichtert zurück gelehnt haben - Honorar gerettet,
mit was für einem Blödsinn, das interessiert
ja keinen. Wer Niveau will, der soll FAZ lesen.
Wie jetzt?
höre ich den erstaunten Leser rufen? Du findest
das nicht gut, dass die Zeitung eingeschritten
ist? Dass sie sich für die Kleinen eingesetzt
hat, die sich selbst nicht wehren können? Für
die Muttis, die ihre Kinder mit einer Eintrittskarte
glücklich machen wollten, jetzt aber vor den
hohen Kosten zurückschreckten? Hast du denn
kein Herz?
Doch, hab ich.
Und zusätzlich sogar noch Augen und Hirn. Dies
heißt, ich bin des Lesens und Nachdenkens kundig.
Denn ein klitzekleiner Schönheitsfehler war
an der ganzen Geschichte, weshalb ich sie hier
auch mal bringen wollte: die kleine Zarah ist
zwar ein armes Ding, wie alle Kinder, die zum
Spiel in die Arena wollten; sie hat aber Glück
gehabt, sie hat nämlich einen in Düsseldorf
bekannten Großonkel: Ex-Fortuna-Bundesligaspieler
Werner Lungwitz (90 Einsätze, 7 Tore). Natürlich
vergaß die Mutti nicht, dies unter Tränen so
gerade noch hervor zu bringen und natürlich
vergaß die Zeitung auch nicht, dies im entsprechenden
Artikel zu erwähnen. Die Großnichte von Onkel
Werner soll Eintritt zahlen? Das geht ja gar
nicht. Und in der Tat, die Drohung zog, denn
zwei Tage später hatte die Kleine ihre kostenlose
Karte. Und Mutti wie alle anderen vergaßen dann
auch mal schnell, dass die Fortuna-Geschäftsstelle
gar nichts dafür konnte. Dazu hätte sich nämlich
die kleine Zeitung mit den großen Buchstaben
an die Arena wenden müssen. Aber das traute
man sich offenkundig nicht.
Denn vielleicht
würde ich es noch einsehen, dass man einen bekannten
Namen nimmt, um Druck zu erzeugen. Aber nachdem
Klein-Zarah die Karte erhalten hatte, schrieb
der Express im weiteren - nichts. Das Thema
kam mit keiner Silbe mehr zur Sprache. Die Folge
davon war, dass weiterhin alle anderen Kinder
für das Spiel Eintritt bezahlen mussten, da
die Arena natürlich nicht einen Millimeter von
ihren Preisen abwich. Wozu auch, sie waren ja
auch nicht angegriffen worden. Ich hoffe, Zarahs
Mutti hatte wenigstens noch ein paar Tränen
für diese Kinder übrig. Bei der Arena und beim
Express hatte es augenscheinlich niemand.
So, das war
der kleine Ausflug in das hierzulande so normale
Verhalten, dass derjenige bekommt, was er will,
der am lautesten schreit und die besten Beziehungen
hat.
Aber was solls,
trotz der horrenden Eintrittspreise gab es ja
genügend Leute, die Karten kauften. Ausverkauft
war es nicht ganz (51.000 passen rein), aber
immerhin 45.000 Zuschauer bildeten eine schöne
Kulisse für das Spiel. Beste Aussichten also
auf einen gelungenen Abend.
Der gelungene
Abend beginnt mit einer ereignislosen Anreise
zum Düsseldorfer Hauptbahnhof sowie der Weiterfahrt
von dort mit dem Auto. Da wir ziemlich früh
da sind, können wir beobachten, wie am U-Bahnhof,
der direkt an der Arena gebaut worden ist, tatsächlich
im Zwei-Minuten-Takt die Bahnen ankommen und
die Leute ausspucken. Das scheint besser zu
klappen als noch beim Union-Spiel, als es doch
zu einem ziemlichen Chaos bei der Anreise kam.
Im Vorprogramm wird einiges geboten an kleinen
Spielchen, Traditionsmannschaften und F-Jugend-Teams
dürfen den Heiligen Rasen schon mal antesten.
Die unvermeidliche Blaskapelle gibt alles. Das
DSF, das heute live überträgt, strahlt seine
Interviews auch direkt über die Stadionlautsprecher
aus, damit alle etwas davon haben. Ganz nett.
Die Verpflegung
gucke ich mir nur an, Selbsttest scheidet heute
aus. Stellvertretend für so einiges an Meinungen
sei hier der Eintrag eines Fans aus dem Forum
der offiziellen Homepage wiedergegeben, der
meinte, die Currywurst verstieße gegen sämtliche
Paragraphen der Lebensmittelverordnung und sei
dazu berufen, in eine Quizsendung zu kommen,
damit man endlich mal erfahre, was drin sei.
Außerdem finde ich persönlich 3 Euro für eine
Currywurst auch ein bisschen stark. Aber das
hat Tradition, das eine wie das andere - wer
jemals im alten Rheinstadion gespeist hat, der
wird wissen, was ich meine.
Kurz vor Spielbeginn
entere ich zu meinem Sitzplatz auf, der hoch
oben auf der LTU-Tribüne liegt. Die Sicht ist
zufriedenstellend. Entzückt bin ich, als meine
Begleiterin mich auf ein „Wülfrath“-Transparent
in der Fortuna-Fankurve hinter einem der Tore
aufmerksam macht. Dass ich das noch erleben
darf - meine Heimatstadt hängt endlich mal richtig.
Bislang hatte ich Wülfrath-Transparente nur
in Mönchengladbach und in Wuppertal gesehen.
Es geht also doch!

Das
Dach geschlossen, schnuckelige 15 Grad: die
Bayern können kommen
Fortuna-Stürmer
Frank Mayer hatte vor dem Spiel noch behauptet:
„Dem Kahn hau ich einen rein!“ Da Olli Kahn
sich bei Mayer anscheinend nicht sicher ist,
ob der damit einen Ball meint, spielt er vorsichtshalber
gar nicht erst. Auch Roy Makaay wird geschont,
ansonsten hat Felix Magath alles dabei. In der
ersten Halbzeit lässt er eine Elf spielen, die
bei den Bayern wohl eher unter „Reserve“ fällt,
die allerdings so mancher Bundesligist mit Kusshand
als erste Garnitur nehmen würde. Die sind allerdings
anscheinend dermaßen überrascht, von Anfang
an auf dem Feld zu stehen, dass sie den Beginn
komplett verpennen. Schon nach elf Sekunden
muss Rensing den ersten Schuss von Kruse abwehren,
und nach 99 Sekunden steht es eigentlich 1:0
für Fortuna, Hereingabe von Policella, Mayer
verlängert an Gegenspieler und Torwart vorbei,
und Marcel Podszus steht frei vor dem leeren
Tor. Der kann den Ball anstoppen und Gegenspieler
Jeremies, der zwei Meter entfernt steht, noch
eine lange Nase drehen, bevor er die Kugel ins
Tor schiebt. Statt dessen haut er sie an die
Latte. Ja, das ist Fortuna! Im letzten Heimspiel
vor der Winterpause versenkte Podszus einen
Ball aus dem Lauf aus 16 Metern im langen Eck,
da stand noch ein Abwehrspieler neben ihm und
der Torwart war auch noch im Tor. Hier semmelt
er die Kugel aus 3 Metern vor dem leeren Tor
an die Latte. Manchmal liebe ich die Fortunen
ja für solche Einlagen. Allerdings auch nur
bei Freundschaftsspielen...
In der 8. Minute
dann das 1:0 für Bayern. Klarer Beschiss, Handspiel
von Pizarro. Aber Schiri Jansen gibt den Treffer
trotzdem, auch wenn Pizarro selbst erst mal
die Hände vors Gesicht schlägt. Und selbst wenn
es kein Handtor wäre, ist es ein doofes Tor,
reiner Zufall, denn Pizarro wird nach einer
Ecke von Demichelis angeköpft und erzielt so
aus Versehen die Führung. Diese beiden Szenen
verdeutlichen, dass auch der Bayern-Dusel wieder
mitreist. Das lässt für die Bundesliga-Rückrunde
wieder einiges befürchten.
Dennoch entwickelt
sich ein gutes Spiel, Fortuna ist nämlich überhaupt
nicht geschockt und spielt munter nach vorn,
bringt die Bayern ein ums andere Mal in Bedrängnis.
Selbst der weltbekannte Bayern-Fan, der das
Spiel im DSF kommentiert, erwähnt des Öfteren,
dass die Bayern sich nur durch Fouls zu behelfen
wissen. Folgerichtig fällt in der 34. Minute
auch der Ausgleich, als Andy Lambertz Gegenspieler
Tobias Rau so alt aussehen lässt, wie der bestimmt
einmal werden möchte, den Ball in die Mitte
bringt, und Frank Mayer zum hochverdienten 1:1
vollstreckt. Damit geht es in die Pause. Ein
prima Spiel der Fortuna, was auch vom Gegner
entsprechend gewürdigt wird.
Übrigens, für
die Pause hätte ich einen Event-Tipp: falls
mal jemand die Möglichkeit hat, in der Arena
Fahrstuhl zu fahren, viel Vergnügen. Abwärts
fährt das Ding nicht, es hüpft. Ein Traum für
jeden, der über einen nervösen Magen verfügt.
Außerdem quatscht einen im Fahrstuhl eine penetrant
liebliche, weibliche Stimme an und vermittelt
so unglaubliche Informationen wie die, dass
sich soeben die Türen geöffnet haben. Das ist
Unterhaltung auf hohem Niveau.
In der zweiten
Halbzeit wird munter gewechselt, Felix Magath
bringt 8 neue Spieler, Uwe Weidemann sieben.
Doch während bei den Bayern so unbedeutende
Strategen wie Ballack, Scholl oder Lucio auflaufen,
kommen bei Fortuna solche Größen wie Tytarchuk,
Otta oder Kizilaslan, die im bisherigen Saisonverlauf
kaum mal ein komplettes Regionalligaspiel absolviert
haben. Der Trainer will allen Spielern dieses
Erlebnis gönnen, und damit bin ich auch sehr
einverstanden. Damit ist der Ausgang des Spiels
allerdings klar, Bayern gewinnt 5:1, wobei drei
Treffer in den letzten 10 Minuten fallen. Das
Ergebnis fällt um ein, zwei Tore zu hoch aus,
über eine Stunde hat Fortuna sehr gut mitgehalten.
Von Respekt gegenüber großen Namen war nichts
zu spüren. So verpasste Lukas Marzok dem Salihamidzic
einen Beinschuss, von dem er seinen Enkeln wohl
noch erzählen wird, Marcel Ndjeng ließ Tobias
Rau mehr als einmal ganz schlecht aussehen und
Andy Lambertz spielte dem Hargreaves öfters
mal Knoten in die Beine. Gar nicht zu bremsen:
Frank Mayer. Egal ob da Bergisch Gladbach oder
Bayern München kommt, er steht trotzdem zehnmal
pro Spiel im Abseits. Respekt. Wenn er mal nicht
zurückgepfiffen wurde, machte aber auch er ein
sehr starkes Spiel. Das macht Mut. Ich krieg
doch lieber fünf Stück gegen Bayern und gewinn
am 19.02. gegen Wolfsburgs Amateure den Meisterschaftsauftakt
ins neue Jahr als umgekehrt. Ein netter Abend
war es allemal. Auch wenn es beim Abtransport
der Zuschauer mit der U-Bahn wohl doch wieder
zu Verzögerungen kommt und die Leute um einiges
länger brauchen, um von der Arena wegzukommen
als sie für den Hinweg benötigt haben.
Was ist das
Fazit von alldem?: Oidtweiler war cool, Kerkrade
interessant, aber das Beste, Schönste, Größte
und Tollste ist natürlich die Arena. Sagt jedenfalls
der ein oder andere. Ich nicht. Aber ich muss
sie ja auch nicht füllen. Ob das Teil nun wirklich
das Nonplusultra für Düsseldorf ist, das soll
jeder für sich selbst rausfinden.
Und somit darf
ich allen Erst- und Zweitliga-Lesern einen schönen
Rückrundenauftakt wünschen. Wir machen noch
ein wenig weiter mit unseren Testspielen gegen
Darmstadt, Mainz Amas, Koblenz, Offenbach (ja,
wir haben die halbe Regionalliga Süd gechartert)
und Germania Lich-Steinstraß, bevor es auch
bei uns wieder um Punkte geht. Und eigentlich
könnte ich hier noch ein paar Seiten zum Thema
Dieter Bierbaum verlieren, der Stadionsprecher
von Fortuna, der nach 34 Jahren am Morgen vor
dem Arena-Spiel zurückgetreten ist. Angeblich
weil ihm ein zweiter Sprecher zur Seite gestellt
werden sollte (der durfte es dann ganz alleine
machen), und weil man so ja kein Ehrenmitglied
mit über 600 Einsätzen als Stadionsprecher behandeln
dürfe. Wegen der Verdienste und so. Weil in
diesem Land ja alte Verdienste mehr zählen,
als die Dreistigkeiten, die man sich aktuell
rausnimmt. Aber es mir dann doch zu albern,
über diese Posse mehr als ein paar Zeilen zu
verschwenden, zumal da das Ende der Fahnenstange
bestimmt noch nicht erreicht ist. Ist ja schließlich
noch Winterpause. Deshalb ein freundliches „Tschö“
von mir an den Stadionsprecher, verbunden mit
einem „Herzlich willkommen!“, wenn er es sich
doch wieder anders überlegt und lang genug hofiert
worden ist. Jeder macht sich halt so wichtig,
wie er meint.
Lieber möchte
ich schließen mit dem Arena-Spruch des Tages.
Getätigt hat ihn niemand anderes als Kalle Rummenigge
in seinem Interview vor dem Spiel im DSF. Vom
Reporter befragt, ob Makaay und Kahn bei diesem
Spiel geschont werden sollten, um keine Verletzungen
vor dem Rückrundenauftakt zu riskieren, antwortete
der Fußballhilfsgott: „Wir wollen niemanden
schonen, aber auch nichts riskieren.“ Aha. Ich
vermute, der hat mittlerweile wirklich einen
Ghostwriter. Solche Stilblüten in dieser Anzahl
und Qualität, wie er sie seit Jahren raushaut,
kann einer alleine doch gar nicht spontan erfinden.
Dafür Hut ab.
Wartet genauso
gespannt auf Wolfsburg Amateure wie er auf Bayern
gewartet hat: janus
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