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Happy Weekend – On Tour
with DiFo & Friends
Adventszeit – Zeit der Besinnlichkeit, Zeit der Weihnachtsmärkte, des
gepanschten Glühweins und der übervollen Kaufhäuser. Seit dem 11.12. auch
fußballlose Zeit, denn Fortuna Düsseldorf hat sich in die Winterpause begeben.
Nun, da man diese Tatsache schon verblüffend früh am Spielplan ablesen kann,
kann ebenso früh mit der Gestaltung der Winterpause begonnen werden. Und so
reifte schon im September der Plan, zum Jahresabschluss doch vielleicht ein
Spiel in England zu besuchen, denn jeder weiß, die Inselbewohner pfeifen auf die
Winterpause, die spielen durch.
Wir
pfeifen auch auf etwas, nämlich auf die horrenden Eintrittspreise bei Spielen in
der Premier League sowie die Ungewissheit, dafür überhaupt Karten zu bekommen.
Der Organisator der DiFo-Tour (kurze Erläuterung: das DiFo ist das
DiskussionsForum der Fortuna-Fans auf der offiziellen Homepage des Vereins), der
Hildener, hatte von Anfang an erkannt, worauf es ankam: möglichst viele Leute zu
einem möglichst niedrigen Preis nach England zu bekommen. Und weil uns Fortunen
nach den letzten zwei Jahren eigentlich ziemlich wenig schockt, durfte es dann
auch gleich die volle Dröhnung sein: das Viertligaspiel zwischen Southend United
und Chester City wurde von unserem Kenner als sehenswert auserkoren, man will ja
auf der Augenhöhe mit dem eigenen Verein bleiben. Außerdem so praktisch nahe an
Dover gelegen, wo unsere Fähre aus Calais anlegen sollte. Gesagt, getan, flugs
war ein illustres Teilnehmerfeld aus dem DiFo und weiteren Fortunen zusammen,
der Bus wurde gebucht, alles freute sich – da erfuhren sie wohl in Southend, was
auf sie zukommen sollte, und sie verlegten das Spiel kurzerhand auf
Freitagabend. Was unmöglich zu schaffen war, sollte die Reise doch erst an
selbigem um 22.00 Uhr los gehen. Bitte, wenn ihr nicht wollt! Wozu haben wir
denn einen echten England-Experten in unseren Reihen? Einmal kurz die Lage
gepeilt, und schon hatten wir ein neues Ziel: Brentford. Kennt wirklich jeder.
Falls nicht, es handelt sich um einen Vorort von London in der Nähe des
Flughafen Heathrow, dessen örtlicher Fußballclub in der 3. englischen Liga
spielt. Was für Leute wie mich, die sich höchstens in der Premier League
rudimentär auskennen, anfangs gar nicht leicht zu erkennen war. Die erste Liga
heißt in England zwar Premier League, danach wird es aber verwirrend. Die zweite
Liga hört auf den schönen Namen First Division, die dritte und vierte Liga
werden vom Hersteller meines Lieblings-Auswärtsgetränks gesponsert und heißen
daher schlicht Coca-Cola League 1 und Coca-Cola League 2. Der Brentford FC
spielt also in der League 1, was die dritte Liga ist und versucht, in die First
Division aufzusteigen, was die zweite Liga ist. Aha. Nachdem diese kleinen
Unstimmigkeiten geklärt waren, konnte man weitersehen.
Brentford
ist Tabellen-5., was allerdings nichts macht, denn die ersten drei der Tabelle
steigen auf, da ist also durchaus noch Hoffnung. Der Gegner am 18.12.2004 hieß
Colchester United und war Tabellen-17., was allerdings auch noch nichts macht,
denn die Liga besteht aus 24 Mannschaften. Seltsame Ligen in England, aber egal.
Somit
wurde kurzfristig umdisponiert, die Stimmung im Brentforder Internet-Forum kurz
angetestet und für gut befunden, und nachdem der Hildener kurz vor Toresschluss
noch die letzten Teilnehmer an den Start bringen konnten, machten sich 37
Fortunen am Freitag, dem 17.12.2004 auf, die Insel zu rocken. Und sie taten es.
Hier der Bericht:
Der
Bericht beginnt natürlich mit mir. Und wenn er mit mir beginnt, beginnt er mit
der Deutschen Bahn. Lord Helmchen aus Aachen hat nämlich versprochen, mich um
20.00 Uhr am Kölner Hauptbahnhof abzuholen. So eine Strecke Bonn-Köln ist ja
wirklich eine simple Sache. Um 19.31 Uhr soll die Regionalbahn vom Bonner Hbf
abgehen. Der geneigte Leser merkt, was kommt bzw. nicht kommt. Es gibt da so
eine schöne Tradition im Bonner Hbf. ICs haben grundsätzlich zehn Minuten
Verspätung, laut Fahrplan fährt aber grundsätzlich zehn Minuten nach dem
fahrplanmäßigen Halt des IC die Regionalbahn auf demselben Gleis ein. Was das
bedeutet, kann man sich auch ohne höheres Mathematikstudium ausmalen, außer man
arbeitet bei der Deutschen Bahn und ist für die Fahrplangestaltung zuständig:
beide Züge erreichen zeitgleich Bonn Hbf und der kleinere muss warten. Es
rauscht somit zunächst mal der IC herein. Na gut, zwei Minuten Aufenthalt, dann
kann die Regionalbahn kommen, das kann man verkraften.
Wenn es
denn so wäre. Leider greift die Bahn jetzt schon zu allen Mitteln, um ihre
Kunden in den Zügen zu behalten. Zum Beispiel, indem sie sie gar nicht erst
heraus lässt. Die Türen des IC gehen nämlich nicht auf. Verzweifelte Menschen,
die von innen an die Scheiben hämmern, weil sie denken, der Zug fährt gleich ab
und der nächste Halt ist leider erst Köln, wütende Leute auf dem Bahnsteig, denn
der nächste IC nach Norden fährt erst in einer Stunde – alles normal am Bonner
Hbf also. Ich bleibe ruhig, bin ich doch heute Nachmittag bereits auf dem Weg
von der Arbeit nach Hause mit der Straßenbahn aufgrund einer verklemmten Tür
mitten auf der Kennnedy-Brücke stecken geblieben. Zehn Minuten inmitten eines
tobenden Pulks von ca. 20 kleinen Terroristen – infamerweise als
Grundschul-Klassenausflug getarnt – und der träge dahin fließende Rhein unter
mir ließen mich erahnen, was am heutigen Abend so auf mich zukommen würde, da
macht diese kleine Panne der Bahn nu wirklich nix mehr.
Schließlich gelingt es einem beherzten Schaffner vom Bodenpersonal in Bonn,
wenigstens eine Tür zu öffnen, so dass weitere beherzte Schaffner aussteigen und
sich der Sache mal von außen annehmen können. Eine Schaffnerin tut dies mit so
viel Schwung, dass sich die von ihr aufgebrochene Tür anschließend nicht mehr
schließen lässt. Dies ist jetzt etwas peinlich, da mittlerweile (zehn Minuten
rum) alle Fahrgäste aus- und eingestiegen sind, alle weiteren Türen wieder
korrekt verschlossen wurden und der Zug weiter fahren könnte. Wieder muss der
Oberschaffner gesucht werden, der den goldenen Handgriff kennt. Hoffentlich,
denn sonst wird das Ding gleich hier und jetzt stillgelegt. Aber er schafft es
nach einigen weiteren Minuten tatsächlich, die Tür zu schließen. Jetzt geht sie
zwar gar nicht mehr auf, aber der Zug kann abfahren. Unter höhnischem Beifall
von mittlerweile mindestens 200 Fahrgästen, die sich auf dem Bahnsteig
versammelt haben, rollt die Bahn ab. Na endlich! Mit nur zwanzig Minuten
Verspätung kann ich die Regionalbahn besteigen und auch gleich stehen bleiben,
das Ding ist jetzt natürlich knüppelvoll. Aber es fährt wenigstens und an
sämtlichen Klitschen und Milchkannen, an denen gehalten wird, gehen die Türen
auf und sogar wieder zu. Man ist ja schon dankbar für Kleinigkeiten...
Besonders, wenn einen die beste und geduldigste Fahrerin der Welt abholt. Ich
hab Lord Helmchen bei unseren gemeinsamen Anreisen schon so oft versetzt, wären
wir verheiratet, wär es ein Scheidungsgrund. Da wir es nicht sind, geht sie das
Ganze routiniert an: als ich endlich in Köln ankomme, wartet sie gar nicht erst
im Wagen, sondern steht schon im McDonald’s, um sich ein schnelles Abendessen zu
gönnen, wohlwissend, dass ich sowieso nicht pünktlich erscheine. Nachdem sie
sich für das Kommende gestärkt hat, geht es weiter nach Hilden, zum ersten
Treffpunkt der DiFosis.
Es ist
übrigens bestes englisches Wetter, es regnet Bindfäden, sowohl in Bonn als auch
in Köln und anschließend in Hilden, wo wir kurz darauf anlangen. Der Hildener
hat Helmchen einen schönen kostenlosen Parkplatz direkt neben der örtlichen
Polizeiwache versprochen, auf dem sie den Wagen das ganze Wochenende über stehen
lassen kann. Wir finden ihn auch sofort, leider prangt ein großes Schild
„Privatparkplatz“ darüber, nebst allen möglichen Drohungen, was mit Fremdparkern
passiert. Da ist ein Auto mit Plöner Kennzeichen doch eher ungünstig. Also
hechte ich durch den strömenden Regen in den Treffpunkt, den Irish Pub und zerre
den Hildener hinaus, woraufhin er Helmchen noch eine halbe Stadtrundfahrt
anbieten kann, bis die Karre sicher verstaut ist.
Nachdem man die ersten
Mitfahrer kennen gelernt bzw. wiedergesehen hat, kann es um 22.00 Uhr endlich
los gehen. Der Bus ist vorgefahren. Schicke Aufschrift „Beach Bus“ an der
Seitenfront. Etwas merkwürdig für eine Reise nach England im Dezember, aber die
halten uns ja eh für nicht ganz dicht, insoweit wird es nicht sonderlich
auffallen. Unser Fahrer ist Waldemar, einer, der schon alles gesehen hat, was
bedeutet, dass er schon mal auf der Insel gewesen ist und den Weg kennen dürfte.
Das ist viel Wert, das kenn ich von der Arbeit etwas anders, da verfahren sich
die Busfahrer schon mal, wenn sie nur kurz die Rheinseite wechseln müssen. Flugs
wird mit Helmchen die Rückbank belegt und los geht’s nach Düsseldorf.
Dort
erwartet uns – neben Regen natürlich – das erste aufregende Lenkmanöver des
Tages, da am vorgesehenen Haltepunkt bereits drei Busse nach Polen stehen. Aber
geschickt wird die Kurve genommen und der Bus genau vor der reiselustigen Schar
in rot-weiß zum Halten gebracht, die in stoischer Ruhe im Regen ausharrt. Jetzt
ist es mit der Besinnlichkeit vorbei, frosch und Tess stoßen zu uns und die
letzte Reihe ist komplett. Links vor uns nimmt der Aufsichtsrat Platz, sowohl
zukünftiger als auch ehemaliger, Tombo und Der Papst, seriös wie eh und je.
Rechts vor uns der Mann mit dem Nick, den man nur verkürzt aussprechen sollte,
will man sich nicht die Zunge verknoten, Pejo, daneben Friedel, der die
Studentenermäßigung abgegriffen hat und sich deshalb mit Fug und Recht als
Pisa-Friedel vorstellt.
Jetzt
könnte es eigentlich los gesehen. Tut es aber immer noch nicht, zunächst wird
die nächstbeste Tankstelle angesteuert, da Ulli ein paar Kisten Bier ausgibt.
Diese werden dann auch für den schnellen Zugriff bereitgestellt, sprich
dekorativ im Gang verteilt. Dies macht das Laufen im Bus zwar etwas
beschwerlicher, aber mir ist das egal, ich bin U-Boot gefahren, da war manchmal
noch weniger Platz. Wir gedenken der 50 Liter Altbier, die, strategisch günstig
auf mehrere kleine Fässchen verteilt, noch im Kofferraum ruhen, und entscheiden,
dass es nun reicht. Also geht’s los.
Man kann
eigentlich sagen, dass die Hinfahrt ohne größere Probleme verläuft. Durch eine
turnerische Glanzleistung gelingt es mir zwischendurch sogar einmal, zur
Bordtoilette zu gelangen. Hier geht der Spaß erst richtig los, denn das Ding
scheint vor ca. 2.000 Jahren entworfen worden zu sein, da war die Menschheit im
Durchschnitt 30 cm kleiner. Auf jeden Fall würde ich den zur Verfügung stehenden
Platz in einer Telefonzelle im Vergleich schon als „übertrieben luxuriös“
bezeichnen. Immerhin schaffe ich es unfallfrei wieder hinaus, ohne mir beim
Hinsetzen mit den Knien mehrere Zähne auszuschlagen, aufrecht stehen kann in
diesem Ding eh niemand, der größer ist als die gemeine Pygmäe.
Auch
Unterhaltung wird geboten. Pejo hatte angedroht, seine 26 verschiedenen Remixe
des Holzmichls auf eine lustige CD zu brennen und mitzubringen. Wir hatten
daraufhin angedroht, dass sich seine Blinddarmreizung, die ihn fast von der
Mitfahrt abgehalten hätte, wieder akut bemerkbar machen könnte. Im Nachhinein
sag ich mal: schlimmer als das, was vorne beim Fahrer eingeworfen und über die
Lautsprecheranlage zu uns geschallt wird, wär es wohl auch nicht geworden. Ein
bunter Strauß lustiger Lieder in Medleyform prasselt auf uns nieder, eins
schlechter als das andere. Scheint die Standardausrüstung des Beach Bus zu sein.
Wenn ich mit dem Ding und mit dieser Musik 20 Stunden bis nach Spanien runter
fahren müsste, wäre der Urlaub für mich auch gelaufen.
Erste
Kontakte werden geknüpft bzw. vertieft. So hält Helmchen für ihre DiFosis Pejo,
Tess und frosch als Dank für so manch unglaublichen Thread in den letzten
Monaten eine Schoko-Jahresendfigur bereit, bei der es sich bei genauerem
Hinsehen um ein Rentier handelt. Glaub ich wenigstens, zumindest wurde ich bei
der Deutung „Osterhase“ nur missbilligend angeschaut, das kann’s also nicht
gewesen sein. Ich persönlich habe natürlich schon vorher eins bekommen sowie
einen ganzen Sack voll Schoko-Leckereien. Da können die anderen nur neidisch
werden!
Ich weiß
nicht, ob das Rentier vom Aussterben bedroht ist, bei frosch hat es auf jeden
Fall keine Chance und geht sofort den Weg alles Irdischen, während Tess
wenigstens noch der Resteverwertung huldigt und sich das kleine güldenen
Glöckchen, das dem verspeisten Getier um den Hals hing, an einem ihrer Ohrringe
befestigt. Doch, sieht schick aus, und klimpert vor allem so nett, da hört man
sie dann wenigstens schon drei Meilen gegen den Wind. Passt außerdem verblüffend
schlecht zu ihrem ca. drei Meter langen rot-weißen Schal, der praktischerweise
für ihre Liebe zur Fortuna und zum VfB Stuttgart gleichzeitig herhalten kann,
quasi zwei Schals in einem, deshalb muss er wohl auch so lang sein. Jeder
Obdachlose würde freudig erregt sein gesamtes Leergut für diese Bettdecke
opfern. Wirklich beeindruckend.
Düsselboy
verteilt Fortuna-Fahnen und Aufkleber, damit die Fenster des Busses festlich
geschmückt werden können. Die Aufkleber machen ihrem Namen jedoch nicht
unbedingt alle Ehre, bei manchen Fahnen muss laufend nachgebessert werden.
Beeindruckend hier insbesondere der Aufsichtsrat, der während der gesamten Tour
geschätzt 26mal neu Hand anlegt, ohne dass es besonders lange hält. Da ist
Unterstützung gefragt. Sofort bietet sich Tess als persönliche Referentin an.
Sie hat sogar schon den einzigen Satz parat, den man für diese Tätigkeit
benötigt, falls es mal Ärger mit irgendwelchen Leuten gegensätzlicher Meinung
geben sollte: „So können Sie mit Herrn xy nicht reden!“ Und schon wird die
Diskussion beendet sein. Eine Methode, genial durch ihre Schlichtheit, in
letzter Zeit schon erfolgreich von einem kleinen Sonnenkönig am Rhein
praktiziert. Ja, Tess hat aufgepasst, Fortuna-Fans sind lernfähig!
Um kurz
nach Mitternacht fahren wir die erstbeste Raststätte in Belgien an, weil unsere
Fahrer noch etwas Warmes essen möchte. Kaum sind wir auf dem Parkplatz, gehen
dort die Lichter aus. Nanu, haben die uns kommen sehen, oder was? In der Tat,
wir rütteln vergeblich an der Eingangstür, der Laden ist dicht. Nachdem man dem
Boden am Gebüsch daneben zusätzlich zum Regen noch etwas Feuchtigkeit
hinzugefügt hat, kann es weiter gehen.
An der
nächsten Raststätte das gleiche Bild: Lichter aus, Tür verrammelt, keine
Menschenseele zu sehen. Unser Fahrer wird langsam knurrig, die Gebüsche neben
dem Gebäude werden auch wieder eifrig genutzt, wer will sich schon dem Risiko
aussetzen, aufgrund der Enge des Zwergenklos im Bus beim Umdrehen einen
Bandscheibenvorfall zu erleiden? Kann wirklich nur für Notfälle gelten.
Des
Rätsels Lösung ergibt sich wohl daraus, dass belgische Raststätten generell
gegen Mitternacht schließen, hat also nicht unbedingt etwas mit uns zu tun. Aber
da bin ich skeptisch. Sind wir ausspioniert worden? Ist ein Dossier unseres
Busses bereits vorher an alle auf der Strecke liegenden Raststätten verteilt
worden, mit dem Ziel, die Fahrt vorzeitig zu stoppen? Denn an der dritten
Raststätte in Belgien, an der wir anhalten (ja, mittlerweile kennen wir sie
alle), und die eigentlich auch nur wieder ein verschlossenes Gebäude und mehrere
nutzbare Gebüsche beinhaltet, befindet sich direkt auf der anderen Straßenseite
eine kleine Polizeiwache. Wenn die jetzt sämtliche Gebüschsteher und –hocker
wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses einkassieren, ist die Fahrt vorzeitig
beendet. Aber obwohl sogar ein Polizeiwagen im Schritttempo an uns vorüber fährt
und wir misstrauisch beäugt werden, geschieht nichts. In Belgien herrscht
anscheinend noch die Art Toleranz, die in so manchem Rathaus schon verloren
gegangen ist. Im Gegenteil, wir bekommen sogar noch jemanden dazu: ein junger
Fan des RSC Anderlecht hat sich irgendwie für die Reise angemeldet, steht jetzt
hier an der Raststätte und steigt zu. Was muss der für Eltern haben! Setzen ihn
nachts um drei an einer einsamen belgischen Raststätte aus und hoffen, dass
irgendwann vielleicht ein Bus aus Deutschland vorbei kommt und ihn mitnimmt! Und
siehe da: es hat geklappt.
Was auch
klappt, ist die problemlose Weiterfahrt nach Calais. Gegen ca. 4 Uhr erreichen
wir den Fährhafen. Für die Fähre um halb fünf ist es zwar zu spät, aber das
macht nix, auch mit der um halb sechs sind wir um sechs in England, denn nach
der anderthalbstündigen Überfahrt müssen die Uhren ja eine Stunde zurück
gestellt werden.
Aber die
Tommys lassen nicht jeden auf die Insel. Deshalb muss die ganze Bagage
aussteigen und zusammen mit anderen Reisenden einen kleinen Container entern.
Passkontrolle. Hier versucht man, das langweilige Schlangestehen dadurch zu
kompensieren, indem einige Fortunen den Container ein wenig beben lassen und
dazu singen: „Wer nicht hüpft, der ist ein Zöllner, hey, hey!“ Kreativer Gesang
durch Veränderung nur eines Buchstabens in der Aussprache! Die sonst mit diesem
Schlachtruf benannten Kölner dürfen gerne neidisch werden.
Nachdem
uns noch von einer Matrone im neongelben Leibchen lautstark untersagt worden
ist, dieses Kleinod europäischer Verwaltung fotografisch festzuhalten, werden
unsere Pässe kontrolliert und wir in die Freiheit entlassen. Hierbei weiß der
Rest der Truppe gar nicht, dass die Tour genau an diesem Ort dicht vor dem
Scheitern steht. Mein Personalausweis ist zwar noch gültig, allerdings weniger
als 6 Monate, was ja von manchen Ländern bei der Einreise gefordert wird. Daher
habe ich als Ausweich-Dokument meinen Reisepass mitgebracht, der aber nicht
verlangt wird. Zum Glück, prangt in ihm doch gut sichtbar ein riesiges Visum der
Islamische Republik Iran. Und allein schon das Wort „Islamic“ hätte bestimmt für
einige lustige Verwirrungen bei den Passkontrolleuren gesorgt. In Ami-Land
hätten sie mir wohl mit freundlichem Lächeln sofort mal ein Flugticket nach
Guantanamo Bay über den Tresen geschoben und den gesamte Bus sofort als
terroristisches Umfeld eingestuft, und ich schätze mal, bei den Engländern wäre
ich ähnlich beliebt gewesen. Aber zum Glück will ja niemand den Pass sehen.
Nachdem ein freundlicher Herr hinter dem Schalter es noch ablehnt, Helmchen
einen Einreisestempel in ihren Pass zu hämmern, es sei denn, sie wolle gleich
immigrieren, was sie dann doch nicht vorhat, sind wir durch. Nach einer gewissen
Wartezeit geht es dann auch aufs Schiff, welches um 5.30 Uhr in See sticht.
Es
herrscht ein etwas unruhiges Wetterchen: Seegang 4-5, das heißt, 3,50 Meter hohe
Wellen sowie Wind 6-7, in Böen 8-9, letzteres auch „Sturm“ genannt, aber
wirklich nur in Böen.
Nun, was
soll ich sagen? Eine gewisse berufliche Vorkenntnis der Materie kann ja nicht
von Nachteil sein. Und deshalb lehne ich mich gemütlich in einem Polstersessel
zurück und schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, sind wir in Dover
angekommen. Somit sag ich mal: nette Überfahrt. Dies gilt allerdings nicht für
alle, Düsselboy hat den zuvor tapfer ertrunkenen Mageninhalt auf der Überfahrt
wieder von sich gegeben, es schaukelte wohl etwas zu stark. Ein anderer saß auf
dem Klo, als rechts und links von ihm die eindeutigen Geräusche zweier
unzufriedener Ärmelkanalüberquerer zu hören waren. Da es ihm auch nicht
besonders gut ging, beschloss er vorsichtshalber, sich nicht vom Fleck zu rühren
und schlief dabei ein. Als er aufwachte, war die Fähre menschenleer, und er
schaffte es gerade noch so als Letzter in den Bus. Zur weiteren Unterhaltung
soll wohl noch eine holländische Dame beigetragen haben, die sich mitten im
Salon an einem Pfeiler klammerte, bis ihr Mann sie Richtung Örtlichkeiten davon
führte. Auch unser Hesse war aktiv im Einsatz, jedoch nicht, was die Produktion
von Fischfutter anging, sondern er bemühte sich um europäische Integration,
indem er versuchte, einem englischen Barmann Hessisch beizubringen, allerdings
nur mit mäßigem Erfolg. Der gestresste Servicebedienstete wurde mit dem Hinweis
getröstet, dass auch in Deutschland kaum jemand versteht, was dieser
Menschenschlag so zu sagen hat, wenn er im Dialekt schwelgt. Immerhin, er hat’s
versucht.
Nun
rumpeln wir aus dem Bauch der Fähre an Land und sehen die berühmten Kreidefelsen
von Dover. Unser Fahrer zieht zügig davon Richtung Autobahn und lässt sich auch
durch den Uralt-Witz aller England-Fahrer – „Ey, du fährst auf der falschen
Seite!“ – nicht beeindrucken. Kurz vor London, als das Tageslicht fahl herauf
dämmert, wird noch eine letzte Rast eingelegt. Nun schlägt auch eine weitere
große Stunde der Damen Bekky und Rika: nachdem sie auf der Nachtfahrt schon
einen ganzen Waschkorb voll Fressalien aufgetischt haben, inklusive
selbstgemachter Frikadellen, werden nun belegte Brötchen gereicht. Dazu kann man
Kaffee erwerben, den, so die Durchsage des Hildeners, Busfahrer Waldemar gebraut
hat. Wann und vor allem wie er das gemacht haben will, obwohl er seit Stunden
hinter dem Lenkrad sitzt, bleibt ein Geheimnis, das ich gar nicht tiefer
ergründen möchte, denn ich bin noch ein Mitfahrer, der sich manchmal Sorgen um
seine Sicherheit macht. Nach diesem letzten Stop geht es dann zügig weiter nach
Brentford.
Zwischendurch haben wir übrigens sogar Fußball gesehen. Auf der bordeigenen
Videoanlage lief ein Spiel mit Fußballern in hautengen Trikots und Hosen sowie
unglaublichen Frisuren. Das legendäre Europapokal-Finale von 1979 zwischen
Fortuna Düsseldorf und dem FC Barcelona stand auf dem Programm. Zur Halbzeit
stand es 2:2, dann war Schluss mit der Übertragung. So durfte munter gerätselt
werden, wie dieses Spiel noch ausgehen würde, denn selbstverständlich kannte es
keiner von uns. Eine gelungene Überraschung des Bordpersonals!
Gegen 9
Uhr erreichen wir Brentford, gegen halb zehn steigen wir aus dem Bus aus. Die
halbe Stunde dazwischen vergeht mit elegantem Herumkurven in den engen Gassen
rund um das Stadion zwecks Parkplatzsuche. Hierbei erweist sich Waldemar als
Meister seines Fachs, aber so galant er auch immer um Haaresbreite an den rechts
und links parkenden Autos vorbei manövriert, ein Parkplatz für unseren Bus ist
nicht zu finden. Unfassbar darüber hinaus, dass Helmchen in einer Seitengasse
ein Auto mit deutschem Nummernschild und – Wuppertaler Kennzeichen erblickt.
Wenn jetzt noch Essener auftauchen, fahr ich wieder nach Hause. Erst als der
Hildener mehrfach aussteigt und das Wort an Passanten und an den Wächter eines
Parkplatzes richtet, werden wir eingewiesen und dürfen den Bus auf dem Hof einer
Firma abstellen. Endlich angekommen, nach schlappen 11 Stunden Fahrtzeit.
Es ist
alles ziemlich grau in Brentford, Straßen, Häuser, Himmel, aber wenigstens
regnet es nicht. Als Ausgleich dafür ist es schweinekalt, was aber zumindest
unseren Hessen nicht davon abhält, dem Motto des Busses – remember: Beach Bus –
auch kleidungstechnisch Rechnung zu tragen, er läuft nämlich nur im sommerlichen
Fortuna-Trikot und offenen Hemd auf. Gut, andererseits, was er auf der Busfahrt
so an Alkoholika verputzt hat, dürfte innerlich noch einige Zeit nachglühen,
daher merkt er wohl für die nächsten Stunden nichts von der Kälte. Gewagtes
Outfit!
Zunächst
wird das Stadion von außen begutachtet, es liegt mitten in einem Wohngebiet, die
Flutlichtmasten schätze ich nach prüfendem Blick auf „echt antik“ und habe
Recht. Das Stadion gibt es seit 1904, und ich wette, genau hier an dieser Stelle
ist das Flutlicht erfunden worden und dies sind die Original-Masten. Alles in
allem macht der kleine Ground aber einen netten Eindruck.
Im
Gegensatz zum Pub „The Griffin“, den wir jetzt ansteuern. Im Brentford-Forum
wurde vor der Fahrt stolz verkündet, dass sich an jeder Ecke des Stadions ein
Pub befindet. Leider vergaß man, uns auch die Öffnungszeiten mitzuteilen. Vor 11
Uhr rührt sich hier nix, deshalb verteilen wir uns ein wenig. Ein paar Leute
steigen in den erstbesten Bus nach London, um ein wenig Sightseeing im
Schnelldurchgang zu absolvieren, andere fahren mit, weil sie anscheinend hier
und jetzt erst erfahren, dass in England mit Pfund bezahlt wird und deshalb
zusehen müssen, dass sie noch eine offene Wechselstube oder ähnliches finden.
Ich war bereits einige Male in London und verzichte auf Laufschritt-Sightseeing,
es hätte bei mir eh keinen Zweck. Sobald ich den London Dungeon und die am
benachbarten Themseufer liegende HMS Belfast sehen würde, wäre ich sowieso vier
Stunden nicht zu sprechen, und zum Spiel würde ich es nicht schaffen. Außerdem
ist London immer eine Reise Wert, und ich bin bestimmt nicht das letzte Mal in
der Nähe.
Ein
kleiner Trupp entert den nahegelegenen McDonald’s, den einzigen Betrieb, der um
diese Uhrzeit bereits geöffnet hat. Ein winziger Laden, in dem einige
Einheimische sitzen und der nach unsere Ankunft „ausverkauft“ melden kann,
zumindest, was die Sitzplätze angeht. Bestellungen werden aufgegeben, trotz der
formidablen Verpflegung unserer beiden Damen möchte der ein oder andere
kulinarisch wohl noch was erleben. Und das ist nicht zuviel versprochen, Tess
ersteht einen irgendwie gefährlich aussehenden Burger, schwarzes Fleisch mit
Spiegelei darunter, aber ich überzeuge mich persönlich davon, dass es durchaus
essbar ist, wenn auch staubtrocken. Leider entdecken wir erst nach dem Verzehr,
dass man sich an einem separaten Tischchen die verschieden Saucen selbst
auftragen kann.
Es werden
zwei Kaffee bestellt, einer mit Milch, einer schwarz. Das Ergebnis ist exakt
identisch bis in die letzte Farbnuance und schmeckt wohl auch etwas merkwürdig.
Besser ist da schon der Reibekuchen, der zum Frühstücksburger gereicht wird,
lustige Idee, so was zum Frühstück zu essen. Anschließend wird mit stoischem
Gleichmut abgewartet, bis auch die „normalen“ Burger abgegriffen werden können,
und so kriegen wir die Zeit rum, bis der Pub öffnet. Von Brentford selbst haben
wir ja bereits während unser Parkplatzsuche alles Wichtige gesehen.
Im Pub
sind die Fortunen zunächst unter sich, die ersten Einheimischen treffen nur
zögernd ein. Es ist ein schöner Pub, Teppichboden, ganz viel
Weihnachtsdekoration und eine nette Bedienung, die freudestrahlend auch unseren
Fortuna-Wimpel in Empfang nimmt und neben einen des FC Zürich hängt.
Unglaublich, wer hier so alles vorbeikommt...
Im Gang,
der zu den Toiletten führt, hängen gerahmte Collagen mit ganz vielen Fotos
irgendwelcher Festivitäten, die im Pub stattgefunden haben. Ich sag mal so: sehr
interessant, was die Örtlichkeit hier zu bieten hat, vom Men-Strip bis zu etwas,
das ich mal mangels besseren Wissens, ob es sich hierbei nicht vielleicht doch
um eine Kulturveranstaltung handeln könnte, als „Geschlechtsteil-Raten“
bezeichnen möchte, eine Aufgabe, die, wie der Überschrift im Rahmen zu entnehmen
ist, wohl einem männlichen Geburtstagskind auferlegt wurde. Ja, nette Leute, die
Engländer. Irgendeine Art von Sockenschuss hat hier wohl jeder.
Ein
kleines Team, dem ich mich anschließe, lässt es sich dann nicht nehmen, auch
einen Fortuna-Wimpel am nächsten Eck und somit im nächsten Pub an den Mann zu
bringen, obwohl wir von den Einheimischen gewarnt werden, dass in diesem Pub
meistens die auswärtigen Fans eintrudeln würden, und die aus Colchester seien
„no nice guys“. Aber es ist viel zu früh, niemand ist dort, als wir das „Royal
Oak“ entern, ein Pub mit Vorder- und Hinterzimmer, schön verwinkelt, auch alles
mit Teppichboden, es sieht wirklich so aus, als ob hier jemand einst seine
Wohnung umgebaut hätte. Wir landen im Hinterzimmer, stilecht mit Kamin und
genießen noch ein kühles Getränk, die Ruhe vor dem Sturm.
Bevor wir
wieder in den „Heim-Pub“ zurück kehren, wird jedoch noch der Grundstein zur
Sanierung unseres Vereins gelegt. Es fällt nämlich ein Satz, den man in Stein
meißeln sollte ob der Philosophie, die sich dahinter verbirgt. Gesprochen wird
er von LedZeppelin. Das Diskussionsthema habe ich vergessen, wie so vieles
anderes auch, aber am Ende richtet LedZep den Blick verklärt auf das vor ihm
stehende Bierglas, das als einziges in der Runde noch gut gefüllt ist, und
spricht die entscheidende Worte: „Wenn ich es für gerechtfertigt halte, mich zu
rechtfertigen, rechtfertige ich mich.“ Ich bin sprachlos, aber gleich darauf
entzückt. Denn da der Mann im wirklichen Leben ein Banker ist, kann diese
herausragende Äußerung nur bedeuten, dass da mal wieder eine 30-Mio-Abfindung im
Anmarsch ist. Getreu dem Motto „Safety first“ macht uns LedZep klar, warum er
diese auch behalten wird – dass dabei dann auch die Peanuts abfallen, die zur
Entschuldung unseres Vereins benötigt werden, dürfte relativ klar sein. Es wird
Geschichte geschrieben in Brentford, sowohl philosophisch als auch sportlich –
und ich bin dabei! Danke, sag ich nur.
Als wir
ins „Griffin“ zurück kehren, ist es dort erheblich voller, Einheimischen und
Fortunen sind in angeregte Gespräche vertieft. Auf einer Leinwand im Hintergrund
läuft die Live-Übertragung eines Spiel der First Division (hier nun die Frage,
ob ihr gut aufgepasst habt: welche Liga ist das?), die bereits um 13.00 Uhr
spielt, FC Reading gegen Queens Park Rangers. Lauthals wird Reading von den
Einheimischen supportet, was aber nicht an irgendwelchen Fan-Freundschaften
liegt, sondern eher im Gegenteil daran, dass die Queens Park Rangers der hiesige
Erzfeind sind. Ich schaue immer mal wieder hin, sehe im gesamten Spiel viel
Einsatz, aber keine Torchance, und einen sehr kuriosen Siegtreffer der
Gastgeber, einen Freistoß, der als Flanke gedacht war, aber eher versehentlich
vom Innenpfosten ins Tor kullert. Wie kurios das Ding war, lässt sich anhand des
Gesichts des Torschützen ausmachen, das gleich darauf in Großaufnahme erscheint,
der lacht sich nämlich schlapp. Aber was soll’s, Reading gewinnt, und die
Brentford-Fans im Pub, die immer zahlreicher werden, sind zufrieden.
Es kommt
übrigens des öfteren die Frage auf, was in Gottes Namen wir ausgerechnet hier zu
suchen haben. In Deutschland hätte als Begründung „Wir sind doch Fortuna-Fans“
vollkommen ausgereicht, hier wird es ein wenig schwieriger. Aber so sehr sie
auch über uns staunen, so sehr sind sie auch von der Idee angetan.
Nachdem
der Hildener für einige Leute die Karten besorgt hat (17 Pfund Eintritt für ein
Drittliga-Spiel...na ja, jetzt weiß ich wenigstens, von wem unsere
Arena-Betreiber bei der Festlegung ihrer Eintrittspreise inspiriert worden sein
könnten), ziehen wir gegen viertel nach zwei los, um die ca. 100 Meter
(hochgerechnet) zum Stadion zurückzulegen. Mittlerweile stehen die Leute vor dem
Pub auf der Straße, so voll ist es drinnen geworden. Am Stadion selbst wird uns
der Zutritt verwehrt, aber nur, weil wir den falschen Eingang benutzen. Einmal
von Schalter 1 zu Schalter 3 gewechselt, und schon geht es. Keine
Personenkontrolle, keine Taschenkontrolle, gar nix. Ach ja, Polizei habe ich
gesehen. Genau zwei Mann, die kurz vorher mal ins Pub reinschauten,
wahrscheinlich um die Leute darauf aufmerksam zu machen, dass es bald los geht,
denn der Engländer ist anscheinend jemand, der gerne auf den letzten Drücker
kommt. Ansonsten ist nichts und niemand in Uniform zu sehen.
Wir
betreten also das Stadion und werden von der Heilsarmee begrüßt. Jawohl, die
Abordnung der Salvation Army aus Twickenham steht hinter dem Eingang in vollem
Ornat, mit allen Instrumenten, die eine Weihnachtskapelle so braucht, und
schmettert Andächtiges zur Adventszeit. Damit der Besucher auch begeistert
mitsingen kann, sind im Stadionheft die wichtigsten Hymnen mit Text abgedruckt.
„Once in Royal Davd’s City, „O little Town of Bethlehem“ und „Hark the Herald
Angels sing“ sind mir dabei relativ neu – Kulturauftrag somit erfüllt! Und damit
auch alles reibungslos klappt, ist sogar der Text von „We wish you a merry
Christmas“ angegeben, der bekanntermaßen aus genau zwei Zeilen besteht. Die
christlichen Kämpfer überlassen nichts dem Zufall, und so herrscht eine
heimelige Atmosphäre. Und wenn man noch Fragen zum Thema hat – ebenfalls kein
Problem. Ort und Datum aller vor- und nachweihnachtlichen Veranstaltungen
sämtlicher Brentforder Kirchen stehen nämlich auch im Heft. Fehlt eigentlich nur
noch der Hinweis „Sponsored by the Holy Spirit“ oder so ähnlich.
Aber nun:
was ist das wichtigste im Stadion, wenn das Spiel nicht läuft? Natürlich, die
Verpflegung. Eine Imbissbude offeriert Hamburger und Cheeseburger, im viertel-
oder halbpfündigen Angebot. Man bekommt ein leichenblasses Brötchen, das niemals
einen Toaster, Backofen oder den Grill auch nur von weitem gesehen hat. Reizvoll
ist dann allerdings der farbliche Kontrast zum Fleisch, welches auch hier
teilweise gut geschwärzt daher kommt. Jaja, die Tommies: entweder ist das
Fleisch „rare“, was nichts anders bedeutet, als dass dem Stück mal zur
Abschreckung ein Grill gezeigt und es dann serviert wird, ohne mit diesem
praktischen Gerät zur Erhitzung von Speisen in Berührung gekommen zu sein, oder
es ist „well-done“ – Schuhsohle. Der findige Geschäftsmann besorgt sich ein
Messer, schneidet drei Streifen rein und verkauft es dann als adidas-Turnschuh.
Aber hier gibt’s frische Zwiebeln vom Grill mit dazu, und die Saucen stehen
wieder zur freien Benutzung herum, also das geht doch. Was eigentlich gar nicht
geht, ist der Preis von 3,60 Pfund, aber der scheint hier sowieso Nebensache zu
sein. Dreimal wird bestellt, dreimal wird falsch rausgegeben. Vielleicht ja auch
ein Anflug von christlicher Nächstenliebe vor den anstehenden Feiertagen.
Außerdem werden Hot Dogs angeboten und noch so einiges mehr, das ich erfolgreich
verdrängt habe. Die Cola kostet 60 Pence, das ist mal ein fairer Preis,
Bierausschank habe ich nicht gesehen. Als Biertrinker wird man auch an seiner
persönlichen Bewegungsfreiheit gehindert, denn direkt am Beginn des Gangs, der
hinter der Tribüne zu den einzelnen Eingängen führt, sagen ein Schild und die
zusätzlich auf den Boden gemalte gelbe Linie unmissverständlich: „No alcohol
beyond this point!“ Schwere Zeiten für den gemeinen Fan.
Wir
wollen nun auch die Tribüne betreten. Hierzu wird zunächst die ominöse
Alkoholsperre passiert, anschließend wird noch ein Schild gesichtet, das daran
erinnern soll, dass der Begriff „Gentleman“ nicht von ungefähr aus England
stammt: groß und deutlich heißt es nämlich: „Polite Notice – please leave
quietly – but whilst inside...cheer as loud as you can!“ Erstaunlich, gelinde
gesagt.
Unsere
Eintrittskarten gelten für den Paddock, so stehts jedenfalls drauf. Und bevor
die Pferdefreunde unter uns sich jetzt schlapp lachen, ich weiß auch, dass damit
eigentlich eine Pferdebox gemeint ist, die nach vorne offen ist und dem
Vierbeiner so einen gewissen Auslauf in seinem eigenen Zuhause garantieren soll.
Aber es steht nun mal auf der Karte. Wir finden es auch gleich, es handelt sich
um die vordersten Reihen direkt an den Werbebanden und somit direkt am
Spielfeld. Keine Zäune, keine Gräben, gar nix. Wer während des Spiels mal eben
schnell eine Entscheidung des Linienrichters, der drei Meter entfernt vorbei
trabt, mit diesem persönlich ausdiskutieren möchte, kann dies ohne Probleme tun.
Dass er es im Normalfall nicht tut, das liegt an einem Schild, das in
regelmäßigen Abständen auf den Rückseiten der Werbebanden klebt und darüber
informiert, was hier alles verboten ist und unter Strafe gestellt wird. Dazu
gehört unter anderem auch das Betreten des Spielfeldes, und daran halten sich
die Leute, denn im englischen Fußball werden rigoros Stadionverbote erteilt und
durchgezogen, das will niemand riskieren. „Throwing missiles“ ist im übrigen
auch verboten, und auch wenn damit wohl eher Feuerwerkskörper gemeint sein
dürften, so bin ich doch beruhigt, dass aufgrund dieses Verbots während des
Spiels wohl nicht mit dem Einschlag von Scud-Raketen zu rechnen ist. Ist auch
wichtig in heutiger Zeit!
Wir
lernen übrigens ein lustiges Spiel in diesem Stadion, für mich die Auffrischung
meiner Kindergartenzeit. Es heißt „Weggegangen, Platz vergangen“. Der Sitzplatz
ist nämlich zwar auf der Karte genau angegeben, aber niemand hält sich daran.
Solange man im richtigen Block ist, kann man sich hinsetzen, wo gerade Platz
ist. Ist gerade keiner mehr da, hat man Pech gehabt, wie einige von uns nach der
Pause feststellen werden.
Auf dem
Platz wärmt sich gerade die Mädchenmannschaft der U14 des Brentford FC auf, die
dürfen nämlich gleich mit den Teams einlaufen. Das haben sie sich auch verdient,
stehen sie doch in ihrer Liga an der Tabellenspitze. Nebenbei erobert die
Heilsarmee den Rasen und auch das Maskottchen springt neckisch ein wenig herum.
Es soll eine Biene sein, die Fans nennen sich auch „Brentford Bees“. Das
rot-weiß gestreifte Trikot, das das possierliche Kerlchen trägt, sieht jetzt
farblich zwar nicht so aus, wie ich eine Biene ungefähr in Erinnerung habe, aber
mein Gott – ich war noch nie im Hochsommer in England, was weiß ich, wie dort
die Bienen aussehen?
Wir
werden vom Stadionsprecher begrüßt und müssen uns für ein Erinnerungsfoto auf
der Tribüne positionieren. Oha, da fotografieren uns direkt vier Herren
minutenlang. Die können doch nicht alle von der Stadionzeitung sein, vielleicht
kommen wir ja noch ins Lokalblättchen? Erstaunlich, was man mit einer komischen
Idee alles so bewirken kann...
Das
Stadion ist wie gesagt ein typisch englisches, reines Fußballstadion mit antiken
Flutlichtmasten, drei Tribünen sind überdacht, hinter einem Tor befindet sich im
Unterrang anscheinend die „Singing Area“ mit Stehplätzen, nur der Gästeblock
hinter dem anderen Tor befindet sich unter freiem Himmel, so dass die
mitgereisten ca. 150-200 Fans von Colchester ordentlich nass werden würden, wenn
es denn regnen würde. Aber das tut es nicht, es ist nur arschkalt.
Die gut
lesbare Werbung auf dem Vordach der Gegentribüne erstaunt dann doch etwas,
weithin sichtbar ist dort „Qatar Airways“ gepinselt, nebst arabischer
Übersetzung direkt daneben. Vielleicht wäre ich mit meinem Reisepass hier doch
nicht so falsch gewesen?
Und jetzt
laufen die Mannschaften ein, mit ordentlichem Applaus begrüßt. Dieser steigert
sich jedoch zum Orkan, als der Trainer den Rasen betritt und zur Trainerbank
schreitet, Martin Allen scheint hier so beliebt zu sein wie bei uns Freibier,
einen solchen Enthusiasmus gegenüber einem Übungsleiter erlebt man eigentlich
eher selten und bei Fortuna schon gar nicht.
Nachdem
auch das Maskottchen vom Rasen herunter komplimentiert wird, kann das Spiel
beginnen. Und nach exakt 30 Minuten verzeichne ich auch den ersten Torschuss.
Vorher gibt es Kick and Rush in höchster Vollendung zu bewundern und
Blutgrätschen, dass ich sicher bin, ein Hollerbach hätte den Platz nie mehr
verlassen vor lauter Glück, endlich seine wahre Bestimmung gefunden zu haben.
Die insgesamt 5.500 Zuschauer machen ordentlich Lärm und gehen gut mit, obwohl
es wirklich nicht viel zu beklatschen gibt, das Spiel hat zwar mächtig Tempo, es
geht hin und her, aber am jeweiligen Sechzehner ist immer Schluss. Dennoch
rennen, kämpfen und grätschen sie, als ob es am nächsten Tag verboten werden
würde, und das gefällt den Zuschauern.
Kurz vor
der Halbzeit gibt es dann nach einem etwas höheren Abflug eines Brentforder
Spielers noch eine schöne Rudelbildung, jeder schubst jeden und jeder meckert
jeden an. In Deutschland würden jetzt mindestens vier Spieler vom Platz
gestellt, hier geht der Schiri resolut dazwischen und macht mit einigen harschen
Handbewegungen klar, dass man auseinander gehen solle – und sie tun es
tatsächlich. Die Fans applaudieren, es wurde schließlich guter Einsatz gezeigt.
Der
Schiri, der im übrigen alles im Griff hat und nur eine einzige Gelbe Karte
zeigen wird (jeder Schiedsrichter-Obmann in Deutschland hätte dem Mann nach dem
Spiel wahrscheinlich drei Wochen „Denkpause“ verordnet), entscheidet das Spiel
schließlich auch. Mittels elektronischer Anzeige, wie man sie auch von
internationalen Spielen kennt, wird nämlich eine Nachspielzeit von einer Minute
angezeigt. Als diese abgelaufen ist, gibt es Eckball für Brentford, und den
lässt der Schiri noch ausführen, quasi Nach-Nachspielzeit. Vor uns an der
Seitenlinie marschieren übrigens gerade ganz viele Mütter und Väter mit ihren
Kindern, Mitglieder einer Jugendmannschaft, Richtung Ausgang. Als sie sehen,
dass es Eckball gibt, und sie weiterhin feststellen, dass sie es alle bis zur
Ausführung nicht mehr zum Ausgang schaffen und somit den vorn an der Bande
sitzenden Zuschauern den Weg versperren, gehen sie in die Hocke und warten die
Ecke ab! Dafür von mir herzlichen Dank, denn so komme auch ich in den Genuss des
Goldenen Tores: der Eckball wird zu kurz abgewehrt, Tohuwabohu im
Colchester-Strafraum, jeder darf mal einen Schuss probieren, und schlussendlich
ist es John Salako, der die Kugel aus 16 Metern flach zum 1:0 in die rechte
untere Ecke hämmert. Der Schiri lässt zwar noch mal anstoßen, pfeift aber gleich
darauf die Halbzeit ab, und das Heimteam wird jetzt natürlich mit frenetischem
Applaus in die Kabine verabschiedet. Was für ein Paukenschlag!
In der
Pause wird zunächst die Örtlichkeit besucht, eine Anlage, von der ich nach
eingehender Betrachtung annehmen darf, dass auch sie zum Gründungsinventar des
Stadions gehört, nicht sehr schön, aber zweckmäßig. Danach begeben wir uns in
den Container, der den Fan-Shop beherbergt und staunen Bauklötze. Zunächst mal
über das Angebot, welches sehr umfangreich ist, für einen Drittligisten
erstaunlich, es gibt quasi alles, vom Schnuller bis zu kompletten
Spieler-Outfits inklusive Trainingsanzug. Des weiteren staune ich über die
Kauflust der Fans. Was da allein alles in der Pause über den Tisch geht, ist
schon beeindruckend. Die Leute kaufen, was das Zeug hält, und das obwohl es zum
Beispiel aus der aktuellen Saison schon drei verschiedene Trikots zu bestaunen
gibt, und sicherlich noch ein viertes hinzukommen wird, wie es bei englischen
Vereinen Usus ist. Obwohl man der Meinung sein könnte, eins pro Saison dürfte
reichen, gehen auch die anderen gut weg. Ich erstehe schließlich ein rot-weiß
gestreiftes Heim-Trikot, das eine Besonderheit darstellt, da auf der Brust nicht
nur das Brentford-Wappen eingenäht ist, sondern zusätzlich ein Schriftzug
„1904-2004 100 Years at Griffin Park“. Dies lässt mich vermuten, dass es sich ab
der nächsten Saison um eine kleine Rarität handeln könnte. Obwohl, wie ich die
geschäftstüchtigen Engländer kenne, bringen sie nächstes Jahr ein neues heraus,
auf dem dann „101 Years at Griffin Park“ steht. Sei’s drum, ein schönes
Souvenir, und mit 26,99 Pfund zwar nicht ganz unbillig, allerdings noch im
Rahmen. Für ein paar Pfund mehr kann man es auch mit Rückennummer und eigenem
Namen beflocken lassen, aber das würde wohl zu lange dauern. Trotz des somit
verbleibenden weißen Flecks auf dem Rücken ein schönes Teil.
Im
Fanshop komme ich dann noch kurz mit einem der Einheimischen ins Gespräch, der
zuvor auch schon bei unserer Begrüßung anwesend war, vielleicht also ein
Offizieller. Der entschuldigt sich wortreich für das Spiel seines Teams, das er
ausdrücklich als „awful“ bezeichnet. Hätte mich auch gewundert, dass die Fünfter
sind, wenn sie immer so spielen würden. Aber was soll’s, ich erkläre ihm kurz,
dass wir ein Drittliga-Aufsteiger sind und in dieser Beziehung in den letzten
zwei Jahren so gut wie alles gesehen haben, sodass uns das nicht mehr schocken
kann. Er ist beruhigt und verspricht Besserung.
Und wie
Recht der Mann doch hat! Denn kaum haben wir uns zu Beginn der 2.Halbzeit mal
wieder ein paar noch freie Sitzplätze gesichert (nicht dieselben wie in Halbzeit
1), geht es auch schon mächtig rund. Pfostenschuss für Colchester, im Gegenzug
Lattentreffer für Brentford – somit ist in diesen 60 Sekunden mehr passiert als
in der gesamten ersten Halbzeit. Nun wird es auch ein gutes, spannendes Spiel,
es wogt hin und her, Colchester drückt und Brentford kontert. Aufgrund der
zweiten Halbzeit muss man sagen, dass durchaus noch mehr Tore hätten fallen
können.
Aber es
bleibt beim 1:0 für Brentford, nachdem wir kurz vor Schluss noch Erstaunliches
beobachten können: Colchester drückt, es gibt Einwurf unmittelbar vor unseren
Plätzen, und der Linienrichter winkt den Spieler zurück – falscher Einwurf,
Ballbesitz für Brentford. Der Spieler von Colchester, ein gewisser Sam Stockley,
dreht sich zum Linienrichter um und überschüttet diesen mit einem Wortschwall,
bei dem hierzulande so mancher rot angelaufen wäre. Das böse Wort mit „f“ kommt
gleich mehrfach vor, außerdem leistet er sich bedenkliche Schmähungen gegen die
Vorfahren des armen Fähnchenschwenkers. Der Spieler kriegt sich gar nicht mehr
ein. In Deutschland hätte es für derlei Unverschämtheiten sofort drei Rote
Karten gleichzeitig gegeben, hier winkt der Assi nur ab und scheucht den Spieler
weg. Beeindruckend, der Mann muss eine wahre Elefantenhaut haben. Und so ist es
dann auch eine Minute später vorbei, Brentford gewinnt ein teils schwaches,
teils gutes Spiel, das aber immer spannend war, und darf weiter vom Aufstieg
träumen. Ein großes Erlebnis.
Nach dem
Spiel schießt einer der Offiziellen noch ein Erinnerungsfoto von uns vor dem
Eingang zur Tribüne, wobei auch einige kräftige Fortuna-Gesänge vom Stapel
gelassen werden, was die Umstehenden sehr irritiert, schließlich haben sie alle
ihr Schild gelesen und gehen ruhig nach Hause. Und während wir noch einmal die
Verpflegungsbude in Beschlag nehmen (natürlich wird falsch rausgegeben), erfüllt
sich wieder einmal das Sprichwort „Die Welt ist ein Dorf“. Mich sprechen nämlich
auf einmal zwei Zuschauer in gutem Deutsch an. Letzteres verwundert dann doch
nicht, es sind nämlich beides Deutsche. Der eine ist hier für ein wenig
Groundhopping, wie er es ausdrückt, der andere arbeitet wohl schon seit einiger
Zeit in Southampton und hat den einen bei der Organisation seiner Tour ein wenig
unterstützt. Reiner Zufall also, dass wir die beiden hier und heute treffen. Der
Groundhopper ist aus – Köln und der Organisator aus Southampton kommt eigentlich
aus – Hilden. Unfassbar. Vor allem, dass man hinfahren kann, wo man will –
irgendwie laufen einem immer Kölner über den Weg...
Nach dem
Spiel versuchen wir, den Griffin Pub zu entern, scheitern aber schon vor der
Tür, es ist knüppelvoll drinnen. Also wird nochmals der „Gäste-Pub“ aufgesucht,
die Gästefans sind ja längst weg. Dort verbringen wir noch ein lauschiges
Stündchen, bis es Zeit ist, zum Bus zurückzukehren. Hier nun harren wir der
Dinge, die da kommen, sprich, ob alle Leute es bis 19 Uhr Abfahrtszeit schaffen.
Und tatsächlich, zur Abfahrtszeit sind sie alle da, selbst unser vermuteter
Problemfall hat sich erledigt: unser guter Wone war nämlich schon seit Stunden
verschollen, da er ungefähr 13 Bier zuviel getankt hatte (nur eine grobe
Schätzung meinerseits). Er hatte es wohl auch nicht zum Spiel geschafft, wie man
so hörte. Wir haben alle schon vor Augen, mit einem Suchtrupp quer durch
Brentford zu ziehen, um ihn irgendwie wieder aufzutreiben. Als wir am Bus
angekommen, liegt er allerdings bereits quer über seiner Sitzbank und schläft
(als hätte er geahnt, was kommt, hatte er nämlich keinen Beisitzer in seiner
Reihe). Wie wir erfahren, ist er wohl noch vor dem Spiel von irgendwelchen
wohlmeinenden Engländern quasi bewusstlos mit einem Wagen zum Bus gebracht
worden. Da ich mal annehme, dass er sich nicht mehr so ganz verständlich machen
konnte, werden sie wohl die gesamte Innenstadt abgefahren haben, bis sie den
einzigen deutschen Bus gefunden haben, der dort zu sehen war. Eine große Geste!
Um Punkt
19 Uhr wird abgefahren, da unser Fahrer die Fähre in Dover um 23 Uhr erreichen
will. Unterwegs wird der Aufsichtsrat, der sich tagsüber in London die Hacken
abgelaufen hat, anschließend im „Griffin“ noch groß aufgedreht haben muss und
eigentlich nur schlafen will, von Tess munter wach gehalten, die sich an die
Maxime erinnert, dass gerade Entscheidungsträger bei der derzeitigen Situation
des Vereins hellwach zu sein haben. Sie schafft es auch locker, die Jungs ein
wenig um ihren Schlaf zu bringen. Eine anstrengende Aufgabe, über die sie bald
selbst einschläft. Unser Orga-Team möchte uns jetzt zeigen, wie dieses ungemein
spannende Spiel der Männer in den hautengen Trikots von 1979 ausgegangen ist.
Getreu dem Motto „Was bisher geschah“ wird noch einmal die komplette erste
Halbzeit gezeigt. Für die anschließende zweite Hälfte haben sie sich etwas
Besonderes einfallen lassen und stellen einfach auf Radioreportage um, da das
Bild leider nur noch Schnee hergibt. Und Ernst Huberty kommentiert ja auch sehr
anregend, so ca. alle 5 Minuten mal ein Satz. Deshalb sinke auch ich in
bleiernen Schlaf, und als ich aufwache stehen wir in Dover an der Fähre. Keine
Ahnung also, wie dieses Spiel ausgegangen sein könnte. Aber ich bin sicher, auf
der nächsten Tour werde ich es erfahren.
Die
nachfolgende Überfahrt verläuft ruhiger als in der Nacht zuvor, was auch daran
liegt, dass diese Fähre um einiges größer ist als die andere und dadurch
natürlich ruhiger im Wasser liegt. Im Shop erstehe ich noch eine Riesenpackung
Toblerone, dreimal vierhundert Gramm, über ein Kilo Naschwerk, in einer großen
Umverpackung zusammen geführt, so groß, mit der könnte man zuhause auch
Einbrechern eins über den Schädel zimmern, sieht aus wie ein Baseballschläger.
Das reicht bis zur nächsten Auswärtsfahrt. So überqueren wir mit Tausenden von
Holländern, so kommt es mir jedenfalls vor, den Ärmelkanal und sind um halb zwei
Ortszeit wieder in Calais.
Auf der
anschließenden Weiterfahrt nach Düsseldorf trennt sich die Spreu vom Weizen.
Tess nickt sofort wieder ein, frosch gibt auf, allerdings in der Schlafhaltung
des erprobten Letzte-Reihe-Outlaws: aufrecht sitzend, den Kopf auf die Brust
fallen lassen, zwischen den Knien noch die halbvolle Bierflasche. Letzteres
versuche ich noch zu ändern, bevor der Teppichboden durch die eventuell hinab
fallende Flasche gewässert wird – keine Chance, er hält sie eisern fest, mit dem
sturmerprobten Griff vieler Auswärtsfahrten. Na ja, was soll’s, ist ja nicht
mein Teppich. Erschüttert über meine eigene Verantwortungslosigkeit schlafe ich
gleich darauf auch ein. Zwischendurch allerdings werden wir noch mal wach und
stellen fest, dass es ziemlich zugig ist, denn die Klimaanlage gibt mal wieder
ihr bestes. Helmchen zieht daraufhin ihre Reiner-Calmund-Gedächtnis-Decke aus
dem Gepäckfach, die locker für die ganze letzte Reihe reichen würde, aber die
beiden anderen Herrschaften zieren sich. Insbesondere frosch möchte nicht mit
einem Rentner verwechselt werden. Dabei kann der doch froh sein, dass wir mit
dem Teil nicht jetzt und hier noch ne Verkaufsshow starten, vielleicht finden
sich ja auch irgendwo noch ein paar Kochtöpfe, die man verticken könnte. Aber
gut, wer nicht will, der hat schon, ich hab’s schön wärm, während die beiden
anderen zwischendurch immer mal das ein oder andere Alt nachkippen müssen, um
sich wieder innerlich aufzuheizen. Tja, und da auch das Bier mittlerweile etwas
wärmer ist, darf diese Tätigkeit durchaus noch als „voller Einsatz“ gewertet
werden. Sie haben wirklich alles gegeben.
Ansonsten
bekomme ich von der Rückfahrt nicht allzu viel mit, außer der Tatsache, dass wir
gegen drei Uhr morgens unseren belgischen Freund wieder an der Raststätte bei
Anderlecht aussetzen. Ich hoffe, er hat ein Zuhause gefunden. Immerhin haben wir
ihn ja nicht angeleint, so schlecht sollten die Chancen also nicht sein. Hut ab
vor ihm, der, so glaube ich, von allen Anwesenden die bekloppteste Idee gehabt
hat. Aber das ist nun mal Fußball!
Gegen
sechs Uhr trudeln wir in Düsseldorf ein, um halb sieben werden die Letzten der
tapferen Schar in Hilden entlassen. Hier stellen Helmchen und ich fest, dass ihr
Wagen über und über mit Eis verkrustet ist und wir reinigen die Scheiben
lautstark mit zwei Eiskratzern gleichzeitig – sonntags morgens um halb sieben in
einem Hildener Wohngebiet. Aber wir schaffen es auf die Autobahn, ohne einem
wütenden Lynchmob mit Fackeln und Heugabeln zu begegnen, der in seiner
wohlverdienten Sonntagsruhe gestört wurde. Vom Kölner Hauptbahnhof geht
tatsächlich selbst um diese nachtschlafende Zeit schon ein Zug nach Bonn, und um
kurz nach neun bin ich wieder zuhause.
Fazit:
eine abwechslungsreiche Reise, die sehr viel Spaß gemacht hat, und die wir gerne
wiederholen dürfen. Ich glaub, jeder aus dem Bus wäre wieder mit dabei,
Terminfreiheit vorausgesetzt:
Düsselboy,
um einen „Mir geht’s gut auf dem Ärmelkanal“-Doppelpack auf Hin- und Rückfahrt
zu schaffen;
Bekky und
Rika, damit es beim nächsten Mal auch Schnitzel gibt, oder vielleicht das ein
oder andere Stück selbstgemachte Pizza; nach dieser Verpflegungsorgie traue ich
den beiden alles zu;
Tess,
weil da noch einige offenen Fragen bezüglich ihrer Referentinnenstelle bestehen,
außerdem kann sie in der Zwischenzeit noch ein wenig an ihrem Schal weiter
stricken, der dann vielleicht auch als Schleppe getragen werden kann;
frosch,
um weiter für seine mehrfach lautstark geäußerte Forderung, bei McDonald’s auch
vor 11 Uhr morgens „normale“ Burger zu servieren, kämpfen zu können;
Helmchen,
um ihre neue Fortuna-Decke auftragen zu können, die sie bis dahin sicherlich
haben wird;
Hesse,
weil es noch so viele englische und französische Besatzungsmitglieder an Bord
von Fähren gibt, die hinsichtlich der Sprache missioniert werden müssen;
Wone, um
irgendwann mal rauszufinden, wo er am 18.12.2004 eigentlich gewesen ist;
und ich,
um mir hinterher einzugestehen, dass man zwar seitenweise über eine solche Tour
schreiben kann, aber trotzdem bestimmt noch so einiges vergessen oder verpasst
hat.
Vielen
Dank allen Organisatoren, die dies möglich gemacht haben, insbesondere dem
Hildener, und an alle, die dabei waren, ihr wart ne Super-Reisegruppe. Und da es
für irgendwelche Weihnachtsgrüße jetzt eh zu spät ist, verabschiede ich mich in
die Winterpause mit den besten Wünschen für einen guten Rutsch und ein
erfolgreiches neues Jahr 2005.
Es grüßt:
janus-Bee
PS. Bevor
ich massig Fotos klaue und hier reinsetze, verweise ich lieber darauf, dass es
sehr schöne Bilder auf der Seite des Hildeners (www.footballtribune.de,
unter „Brentford“ bzw. „Friedie“), auf der vom frosch (www.altstars.de,
Bericht „Frosch mit in Brentford – endlich wieder auf Klassenfahrt“) und
natürlich bei pro-fortuna.de (Bekky’s Bericht – Fotos I – Fotos II“) gibt. Viel
Spaß beim Angucken!
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