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That’s
Entertainment!
oder
Willst du am Ostersamstag keine Leute sehen,
musst du zur Regionalliga gehen
10.04.2004: 1. FC Köln (A) – VfR Neumünster 1:2
Die Idee
kommt mir beim Einkaufen. Beziehungsweise beim Versuch des Einkaufens. Am
Samstag Vormittag mache ich mich nämlich zum nahe gelegenen Supermarkt auf, mit
der Absicht, lediglich zwei Kisten Leergut abzugeben und einen neuen Kasten
Trinkbares zu erwerben. Vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten. Als ich den
Supermarkt betrete, vergesse ich jedoch alles, was ich geplant habe. Der Laden
ist unfassbar voll, und obwohl alle drei Kassen geöffnet sind, was ich noch nie
erlebt habe, stehen die Leute bis zur Tiefkühltruhe, was eine Distanz von
ungefähr zwanzig Metern bedeutet. In drei Reihen, wohlgemerkt. Schnurstracks
verlasse ich dieses überfüllte Etablissement und erledige den Getränkekauf am
nächst gelegenen Kiosk, auch wenn’s etwas teurer ist. Es gibt Tage, da darf man
nicht wählerisch sein.
Auf dem
Rückweg denke ich darüber nach, woher diese Kaufwut wohl kommen könnte. Hätte
ich heute morgen vielleicht doch die Zeitung lesen sollen? Oder vielleicht mal
den Fernseher einschalten? Wird irgend etwas rationiert? Aber eigentlich hatten
sämtliche Leute nur die normalen Lebensmittel in ihren Einkaufswagen, wenn auch
etwas mehr als sonst. Es scheint demnach tatsächlich immer noch so zu sein, dass
die Tatsache, dass nunmehr zwei Tage am Stück folgen werden, an denen die
Geschäfte geschlossen haben, bei den meisten Leuten hierzulande die Vision eines
unmittelbar bevorstehenden 1000-Bomber-Angriffs auf ihre Stadt hervor bringt.
Ein Volk auf der Hut, selbst diejenigen, die beim letzten Bombardement noch
nicht einmal geplant waren, haben diese Hamster-Philosophie anscheinend mit der
Muttermilch aufgesogen und kaufen Vorräte für die nächsten 4 Wochen, sobald sie
mal 48 Stunden konsumtechnisch nicht nachbessern können. Ob auch aus diesem
Grund große deutsche Frauenzeitschriften immer die beste Auflage haben, wenn sie
circa sechsmal im Jahr die wirklich bequeme, billige und natürlich einzigartige
neue Diät anpreisen, wäre vielleicht auch mal ne Studie wert.
Aber
nicht von mir und nicht heute. Da ich mir lebhaft vorstellen kann, wie es in der
Bonner Innenstadt aussieht, wenn hier schon ein Stadtteil-Supermarkt aus allen
Nähten platzt, haben sich meine Pläne, vielleicht ein bisschen bummeln zu gehen,
somit auch erledigt. Mag es noch so kontrolliert sein, auch auf kontrolliertes
Chaos habe ich heute keine Lust.
Zuhause
angekommen, nehme ich mal das unbestechliche kicker-Sonderheft zur Hand, um zu
eruieren, ob es sich heute lohnen könnte, ein Fußballspiel vor Ort anzusehen,
denn morgen bin ich auf dem Goethes-Erben-Konzert in Essen und übermorgen spielt
der Oberligameister der Herzen, Fortuna Düsseldorf. Wie krieg ich also den
Samstag rum, wenn ich schon etwas unternehmen will?
Leverkusen gegen Kaiserslautern lockt, aber das Spiel ist, wie allen anderen
Partien in der BayArena normalerweise auch, bestimmt schon ausverschenkt. Die
Zweite Liga spielt ja samstags nicht mehr, dank Herrn Kirch. Wie wäre es mit dem
Spitzenspiel der Regionalliga Nord, RW Essen gegen den Wuppertaler SV? Bestimmt
volle Hütte, aber bestimmt auch eine gute Chance voll eins zwischen die Hörner
zu bekommen. Zumal das Osterfest symbolisch eher für „Frieden“ denn für Fans von
RW Essen oder Wuppertal steht. Außerdem will ich mich ja auch ein wenig
amüsieren, und dazu zählen Spiele dieser beiden Klubs für mich nun wirklich
nicht. Und schließlich, wie gesagt, bin ich ja am Ostersonntag bereits in Essen.
Einmal im Jahr reicht auch völlig.
Aber -
was springt mir da ins Auge? Heute, 14 Uhr, Regionalliga Nord, 1.FC Köln (A)
gegen VfR Neumünster, ein echter Abstiegsknaller. Eine Gelegenheit, sich mal
einen potentiellen Gegner der Fortuna in der nächsten Saison anzusehen, für den
Fall, dass der Aufstieg gelingt. Wohlgemerkt, einen. Denn der VfR Neumünster ist
abgeschlagener Tabellenletzter der Liga und wird wohl sicher absteigen. Zwei
Spiele haben die Schleswig-Holsteiner in dieser Saison erst gewonnen, und beide
in den letzten beiden Wochen, zuvor waren sie komplett sieglos und nur mit 9
Unentschieden durch die Saison gesegelt. Trotzdem eine sympathische Mannschaft,
wie ich finde, die fast ausschließlich aus Feierabendfußballern besteht und
diese Saison mit Anstand zu Ende spielt.
Die
Kölner Amateure hingegen können den Abstieg noch erfolgreich vermeiden, drei
Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz (Wattenscheid 09) stehen vor der
Partie zu Buche. Die junge Truppe von Trainer Christoph John ist natürlich
klarer Favorit in diesem Spiel.
Hm,
Kölner Bubis gegen Neumünsteraner Hobbykicker klingt jetzt auch nicht nach
großartiger Unterhaltung. Aber, wie gesagt, es gibt Tage, da darf man nicht
wählerisch sein.
Außerdem
könnte es schon aufgrund zweier Spieler ganz interessant sein, sich dieses Spiel
anzusehen. Zunächst wegen Neumünsters Spielertrainer Antoine Hey, Ex-Fortune,
und im letzten Herbst nach der ersten Niederlagenserie des VfR geholt. Zum
anderen spielt bei den Rasensportlern seit der Winterpause auch Christian
Knappmann, bis Saisonende ausgeliehen von den Offenbacher Kickers, ein Spieler
also, der zum Schluss dieser Spielzeit möglicherweise mit zwei Klubs
gleichzeitig abgestiegen sein könnte. Schafft auch nicht jeder.
Dieser
Herr Knappmann ist ein ehemaliger TuRU-Düsseldorf-Spieler, der momentan laut
Presseberichten im Falle eines Aufstiegs beim derzeitigen Tabellenführer der
Verbandsliga Niederrhein als Rückkehrer im Gespräch ist. Rein zufällig ist er
auch noch der Sohnemann einer ehemaligen Arbeitskollegin von mir aus Düsseldorf.
Und schließlich hat der Stürmer bereits Neumünsteraner Geschichte geschrieben:
er war es nämlich, der vor zwei Wochen das entscheidende 2:1 für die Lila-Weißen
im Spiel bei den BVB-Amateuren erzielte, zum ersten Sieg für den VfR in der
Regionalliga überhaupt. Das ist doch schon was.
Was
schließlich den Ausschlag gibt, sind die 19 Minuten Fahrtzeit, mit denen die
Bahn von Bonn Hauptbahnhof nach Köln Süd lockt, von dort noch eine Viertelstunde
Fußmarsch zum Südstadion von Fortuna Köln, fertig. Wobei ich nur hoffen kann,
das richtig im Gedächtnis behalten zu haben, dass die Kölner Amateure ihre
Regionalliga-Spiele dort austragen und nicht im Franz-Kremer-Stadion, von dem
ich nicht die leiseste Ahnung habe, wo es sich denn befinden könnte.
Rauszukriegen ist das freilich nicht. Auf der Kölner Homepage – kein Wort über
die Amateure. Erst als ich mich erinnere, dass die Zweitvertretung der Geißböcke
normalerweise unter dem offiziellen Namen „U23“ an den Start geht, werde ich auf
der Site unter „Club“/“Nachwuchs“ fündig. Etwas stiefmütterlich werden sie da
behandelt. Allerdings geht auch aus dem dort eingestellten Spielplan keine
Spielstätte hervor. Dasselbe auf der Homepage des VfR Neumünster. Zwar entdecke
ich, dass im Kader des Teams fast nur Spieler mit so typischen Vornamen wie
Arne, Sven, Torben oder Thorsten stehen, ein untrügliches Zeichen für die doch
eher regionale Struktur der Mannschaft; des weiteren ist dort jedoch nur ein
Hinweis auf die Anstoßzeit um 14 Uhr, nicht aber auf den Spielort zu finden.
Hoffentlich verfahren sich da nicht einige aus dem flachen Land und stehen
hinterher am Geißbockheim, nur um sich zu wundern, dass keiner kommt.
Von der
Geschäftsstelle der Kölner würden sie dann auch keine Aufklärung erhalten. Die
rufe ich nämlich als nächstes an, um den Spielort auszukundschaften. Aber dort
bekomme ich nur von einer zuckersüßen weiblichen Stimme vom Band mitgeteilt,
dass die Geschäftsstelle über Ostern geschlossen und erst am nächsten Dienstag
wieder besetzt ist. All das lässt darauf schließen, dass die kleinen Geißböcke
nun wirklich keinen Rummel um ihre Personen ertragen müssen.
Also
Blindflug. Aber zum Glück nicht besonders weit. Auch bei falscher Auskunft des
Gedächtnisses bin ich fix wieder zuhause. Wetter hält sich auch noch. Also nix
wie los.
Und wie
gerne würde ich nun schreiben, dass auch ich das ganz toll finde, dass bei der
Bahn jetzt 91 % der Züge pünktlich fahren. Dass auch ich endlich mal davon
profitieren kann. Leider gilt das nur zur Hälfte, nämlich für die Rückfahrt. Die
verläuft wirklich problemlos, und ich werde noch früh genug zuhause sein, um
live am Radio verfolgen zu können, wie der HSV jetzt endlich auch seine
Heimspiele verliert, damit er sich nicht der Gefahr aussetzt, in puncto
UEFA-Cup-Plätze noch ein wenig Spannung zu verbreiten.
Aber die
Hinfahrt, mein Gott! Ich dachte, ich wäre mit der Rückfahrt am letzten Mittwoch
aus Solingen nach dem Fortuna-Spiel gegen Freialdenhoven schon genug gestraft
gewesen (davon soll noch in einem anderen Artikel die Rede sein, das könnt ihr
mir glauben, aufgeschoben ist nicht aufgehoben). Ich will es so kurz wie möglich
machen. Der Zug soll um 13.01 Uhr Bonn verlassen, wird aber schon bei meinem
Eintreffen am Bahnhof mit zehn Minuten Verspätung angezeigt. Was dann kommt,
nennt die Bahn, dieser Ausbund an Fürsorge, wahrscheinlich „flexible
Fahrplangestaltung“: es werden nämlich genau jene 10 Minuten abgewartet, um dann
um Punkt 13.11 Uhr die Durchsage zu tätigen, dass der Zug nunmehr circa 25
Minuten Verspätung haben wird. Er ist, wahrscheinlich rein zufällig und
unvorhersehbar, auf eine Baustelle gestoßen.
Noch
lustiger ist übrigens die Ausrede, die eine Minute später für den IC, ebenfalls
für Gleis 1, durchgegeben wird. Der ist nun 20 Minuten zu spät wegen
„Verzögerter Übergabe aus dem Ausland“. Das ist wohl der Fachjargon dafür, dass
einer von der Schicht verpennt hat oder gar nicht erst erschienen ist. Immerhin,
sie lassen sich etwas einfallen.
Als der
Zug dann irgendwann kurz vor halb zwei tatsächlich in Bonn einläuft, wird es
erst richtig lustig. Und diesmal kann die Bahn überhaupt nichts dafür. Denn als
ich den Zug betrete, finde ich ihn dermaßen knüppelvoll vor, dass mein
Supermarkt eine Stunde zuvor dagegen gähnend leer wirkte. Der Grund hierfür ist
einfach: ich habe nur mit dem Gedanken gespielt, nach Leverkusen zu fahren;
Hunderte andere haben es in die Tat umgesetzt und sitzen jetzt in diesem Zug,
der auch in Bayer-Town hält. Nämlich sämtliche Vollprolls aus der Region,
die irgendwie unfallfrei an eine Fahrkarte gekommen sind. Oder auch nicht, denn
wer will die schon kontrollieren? Der gesamte Zug ist fest in Pfälzer Hand und
Mundwerk, alles, was in der Betzenberger Westkurve Rang und Namen hat und
zugleich alles, was ich niemals kennen lernen wollte. Dumpfbackenvolk, so weit
Auge und Ohr reichen. Und dies schreibe ich in dem vollen Bewusstsein, dass die
ein oder andere Fortuna-Reisegesellschaft an Spieltagen auch nicht gerade
dadurch auffällt, dass sie im Zug Goethe rezitiert oder über die dramatische
Verwendung des Genitivs in Shakespeares Sommernachtstraum diskutiert.
Ich suche
mir erst gar keinen Platz, da ich drei Stationen später eh wieder aussteigen
muss und dies niemals schaffen würde. Somit bleibe ich direkt im Gang an der Tür
stehen und beobachte diese bewundernswerten menschlichen Exemplare, die an mir
vorbei torkeln oder neben mir im Gang hocken. Aha, die Kaiserslauterner Teens
und Twens kleiden sich nicht gerne individuell. Kann ja auch gar nicht,
schließlich habe ich schon zigmal gelesen, dass die Region gar nichts
anderes hat als den FCK, wo soll dann auch eine gewisse Auswahl herkommen. Die
fünf Herren neben mir zum Beispiel. Alle ordentlich uniformiert, wobei dem
persönlichen Individualismus des Einzelnen immerhin dadurch Rechnung getragen
wird, dass er wahlweise ein Sweatshirt oder eine Jacke tragen darf, Hauptsache,
es steht überall Lonsdale drauf. Klischee, ich weiß. Auch frisurentechnisch
sehen sie sich ziemlich ähnlich, sie haben nämlich alle keine. Noch so ein
Klischee, ich weiß. Die Krönung ist allerdings die Ische, die die Herren dabei
haben (sorry, aber wenn ihr die gesehen hättet, würdet ihr mir den
frauenfeindlichen Ausdruck verzeihen). Frisuren- und klamottentechnisch durchaus
ihren Beschützern angenähert, trägt sie als deutsche Frau von Welt natürlich
eine Handtasche bei sich. Auf der am unteren Ende schön in altdeutscher Schrift
das Wort „Hooligan“ auf einem Aufnäher prangt (oder hätte ich „Badge“ schreiben
müssen?). Es gibt anscheinend auch schon Fan-Shops für Klischees.
Da will
ich natürlich nicht hintenan stehen und mal meinerseits ein Klischee zum besten
geben: das Mädel sieht wirklich so aus, als ob die fünf Typen sie nur dabei
haben, um Ärger zu provozieren, so nach dem Motto „Ey, was machst du meine Alte
an?“ (Wahlweise auch „Ey, warum machst du meine Alte nicht an? Gefällt dir
nicht, oder was?“).
Ich sehe
in den 19 Minuten Bahnfahrt noch Dutzende dieser Klischeebürger, natürlich sind
die alle harmlos, sind ja eh nur Vorurteile. Zum Beispiel besetzt irgend jemand
die Toilette auf dem Gang. Dann torkeln drei Regionale heran, wollen auch mal
und finden die Tür verschlossen. Da der gemeine Betzeberger aber in seiner
dörflichen Gemeinschaft anscheinend gewohnt ist, nur den Gemeinschaftsabtritt zu
benutzen, wird mal eben schnell die Tür eingetreten. Ihr Pech: der Knabe, der
drin hockt, war gar keiner von ihnen. Und so pöbeln sie sich dann im schönsten
Kölsch und Pfälzisch an, was den Vorteil hat, dass ich von beidem kein Wort
verstehe. Überall liegen leere Flaschen und ausgetretene Zigarettenkippen. Na
ja, sieht halt aus wie an Karneval, und schließlich verschafft der Deutsche dem
Türken von der Reinigung, der hinterher saubermachen muss, gerne mal ein
bisschen Arbeit. Der letzte Halbsatz stammt nicht von mir, sondern von einem
extrem angeschickerten Pfälzer Buben, der das mal der etwas angeekelt wirkenden
älteren Dame hinter ihm auseinander setzt. Wie gut, dass sich gleichzeitig noch
einer dieser Bauern in der Toilette erbricht, da kann der Türke ja demnächst
mal wieder auf Vollbeschäftigung hoffen.
Der Typ
hinter mir hat nun genug über Deutschland gefachsimpelt, er wendet sich den vier
jüngeren Damen zu, die auf den Stufen der Tür hocken und die Sektflasche kreisen
lassen. Dabei sind sie nur noch zu dritt, die vierte ist schon sanft
entschlummert, wahrscheinlich vor Erschöpfung, ansonsten wäre es ja wieder ein
Klischee. Eine der vier hat sich, unglaublich, aber wahr, ein Stück Gardine als
Kopftuch aufgesetzt. Doch, doch, ich gucke dreimal hin, es stimmt wirklich. Sie
kommen mit dem Typ hinter mir ins Gespräch und zwei Minuten später weiß ich
alles: zwei der Damen sind von Beruf Erzieherinnen, die dritte Kindergärtnerin!
Da braucht man sich ja um Kinder und Jugendliche der Region nun wirklich
keine Sorgen mehr zu machen. Der Typ will sich revanchieren und versucht
verzweifelt, zu erklären, was er denn so macht. Irgendwas mit Strahlentherapie,
mich laust der Affe! Aber weiter kommt er nicht, denn irgendwie hat er
Schwierigkeiten, sich verständlich zu artikulieren und rettet sich schließlich
in ein „Es ist nicht einfach zu erklären.“ Großartiges Kino.
Trotzdem
bin ich froh, als ich diese ganze Horde in Köln Süd verlassen kann. Sollte es
noch eines Nachweises bedürfen, warum die Region eigentlich absteigen
muss, so habe ich ihn heute live und in Farbe serviert bekommen.
Aufgrund
der Verspätung des Zuges erreiche ich das Stadion um Punkt 14 Uhr mit dem
Anpfiff und stelle erleichtert fest, dass tatsächlich hier gespielt wird. Ein
Hoch auf mein Gedächtnis! Auf eine nähere Stadionbeschreibung kann verzichtet
werden, denn wer schon in der Zweiten, Dritten und Vierten Liga unterwegs war,
der kennt diese Bruchbude, wer nicht, der hat nix verpasst. Schnell noch ein
unglaublich fettiges Würstchen geholt, das aber wenigstens gut stopft,
hingesetzt und geguckt, was uns eventuell in der nächsten Saison so erwarten
könnte, falls der Aufstieg gelingt.
Es ist
nicht viel. Sowohl fußballerisch als auch drumherum. Ich schätze circa 500
Zuschauer, der Stadionsprecher wird sich hinterher bei 600 Zuschauern bedanken,
das ist allerdings auch die oberste Grenze, die ich so gerade eben noch
akzeptieren würde. Auf jeden Fall weniger als im Zug. Wenn man also am
Ostersamstag mal seine Ruhe haben möchte, sollte man das Südstadion aufsuchen,
ein echter Geheimtipp für Kenner. Im Gästeblock stehen circa 20 Mann aus
Neumünster, die auf der Tribüne überraschend gut zu verstehen sind und
augenscheinlich ordentlich gute Laune haben. Kann ich verstehen, die schockt
wahrscheinlich gar nix mehr nach dieser Saison.
Die
Kölner Fans hingegen wissen unter anderem mit einem netten Zaunbanner zu
gefallen, auf dem groß das Wort „Abschaum“ zu lesen ist. Wem der Schuh passt,
der zieht ihn sich halt an. Im übrigen verteilen sie sich strategisch geschickt
auf Haupttribüne, Gegengerade und den Fanblock an der Hauptstraße, damit ja
nicht so etwas wie zusammenhängender Support zustande kommen kann. Und bis auf
die gelegentlichen Anfeuerungsrufe der Schleswig-Holsteiner ist es auch
totenstill im Stadion.
Da ich
erst auf den letzten Drücker angekommen bin, habe ich natürlich die
Mannschaftsaufstellungen verpasst. Daher kann ich zu einzelnen Spielern,
insbesondere bei den Kölnern, eigentlich kaum etwas sagen, es gibt allerdings
auch kaum etwas zu sagen. Zudem weiß ich nicht, ob bei Neumünster Antoine Hey
mitgespielt hat, war nicht zu erkennen, und leider tat er mir nicht den
Gefallen, sich ein- oder auswechseln zu lassen und somit vom Stadionsprecher
genannt zu werden. Sollte er auf seiner angestammten Position im Mittelfeld
gespielt haben, so kann ich ihm zumindest eine ordentliche Leistung
bescheinigen. Aber vielleicht stand er auch die ganze Zeit draußen an der
Trainerbank, das war auf die Entfernung nicht zu erkennen.
Und eine
Viertelstunde lang fühle ich mich auch gut unterhalten. In der 5. Minute das 1:0
für die Kölner: Freistoß vom linken Strafraumeck auf den langen Pfosten, und
dort stehen gleich zwei Kölner dermaßen frei, dass sie sogar noch Zeit haben,
sich erstaunt anzuschauen, bevor die Nr. 7, Nickenig, zum Kopfball geht, seinem
Namen alle Ehre macht und ein „Nickerchen“ produziert, dass es einem die
Lachtränen in die Augen treiben würde, wäre das Ende nicht so tragisch: denn der
Keeper des VfR macht in Erwartung eines wuchtigen Kopfstoßes einen ordentlichen
Sprung ins lange Ecke und biggelt sich den Ball dann bei der Landung mit dem
linken Fuß selbst ins Netz. Solche Tore kenne ich aus der Oberliga aber auch,
kein Unterschied also.
In der
Oberliga weniger oft zu bestaunen ist allerdings der Ausgleich der
Neumünsteraner in der 16. Minute, eine unfassbar gut und schnell vorgetragene
Kurzpass-Kombination am Kölner Strafraum, dann steckt ein Spieler den Ball mit
dem Außenrist schön durch und Herr Reibe, ein rotgefärbter kleiner Mann, der die
rechte Seite des VfR beackert, kommt aus zehn Metern völlig frei zum Schuss und
vollendet flach ins Eck. Ein sehr schönes Tor, alle Achtung.
Was
danach folgt, hat allerdings mit Fußball nicht viel zu tun. Die Kölner,
natürlich technisch überlegen, haben einige Gelegenheiten, zeigen einige schöne
Kombinationen, vergeben allerdings überhastet. Vor allem spielen sie zu sehr
Hacke-Spitze-eins-zwei-drei, nachdem sie zu Beginn des Spiels ein- oder zweimal
damit Erfolg hatten. Der VfR spielt, soweit die Kraft es zulässt, alle paar
Minuten mal ein bisschen Pressing, was die Kölner gehörig zu verwirren scheint.
Das ganze mündet somit in ein einziges Gebolze, Gewürge und Fehlpassfestival, ab
und zu mal unterbrochen von einigen netten Spielzügen. Insbesondere die
Fußball-Feinheit „Befreiungsschlag“ wird auf beiden Seiten so oft geboten, dass
ich den Verdacht habe, das wird tatsächlich im Training geübt.
Regionalliga-Niveau habe ich mir etwas anders vorgestellt, auch von zwei
Abstiegskandidaten.
Immerhin
bekomme ich die Einlage des Tages serviert, von einem Herrn Petersen, der beim
VfR die Nr. 17 trägt, und nach einem harmlosen Schubser seines Gegenspielers
eine derartige Pirouette auf den Rasen legt, dass der Herr Nacev aus
Freialdenhoven blass werden würde, könnte er das sehen. Der Schiri belässt es
bei Ermahnungen für beide Spieler und steckt dem Petersen wahrscheinlich
heimlich die Adresse der Schauspielschule Bochum zu.
Unterdessen kann ich zumindest Herrn Knappmann beim VfR studieren, der ist
nämlich wirklich nicht zu übersehen. Dürfte so um die 1,90 groß sein, glänzt
ebenfalls mit dieser „Frisur“, die ich zuvor im Zug schon des öfteren bewundern
durfte, würde dem äußeren Anschein nach nicht unbedingt als Schwiegermutters
Liebling durchgehen, brilliert unter anderem nach einem Foul an der Seitenlinie
direkt vor mir mit einem beeindruckenden Tarzanschrei, nur um zehn Sekunden
später wieder putzmunter auf den Beinen zu stehen, legt sich auch gerne mit den
Unparteiischen an und auch mal kurz mit dem WDR-Kamerateam. Letzteres besteht
aus zwei etwas älteren Herren, die sich nun wirklich kein Bein ausreißen, am
Spielfeldrand sitzen und wahrscheinlich hoffen, dass es trocken bleibt. Als das
Spiel beginnt, marschiert der eine Herr von dannen und kehrt mit einer zusammen
gefalteten Decke zurück, die er wahrscheinlich bei den Sanis geschnorrt hat, um
sie dem anderen, der auf einer Kamerakiste hockt, unter den Hintern zu schieben,
damit der es auch schön warm habe. Es ist alles etwas unaufgeregt hier.
Knappmann
wirkt mit seinen langen Beinen ein bisschen wie ein Storch im Salat, ist aber
wenigstens ab und zu ein Unruheherd und verfügt darüber hinaus noch über einen
strammen Schuss. Noch staksiger wirkt allerdings sein Kollege im Sturm, ein Herr
Beck, der anscheinend nur eins richtig gut kann, nämlich den Ball abschirmen und
verteilen.
Außerdem
fällt mir noch der Torwart des VfR auf, den die Kölner mit mehreren
Flachschüssen zu überwinden versuchen. Da haben sie wohl vor dem Spiel
spioniert, denn während der Mann in der Luft recht sicher ist, fällt er zu Boden
wie eine Bahnschranke. Dennoch gelingt ihm die größte Tat der ersten Halbzeit,
als er ein Flachschüsschen noch mühevoll mit der Hand abwehren kann, um dann
erstaunlicherweise ziemlich fix wieder auf den Beinen zu sein und auch noch den
Nachschuss halten zu können. Das war die einzige 100%ige Torchance in der
gesamten ersten Halbzeit.
Überraschend auch, wie der Torwart von seiner Abwehr mit ins Spiel einbezogen
wird: er führt nämlich jeden Freistoß für den VfR aus, der bis zu zwanzig Meter
vor seinem Tor anfällt, auch weit draußen an der Seitenlinie. Das kann er auch
gut machen, er hat nämlich einen ziemlichen Bums. Wenn der allerdings einmal in
den Boden tritt, sieht es finster aus. Ein ziemliches Risiko.
Genau wie
sein Gegenüber, der anscheinend auch etwas zur Unterhaltung beitragen möchte.
Dies tut er zunächst, indem er sich bei drei Flanken des VfR gnadenlos
verschätzt. Aber auch optisch hat er etwas zu bieten, er trägt nämlich das mit
Abstand grellste Torwarttrikot, das ich jemals in irgendeiner Liga gesehen habe.
Gegen dieses Trikot sind die Farben der Uerdinger Anzeigetafel ein Dreck,
ungelogen. Ich frage mich wirklich, ob das erlaubt sein kann.
Nachdem
der lila-weiße „Fan-Block“ unfassbarerweise noch „Ich geh mit meiner Laterne“
akustisch zum besten gegeben hat, wird zur Halbzeit gepfiffen, vom einzigen
Akteur auf dem Feld, mit dem man zufrieden sein kann. Der Schiri ist jung, cool,
lässig, immer auf Ballhöhe, erstickt jede Diskussion sofort im Keim, leistet
sich keine gravierenden Fehlentscheidungen. Der könnte Hoffnung machen.
Zu Beginn
der zweiten Halbzeit zwei Szenen, die das Niveau des Spiels erahnen lassen.
Zunächst eine Flanke von rechts in den Kölner Strafraum, in der Mitte rauschen
neben einander Beck und Knappmann heran, beide völlig frei. Beck versucht, mit
dem langen Bein an den Ball zu kommen, Knappmann setzt zum Hechtkopfball 5 cm
über der Grasnarbe an. Keiner von beiden bekommt den Ball, er hoppelt ins Aus.
Zwei Minuten später Elfmeter für Köln, berechtigt, meiner Meinung nach, der
Torwart und ein Abwehrspieler haben gemeinsam einen Kölner Spieler gefällt. Die
Nr. 10 läuft an und schickt einen Ball los, der nur mit Müh und Not die Torlinie
erreicht und dort lässig vom Torwart pariert werden kann. Sowas hab ich lang
nicht mehr gesehen. Und zwar genau seit dem 30.11.2002, als Frank Mayer beim 0:6
in Wuppertal ein ähnliches Kullerchen auf das WSV-Tor los ließ.
Und je
länger das Spiel dauert, je trister es wird, je mehr die Stimmung bei den
Kölnern sinkt und beim VfR-Anhang steigt, desto öfter stelle ich mir die Frage:
sind wir schon regionalligareif? Oder sind die beide oberligareif? Denn was
insbesondere von den Kölnern geboten wird, ist Grottenfußball der untersten
Schublade. Nichts gelingt.
Und so
bekommt dieses Spiel auch den Siegtreffer, den es verdient: Ausgangspunkt ist
natürlich ein Kölner. Der will einen Abpraller aus dreißig Metern aufs VfR-Tor
bolzen, schießt sich aber mit dem Schuss- vors Standbein. Während er sich
wahrscheinlich noch darüber wundert, dass er sich nichts gebrochen hat, läuft
der Konter, Knappmann schickt mit langem Pass einen Herrn Drewes, der läuft
rechts in den Strafraum, will auf Beck flanken, die Kugel rutscht ihm ab, wird
von seinem Gegenspieler zusätzlich abgefälscht und senkt sich hinter dem etwas
verblüfften Neonleibchen ins Netz. 2:1 für Neumünster, und noch nicht einmal
unverdient, denn kämpferisch sind sie klar besser und auch spielerisch haben sie
ab und zu einen lichten Moment. das reicht, um in diesem Graupenkick als Sieger
vom Platz zu gehen.
Der Rest
des Spiels ist von Kölner Angriffsbemühungen geprägt, ohne dass irgendeine
Torchance dabei heraus springen würde sowie von dem freudetrunkenen Gesang der
20 Fans im Gästeblock, die richtig aufdrehen und mutig „Heimspiel in Köln, wir
ham ein Heimspiel in Köln“ zum besten geben. Niemand widerspricht. Das verleitet
sie noch zu begeisterten „Spitzenreiter, Spitzenreiter“-Rufen, was von den
Kölnern ebenso ironisch mit „Wir wolln den Lottner sehen“ kommentiert wird.
Keiner der beiden Träume erfüllt sich. Die VfRler singen noch „Neumünster ist
die schönste Stadt der Welt“, was, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, mehr als
nur ein bisschen gelogen ist, und dann ist das Spiel zu Ende, nachdem der Herr
Beck mich in der letzten Minute noch der Möglichkeit beraubt hat, einem
historischen Spiel beizuwohnen: völlig allein läuft er bei einem Konter auf das
Kölner Tor zu, wenn er trifft hat Neumünster erstmals in seiner Geschichte drei
Treffer in einem Spiel in der Regionalliga erzielt. Aber nix is, die
Leuchtreklame im Kölner Tor kann parieren und dann kommt auch schon der Abpfiff.
Fazit:
ein verdienter Sieg des designierten Absteigers gegen eine Truppe von
Filigran-Technikern, die aber in dieser Form auch nix in dieser Liga verloren
hat. Ein furchtbares Spiel bei tristem Wetter in einem tristen Stadion vor
äußerst desinteressierter Kulisse. Vor so etwas müsste man sich wirklich nicht
fürchten, wenn der Aufstieg gelingen sollte. Um Neumünster tut es mir ein
bisschen Leid, die sind wohl etwas zu spät in Schwung gekommen. Allerdings
könnten sie, wenn sie diese Form behalten, tatsächlich noch das Zünglein an der
Waage sein, was den Aufstieg betrifft. Am vorletzten Spieltag treten sie nämlich
in Dresden an. Und am letzten Spieltag muss der Wuppertaler SV nach
Schleswig-Holstein. Ich fände das richtig herrlich, wenn diese Feierabendtruppe
einem oder beiden Clubs den Aufstieg vermiesen würde.
Im
übrigen kann ich nicht nachvollziehen, warum die Bundesliga-Clubs ihre
Reserverunde nicht mehr haben und lieber in der Regionalliga mitspielen wollten.
Man hat heute überdeutlich gesehen, dass es hier auch niemanden interessiert.
Und ob so ein tristes Ambiente die richtige Motivation für diese Spieler ist?
Abschließend bleibt noch zu sagen, dass ein merkwürdiger Geruch die
Herren-Toilette der Tribüne durchströmt, als ich mich vor dem Rückmarsch noch
kurz erleichtere. Entweder wird als Luftreiniger Patschuli verwendet. Oder ein
verzweifelter Kölner hat sich dort kurz nach Spielbeginn eingeschlossen und ein
Opiumpfeifchen nach dem anderen reingezogen. Nach der heutigen Darbietung könnte
ich es verstehen.
Aber das
würde auch in der nächsten Saison überleben: janus
PS.
Nachtrag vom Ostersonntag: wie hat Kaiserslautern gestern nochmal gespielt? Jaja,
jeder Klub hat die Fans, die er verdient. Und die Fans kriegen auch das Spiel,
das sie verdienen. Ein Stück Gerechtigkeit an diesem tristen Ostersamstag.
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