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Wir feiern in der Halle
Wie
verabschiedet man sich als Oberligameister der Herzen standesgemäß in die
Winterpause? Natürlich, indem man zum Abschluss des Jahres mal guckt, was die
Konkurrenz so macht. Also die Konkurrenz in einigen Jahren, meine ich. Ein
kleiner Blick dahin, wo sich in den nächsten Jahren hoffentlich einige
Fortuna-Fans mehr zum Auswärtsspiel treffen werden. Bei dem Zweckoptimismus, für
den der Rheinländer im allgemeinen und der Fortuna-Fan im besonderen bekannt
ist, dürfte nunmehr klar sein, wohin die Reise ging: ein Spiel der Ersten Liga
gucken! Und so machte ich mich am letzten Mittwoch zusammen mit 7 Studenten der
Fachschaft Geschichte der Uni Bonn auf, um mal wieder Bundesliga-Luft zu
schnuppern.
Aha! höre
ich den erfahrenen Leser rufen. 7 Studenten und ein Bediensteter der
öffentlichen Hand – summa summarum also acht Leute, die nicht arbeiten und dem
Steuerzahler auf der Tasche liegen. Ein derartige Anballung von für die
Wirtschaft nutzlos brach liegender Intellektualität, die zu einem
Bundesliga-Spiel fährt, kann sich klischee-technisch doch nur für einen Ort
entscheiden: Freiburg! Mitnichten. Zum einen spielten die bereits am Dienstag,
zum anderen fahre ich nicht Hunderte von Kilometern hin und zurück, um mir ein
6:0 von Bayern München anzusehen. Auch meine Leidensfähigkeit ist begrenzt.
Nein, es ging zum Hort des gepflegten Niveaus, da, wo nicht badischer
Proleten-Wein von Feinkost Albrecht durch die Kehlen rinnt, sondern ein zwar
undefinierbares, aber immerhin nach noblem, jahrhundertealtem Reinheitsgebot
gebrautes Getränk gereicht wird, nachdem es intellektuell durchaus anspruchsvoll
zuvor durch ein kilometerlanges Röhrensystem gejagt wurde, es ging quasi zur
Heimat des Bildungsbürgertums – auf nach Schalke! Mein erster Besuch in der
Arena, lang geplant, und doch nie zustande gekommen, zum einen mangels
Begleitung, zum anderen mangels Möglichkeiten, mal eine Eintrittskarte zu
ergattern. Diesmal sollte es gelingen.
Und
wenn’s schon weh tut, dann auch gleich richtig: einer der Studenten, seines
Zeichens glühender Schalke-Fan (aber auch dies sind Leute, die man zur
Weihnachtszeit mit Rücksicht und Verständnis behandeln sollte), hatte die
Eintrittskarten besorgt, acht an der Zahl. Und als Schalker des Herzens und
nicht des Business-Seats waren die Karten natürlich für den Bereich, in dem das
pralle Leben tobt und sowohl der angehende als auch der bereits fertige
Akademiker (das bin übrigens ich, nicht, dass da Fragen aufkommen...) durch
reine Beobachtung wissenschaftliche Studien vom gesellschaftlichen Miteinander
betreiben kann – Stehplatz Nordkurve! Also nix wie hin zum letzten
Hinrunden-Spiel der Schalker in diesem Jahr gegen den VfL Wolfsburg am
17.12.2003, 20 Uhr. Ein Weihnachtserlebnis der besonderen Art!
Mit zwei
Wagen geht es in Bonn um 17.15 Uhr los. Um 17.16 Uhr ist die zügige Fahrt
bereits gestoppt – am Bonner Verteilerkreis, den man auf dem Weg zur A 565
zwangsläufig queren muss, geht gar nix mehr. Feierabendverkehr,
Weihnachtsverkehr – keine Ahnung, wo die alle hin wollen, auf jeden Fall sind
sie da. Schleichend geht es auf die Bahn. Schleichend geht es weiter auf die A
59. Am Heumarer Dreieck kommt man schleichend auf die A3 mit der lustigen
Baustelle. Da baut Köln die A3 für die WM 2006 aus. Habe mich sowieso schon
immer gefragt, was die dann als Regionalligist mit einem WM-Stadion und
ebensolcher Anbindung wollen. Aber da steckt man ja nicht drin. Es geht und geht
kaum vorwärts, von Bonn bis Köln-Dellbrück ein einziger zäh fließender Verkehr.
Der Fahrer, zusammen mit seiner Freundin und mir als närrisches
Fortuna-Dreigestirn in diesem Oktett unterwegs, hat als guter Fortune natürlich
sofort einen Ausweichplan bereit, denn wir sind es gewohnt, bei der Anreise auf
irgend welche Dörfer zu improvisieren: „Wenn wir um sieben Uhr immer noch hier
stehen, drehen wir um und gucken das Spiel auf premiere.“ Damit ist unser
Schalker auf der Rückbank zwar nicht so ganz einverstanden, allerdings wird er
dann, wenn es wirklich so weit kommen sollte, in die Grundzüge der Demokratie
und das Geheimnisse der absoluten Mehrheit bei demokratischen Abstimmungen
eingeweiht werden.
In der
Zwischenzeit vertreiben unser Fahrer und ich die Langeweile durch ein Spiel, das
wir beide aufgrund einiger Stau-Erfahrung mittlerweile aus dem eff-eff
beherrschen: Fortuna-Memory! Hierbei gilt es, möglichst fehlerfrei in Aussprache
und Betonung, die größten Fortuna-Granaten und deren spektakulärste Leistungen
zu benennen. Das sorgt für Abwechslung und Heiterkeit sowie jedes Mal für ein
amüsiertes Kopfschütteln, für wen Fortuna in der Vergangenheit schon so alles
Geld ausgegeben hat. Ganz oben auf der Liste natürlich immer wieder die lebende
Blutgrätsche Pejovic. Unvergessen das Spiel gegen Frankfurt, in dem er kurz vor
Schluss beim Stande von 2:1 eingewechselt wurde, um den Vorsprung mit zu
verteidigen. In den fünf Minuten seines Einsatzes spielte er unseres Wissens
nicht einmal den Ball, holzte aber dermaßen in der Gegend rum, dass er es fast
noch geschafft hätte, vom Platz gestellt zu werden. Aber egal, Fortuna gewann
das Spiel. Oder Robert Kosics, der Granaten-Transfer, den Trainer Alex Ristic
damals in höchsten Tönen lobte und der es fertig brachte, als einzig produktives
Ergebnis seiner Stürmer-Tätigkeit gegen Schalke einst einen Elfmeter
herauszuholen, obwohl er selbst den Ball zuvor mit der Hand gespielt hatte.
Geradezu erfolgreich dagegen mit fetten zwei Treffern für Düsseldorf der
„Superstar“ Darko Pancev. Darüber hinaus eine Legende, was sein nächtliches
Durchhaltevermögen auf der Kö anging. Oder die ganze Ex-Jugoslawen-Riege, die
Ristic zu seinem dritten Engagement bei Fortuna mitbrachte, und die völlig zu
Recht dermaßen in Vergessenheit geraten ist, dass wir Mühe mit den Namen haben:
Kunovac, Dzafic, Zaimovic und da war doch noch einer? Egal, wird schon was mit –ic
gewesen sein. Nicht zu vergessen Ralf von Diericke: 14 Einsätze in der Saison
83/84, von Toren wollen wir gar nicht sprechen, obwohl er meines Wissens Stürmer
war. Als Adeliger meinem Weltbild nach eh schon mit dem Goldenen Löffel im
Hintern geboten, dazu noch Fußball-Profi, aber das reichte dem Ralf nicht, er
musste ja noch ne Bank überfallen. Großes Kino. Oder Günther „Schädel“ Thiele,
nach jahrelanger Justiz-bedingter Abwesenheit in irgend einem finsteren
südamerikanischen Staat wieder im Lande, neulich sogar auf einem aktuellen Foto
zu bewundern, leider mittlerweile ohne Schnorres, aber gut gebräunt, wie immer
im Dezember. Oder Arthur Moses. Oder Abi Obafemi. Oder oder oder. Der gemeine
Fortuna-Fan kann das stundenlang, und es macht auch nach dem zehnten Mal noch
Freude. So lang kann ein Stau gar nicht sein, dass uns keine neuen Namen mehr
einfallen würden. Das ist intellektuelle Freizeitgestaltung!
Immerhin,
ab Köln-Dellbrück ist freie Fahrt möglich und ab geht’s, die Rückkehr ist kein
Thema mehr. Hinter Oberhausen wird es allerdings wieder eng. Und zäh. Da kann
ich nur sagen: Danke, DFB, für die von dir geschaffene Möglichkeit, Menschen
aller Nationen und aus allen deutschen Städten mal wieder hautnah beobachten zu
können, wenn sie auf der Autobahn neben einem stehen! Denn schlau wie der DFB
ist, hat er für diesen Mittwoch Abend Dortmund und Schalke gleichzeitig jeweils
ein Heimspiel verpasst. Hurra, 140.000 Leute, die in annähernd dieselbe Richtung
wollen, und das im Weihnachtsverkehr – das trägt bestimmt ordentlich zur
Verkehrsberuhigung bei.
Aber wie
gesagt: improvisieren muss man können. Auch unserem Schalke-Fan ist das nicht
neu. Und deshalb bietet er einen Geheim-Weg an: wenn die A3 irgendwann zur A2
wird, dann nicht Gelsenkirchen-Buer abfahren, sondern eine Ausfahrt früher
Richtung Gladbeck (nach dem Ignorieren der davor liegenden Ausfahrt
„Bottrop-Boy, Gladbeck-Ellringhorst“, deren Name aus unerfindlichen Gründen
einen ziemlichen Heiterkeitsanfall meinerseits auslöst), dann durch irgendwelche
Hinterhöfe weiter bis zu einem Geheim-Parkplatz, den auch nur Insider kennen.
Das macht Sinn, zum einen kann man schon von weitem die kilometerlange
Auto-Schlange vor der Abfahrt GE-Buer sehen, und die Zeit wird langsam knapp,
zum anderen stammt unser Schalke-Fan gebürtig aus dieser Gegend, was uns
natürlich einen gewissen Heimvorteil verschafft.
Leider
sind zum letzten Spiel vor Weihnachten wohl noch Tausende anderer
Exil-Aus-dieser-Gegend-Stammer auf Wallfahrt zu ihrer angestammten Wiege
unterwegs, die Schlange an der Abfahrt und den nachfolgenden Ampeln ist nämlich
keineswegs kürzer als die, die wir grad auf der Autobahn verlassen haben. Egal,
Augen zu und durch, die Zeit wird knapp, müssen wir doch vom Parkplatz noch ca.
15 Minuten Fußmarsch in Kauf nehmen. Es geht durch ein Wohngebiet und noch eins,
links, rechts, geradeaus, ich verliere die Orientierung, mittlerweile ist es
dunkel und die Gegend wird auch immer finsterer. Die Parkmöglichkeit, die wir
dann ansteuern, in einer Wohnstraße, ist leider so geheim, dass wir verdammt
lange suchen müssen, bis wir eine Lücke finden. Aber es klappt doch noch, auch
wenn ich nicht mehr die geringste Ahnung habe, wo die Arena sein könnte, oder wo
wir uns befinden.
Zwei
Minuten nach dem Aussteigen weiß ich es, aber dieses Wissen stürzt mich in
tiefste Zweifel. Auf dem jetzt folgenden Schleichweg zur Arena kommen wir
nämlich an einer Sportstätte vorbei, deren Beschilderung über dem Eingangstor
deutlich aussagt: „Stadion Lohmühle“. Nanu? Jetzt muss ich doch mal den Fahrer
befragen, ob wir nicht ein paar Ausfahrten zu spät abgefahren sind, denn meines
Wissen trägt im Stadion Lohmühle Zweitligist VfB Lübeck seine Heimspiele aus.
Aber zum Glück erfolgt die Aufklärung sofort, es handelt sich um die Heimstatt
der großen Mannschaft Westfalia Buer, und die Lohmühle ist der Teich, der
rechter Hand neben dem Stadion liegt. Puh, Glück gehabt. Jetzt aber los.
Über
einen unbeleuchteten, etwas ansteigenden Pfad zwischen Lohmühle und
gleichnamigem Stadion gelangen wir nach einiger Zeit auf die Hauptstraße, von
der aus man die Arena in der Ferne immerhin schon erahnen kann. Da es wirklich
eng wird mit der Zeit, nutzen wir den genialen Gedanken, den ein etwas älteres
Ehepaar schon vor einiger Zeit gehabt hat: eingedenk dessen, dass es bei jedem
Heimspiel Hunderte gibt wie uns, die auf den letzten Drücker aus irgend einem
Geheim-Versteck auf die Hauptstraße vorstoßen und keine Zeit haben werden, sich
in der Arena in ellenlange Schlangen zu stellen, haben die beiden nämlich auf
dem Bürgersteig einen kleinen Imbissstand eingerichtet, der mittels ziemlich
lautem Notstrom-Aggregat betrieben wird. Hier brutzeln Würstchen, Frikadellen
und Nackensteaks auf dem Grill, von Vattern fachmännisch gewendet und in bereit
liegende Brötchen verarbeitet, während Muttern nicht nur über die Kasse, sondern
auch über die Getränke wacht: meterhoch aufgetürmte Kühlboxen neben dem Grill
lassen erahnen, welches Geschäft sie heute hier erwarten. Bevor wir uns in der
Arena anstellen, verpflegen wir uns zunächst mal hier. Das Würstchen, das ich
für 2,20 € erstehe, schmeckt zwar nicht übel, war aber wohl schon etwas früher
fertig und hat sich der Witterung angepasst: es ist kalt. Ziemlich kalt. Aber
keine Zeit für Reklamationen, weiter, weiter!
Zunächst
gilt es, die Hauptstraße zu queren, was kein leichtes Unterfangen ist, da in der
Fahrbahnmitte auch noch die Straßenbahn verkehrt und eine Ampel weit und breit
nicht zu sehen ist. Aber in mehreren Ankäufen schaffen wir es, unverletzt
hinüber zu kommen. Jetzt ein wenig flotter Fußmarsch durchs Gelände und man
gelangt auf das Arena-Areal, da kommt die Geschäftsstelle, das Schalke-Museum,
linker Hand das alte Parkstadion, und dann kann man sie endlich sehen,
Deutschlands modernste Mehrzweck-Arena.
Im ersten
Moment muss ich lachen. Dafür können allerdings die Arena-Erbauer nichts,
sondern mein gutes Gedächtnis. Ich glaube nämlich, ein Déjà-vu zu haben. Ich
krame hastig in meinen Gedanken und jawohl – da ist es: das Ding sieht von
weitem so aus wie ein Gebäude in Düsseldorf an der Ecke Grafenberger Allee/Dorotheenstraße:
über mehrere Stockwerke vollverglast, im Inneren brennen Dutzende von großen
Neonröhren. In Düsseldorf befinden sich in dem Gebäude ein McDonalds und ein
Gebrauchtwagenhändler, hier wird halt Fußball gespielt. Jedem das Seine.
Aber wir
wollen nicht unfair bleiben: ohne diese Assoziation ist es ein faszinierender
Anblick, diese hell erleuchtete Trutzburg in der Dunkelheit liegen zu sehen. Und
wir haben erst zehn vor acht. Nix wie hin.
Und wir
schaffen es. Zwei Minuten vor acht sind wir am Eingang Nord. Nebenbei bemerkt
macht das zweidreiviertel Stunden Anfahrt. Schön, wenn man nix anderes zu tun
hat, ansonsten ziemlich lästig.
Jetzt
wird es aber interessant. Der Einlass wird nämlich elektronisch geregelt, die
Eintrittskarte wird an einem Drehkreuz in einen Schlitz gesteckt, dort geprüft
und wenn alles okay ist, leuchtet ein Lämpchen am Drehkreuz auf, und man kann
hindurch schreiten. Aha, das kenne ich aus London, allerdings reißt dort das
Maschinchen die Karte an sich und spuckt sie durch einen anderen Schlitz hinter
dem Drehkreuz wieder aus, wenn sie denn gültig ist. Hier will der Apparat meine
Karte zunächst nicht, bis ich auf den Trichter komme, das Ding mal umzudrehen:
auf der Rückseite der Karte befindet sich an einer Seite neben einer
Stadionskizze ein breiter schwarzer Balken, der den jeweiligen Strichcode der
Karte beinhaltet. Nur wenn diese Seite in die Apparatur eingeführt wird, wird
die Karte gelesen, das grüne Licht verkündet Sesam öffne Dich und man kann die
Karte wieder an sich nehmen. Na also, gar nicht so schwer, wenn mans einmal raus
hat. Bis ich’s raus habe, müssen allerdings hinter mir zehn Leute ein paar
Sekunden warten, was bei den Besucherströmen, die noch durch die Drehkreuze
drängen, durchaus als kleiner Stau bezeichnet werden kann.
Außerdem
weiß ich eh nicht so recht, ob ich hier überhaupt rein darf. Die Karte für die
Stehplatzkurve, die ich in der Hand halte, trägt nämlich den befehlenden
Aufdruck „Einlass nur für Fans des FC Schalke 04“. Und das bin ich ja nun
eindeutig nicht. Und nu? Gesichts-Kontrolle? IQ-Check? So kurz vor dem Ziel noch
scheitern? Aber der Ordner, der mich kurz darauf einer gründlichen
Leibesvisitation unterzieht, bemerkt nichts davon, lässt mich passieren. Wenn
der wüsste, welche Schlange da der Busen des FC Schalke nährt!
Wir
betreten somit nach ausreichender Anfahrt die modernste Event-Begegnungs-Stätte
Deutschlands, Europas oder gar der Welt. Zum ersten Mal. Und so begrüßt uns
Schalke 04: „Wenn Du weiter hier rumpöbelst, fliegst Du sofort raus und kriegst
ne Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Das ist hier Privatgelände!“ Nein, ich habe
nicht das Betreten dieser denkwürdigen Stätte mit ein paar zünftigen „Fortuna,
Fortuna!“-Rufen gefeiert. Ich bin noch nicht mal gemeint. Ein etwas älterer Herr
vor mir, dem Augenschein nach schon leicht angetrunken, ist es, der sich soeben
den Heiligen Zorn eines Ober-Ordners zugezogen hat. Der wiederum hat ein Organ,
das mich unwillkürlich an meine Grundausbildung zurück erinnert. Wohl um direkt
mal ein Exempel zu statuieren, brüllt er los, was die Stimmbänder hergeben. Da
sag ich doch nur: Herzlich willkommen!
Tja, und
hier sollte jetzt eigentlich ein ellenlanger Absatz kommen über die
Verpflegungsmöglichkeiten im Stadion, über Angebot und Preise, über Qualität und
Wartezeiten (letztere beiden Schlagwörter hätten auch durchaus einen Besuch der
Toiletten beinhaltet), über dieses Ding namens KnappenKarte, das man sich an
irgend welchen Ausgabestellen gegen Bargeld besorgen muss und mit dem man an den
Imbiss-Ständen elektronisch bezahlen kann und auf der Karte verbliebene Beträge
nach dem Spiel wieder in harte Euro umtauschen kann – fällt alles aus! Davon
muss sich jeder sein eigenes Bild machen. Denn da ich normalerweise ein Stadion
betrete, um ein Fußballspiel zu sehen, und die Uhr Punkt acht zeigt, drängen wir
uns natürlich Richtung Stehplätze durch. Nicht, dass wir sonst etwas verpasst
hätten. Im Innenraum der Arena sind nämlich insgesamt rund 500 Fernseher
verteilt, auf denen man das Spiel auch sehen kann, wenn man gerne 90 Minuten am
Bier- oder Würstchenstand verharrt. Das gibt’s in Leverkusen auch, wenn ich mich
recht erinnere. Amerikanische Verhältnisse, der Fan kann das Spiel sehen und
gleichzeitig dem Veranstalter noch ein paar Euro in die Kasse spülen. Aber live
ist doch irgendwie besser, wenn man schon mal da ist, finde ich. Also ab auf die
Stehplätze.
Und man
muss zugeben: wenn man erst mal ein Plätzchen gefunden hat – also die Aussicht
ist toll. Das Spiel ist zwar nicht ganz ausverkauft, war bei diesem Gegner auch
nicht zu erwarten, aber die Arena ist sehr gut gefüllt, bis hin zu den
Business-Logen. In der Nordkurve ist ordentlich Lärm, das Spiel wurde soeben
angepfiffen. Beeindruckend vor allem dieser große Videowürfel, der unter der
Decke hängt und auf dem man wirklich von allen Seiten auch etwas erkennen kann.
Beeindruckend klein die Öffnung im Dach, die die Erbauer gelassen haben, und die
bei Bedarf sogar auch noch geschlossen werden kann. Hier von einem „Stadion“ und
nicht von einer „Halle“ zu sprechen, fällt doch ein wenig schwer. Gut sehen kann
ich auch alles.
Ca. 105
Minuten später hätte der letzte Aspekt wirklich nicht so positiv ausfallen
müssen, es hätte mich nicht gestört. Für diejenigen, die das Spiel nicht gesehen
haben: es war ein ziemlicher Grottenkick von beiden Seiten, der folgerichtig 1:1
ausging. Wenigstens kein 0:0, als neutraler Besucher freut man sich doch immer
über Tore, wenn man keinem der beiden Vereine so richtig etwas abgewinnen kann.
Und die Tore sind durchaus sehenswert: dem 1:0 für Schalke, von Altintop im
Nachschuss erzielt, geht ein Gedankenblitz und wirklich toller Pass von Oude
Kamphuis voraus, der Ausgleich der Wolfsburger noch vor der Pause offenbart
Bekanntes: erst wird Karhans Schuss von Rost abgeblockt, der Ball prallt gegen
einen seiner Vorderleute, von dort zu Kliemowicz, der versucht, ihn mit der
Hacke reinzumachen, trifft die Kugel aber nicht richtig, diese eiert zu Petrov,
und der tanzt am 5-m-Raum noch Torwart Rost und zwei Gegenspieler aus und
schiebt zum Ausgleich ein – Billard-Fußball, totale Konfusion, das erinnert an
die Oberliga. Aber, liebe Schalker: drei Wolfsburger, die binnen eben so vieler
Sekunden im Schalker Strafraum frei zum Schuss kommen – das hat noch nicht mal
Oberliga-Format. In der 2. Halbzeit gibt’s noch einen tollen Freistoß von
Vermant an die Latte des Wolfsburger Gehäuses, und das war es dann auch schon.
Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Wolfsburger während des gesamten Spiels
auf Baiano verzichteten und in der zweiten Halbzeit sogar noch Torschütze Petrov
aus dem Spiel nahmen. Die wollten gar nicht gewinnen, Schalke konnte es nicht.
War ja klar, was dann dabei für eine Partie rauskommen würde.
Und so
wollen wir die Spielbericht-Erstattung auch wieder verlassen, nicht ohne noch
den verdienten Titel „Karnevalist des Spiels“ zu verleihen, und zwar ebenfalls
an Herrn Petrov. Im Stadion ist es kuschelig warm, wie bei so wenig
Frischluft-Zufuhr nicht anders zu erwarten, alle Spieler tragen kurzärmelige
Hemden – der Herr Petrov muss sich aber dazu noch verkleiden und Handschuhe
anlegen. Als ob er aus seiner Jugend in Bulgarien Temperaturen um 25° im Winter
gewohnt wäre. Falls es ein Markenzeichen von ihm sein soll, darf ich ihm sagen,
dass es in meinen Augen ziemlich albern wirkt. Aber da er dann prompt das
entscheidende Tor zum Punktgewinn für die Wölfe schießt (sogar ohne die Hände
zur Hilfe zu nehmen), hat er selbstverständlich alles richtig gemacht.
Schalke,
das heißt auch 60.000 Zuschauer bei jedem Heimspiel, das heißt Super-Stimmung,
zumal die ja fast rundum geschlossenen Arena wirklich einen atemberaubende
Akustik bietet. Merk ich aber nix von. Klar, bei uns in der Nordkurve wird
teilweise gebrüllt und gesungen, was die Lungen hergeben, das klingt gut.
Ansonsten kommt leider nix, von den Gegengeraden schon mal gar nicht. Sehr schön
ist die Choreo mit der hinter dem anderen Tor gelegenen Südkurve: alle zehn
Minuten wird diese mit stürmischen „Südkurve, Südkurve“-Rufen zur Obacht
gerufen. Dann folgen einige Sekunden gespannter Ruhe, in dem wahrscheinlich
letzte Koordinierungsprobleme beseitigt werden. Sodann hebt die Nordkurve
leidenschaftlich und laut an: „Schalke!“ und von der Südkurve kommt zurück:
„Null-vier!“ Das klingt wirklich toll, dieses Null-vier brandet tatsächlich
zurück, als ob man am Meer soeben von einem gewaltigen Brecher überrascht wird.
Prima Sache.
Die hat
nur einen Haken, wie ich noch in der ersten Halbzeit feststelle: jedes Mal, wenn
Nord- und Südkurve dieses stimmliche Aufeinandertreffen zelebrieren, erscheint
sofort auf dem Videowürfel eine hübsche Grafik, mit der der aktuelle Lärmpegel
der Schlachtrufe angezeigt wird. Okay, in anderen Stadien wird bei guten
Freistößen oder Fernschüssen die Geschwindigkeit angezeigt, mit der der Spieler
des Leders Rund Richtung gegnerisches Tor befördert hat. Ist genauso unwichtig.
So gesehen ist das hier mal was anderes. Nachdem allerdings zum vierten Mal in
der ersten Halbzeit nach Beginn des Schlachtrufes zufällig diese Lärmmessung auf
dem Würfel veranstaltet wird, glaube ich, meinen zu können, dass das ganze
abgesprochen ist und bei jedem Heimspiel in festgelegten Zeitabständen während
des Spiels durchgeführt wird. Keine spontane Stimmung also, sondern perfekt
durchorganisiert. Langsam beginne ich, mich wie ein Stimmungssteher in
Leverkusen zu fühlen, da weiß die Vereinsführung ja auch am besten, wie man zu
jubeln und anzufeuern hat.
Ach
Schalke, Deine Fans! Es ist so vieles anderes geworden. Unser Fahrer und dessen
Freundin waren zum Spiel gegen Werder Bremen bereits im Stadion, mit
Eintrittskarten, die auf zu verschlungenen Vitamin-B-Wegen besorgt wurden, als
dass man jetzt näher darauf eingehen müsste. Wichtig ist eh, was hinten raus
kommt, und das waren in diesem Fall VIP-Karten, so dass die beiden auch die
Abfütterung der VIPs und solcher, die sich dafür halten, vor, während und nach
dem Spiel im gleichnamigen Raum beobachten konnten. Eine Szene hat sich beiden
besonders ins Gedächtnis eingebrannt: die Tatsache, dass Schalke 04 bei diesem
Spiel drei Aushilfskräfte nur dafür abstellte, im VIP-Raum hinter einem Tisch
Austern aufzubrechen. Ja, Schalke, der Arbeiter-Klub. Traurig, traurig, aber
heutzutage wohl unvermeidlich. Das dürfte die Zukunft für so ziemlich alle sein,
die mal im Konzert der Großen mitspielen wollen. Geld stinkt halt eben nicht so
sehr wie Kohle. Aber mit ein bisschen Glück und dem richtigen Angebot kriecht es
wie der Staub des schwarzen Energielieferanten in jede Ecke und Ritze und bleibt
dort.
Naja, es
gibt Schlimmeres in der Arena als Austern-Spezialisten im VIP-Raum. Zum Beispiel
den Videowürfel. So schön er auch anzusehen ist, so sehr nervt er auch im
Verlauf des Spiels. Wenn nur der Spielstand nebst Spielzeit angezeigt wird, oder
nur die Mannschaftsaufstellungen, dann ist alles gut. Leider meint man, dem
Zuschauer alle fünf bis zehn Minuten noch mal in Groß anzeigen zu müssen, wie
lange noch zu spielen ist, wahrscheinlich, um die Fans noch mal anzuspornen, das
Letzte zu geben. Klappt nicht. Könnte auch daran liegen, dass die Einblendung
der Restspielzeit völlig untergeht in der überdimensionalen Einblendung eines
Sponsors, der dem Besucher tatsächlich mittels rhetorischer Frage vermitteln
möchte, dass man sich in wenigen Minuten dem Genuss von Eiscreme hingeben kann.
Nicht nur total überzogen, sondern auch um diese Jahreszeit ziemlich
optimistisch. Obwohl, innerhalb der Arena glatt glaubwürdig, denn die
Temperaturen dort erreichen zwar nicht Sauna-Niveau, wie einst Heiko Herrlich
meinte, dafür ist es doch zu sehr Winter, aber gemütlich warm ist es auf alle
Fälle. Vielleicht hat der Sponsor ja tatsächlich jemanden damit locken können,
mich hat er nur genervt.
Nervtötend auch die Einblendung der zeitgleich statt findenden anderen
Bundesliga-Partien, wenn irgendwo auf den anderen Plätzen ein Tor gefallen ist.
Dies wird natürlich präsentiert von einem weiteren Sponsor, einer Zeitung mit
vier großen Buchstaben. Hurra, der Arbeiter-Verein wird gesponsert von der
CDU-Spendenkasse! Die nehmens aber auch wirklich von jedem, quasi eine lokale
Globalisierung. Untermalt werden die Einblendungen im übrigen von einem
händeklatschenden Jingle, das der Alt-Fan nach genauerem Hinhören als den Beginn
der Erkennungsmelodie der ehemaligen „Sport im Westen“-Sendung auf WDR
identifizieren kann. Ja, das waren noch Zeiten! Da wurden auch Bilder von
Rot-Weiß Lüdenscheid gegen Wacker 04 Berlin aus der 2. Liga Nord vor 100
Zuschauern gezeigt, das konnte noch so langweilig sein, aber es war halt
Fußball. Bäh, wie einfallslos.
Ach ja,
und noch etwas Grauenvolles droht auf Schalke, genau wie in jedem anderen
Bundesliga-Stadion, das ich in diesem Jahr besucht habe: die Halbzeitpause. Also
wenn Mayer-Prostfelder oder Sepp Blätter-mal-ein-paar-Scheinchen-hin die
demnächst in der Bundesliga mal abschaffen wollen, ich wäre einer der
Befürworter. Da wird werbetechnisch so richtig abgerockt, und zwar auch in einer
Lautstärke, dass man die Leute in den Business-Seats, die während der ersten
Halbzeit gelangweilt eingenickt sind, wieder wach bekommt. Krönung des ganzen
ist die Fan-Box, die natürlich auch nicht „Fan-Box“ heißt, sondern
„...-Fan-Box“, denn selbst so was kann der Verein nicht alleine, selbst dafür
braucht er noch einen Sponsor. Hierbei handelt es sich um irgendeine Ecke im
Stadion, in der sich vor dem Spiel irgendwelche Schalke-Fans mit Gesängen,
Gedichten, Botschaften oder was ihnen sonst so einfällt, vor laufender
Videokamera verewigen können. Das abschreckende Ergebnis wird dann in der
Halbzeitpause gezeigt. Etwas Ähnliches habe ich – ausgerechnet! – im August
schon einmal im Westfalenstadion zu Dortmund gesehen und stimme durchaus mit
unserem Fahrer überein, der der Meinung war, so einen Quatsch könne man
vielleicht bei „Nur die Liebe zählt“ bringen, aber nicht in einem
Fußballstadion. Eine große Anzahl Fans scheint der selben Meinung zu sein, denn
als mittlerweile wohl zum x-ten Mal irgendsoeine Zicke, die das für eine
großartige Idee hielt, mittels Fan-Box öffentlich um die Hand ihres Liebsten
anhält, kommen aus der Nordkurve entschlossene „Nein, nein, nein!“-Sprechchöre.
Ich hoffe, der derart Gemarterte war schlau genug, auf die Fans zu hören. 10.000
Leute können doch nicht irren.
Aber
wahrscheinlich hat er mitgespielt, so wie sie alle mitzuspielen haben, weil das
große Geld es verlangt. Denn eins fällt mir bei der Halbzeit-Werbung auf: der
Schalke-Fan ist, höchstwahrscheinlich ohne gefragt zu werden, von Vereins- und
Sponsoren-Seite voll durchgeplant. Diesen Eindruck vermittelt zumindest die
Werbung. Der Hersteller eines Fleischabfallproduktes, zufälligerweise genau
derselbe, der auch diese Fan-Box sponsert und daher sowieso schon fünf Minuten
am Stück im Bild war, verkündet danach noch vollmundig: „Schalke-Fans
sind...(hier den zu erratenden Produktnamen einsetzen)-Fans!“ Da wird keine Ware
angepriesen, da wird nicht mit Angeboten gelockt, da wird eine Tatsache
festgestellt. Es ist halt so, und wehe, wenn nicht! Dann wird wahrscheinlich die
Fan-Box auch noch während des Spiels eingeblendet, bis es jeder kapiert hat.
Schön auch danach die Werbung des Flughafens Münster/Osnabrück: „Schalke-Fans
fliegen vom Flughafen Münster/Osnabrück!“ Punkt. Keine Diskussion, schließlich
schmückt sich das Ding mit dem Titel „Offizieller Schalke-Flughafen“. Ach, von
dort fliegt leider nix in die Karibik oder auf die Kanaren? Egal, immerhin
gibt’s da Zubringer-Flüge, und der gemeine Schalke-Fan nimmt doch gerne einen
kleinen Umweg in Kauf, um die 50% Parkgebühr zu sparen, die ihm bei Vorlage
seines Mitgliedsausweises (oder war es die Dauerkarte? Sorry, vergessen)
erlassen werden. Sagt jedenfalls die Werbung. Also da guck ich mir doch lieber
90 Minuten Fußball am Stück an, da können die meinetwegen auch die
Auswechslungen auf sechs pro Mannschaft erhöhen. Wenn mir dadurch diese
grauenvollen Halbzeiten in Bundesliga-Stadien erspart werden.
Gegen
Ende des Spiels, als die ersten Zuschauer auf den Gegengeraden bereits das
Stadion verlassen (zur Erinnerung: es steht nicht 0:6, sondern 1:1...), greift
die Nordkurve dann noch instinktsicher voll daneben. Wohl in der Absicht, die
60.000 Zuschauer kurz vor Schluss noch einmal zusammen zu schweißen, um dann als
Einheit die eigene Mannschaft noch einmal nach vorne zu brüllen und gegen die
Tristesse auf dem Rasen anzukämpfen, bietet die Nordkurve erneut den in allen
Stadien so beliebten „Steht auf...“-Schlachtruf: „Steht auf, wenn ihr Schalker
seid!“ Leider haben sie nicht mit der durchaus vorhandenen Pfiffigkeit der
Gegengerade-Sitzplatz-Inhaber gerechnet. Diese folgen dem Lockruf, stehen auf –
und verharren leider nicht bewegungslos, sondern streben den Ausgängen zu! Wenn
man schon mal steht, dann kann man auch gleich gehen. „Hinsetzen, hinsetzen!“
skandiert die Nordkurve sogleich hektisch, aber es ist zu spät. Wahre
Besucherströme ergießen sich aus der Arena heraus, ich schätze mal, bei Abpfiff
war noch Dreiviertel des Publikums anwesend, 10-15.000 Leute waren schon auf dem
Heimweg.
Aber da
habe ich glatt noch ein Highlight unterschlagen: in der 80. Minute nämlich tobt
das Stadion. Wellen der Begeisterung schwappen über die Ränge, Schalke-Fahnen
werden geschwenkt und es tönen „Schalke, Schalke“-Gesänge durchs weite Rund in
wirklich beeindruckender Akustik.
Was war
passiert? Hatte Schalke das 2:1 erzielt, und ich habe gelogen, was das
Endergebnis betrifft? Oder wurde soeben für alle Besucher dieser Fußball-Folter
freier Eintritt für das erste Heimspiel der Rückrunde verkündet? Oder hatte der
Fan seine Drohung wahr gemacht, der in der ...-Fan-Box angekündigt hatte, bei
Nichtgewinnen seiner Schalker nackt über den Platz rennen zu wollen?
Nichts
von alledem: auf dem Videowürfel war lediglich der 1:1-Ausgleich des 1. FC
Region bei Borussia Dortmund angezeigt worden. Über was man sich doch alles
freuen kann, wenn die eigene Mannschaft solch einen Käse spielt, dass man schon
keine Lust mehr hat, sie anzufeuern...
Und man
darf natürlich als neutraler Besucher nicht nur das Negative sehen: in der
Nordkurve, da standen sie noch, die echten Schalke-Fans, direkt vor und neben
mir, mit ihren uralten Kult-Kutten, Pils am Hals und die Zigarette drin
(wahlweise im Hals oder im Pils, je nach Nüchternheit), die wirklich
mitfieberten und mitgingen, jeden Spielzug analysierten und vor Aufregung
bebten, wenn Asamoah nur mal einen Ball unfallfrei zu stoppen vermochte, was bei
ihm ja eigentlich schon Grund zur Freude ist. Insbesondere die etwas betagtere
Dame schräg vor mir, die wirklich zwischen Hoffen und Bangen schwebte, zwischen
Himmel und Hölle, obwohl sich auf dem Spielfeld absolut nix tat, ist mir da im
Gedächtnis geblieben. Schön, wenn man aus so einem Langeweiler noch so wohl
Aufregung heraus holen kann. Ich habe es ihr gegönnt, sie war mit dem Herzen
dabei. Einige andere auch. Aber der Funke, der springt nicht mehr aufs restliche
Publikum über oder nur noch vereinzelt.
Obwohl
sie ja auch Humor haben. Denn es tönte so manches Mal während des Spiels trotzig
aus der Nordkurve: „Macht sie alle, schießt sie aus der Halle!“ Wären die
Spieler dieser Aufforderung nachgekommen, wäre die Stimmung sicherlich auch
besser gewesen.
Nach dem
Spiel warten wir ab, ob vielleicht noch der Service geboten wird, auch die
Endergebnisse der anderen Partien angesagt zu bekommen, aber es gibt Wichtigeres
zu tun: nämlich das Vereinslied abzuspielen. Und zwar in voller Länge. Danach
warten wir im Innenraum noch auf unseren Fahrer, der wirklich vor nichts halt
macht und sich für seine Sammlung noch einen Schalke.Schal an einem der
Fan-Artikel-Stände besorgt, was sich nicht ganz einfach gestaltet, da ca. 100
Leute gleichzeitig die selbe Idee haben. Währenddessen werden auf den
zahlreichen Fernsehern im Innenraum Interviews mit Spielern und Trainern
gezeigt. Ergebnisse gibt es nicht. Warum auch, wir sind ja alle Schalker Fans,
und wir haben ja alle nicht gewonnen, da ist der Abend schon versaut. Wozu
sollen da auch noch Ergebnisse gezeigt werden?
Draußen
trifft einen die Kälte wie ein Hammerschlag, das sind lockere 20 Grad
Unterschied zwischen Arena und Realität, ein genau so großer Spagat wie
anscheinend der zwischen Anspruch und Wirklichkeit des FC Schalke in dieser
Saison. Auf dem Rückweg halten wir noch mal bei Vattern und Muttern, die mit
heldenhaftem Einsatz ihre letzten Würstchen an den Mann bringen. Die Kühlboxen
mit den Getränken sind weg bis auf eine, die haben also wirklich noch ordentlich
verkauft. Die Cola, die aus der letzten kommt, ist dann aber auch so was von
kalt – im Sommer hätte man sich um sie geschlagen, jetzt friert man auch noch
von innen zu. Abgerundet wird der Rückmarsch über diesen wirklich stockfinsteren
Pfad an der Lohmühle vorbei, bei dem man nicht mehr die Hand vor Augen sieht,
auch weil aus dem Teich dampfend die Kältenebel hochsteigen und sich über die
Wiesen schleichen. Das hat nicht nur Freialdenhoven-, sondern auch
Original-Edgar-Wallace-Niveau, aber ich sehe leider keinen Mönch mit der
Peitsche oder eine andere der legendären Roman-Figuren. Dafür sehe ich kurze
Zeit darauf ein, dass der Geheim-Parkplatz wirklich ein solcher war, denn die
Rückfahrt verläuft störungs- und völlig staufrei, da man die Hauptstraße bis zur
Autobahn vermeiden kann.
Ein
netter Abend in beeindruckender Atmosphäre, mit so einigen Misstönen für meinen
Geschmack, mit denen man aber heutzutage leider leben muss. Eine schöne Stimmung
im Block und – das muss man auch mal sagen – fairen Eintrittspreisen. Denn über
8 € für den Stehplatz kann man nun wirklich nicht meckern. Wenn man denn einen
hat...
Zum
Schluss plagt mich nämlich noch das schlechte Gewissen. Als ich mich bei unserem
Schalke-Fan für die Karte bedanke, frage ich mal so beiläufig, wie er denn da
ran gekommen ist, acht Karten auf Schalke zu besorgen, stelle ich mir nämlich
ein wenig problematisch vor. Und bekomme folgendes zu hören:
Sie sind
irgendwann neulich mit drei Mann schon morgens um fünf aus Bonn los gefahren.
Vor der Geschäftsstelle haben sie dann 7 Stunden gewartet, um an die Karten zu
kommen. Das ginge aber noch: denn vor dem UEFA-Cup-Spiel gegen Bröndby
Kopenhagen hätten sie ebenfalls 7 Stunden vor der Geschäftsstelle gewartet. Und
keine Karten mehr bekommen.
Daher
sage ich herzlichen Dank, dass ich dabei sein durfte und empfehle, ab nächstem
Jahr doch mal nach Düsseldorf in die RheinArena (oder wieauchimmer) zu kommen.
Ich kann mir nämlich irgendwie nicht vorstellen, dass man dort, von einigen
Ausnahmen vielleicht mal abgesehen, solche Schwierigkeiten haben wird, an Karten
zu kommen. Aber wer weiß? Wenn erst die Diebels-Fan-Box, der
Express-Zwischenstand-Service und die Choreo-Pflicht für alle, die mit
Transparenten und Bannern ins Stadion kommen, eingeführt wird – vielleicht
klappts ja dann auch in Düsseldorf mit den ausverkauften Häusern, egal, ob
Bayern anreist oder Energie Cottbus. Einen Teil dieses Schnickschnacks gab es
bereits im alten Rheinstadion, und ich habe mich gerne davon verabschiedet (also
von dem Schnickschnack, vom Stadion nicht). Glücklicherweise brauche ich mir
darüber erst mal keine Gedanken mehr zu machen, denn vor solche Gegner hat der
liebe Gott ja noch ein paar Aufstiege gestellt. Aber immerhin erhielt ich am
Mittwoch einen Vorgeschmack dessen, was dann passieren kann. Wobei die Betonung
eindeutig auf „kann“ liegt. Soviel hat man nämlich immer noch selbst in der
Hand.
Und mit
dem Hinweis, dass ich zu meiner Überraschung während des gesamten Spiels nur
eine einzige dieser dämlichen Nikolaus-Blink-Mützen sichten konnte, verabschiede
ich mich.
Frohe
Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!
Natürlich
mit ...! Denn Fortuna-Fans sind ...(hier noch mal beliebiges Produkt zur
Verzückung des jeweiligen Sponsors einsetzen)-Fans! Oder doch nur ganz
gewöhnliche Bekloppte, die ab und zu mal ein gutes Fußballspiel ihrer Mannschaft
sehen wollen, und mehr nicht? Die Zeit wird es zeigen!
janus
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