Geysire, Vulkane
und die Nationalmannschaft
Katastrophentourismus at its best
Reisebericht Island 05.09.2003 – 08.09.2003

Und wieder ging es in den hohen Norden. Nach meinem Ausflug auf
die Färöer im Juni diesen Jahres stand nunmehr noch ein Besuch auf Island an, wo
die deutsche Nationalmannschaft am 06.09.2003 ihr EM-Qualifikationsspiel gegen
den derzeitigen Tabellenführer der Qualifikations-Gruppe 5 auszutragen hatte.
Wie beim Spiel auf den Färöer war ich auch diesmal nur mäßig am Ergebnis des
Spiels interessiert, denn gerade dieses Match im Juni hatte dafür gesorgt, dass
ich immer noch nicht unbedingt als Fan der Nationalmannschaft gelten kann. Aber
Fußball guck ich ja schon ganz gerne, und wenn es dann noch im Reisepreis
inbegriffen und das Land, in dem gespielt wird, für mich reizvoll ist, dann fahr
ich auch gerne mal wieder mit den Nationalmannschafts-Enthusiasten mit, so
schlimm sind die ja auch alle nicht. Zumal es mir auf den Färöer sowohl was das
Land als auch was die Mitreisenden betraf, eigentlich sehr gut gefallen hatte.
Mit einigen Abstrichen, die aber nichts mit den Färöer, sondern ausschließlich
mit einigen deutschen Kulturverbreitern zu tun hatte. Aber mit denen muss
man ja nicht 24 Stunden am Tag zusammen hängen. Also auf nach Island!
Von den vorliegenden Angeboten, bei denen der Besuch des Spiels
und der Erwerb der Eintrittskarte inklusive war, wählte ich natürlich das
billigste, da meine Reisekasse schon durch die Färöer-Tour ein wenig belastet
worden war. Allerdings sollte es dann doch schon mehr als ein Tag Aufenthalt
sein, da ich es für ausgesprochene Geldverschwendung halte, nach Island zu
fliegen, mir zwei Stunden später das Spiel anzusehen und ebenfalls zwei Stunden
später wieder zurückzufliegen. So etwas kann man sich mal überlegen, wenn in
München gespielt wird, aber nicht, wenn’s nach Island geht, dann will ich auch
ein bisschen was sehen.
Das billigste Angebot war demnach eine Reise von Freitag bis
Sonntag Nacht mit Unterkunft in Reykjavik. Okay, es geht sicherlich noch
billiger, nämlich auf eigene Faust irgendwie hin, irgendwie Unterkunft finden
und irgendwie wieder zurück, aber ich fürchte, aus dem Alter bin ich langsam
raus. Also wurde im Februar gebucht und eine Woche vor Reisebeginn trafen die
entsprechenden Unterlagen dann auch endlich ein. Es konnte los gehen.
Stop, fast hätte ich es vergessen. Normalerweise wollte ich mir
einige allgemeine Hinweise zu Island sparen, da ich der Meinung war, dieser
Inselstaat sollte in seinen Grundzügen eigentlich (im Gegensatz zu den Färöer)
ausreichend bekannt sein. Noch im Flugzeug wurde ich jedoch eines besseren
belehrt, als mich jemand fragte, zu „wem“ denn Island eigentlich „gehöre“.
Wohlgemerkt von jemandem, der soeben in einem Flieger nach dort saß! Das nenn
ich eine gelungene Reisevorbereitung. Also kapituliere ich kurzfristig vor PISA
und gebe folgendes zum besten:
Island liegt zwischen 63 und 66 Grad nördlicher Breite, etwa 270
km südöstlich vom nächsten Nachbarn Grönland und rund 800 km nordwestlich von
Schottland; somit befindet sich Island auf derselben geografischen Breite wie
z.B. Mittel-Norwegen oder Nord-Schweden. Der Polarkreis durchläuft genau die
kleine Insel Grímsey, den nördlichsten Punkt Islands. Auf Island leben derzeit
ca. 288.000 Menschen, die Hauptstadt heißt Reykjavik, liegt im Südwesten der
Insel und beherbergt derzeit ca. 110.000 Bewohner in der Stadt selbst und ca.
70.000 zusätzlich in den näheren Umlanden. Und um die Frage meines
wissbegierigen Mitfliegers zu beantworten: Island ist ein unabhängiger Staat und
„gehört“ somit niemandem außer dem eigenen Volk. Wie Deutschland und Österreich
zählt auch Island zu den Nationen mit einer parlamentarischen Demokratie.
Legislative ist das Althing, das älteste noch existierende demokratische
Parlament der Welt, dessen Wurzeln auf das Jahr 930 zurück reichen, da müsste
der deutsche Fragesteller eigentlich vor Neid erblassen.. Island ist nicht in
der EU, die dortige Währung ist daher die isländische Krone (ISK), die
EU-Staaten sind aber wichtige Handelspartner. Außerdem hatte Island mit Vigdís
Finnbogadóttir von 1980 bis 1996 die erste Staatspräsidentin in Europa, daher
sollte das Land auch allen Feministinnen ein Begriff sein.
Island besteht aus der Hauptinsel sowie der kleinen Insel im
Norden, Grímsey, und einer Anzahl Inseln im Süden, den Vestmannaeyjar-
oder Westmänner-Inseln, von denen aber nur die größte Insel, Heimaey, bewohnt
ist. Wer sich unerklärlicherweise für den VfB Stuttgart interessieren sollte,
der weiß natürlich auch, dass diese Truppe in den Neunziger Jahren im
Europapokal dort schon einmal bei IBF Vestmannaeyjar antreten musste (und eine
Runde weiter kam). Zu den Westmänner-Inseln gehört auch die Insel Surtsey, die
erst 1963 bei einem unterseeischen Vulkanausbruch entstand (der Vorgang dauerte
bis 1967), ebenfalls unbewohnt ist und nur von Wissenschaftlern zu
Studienzwecken betreten werden darf.
Und jetzt kann ich noch das ergänzen, was ich mir in der Zeit vor
Reisebeginn angelesen hatte:
Island gilt als die größte Vulkaninsel der Welt. Sie ist mit
103.125 km² etwa zweieinhalb mal so groß wie die Schweiz. Die Insel ist
geologisch noch lächerlich jung, ihre Entstehung begann vor rund 65 Mio. Jahren,
größtenteils abgeschlossen war sie vor ca. 16 Mio. Jahren. Findige
Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass, wenn man den durchschnittlichen
Zeitpunkt der Entstehung der übrigen Landmassen auf den aktuellen Tag herunter
rechnen und im Verhältnis mit der Entstehung Islands vergleichen würde, dann ist
Festland-Europa eben vor 24 Stunden, Island jedoch erst vor 4 Minuten
entstanden. Ein ziemlicher Nachzügler also. Ozeantechnisch betrachtet liegt
Island am sogenannten Mittelatlantischen Rücken. Das ist jene Linie, an der
eurasische und nordamerikanische Kontinentalplatte zerbrochen sind und stetig
auseinander treiben – jährlich um ca. 2 Zentimeter. Da die beiden Krustenstücke
auf flüssigem Erdinneren treiben wie Eisschollen im Meer, reiben und stoßen sie
ab und zu aneinander. Die Folge sind gewaltige Vulkaneruptionen, deren Folgen
die heutige Landschaft Islands prägen. Auch heutzutage gibt es noch Erdbeben auf
Island, das letzte ist grad mal einige Wochen her, und die Gefahr von
Vulkanausbrüchen besteht ebenfalls weiterhin, auch wenn alle als aktiv bekannten
Vulkane derzeit relativ untätig sind. Diese atlantische Bruchzone verläuft
übrigens quer durch die Reykjanes-Halbinsel, auf der auch Reykjavik liegt. Dort
herrscht somit quasi ein Kleiner Grenzverkehr, denn bei Ausflügen auf der
Reykjanes (=“rauchende Landzunge“)-Halbinsel bewegt man sich vom östlichsten
Punkt der amerikanischen Erdplatte auf den westlichsten der europäischen. Island
ist landschaftlich ungeheuer abwechselungsreich, Vulkane neben Gletschern,
Geysire neben Lavawüsten.
Das klang alles sehr reizvoll. Und die Hoffnung, die sich damit
verband, wurde nicht enttäuscht: es war ein sehr schöner, wenn auch viel zu
kurzer Aufenthalt, ein interessantes und beeindruckendes Erlebnis. Trotz des
Fußballspiels. Hier ist der Reise-Bericht.

| Ein typisch
isländisches Lagerhaus? - Nein! |
Eine typisch
isländische Kirche? - Nein! |
Freitag, 05.09.2003
Abflug:
21.30 Uhr. Flughafen: Düsseldorf. Somit erst mal zum Bahnhof Düsseldorf und dann
von dort weiter mit der S-Bahn Linie 7, die direkt zum Flughafen-Terminal fährt.
Es ist Freitag Nachmittag, ich bin viel zu früh am Bahnhof und habe noch
reichlich Zeit, da ich den freien Tag zuvor zum Besuch bei meiner alten
Arbeitsstätte genutzt habe. Das Wetter ist prima, strahlender Sonnenschein, über
zwanzig Grad warm. Das muss man nutzen. Bevor ich mich jetzt stundenlang in den
großen Hallen des Flughafens aufhalte, setze ich mich doch lieber am Bahnhof
noch ein Stündchen auf dem Bahnsteig in die Sonne, bevor ich los fahre. Denn der
Düsseldorfer Nichtraucher-Bahnhof hat bei einigen Bahnsteigen die Raucherzonen
an die jeweiligen Bahnsteigsenden verlegt, wo man bei Regen zwar pitschnass wird
und auch schön jedem Windstoß ausgesetzt ist (aber egal, Hauptsache, die
Nichtraucher werden nicht belästigt, ich habe allmählich den Verdacht, dass die
für ihre Tickets mehr bezahlen als ich und daher auch bevorzugt behandelt werden
müssen, dann ist das natürlich okay), sich aber bei schönem Wetter gut sonnen
kann. Außerdem hat man da auch genug Platz, denn man wird wenigstens nicht von
hysterischen Nichtrauchern belästigt, schließlich könnten die ja einige
Qualmwölkchen abbekommen. Und die wären wirklich gesundheitsschädlich im
Vergleich zu den ganzen Autoabgasen, die sie auf ihrem Weg zum Bahnhof schon
eingeatmet haben. Denn die sind ja schließlich bleifrei. Als Verfemter in
dieser Gesellschaft muss man sich auch über die kleinen positiven Aspekte dieses
Kinderkrams freuen.
Und
während ich mich ein halbes Stündchen hinsetze, meine Umwelt verpeste und
gleichzeitig ein wenig lese, bekomme ich auch ein wenig Unterhaltung geboten,
worüber ich mich freue, denn noch ist auch bei der Bahn Rauchern das Lachen
nicht verboten worden. Zu meiner Linken lässt sich eine junge Mutter mit
Kleinkind nieder, zu meiner Rechten drei rüstige Damen aus Hagen, die von ihrem
Einkaufsbummel in der Großstadt kommen und wieder nach Hause fahren wollen. Nach
einiger Zeit beschließe ich, den Blick nach links zu wenden und die Ohren auf
Dialoge von der rechten Seite zu schärfen, so bekomme ich wenigstens alles mit.
Denn
links hat die junge Mutter jetzt mit der Raubtierfütterung begonnen und möchte
der Kleinen (es sei denn, Jungs tragen heutzutage im Baby-Alter auch rosa) einen
Joghurt einzellöffelweise nach der bewährten Methode „Ein Löffel für Mama, ein
Löffel für Papas Scheckbuch, ein Löffel für den Scheidungsanwalt“ verabreichen.
Das Kind pfeift aber auf den Imbiss, es hat nämlich soeben ein neues Hobby
entdeckt: Züge gucken. Und da die Mutter den Kinderwagen strategisch etwas
ungünstig abgestellt hat, muss das Kind nun immer den Kopf nach rechts und links
bewegen, um alle Züge im Blick zu haben, wovon es auch reichlich Gebrauch macht,
so dass die Löffel-Vorstöße der Mutter meist ins Leere zielen. Dies gipfelt
darin, dass Muttern nach einiger Zeit mit dem Löffel ein wenig Joghurt entfernen
möchte, der bei der vorherigen Attacke am Mundwinkel des Kindes hängen geblieben
ist. Gerade in dem Moment, in dem sie den Löffel an den fruchtigen Überresten
ansetzt, rollt aber auf dem Nachbargleis ein ICE an, so dass das Kind ruckartig
den Kopf zur Seite dreht. Die Folge ist eine Joghurtspur, die sich nunmehr
unübersehbar vom Mundwinkel bis zum Ohr zieht. In einer Stadt wie Düsseldorf
geht das glatt als avantgardistisch durch. Jetzt das ganze noch auf der anderen
Seite, und man könnte eine indianische Abstammung vermuten. Leider stellt
Muttern deprimiert die Fütterung ein. Schade.
Macht
aber nix, auf der anderen Seite ist eh mehr los. Die drei Damen mittleren Alters
haben anscheinend nicht nur eingekauft, sondern auch direkt einen Zug durch die
Gemeinde gemacht, sie sind nämlich eindeutig angeschickert. Zunächst wird ein
Karnevalslied geträllert, dessen Titel und Text ich glücklicherweise sofort
wieder vergesse, dann wird sich darüber unterhalten, wie denn diese alkoholische
Düsseldorfer Spezialität heißt, die sie am Nachmittag reichlich zu sich genommen
haben. Die Spekulationen reichen von „Killewusch“ über „Killitsch“ bis
„Killerzeugs“. Nun gut, da es sich wirklich um eine Spezialität handelt, die man
in Hagen wohl kaum im Kiosk an der Ecke erwerben kann, würde ich ihnen ihre
Unkenntnis über den weltberühmten „Killepitsch“ eigentlich verzeihen. Allerdings
nur circa dreißig Sekunden lang, denn dann holt die mittlerste der mittleren
Damen eine Plastiktüte aus ihrer Tasche, in der noch einige Fläschchen dieser
Kostbarkeit lagern. Inklusive des korrekten Namens, der groß und breit auf dem
Etikett aufgedruckt ist. Ja, wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Aber jetzt ist
ja alles gut. Nachdem das Etikett entziffert und mit einigen „Ah“s, „Oh“s und
„Ich habs doch gleich gesagt“ gewürdigt worden ist, wird zur Vernichtung des
Inhalts geschritten, der, so entnehme ich den Äußerungen, eigentlich als
Mitbringsel gedacht war. Aber sie haben halt so viel anderes Zeugs eingekauft,
da muss ein wenig Gewichtsverminderung in den Taschen betrieben werden. Als dann
die S-Bahn Richtung Hagen eintrifft, wollen sie erst gar nicht einsteigen, denn
es steht Dortmund drauf, also hält sie automatisch nicht in Hagen, so ist die
allgemeine Ansicht. Schließlich setzt sich eine der Damen, die in grauer Vorzeit
schon einmal Düsseldorf betreten hat und sich wohl ein bisschen auskennt, durch.
Sie bestimmt, dass erst mal eingestiegen wird und setzt hinzu: „Wenn wir durch
Hagen fahren, und der hält nicht an, können wir immer noch die Notbremse
ziehen.“ Mit diesem revolutionären Vorschlag zur Fahrplangestaltung erntet sie
ein großes Hallo, die Augen der Damen leuchten, man merkt, dies ist das
Verruchteste, was sie jemals geplant haben. Beschwingten, wenn auch nicht eben
geraden Schrittes eilen sie von dannen.
Schade,
war doch sehr unterhaltsam. Leider hält die S-Bahn auch in Hagen, ansonsten
hätte ich glatt noch einen Bekannten angerufen und darum gebeten, mir ein
Exemplar der Samstags-Ausgabe des EXPRESS zu sichern, da wäre der spektakuläre
Notbremsen-Ausstieg nämlich unter Garantie schriftlich festgehalten worden.
Schließlich wird die Notbremse ansonsten eh immer nur von Bundeswehrsoldaten
oder Fußball-Fans betätigt, da wären die drei Damen boulevardpresse-technisch
eine echte Attraktion gewesen.
Na gut,
wenn die Unterhaltung hier nicht mehr gegeben ist, dann kann ich ja auch fahren.
Ich tue dies und bin kurz nach sechs am Düsseldorfer Flughafen. Erst einmal
beobachte ich die Monitore, ob ein Einchecken schon möglich ist. Jawohl, dort
ist ein Flug nach Island um 21.30 Uhr aufgeführt. Leider nicht nach Keflavik,
sondern nach Egilstaðir,
und die Flugnummer stimmt auch nicht so ganz. Da sie aber gegenüber meiner
Flugnummer nur um den Wert eins differiert, beschließe ich, mal am Schalter
nachzufragen, was es damit auf sich hat. Und in der Tat, hier bin ich richtig,
es ist ein Koppelflug, der zwei unterschiedliche Flugnummern mitnimmt und von
Düsseldorf zunächst nach Egilsstaðir im Osten Islands führt, dort wird ein Teil
der Passagiere (richtige Urlauber, die nix mit Fußball am Hut haben) ausgeladen,
aufgetankt und dann weiter geflogen nach Keflavik. Hätte man ja netterweise
vorher mal drauf hinweisen können. Andererseits garantiert das wohl dafür, dass
der Flug nicht wieder mit so einem verkappten Doppeldecker durchgeführt wird wie
die Reise nach Färöer im Juni, zumal der Flughafen in Keflavik auch um einiges
größer ist als der auf Vágar, was auch für etwas längere Landebahnen spricht.
Beim Einchecken erwartet mich noch eine etwas unangenehme
Überraschung, mein Rucksack, den ich bis oben hin vollgeladen hatte, um für
diese zwei Tage nicht noch zusätzliches Gepäck aufgeben zu müssen, muss leider
als zusätzliches Gepäck aufgegeben werden, er ist nämlich, auch nachdem ich
alles Ess- und Trinkbare und meine Bücher entfernt habe, genau 500 Gramm zu
schwer. Schade, geht er also mit 8.5 kg als „echtes“ Gepäckstück durch und ich
stehe jetzt nur noch mit einer modischen Plastiktüte da. Naja, von den anderen
Sachen werde ich in den nächsten Stunden wohl auch nichts mehr brauchen. A
propos: was mache ich jetzt eigentlich noch drei Stunden lang?
Abhilfe auf diese Frage naht in Gestalt der in der Nähe der
Sicherheitsschleuse liegenden Bar. Dort sitzen je zwei Damen und Herren
mittleren Alters beim Bier, sieht nach der üblichen Mallorca-Kegelclub-Mischpoke
aus, aber einer der Herren trägt ein Deutschland-Trikot, weshalb eigentlich
relativ klar sein sollte, wohin die Reise geht. Des weiteren redet dort ziemlich
laut ein jüngerer Herr mit bayrischem Dialekt, daneben verfolgt eine Dame
aufmerksam seinen Redefluss. Sie zieht sofort meine Blicke auf sich, denn sie
trägt, unglaublich, aber wahr, ein Halstuch des 1. FC Kaiserslautern! Eine aus
der Region also, der Region, die immer Trauer trägt, wenn es dem FCK mal
so richtig schlecht geht, denn schließlich erscheint in wirklich jedem
Presseartikel zum finanziellen oder sportlichen Chaos dieses Vereins
zwangsläufig immer der Hinweis, wie schwer denn die ganze Region an dem
Verlust trüge, wenn sich der Klub nicht wieder aufrappeln könne. Was im
Ernstfall, wie z.B. bei der Fast-Pleite aufgrund der Steuernachforderungen des
zuständigen Finanzamts in der letzten Saison, dann auch meist dazu führt, dass „die
Region“, in Gestalt entweder des Landesvaters Beck, Ministerpräsident von
Rheinland-Pfalz, oder der Stadt Kaiserslautern, dem maroden Verein immer wieder
finanziell unter die Arme greift. Für mich muss „die Region“ einer der
ärmsten Landstriche ganz Europas sein, in dem die Bewohner nix, aber auch
wirklich gar nix haben, außer ihrem FCK und diesem schauderhaften pfälzischen
Dialekt. Die müssten eigentlich auf unserer Liste für Entwicklungshilfe stehen,
so deute ich das Gejammer der Region, wenn es dem Verein finanziell oder
sportlich mal wieder besonders schlecht geht, also eigentlich immer.
Da ich aber komischerweise niemanden kenne, der FCK-Fan ist und
nicht aus der Region kommt, bin ich natürlich allein schon zu
Studienzwecken auf die Bekanntschaft dieser Dame gespannt.
Ich besorge mir also etwas zu trinken und zwänge mich dazwischen.
Als erstes werde ich mit der Frage begrüßt „Bezahlt oder gewonnen?“ Das verwirrt
jetzt ein wenig, wo kann man denn Island-Reisen gewinnen? Wenn in irgendwelchen
Preisausschreiben Reisen ausgelobt werden, dann doch wohl eher zu irgendwelchen
Ballermann-Tempeln im Süden Europas. Aber nachdem ich „Bezahlt“ gesagt und
ordentlich Gelächter geerntet habe, erfahre ich den Grund: vor einigen Monaten
wurde der „Fan-Club der Nationalmannschaft“ gegründet, 20 Euro Mitgliedsbeitrag
im Jahr. Was man dafür alles geboten bekommt, weiß ich nicht und interessiert
mich auch nicht weiter, reizvoll wäre für mich einzig und allein die Tatsache,
dass Fan-Club-Mitglieder in den Genuss eines Vorkaufsrechts für Eintrittskarten
kommen, das wäre vielleicht noch interessant. Der springende Punkt ist jetzt,
dass unter den ersten Leuten, die sich damals anmeldeten, 30 Reisen nach Island
verlost wurden. Der Reiseverlauf ist identisch mit meinem, ich bin bei der
Planung also organisatorisch in die Reisegruppe des Fan-Clubs gesteckt worden,
nur dass diese Leute nicht zwischen Vier- und Drei-Sterne-Hotel wählen konnten,
sondern als Gewinner sofort im Vier-Sterne-Bunker einquartiert werden. Und der
Herr aus Bayern, die Dame aus der Region und Hans-Werner aus
Ostwestfalen, der Ehefrau und befreundetes Ehepaar zum Abflug mitgebracht hat
(die aber nicht mitfliegen), die drei sind unter den glücklichen Gewinnern, so
dass ich am Tisch der einzige bin, der die Reise ehrlich bezahlt hat. Naja, was
heißt ehrlich, die Reise habe ich von meiner Steuer-Rückerstattung 2002 bezahlt,
aber auf jeden Fall: es ist Geld geflossen, im Gegensatz zu den anderen. Damit
habe ich natürlich erst mal die Arschkarte gezogen. Und ich hab auch nur das
Drei-Sterne-Hotel gebucht. Fehler über Fehler. Deren Reise ist ca. 1.300 € Wert,
da hat sich der Jahresbeitrag 20 € auf Jahre hinaus rentiert. Ich glaub, ich
muss mich da auch mal anmelden.
Man kommt ins Gespräch. Der Bayer ist Ur-Münchner und als solcher
natürlich Fan der „Löwen“, des TSV 1860 München. Die Münchner Bayern haben in
München nämlich kaum Fans, das sind fast alles Auswärtige oder Zugezogene. Ist
mir bekannt, trotzdem brauche ich jetzt nicht unbedingt eine Aufstellung aller
Vorzüge, ein Löwen-Fan zu sein. Bekomme ich aber, denn der Löwe war der erste,
der heute am Flughafen war und eingecheckt hat, bereits um 16 Uhr, daher hatte
er jetzt schon zwei Stunden Zeit, Weizenbier zu konsumieren. Er ist zwar etwas
laut, aber trotzdem nett.
Die Dame aus der Region ist zwar FCK-Fan, aber trotzdem
nett. Sie wird von mir mit einem fröhlichen „Ein Gruß an die gebeutelte
Region“ begrüßt und weiß auch gleich, wovon die Rede ist. Hans-Werner ist,
wie jeder Ostwestfale, der nicht zu Arminia Bielefeld geht, Schalke-Fan,
Mitglied des Fan-Clubs „1000 Feuer OWL“. Auf was für Ideen man kommt, wenn man
mitten in der Einöde wohnt! Trotzdem ist auch er recht nett.
Nach einigen Fachsimpeleien erhalten wir Zuwachs. Zunächst kommt
Otto Waalkes. Einen Moment lang glaube ich es wirklich, die Ähnlichkeit ist
verblüffend, die Kappe, die langen Strähnen, die darunter hervor lugen und in
den Nacken fallen, die Gesichtszüge – alles passt. Besonders als er dann noch
den Mund aufmacht, werde ich wirklich unschlüssig, denn der klingt auch noch wie
Otto. Ist aber dann doch nur ein Fan von Hannover 96. Er hat einen ziemlich
großen Flaggenstock dabei, an dem sich sowohl die deutsche als auch die
isländische Fahne befinden. Das nenn ich noch Völkerverständigung! Überflüssig
zu sagen, dass auch er die Reise gewonnen hat.
Dann gesellt sich noch die nach der Region albernste
deutsche Fan-Kultur zu uns, nämlich zwei Bayern-Fans, der eine sogar aus
München, allerdings aus einem Stadtteil, der von dem Löwen kurz und bündig als „Randviertel
– wie Sahel-Zone“ deklariert wird. Der andere kommt zwar aus Deutschland, die
seinem Heimatdorf nächstgelegene Großstadt ist aber Basel, also wohl ein ganz
„tiefer“ Baden-Württemberger. Wegen dem verschlucke ich mich dann aber doch an
meinem Getränk, denn als er erfährt, dass ich fußballerisch mit Fortuna
Düsseldorf verbandelt bin, fragt er allen Ernstes: „Was war denn beim
ARAG-Pokal-Endspiel im Mai in Velbert? Da war ja einiges los.“ Mein Gott, hat
dieses kleine Spiel Kreise gezogen, selbst in Ecken, die quasi schon Ausland
sind, bekommt man so was mit! Aufgrund meiner Erfahrungen mit dem
Bayern-München-Fan, der sich in meiner Färöer-Reisegruppe befand, verzichte ich
jedoch darauf, ihm die Fan-Struktur der SSVg Velbert zu schildern, er könnte sie
ja sympathisch finden. Und natürlich haben auch diese beiden die Reise gewonnen.
Ich komme mir langsam wie ein Aussätziger vor.
Den restlichen Teil meines Bar-Aufenthaltes verbringe ich
gemütlich in meinem Sitz zurück gelehnt damit, mir anzuhören, warum einerseits
die Löwen, andererseits die Bayern (die „Blauen“ und die „Roten“, wie das in
Bayern unterschieden wird) die beste Mannschaft der Welt sind. Beide Parteien
sind relativ unversöhnlich eingestellt und nicht zimperlich in ihren Argumenten.
Da bin ich ja schon fast froh, dass sich niemand von Velbert oder gar Rot-Weiß
Essen hier blicken lässt, ich kann mich entspannen, während der Löwe beim
Argumentieren ordentlich ins Schwitzen kommt. Er verbucht abschließend einen
leichten Punktsieg, weil eh niemand die Bayern abkann und der neutrale Zuschauer
sowieso immer zum Underdog hält.
Zu gegebener Zeit begeben wir uns durch die Sicherheitszone zum
Gate. Dort ist es auch schon relativ voll, weitere Fußball-Fans sind schnell
gefunden. Darunter ein Fan von Alemannia Aachen, den ich insgeheim „Willi“
taufe, weil er genauso redet wie der Aachener Dauerbrenner, Dauerrenner und
Publikums-Liebling Willi Landgraf, der mal
beim
Step-Aerobic-Training, auf die Frage, ob er so etwas vorher schon einmal gemacht
habe, antwortete: „Jung, ich komm aus Bottrop - da wirsse getötet, wenne datt
inne Muckibude machs!“ Willi kommt zwar nicht, wie Willi Landgraf, aus dem Pott,
sondern ist ein waschechter Rheinländer, redet aber so, als sei er Willi
Landgrafs Souffleur. Er ist auch ziemlich gut drauf und auch etwas lauter, da es
ihm gelungen ist, einiges Hochprozentiges durch die Sicherheitsschleuse zu
bekommen. Inzwischen existiert es aber nicht mehr, zumindest nicht sichtbar.
Dafür freut er sich, weil er die Reise natürlich auch gewonnen hat. Ich
beschließe einen Protest beim DFB, weil ich der einzige zu sein scheine, dem der
Verband für diese Reise das Geld aus der Tasche gezogen hat, anscheinend um den
Verlust der verschenkten Reisen einwenig zu kompensieren. Immerhin, wenn sie vom
Verband aus schon Reisen verschenken müssen, um überhaupt Leute nach Island zu
bekommen...ich wette, bei einem Auswärtsspiel auf Mallorca oder Kreta hätte man
die letzten freien Plätze gegen Bezahlung verlosen müssen.
Zehn Minuten später habe ich dann doch einige Leute im Blick, die
auch zahlen mussten. Auf ein paar davon hätte ich aber gut und gerne verzichten
können. Zum Beispiel sind die Gladbacher Künstler auch wieder dabei. Zehn Mann
hoch mit ziemlich wenig Haaren auf dem Kopf und diese schicken Uniformen, äh
schwarzen Sweatern, auf denen in altdeutscher Schrift „Unsere Heimat, unsere
Stadt, Mönchengladbach“ eingemeißelt ist. Die kenne ich schon vom Färöer-Spiel
und da war mein Eindruck, dass diese Inschrift, auch was die Schrifttypen
angeht, nicht unbedingt künstlerisch zu verstehen war. Die hätten meinetwegen
nicht bezahlen müssen, sondern einen Freiflug gewinnen können. Nach Wladiwostok
zum Beispiel. Und wie gesagt: einen Freiflug. Von Rückflug war nicht die
Rede.
Aber es sind auch noch genug normale Leute am Gate, ich schätze
mal, jeweils zur Hälfte Fußball-Fans und Urlauber. Mit einer Dreiviertelstunde
Verspätung darf dann schließlich auch an Bord geschritten und gegen 22.15 Uhr
gen Island abgehoben werden.
Der Flug verläuft störungsfrei, ich habe einen interessanten
Sitznachbarn. Zunächst verblüfft er mit der Aussage, er habe in den letzten vier
Jahren jedes Spiel von Rot-Weiß Oberhausen gesehen, egal ob Heim- oder
Auswärtskick. Darüber bin ich doch sehr erstaunt, ich hätte nicht gedacht, dass
es auf diesem Planeten Menschen gibt, die sich wirklich jedes Spiel von Rot-Weiß
Oberhausen antun. Kein Wunder, dass er ein wenig Abwechslung braucht und, um mal
wieder lachen zu lernen, mit der deutschen Nationalmannschaft auf Reisen geht.
Was er darüber zu erzählen hat, ist alllerdings interessant: er hat nämlich nur
die Flugtickets und die Eintrittskarte bezahlt, um Unterkunft will er sich vor
Ort bemühen. Genauso hat er es auch auf den Färöer gemacht und ist dort
tatsächlich privat untergekommen, nachdem er auf dem Flughafen einfach den
erstbesten Bediensteten angesprochen, und der ihm für vier Tage Unterkunft und
Verpflegung gewährt hatte. Das finde ich eine prima Sache, gebe aber zu, dass
mir persönlich diese Variante doch ein wenig zu unsicher und abenteuerlich
erscheint. Immerhin hat er sich dergestalt auf die Reise vorbereitet, dass er
den Reiseführer bis zu der Stelle durchgeblättert hat, an der stand, dass der
gemeine Isländer in der Regel sehr gastfreundlich sei. Das reichte ihm dann zur
Buchung. Ich bin gespannt, ob er etwas finden wird, nachts um eins auf dem
Flughafen Keflavik dürften eigentlich nicht allzu viele Leute unterwegs sein,
die er noch ansprechen könnte. Deshalb ärgert er sich natürlich auch über die
Verspätung und die nicht angekündigte Zwischenlandung, die seine Chancen doch
erheblich schwinden lassen.
Zwischendurch haben wir die Uhren schon um zwei Stunden zurück
gestellt, Island hat aufgrund seiner geographischen Lage nämlich die
Westeuropäische Zeit und macht zudem die deutsche Sommerzeit nicht mit. Gegen 23
Uhr landen wir dann in Egilsstaðir. Bei der Ansprache der Stewardess kann ich
dann auch die spezielle Eigenart der isländischen Sprache nachvollziehen: die
beiden Buchstaben „ð“ und „Þ“, die in der deutschen Sprache relativ bis völlig
unbekannt sein dürften, sind tatsächlich die isländische Version des zu
Schulzeiten so beliebten englischen „th“, wobei „ð“ eher weich ausgesprochen
wird (wie in „these“) und „Þ“ das harte „th“ repräsentiert (wie in „thing“). Die
Isländer können übrigens ihre wundervolle mittelalterliche Literatur noch heute
problemlos lesen, denn Isländisch, eine nordgermanische Sprache, die – wie
Färöisch – mit dem Altnorwegischen verwandt ist, hat sich seit der Zeit der
Besiedlung der Insel kaum verändert. Noch immer achtet das Institut für
isländische Sprache der Uni Reykjavik auf eine Art „Reinhaltung“ der Sprache:
Fremdworte aus anderen Sprachen werden „übersetzt“, die so geschaffenen Worte
werden in den Tageszeitungen zur Diskussion gestellt und gehen dann
gegebenenfalls in den isländischen Sprachschatz über; Eltern müssen ihren
Kindern isländische Namen geben, dass dort also eine Pauline, eine Zoé oder eine
Bijou Schmitz auftauchen, ist relativ unwahrscheinlich; Immigranten waren
übrigens bis vor ca. 10 Jahren per Meldegesetz verpflichtet, ebenfalls einen
solchen Namen anzunehmen.
Es gab und gibt zahllose Erfindungen, die originelle sprachliche
Neuschöpfungen notwendig machten. Für „Werbung“ fand sich zum Beispiel das
Wörtchen auglýsing, wörtlich: „Augenerleuchtung“. Zum Feierabend schaltet
man den Fernseher, Sjónvarp = „Bildrausschicker“ ein, und wer in den
Urlaub fliegt, steigt in einen Düsenjet, eine Þrýstiloftsflugvél,
wörtlich übersetzt: „Druckluftflugmaschine“.
Jedoch wird das sprachliche Reinheitsgebot von der Jugend immer
mehr unterlaufen, es schleichen sich immer mehr englische Ausdrücke in den
Sprachschatz ein. So konnte sich zum Beispiel die in den Zeitungen
vorgeschlagene Bezeichnung far simi (ohne Draht) für „Mobiltelefon“ nicht
durchsetzen, das Handy nennt man auch auf Island ganz einfach mobile
oder, nach dem Telefonstandard, gsm. Schlecht für die Traditionalisten,
gut für Leute wie mich, denn so besteht die Chance, wenigstens etwas von dem zu
verstehen, was man dort hört und liest.
Etwa die Hälfte der Passagiere verlässt in Egilsstaðir den
Flieger, dafür steigen knapp zwei Dutzend neue zu. Diese wollen eigentlich nach
Düsseldorf, also von Egilstaðir aus gesehen nach Osten, müssen aber erst mit uns
nach Keflavik, also nach Südwesten, um dann von dort aus wieder die gleiche
Strecke zurück und dann gen Heimat zu fliegen. Hm, die hätte man doch eigentlich
auch auf dem Rückweg einladen können...aber da fühlt man sich bei der LTU doch
direkt wieder heimisch, denn ein solches Vorgehen erinnert mich irgendwie stark
an die Deutsche Bahn AG. Ein Stück Heimat im Luftraum über Island – was will man
mehr?
Gegen ca. 1.30 Uhr landet die Maschine sicher in Keflavík, und
die Landebahn ist wirklich lang genug, man kommt nicht einmal in die Nähe eines
Sees, wie drei Monate zuvor auf Vágar. Wir verlassen das Flugzeug, wandern durch
den menschenleeren, aber doch recht großen Flughafen und fahren auf einer
Rolltreppe zur Gepäckausgabe hinunter. Unten angekommen, sind wir schon im
Fernsehen, ein Kamerateam des NDR hat sich dort aufgebaut und filmt die
erschöpften Rolltreppenfahrer. Drei davon werden auch gleich zum Interview
gebeten, was mich doch stark an Färöer erinnert, die Fragen sind in etwa so
intelligent wie die, die mir damals gestellt wurden: „Ist das nicht eine etwas
lange und anstrengende Anreise nur für ein Fußballspiel?“ Sehr sinnig, diese
Frage jetzt und hier zu stellen. Da muss das Team wohl krampfhaft irgendwie die
zehn Meter Film voll kriegen, die sie morgen früh als Stimmungsbericht vor dem
Spiel abzuliefern haben.
Unterdessen habe ich tatsächlich meinen Rucksack wieder bekommen,
auch wenn ich zweimal hinsehen muss, um ihn identifizieren zu können. Er war mal
weiß, aber irgendwie ist ihm der Transport durch den Regen auf einem mangelhaft
gereinigten Gepäckkarren farbtechnisch nicht so gut bekommen. Aber ansonsten ist
er unverändert, sprich heil und in einem Stück.
Nachdem der Beamte, der das ganze mit Argusaugen beobachtet, fünf
Leuten, die während des Wartens auf das Gepäck heimlich auf dem Klo rauchten,
einen Anpfiff verpasst hat, weigert er sich leider noch, einen Einreisestempel
in den extra mitgeführten Reisepass zu hämmern, aus dem einfachen Grund, weil er
keinen hat. Schade, wäre ein schönes Souvenir geworden, auf Färöer haben sie
auch fleißig (und kostenlos) gestempelt.
Am Ausgang erwartet uns eine Reiseleiterin, die uns in gutem
Deutsch auf zwei Busse verteilt, den Fan-Club Nationalmannschaft, an den ich ja
auch angehängt worden bin, auf den einen, das restliche Volk, darunter sämtliche
Altdeutsch-Liebhaber auf den anderen. Wenigstens etwas.
Wir stehen mit vier Mann draußen im Regen und rauchen, denn es
fehlt noch unser Löwe, er ist der letzte Nachzügler.
Plötzlich springt uns aus dem Dunkel eine Gestalt an. Ca. 25
Jahre, flachsblonde Haare, in einer Art Popperscheitel frisiert, Anzug mit
weißer Krawatte, augenscheinlich sternhagelvoll. Er ist richtig gut drauf, lacht
und hüpft durch den Regen und grölt immer wieder „Iceland, Iceland!“ Sodann
entert er den Bus und singt, so scheint es mir, die isländische Nationalhymne.
Als er wieder nach draußen torkelt, schnorrt er sich eine Zigarette und beginnt,
drauflos zu erzählen, leider versteht ihn niemand, sein Englisch hat er wohl auf
dem Boden des letzten geleerten Glases gelassen.
Allerdings kommt mir der Verdacht, dass seiner Spontaneität ein
wenig nachgeholfen wurde, denn kaum hat er einmal seinen Schlachtruf los
gelassen, da erscheint wie von Zauberhand das NDR-Kamerateam und beginnt wieder
zu filmen. Sollte mich nicht wundern, wenn sie den Typ im Flughafen erspäht und
mittels 10-Euro-Schein zu dieser Zirkusnummer überredet hat. Aber auch wenn,
egal, der Knabe hat ein Händchen für stimmungsvolle und friedliche Auftritte.
Zum Glück ist der andere Bus schon los gefahren, wer weiß, was von dort zurück
gekommen wäre?
Nachdem er sich getrollt hat, beschließt Willi, jetzt doch mal
unseren Löwen zu holen, nicht dass der auf dem Klo eingepennt ist, genug
gebechert hat er dafür in den letzten Stunden. Beide erscheinen nochmals zehn
Minuten später, und das Unwahrscheinliche ist Wahrheit geworden: ausgerechnet
dem Mann, der am Nachmittag als allererstes eingecheckt hat, ist das Gepäck
verloren gegangen! Auf dem Förderband kreiste nur noch ein einsamer Koffer, den
haben sie dann vom Band geholt, auf dem Anhänger stand als Zielflughafen:
Beirut! Auweia, da hat unser Löwe so ganz nebenbei wohl einen Beitrag zum
internationalen Terrorismus geleistet, denn wenn sein Koffer in Beirut auf dem
Gepäckband ebenfalls einsam seine Kreise gezogen hat, wird er dort wohl sofort
gesprengt worden sein. Aber nachdem er einmal kurz geseufzt hat, ist der Löwe
wieder Herr der Lage, schließlich war er in Düsseldorf vor dem Abflug zum Glück
noch im Duty-free-Shop. Somit betritt er Island nur mit dem, was er am Leibe
trägt, sowie einer Plastiktüte, in der sich eine Stange Zigaretten und eine
Literflasche Wodka befinden. Wir sind uns alle einig, dass diese
Grundausstattung für das Wochenende reicht. Endlich kann es auch für uns nach
Reykjavik weiter gehen.
Ich ergattere ein Plätzchen neben einem ca. 18jährigen Mädel –
ein Traum in BVB, dass es nur so die Augen blendet. Alles, wirklich restlos
alles an ihr ist schwarz-gelb, überall prangt der Name oder das Logo von
Borussia Dortmund. Na gut, solche Leute solls ja geben. Deshalb überrascht es
mich auch nicht, an ihrer linken Hand sogar einen Ring in Vereinsfarben und mit
Inschrift zu entdecken. Hingegen überrascht es mich, dass sie die Reise nicht
gewonnen hat. Dafür hat sie sie geschenkt bekommen. Wie hätte es auch anders
sein können. Ich verkrieche mich zutiefst deprimiert in meinen Sitz und
versuche, die Fahrt zu genießen.
Zunächst stellt sich unsere Reiseführerin vor, sie hört auf den
Namen Berglind Steínsdóttir, besteht aber darauf, nur Berglind genannt zu
werden.
Das hat seinen guten Grund, denn die isländischen Namen sind die
nächste Fallgrube, in die der unbedarfte Tourist hinein plumpst. Der Nachname
gibt nämlich jeweils nur an, wer der Vater derjenigen Person ist, ergänzt durch
den Zusatz –dóttir für Tochter bzw. –son für Sohn. Berglind ist also die Tochter
von Steín, und hätte sie einen Bruder, würde dieser mit Nachnamen Steínsson
heißen. Aber es kommt noch besser, da isländische Frauen bei ihrer Heirat ihren
Nachnamen niemals ändern (und Männer auch nicht – Anmerkung der
Gleichstellungsbeauftragten meiner Dienststelle), gibt es in der typischen
isländischen Durchschnittsfamilie, die wie die typische deutsche
Durchschnittsfamilie aus Vater, Mutter, Sohn und Tochter besteht, tatsächlich
vier verschiedene Nachnamen! Und dies ist auch der Grund, warum das isländische
Telefonbuch tatsächlich nach den Vornamen sortiert ist. Auch eine nette
Variante, wie ich finde.
Des weiteren gibt Berglind uns zu Beginn der Fahrt einen Einblick
in die Grundzüge des isländischen Naturells. Wichtigste Regel: nie unhöflich
beschweren! Wenn man meint, sich beschweren zu müssen, sollte man diplomatisch
zu Werke gehen und die Beschwerde in eine möglichst freundliche Frageform
kleiden: „Könnte es vielleicht sein, dass...?“ Der Grund: Isländer gehen stets
davon aus, alles richtig gemacht zu haben und wenn nicht, dann möchten sie
selbst darauf kommen. Unverblümt geäußerte Kritik bewirkt bei Isländern – gar
nichts.
Ich versuche, mir dies in einem Fußballstadion vorzustellen. Also
nicht „Lauf, du faules Aas!“ sondern „Könnte es sein, dass Sie sich vielleicht
bisher nur mangelhaft bewegt haben?“ Klingt lustig und viel versprechend.
Aber sie hat noch ein Schmankerl parat, über das ich schmunzeln
muss: die Isländer machen sich nämlich einen Spaß daraus, alles nach der
Pro-Kopf-Quote umzurechnen, da sie im Vergleich zu den anderen europäischen
Staaten eben relativ wenig Einwohner haben, sind sie bei dieser Rechnung fast
überall die besten. So sind sie stolz darauf, die meisten Schachgroßmeister der
Welt zu haben – nämlich acht -, und die meisten Literatur-Nobelpreisträger –
nämlich einen -, die meisten Miss Worlds – deren zwei – sowie die meisten an der
Mailänder Scala engagierten Opernsänger – wiederum einen – aufzuweisen. Diese
Rechnung, die der Schriftsteller Þorarinn Eldjá einmal aufgestellt hat, geht im
übrigen tatsächlich auf, in Russland beispielsweise müsste es, gemessen an der
Gesamtbevölkerung, mehr als 6000 Schach-Großmeister geben, tatsächlich sind es
aber aktuell „nur“ 86.
In der Zwischenzeit sind wir schon auf der Ringstraße, die auf
einer Länge von 1.340 km die gesamte Insel an der Küste umrundet, auf dem ca.
45minütigen Weg nach Reykjavik. Die Landschaft um uns herum kann man im Dunkeln
nur erahnen, es ist eine unwirkliche Mondwüste aus brauner Lava und grauem Moos.
Mondwüste heißt das hier nicht umsonst, denn genau hier haben Armstrong & Co. im
Jahre 1969, bevor sie die erste bemannte Mondlandung der Geschichte
durchführten, ihren Mondspaziergang geübt. Und sie mussten noch nicht einmal als
Touristen einreisen, denn das Gelände rund um den Flughafen ist ein hermetisch
abgeriegelter NATO-Stützpunkt, in dem sich die Amerikaner verlustieren, übrigens
die einzigen Streitkräfte, die es auf Island gibt, denn Island hat keine eigene
Armee (zack, schon wäre ich arbeitslos...).
Nach der erwähnten Dreiviertelstunde kommen wir schließlich nach
Reykjavik und fahren direkt an einer echten Augenweide vorbei: die Perlan, deren
futuristische Kuppel hell erleuchtet ist. Während man von der Aussichtsterrasse
oder dem Restaurant in der Kuppel, das sich langsam um sich selbst dreht wie das
Restaurant im Düsseldorfer Fernsehturm, einen herrlichen Blick auf die Stadt,
das Meer und die Hügelkette umher haben soll, brodeln und zischen unter den
Füßen der Gäste gut 24 Mio. Liter Heißwasser. Die Tanks der Perlan versorgen
Reykjavik mit Wärme. An der Treppe, die zum Restaurant führt, soll ein mehrere
Meter hoher künstlicher Geysir zischen, den ein Zufallsgenerator in Gang setzt.
Sieht toll aus, liegt allerdings etwas weit draußen und wohl auch sehr teuer.
Nachdem wir die dreißig Gewinner des Fan-Clubs im
Vier-Sterne-Hotel SAS Radisson Saga abgeladen haben, geht die Fahrt mit den zehn
armen Schluckern, die die Reise bezahlen mussten, weiter zum Hotel Báron, das
passenderweise in der Báronsstigur und somit nur fünf Minuten von der Innenstadt
entfernt liegt. Dort werden wir von Berglind verabschiedet mit der Ankündigung,
der morgige Tag stehe zunächst zur freien Verfügung, um kurz nach 16 Uhr würden
wir jedoch mit dem Bus abgeholt und zum Stadion gefahren werden.
Wir gehen zum Einchecken. Alle bekommen ihr Zimmer, ich bin als
letzter dran. Ich sage meinen Namen, der Nachtportier guckt in seinen PC und die
Kinnlade fällt ihm ein wenig herunter. „Your room is taken“, teilt er mir kurz
und bündig mit. Aha, na, das rettet ja richtig den Tag! Heute Nachmittag ist
wohl schon eine Gruppe aus Frankfurt angereist, da hat irgend jemand von denen
mein Zimmer bekommen, ein Überbuchungsfehler des Hotels. Aber bloß nicht
unverblümt beschweren, ich habs ja grad gelernt, also sage ich: „Okay, how about
taking a look if my twin-brother is still awake?“ Ob das jetzt grammatikalisch
so einwandfrei war, weiß ich nicht, mein Englisch ist ziemlich eingerostet, er
versteht es jedenfalls und wehrt natürlich ab. Selbstverständlich will er den
dreisten Okkupator jetzt nicht mehr aus dem Bett werfen, denn der hat ja auch
eine korrekte Buchung. So geht es also nicht. Er will mir ein anderes freies
Zimmer suchen. Nachdem er volle fünf Minuten mit der Maus an dem PC rumfuhrwerkt,
kommt er wohl endlich zu einem Ergebnis: er reicht mir den Zimmerschlüssel mit
der Nummer 400 und sagt: „For this night, you can stay in this room, and
tomorrow, we’ll find another solution.“ Punkt.
Oje, das klingt nach Besenkammer. Aber egal, darüber kann ich
mich dann morgen noch beschweren. Ich steige die Stufen in den fünften Stock
hinauf, an solchen Tagen traue ich keinem Fahrstuhl mehr. Zimmer 400 liegt nicht
auf dem Gang, sondern ganz abseits am Ende desselben, sogar noch durch einen
extra Durchgang von den anderen Zimmern getrennt. Aua, das sieht nun wirklich
nach der Abstellkammer aus, ich meine, schon das Putzmittel zu riechen und die
staubbedeckten Feudel zu sehen, mit denen ich mein Nachtlager teile.
Ich öffne die Tür, finde wie erwartet natürlich keinen
Lichtschalter, dafür muss man um die Ecke treten und sich an der Wand entlang
tasten. Schließlich finde ich den Lichtschalter und beleuchte die Szenerie.
Unglaublich! Der Knabe hat mir die Suite gegeben! Ein Riesen-Wohnzimmer, eine
Diele, ein Schlafzimmer mit Doppel- bzw. ich bin geneigt zu sagen, Dreifachbett,
alles ordentlich mit Parkett, dazu eine Küchenzeile mit Herd, Kühlschrank und
Einbauschränken, ein Balkon, auf dem ca. zehn Leute locker Platz hätten.
Als ich mich wieder gefasst habe, möchte ich doch erst mal die
Örtlichkeit aufsuchen. Auch sehr schön gekachelt, sieht glatt nach Marmor aus,
aber das glaube ich dann doch nicht, nur die Badewanne hat eine etwas andere
Form als die bei mir zuhause. Ein zweiter Blick löst das Rätsel – es handelt
sich um einen Whirlpool. Das ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen
bringt. Ich rechne fest damit, dass gleich der Nachtportier an die Tür klopfen
und sich für den bedauerlichen Irrtum entschuldigen wird, um mich wieder
auszuquartieren. Aber nicht mit mir! Ich bin entschlossen, das Zimmer mit Zähnen
und Klauen zu verteidigen! Fünf Minute verbringe ich an der Eingangstür, immer
auf die Schritte und das höfliche Klopfen wartend, um dann, wenn er mit dem
Generalschlüssel öffnet, von innen massiven Widerstand zu leisten. Aber ich
glaubs kaum – er kommt nicht, er hat es tatsächlich Ernst gemeint. Schön, was
man für Zimmer bekommt, wenn man das erste Mal auf Island ist, kann ich da nur
sagen.
Und so gehe ich um ca. 3 Uhr hochzufrieden ins Bett, nachdem ich
noch diese und jene Einrichtung des Zimmers einer genaueren Überprüfung
unterzogen habe. Den Wecker stelle ich mir auf acht Uhr, denn dann will ich
Reykjavik erkunden. Und nachmittags ist ja natürlich auch noch dieses Spiel...
Samstag, 06.09.2003

Punkt 8 Uhr begrüßt mich der Wecker mit einer isländischen
Volksweise, da habe ich wohl in der Nacht den falschen Sender eingestellt.
Andererseits bin ich aufgrund dieses Lärms sofort hell wach. Ein Gang auf den
Balkon offenbart, dass Island uns wolkenverhangen, aber wieder trocken begrüßt,
bei ca. 12 Grad. Vom Balkon hat man übrigens einen schönen Blick über die Bucht,
zur Linken sticht eine moderne Schiffsskultpur ins Auge, die jemand auf den
Uferdamm gesetzt hat, zur Rechten gibt es etwas völlig Unscheinbares, das
Geschichte gemacht hat. das weiße Höfði-Haus, in dem nicht nur der Geist Móri
spuken soll, sondern in dem 1986 die Herren Gorbatschow und Reagan auch das Ende
des Kalten Krieges einläuteten. Die werden aber bestimmt nicht so eine hübsche
Suite gehabt haben wie ich, schließlich waren die ja zum Arbeiten hier.
Zunächst gilt es, die Unterkunft für die nächste Nacht zu
sichern. Ich begebe mich also zur Rezeption, schildere die Lage und bitte um ein
neues Zimmer. Das Mädel, das dort grad seinen Dienst versieht, reißt erst mal
erstaunt die Augen auf: ob ich mich beschweren wolle? Dies sei schließlich der
coolste Raum im ganzen Hotel. Ich beeile mich, zu versichern, dass ich die
isländische Gastfreundschaft keinesfalls in den Schmutz ziehen wolle, aber es
war nun mal mit dem Nachtportier abgesprochen. Dumm gelaufen. Hätte ich gewusst,
dass er ihr davon anscheinend nichts erzählt hat...
Aber jetzt folgt dasselbe Spielchen wie letzte Nacht. Nachdem sie
mit der Computer-Maus hektisch hin und her jongliert hat, streckt sie mir
plötzlich die offene Hand entgegen und sagt: „Gimme five...and stay in this room!“
Na, und da will ich wirklich nicht so sein und mich über die Überbuchung
beschweren. Kann ja jedem mal passieren und man macht ja nicht für jede
Kleinigkeit ein Fass auf. Ich schlage ein und bin somit stolzer Bewohner einer
Suite während meines gesamten Aufenthalts.
Dann wird mir von zwei „normalen“ Touris noch der Weg in die
Innenstadt gewiesen, es sind Kölner, aber vom anderen Ufer, denn auf der Jacke
der Frau prangt ein Emblem der Kölner Haie, mit Fußball haben sie nichts am Hut.
Die Auskunft ist knapp, klar und verständlich: aus dem Hotel rechts raus, die
Straße hoch, zweite Straße links – fertig. Gesagt, getan, schon stehe ich mitten
auf der Haupteinkaufsstraße Laugavegur. Es ist noch wenig los, denn die meisten
Geschäfte öffnen erst gegen halb zehn, zehn Uhr, außerdem ist ja Wochenende, und
da feiern die Isländer ziemlich heftig, wobei es in der Innenstadt nicht vor
zwölf, ein Uhr nachts anfängt und selten vor vier Uhr endet; dafür fängt es dann
am nächsten Morgen entsprechend später an. Aber egal, es gibt auch nur mit noch
spärlichem Publikum genug zu gucken, denn die Straße ist lang und es reiht sich
ein Geschäft neben ein Café neben eine Bar und dann wieder von vorn. Beim
Betrachten der Preise allerdings muss man erst einmal schlucken. Okay, dass sie
im ersten Moment irrsinnig hoch erscheinen, liegt natürlich auch daran, dass 1
Euro immerhin ca. 77 ISK Wert ist, da kommen fast schon wieder alte
Italien-Gefühle auf. Aber auch wenn man die Preise dann in Euro umrechnet,
bleibt es immer noch sehr teuer. Reykjavik zählt zu den teuersten Hauptstädten
Europas, fast alles liegt hier über unserem Preisniveau. Dies liegt vor allem
daran, dass es auf vielen Sektoren, zum Beispiel eben bei Lebensmitteln oder
Bekleidung, an Konkurrenz fehlt, Quasi-Monopolisten beherrschen den Markt und
diktieren die Preise. Irgendein Wirtschaftsinstitut hat mal ausgerechnet, dass
für ein Kilo Paprika auf Island knappe 41 Euro, und damit exakt 403 % mehr zu
zahlen sind als in Barcelona. Da kaust du jeden Bissen dreimal, weil er so teuer
ist. Die Isländer behelfen sich, neben wirklich guten Verdienstmöglichkeiten und
der Tatsache, dass es auf der Insel bei Männer unter ein und bei Frauen nur
schlappe 2 % Arbeitslosigkeit gibt, indem viele von ihnen einen Zweit- oder gar
Drittjob haben. Da sie dann auch vermehrt zu den deftigen einheimischen
Spezialitäten greifen, die etwas billiger sind als andere Lebensmittel,
qualifiziert sie dies für die kurze und bündige Bewertung „Lamm essende
Workaholics“, wie die Nordic Statistics, ein im November 1999 vorgelegter
offizieller Ländervergleich zwischen den vier skandinavischen Staaten, Island
und Grönland, ihre Erkenntnisse über das Inselvolk zusammen fasste.
Naja, aber irgendwas muss ja nun gekauft werden, sonst wäre ich
ja völlig umsonst hier. Zunächst gönne ich mir einen Abstecher zum Tjörnin-See,
auf dem gerade Stockenten und Seeschwalben von Spaziergängern gefüttert werden.
Zwei markante Gebäude beherrschen den See: zum einen eine Kirche, die aber keine
Kirche ist, sondern die Nationale Kunstgalerie, zum anderen ein Lagerschuppen,
der teilweise auf Stützpfeilern ins Wasser hinein ragt, der aber kein
Lagerschuppen ist, sondern das Rathaus. Aha, Touristen-Verarsche. So langsam
werden sie mir unheimlich, zumal sie gar nicht weit entfernt auch noch mit einem
Phallologischen Museum aufwarten, dessen Exponate genau das sind, was der
Museumsname vermuten lässt. 80 Gemächter fast aller Säugetierarten, die es auf
und um Island gibt. Was soll man beim Anblick eines „Wal-Organs“ als Mann noch
groß sagen? Am besten gar nichts.
Danach wird noch kurz das Denkmal von Ingólfur Árnarson
besichtigt, der durch eine eher unkonventionelle Art der Wohnungssuche die Stadt
Reykjavik gründete: im Jahre 874 warf er in Norwegen die Säulen seines hölzernen
Hochsitzes ins Meer und schwor, seinen Hof dort zu errichten, wo sie an Land
treiben sollten. Nach 3-jähriger Suche fand man die Säulen an einem Ort, der
wegen aufsteigender Rauchsäulen den Namen Reykjavik (Rauchbucht) erhielt. So
einfach war das früher. Heutzutage wäre wohl lediglich eine Anzeige wegen
„illegaler Entsorgung von Einrichtungsgegenständen“ dabei rumgekommen.
Zurück auf die Laugavegur. Die Straße geht in die Bankastraeti
über, führt einen kleinen Berg hinunter an eine Kreuzung, und dort befindet sich
der Austurvöllur, der Platz, an dem sich die Jugend vorzugsweise gegen
Mitternacht versammelt, um dann den Marsch durch die Institutionen zu starten.
Die Austurstraeti führt von dort aus weiter zum Hafen hin, ebenfalls nur
Geschäfte und Bars, wo man hinblickt. Hier wird also heute nach dem Spiel der
Bär toben.
Nachdem ich einige Souvenirs erstanden habe, darunter einen
echten Island-Pullover zum Spottpreis von 4.000 ISK („normaler“ Preis: zwischen
8.000 und 10.000 ISK) fällt mir noch ein Schnapsladen auf, eine sogenannte „Vinbuðin“.
Darin steht neben den Verkäufern auch ein Polizist in vollem Ornat, d.h. mit
Knüppel und Pistole, und passt auf, dass niemand etwas klaut bzw. dass sich
keine Minderjährigen hierher verirren. Die müssten dann aber auch früh
aufstehen, um noch etwas abzubekommen, denn der Laden ist gerammelt voll und es
geht ziemlich viel an „echtem“ Bier (die meisten Restaurants und Bars schenken
nur Leichtbier aus), Wein und Schnaps über den Tresen. Da muss man mal drin
gewesen sein. Ich mache mir den Spaß, ein Fläschchen chilenischen Wein zu
kaufen, wobei ich keine Ahnung habe, ob das Zeugs gut schmeckt oder zu
sofortiger Erblindung führt. Was für ein Souvenir aus Island – Wein aus Chile!
Ich bin begeistert von meiner Kreativität.
Inzwischen haben sich die Straßen gut gefüllt, man sieht auch
immer mehr Leute in Deutschland- oder diversen Vereins-Trikots, auch isländische
Jerseys können bereits gesichtet werden. Und so verbringe ich einige Zeit damit,
einfach nur auf der Straße herumzustehen und mit einigen Leuten zu reden, die
ich aus dem Flieger kenne oder schon auf Färöer getroffen oder gar noch nie
gesehen habe. Es herrscht entspannte Stimmung. Nett empfangen werden wir
übrigens auch noch, auf der Laugarvegur befindet sich über einem
Bekleidungsgeschäft ein großes Fenster mit einem Schild „Goethe-Center“. Das
Fenster ist offen, auf der Fensterbank steht ein tragbarer CD-Player und
vermittelt mit vollster Lautstärke deutsches Kulturgut, nämlich „Links, zwo,
drei, vier“ von Rammstein. Es schallt über die ganze Straße, die Isländer finden
es offensichtlich lustig, und ich denke mir: Naja, hätte auch Heino sein können.
Ich treffe den Fortuna-Fan, den ich schon auf Färöer kennen
gelernt habe, er wohnt in einem Hotel direkt am Stadion und war heute morgen
schon in der Arena, um seine Zaunfahne aufzuhängen. Es ist das 47. Land, das er
mit der Nationalmannschaft bereist. Ich kanns kaum glauben. Noch weniger glauben
kann ich, dass ich im Laufe der nächsten Stunde noch weitere Fortuna-Fans
treffe, hier scheint ein Nest zu sein. Wäre ich jetzt Fan von, sagen wir, der
etwas unbekannteren Oberliga-Mannschaft Borussia Freialdenhoven (die von mir
sehr geschätzt wird), dann würde ich mir bei solch einer Anhäufung
Gleichgesinnter Sorgen machen, ob überhaupt noch jemand zum für morgen
angesetzten Punktspiel meiner Borussia im fernen Deutschland kommen würde, da
das dortige Fan-Potential doch eher mit dem Begriff „übersichtlich“ umschrieben
werden kann. Aber auch so Skurrilitäten wie Fans des VfL Osnabrück und des SSV
Sinderse (wo zur Hölle liegt das?) können gesichtet werden. Und natürlich
reichlich „Rote“ des FC Bayern.
Dann wird noch schnell ein HotDog gegessen und der Einkauf ins
Hotel zurück gebracht, um kurz nach vier kommt schließlich schon der Bus zum
Stadion. Kaum steige ich ein, geht es auch schon los. Alle wissen natürlich,
dass es ein Riesenspiel wird, 3:0 ist der niedrigste Tipp, den ich zu hören
bekomme. Aber die waren auch alle – bis auf Otto – nicht auf Färöer, daher
schweige ich, denn ich glaube nicht daran.
Unterwegs verteilt der Fan-Beauftragte des DFB, der die Tour
organisiert hat, Fähnchen an die Mitfahrer. Ich lehne dankend ab. Ich bin eh
schon kein Fahnenschwenker, aber selbst wenn, würde ich kaum auf die Idee
kommen, diese Fahne zu schwenken, auf der sich neben dem schwarz-rot-goldenen
Aufdruck auch noch der Schriftzug des Fan-Clubs sowie der des Sponsors
desselben, nämlich Coca-Cola, befindet. So weit kommt’s noch.
Das Stadion heißt Laugardalsvöllur und liegt etwas außerhalb. Es
besteht aus zwei gegenüber liegenden Sitzplatz-Tribünen, die Stehplätze in den
Kurven hinter den Toren präsentieren sich als abgetretene Steinstufen, die mit
Unkraut überwuchert sind. Diese Kurven machen in beängstigender Weise dem
kultigen Regionalliga-Stadion von Holstein Kiel Konkurrenz, das irgendein
Witzbold ja schon mal beim WWF anmelden wollte, damit die wertvolle Flora, die
sich in dieser Abbruchbude (in der immer noch gespielt wird!) angesammelt hatte,
wirkungsvoll geschützt und nicht durch feindselige Zuschauer niedergetrampelt
werden könne.
Nun, das isländische Unkraut hat diesbezüglich heute nichts zu
befürchten, die Kurven sind nämlich gesperrt, die UEFA gestattet nur, auf den
beiden Tribünen Platz zu nehmen. Daher sinkt das Fassungsvermögen von eigentlich
14.000 auf knapp 7.000 Zuschauer. Die sind allerdings auch alle da, das Spiel
ist ausverkauft.
Wir verlassen den Bus, der auf dem Parkplatz vor der Haupttribüne
parkt, und müssen dann einmal ums Stadion rum, denn unsere Karten gelten nur für
die Gegentribüne. Die Isländer haben jedoch vorgesorgt, damit sich keiner
verläuft, haben sie einige junge Leute im Einsatz, die alle paar Meter ein
Schild hochhalten müssen, auf denen steht, wie man zum deutschen Block gelangt.
Als ich mich dem Block nähere, entdecke ich nicht nur meine halbe Reisegruppe
von den Färöer, die bereits einträchtig am Eingang steht, sondern ich werde auch
von zwei Mädels angesprochen, die eine kommt aus Düsseldorf und will mich
unbedingt im Trikot fotografieren, als Beweis, dass jemand von Fortuna mit vor
Ort war. Als wir ins Gespräch kommen, höre ich etwas, das für mich alle anderen
bisherigen Reise-Geschichten toppt: sie hat bei einer Veranstaltung der
Mode-Messe igedo die Reise gewonnen. Nein, nicht nach Island, sondern drei Tage
Shanghai mit allem Zipp und Zapp. Da sie aber unter Flugangst leidet, hat sie
angefragt, ob die Reise nicht getauscht werden kann gegen eine Schiffspassage
nach Island und die Eintrittskarten für das Spiel. Shanghai gegen Island zu
tauschen – das klingt fast so bekloppt wie chilenischen Wein aus Reykjavik
mitzubringen. Ich bin begeistert.
Noch begeisterter bin ich, als ich merke, dass ich hier quasi auf
eine Kollegin getroffen bin, sie ist von Beruf Fotografin, die beiden führen
aber auch, so sie denn Internet-Anschluss finden, ein Reise-Tagebuch auf einer
Homepage, an der sie mitarbeiten. Sie präsentieren auch sogleich ein T-Shirt mit
der URL ihrer Homepage, für die ich hiermit verschärft Werbung machen möchte, da
sie wirklich gut ist, wobei ich bei dem Namen auch Werbung dafür machen
würde, wenn überhaupt nix drauf wäre: die HP heißt wirklich und wahrhaftig
www.fussball-und-titten.de und die Reise der beiden Mädels läuft unter dem
Titel „Ischen auf Island“. Unglaublich.
Auf der Rückseite des T-Shirts haben sich übrigens einige
Nationalspieler gestern nach dem Abschlusstraining verewigt, auch
Torwart-Trainer Sepp Maier kam sofort angewetzt und fand das Shirt natürlich
großartig. Nur Olli Kahn wollte sie nicht unterschreiben lassen – „So weit geht
die Liebe auch nicht“.
Die beiden Damen hatten übrigens bei ihrer Anreise von Hanstholm
aus fahrplanmäßig zwei Tage Aufenthalt auf den Färöer, die sie auch dazu
nutzten, das Stadion zu besichtigen, in dem im Juni die legendäre Schlacht
geschlagen wurde. Nur wurde diesmal kein Fußball gespielt, sondern es fand der „Cop
Cup 2003“ statt, bei dem sich die Inselpolizei im Autoreifen-Weitwurf und
anderen absurden Disziplinen verausgabte. Das muss ein echtes Großereignis
gewesen sein, mit Fernsehen und Rundfunk vor Ort, wohl so etwas wie die
Highland-Spiele in Schottland. Ja, dem echten Nordmann wird es eben nie
langweilig.
Nachdem ich noch einige andere Fans bestaunt und fotografiert
habe, dabei unter anderem eine ganz besonders fürchterliche deutsche Drohung,
nämlich einen älteren Herren in vollem bayerischem Trachtenornat – Janker,
Kniestrümpfe, diese halben Hosen, Tirolerhut mit Gamsbart – wird nun zur
Betrachtung des Spiels geschritten. Mein Platz ist in der zweiten Reihe von
oben, hervorragende Sicht über das Spielfeld. Hinter mir nimmt Otto Waalkes auf
seinem Sitz Platz und hat im selben Moment schon verloren: der große
Flaggenstock, an dem er die isländische und die deutsche Fahne befestigt hat,
stößt aufgrund seiner Länge an eine Verstrebung, die sich direkt unter dem Dach
befindet, er kann die Fahnen leider nicht schwenken, alle Arbeit war umsonst.
Denn ich glaube kaum, dass er sich ein paar Reihen weiter nach unten stellen und
dort seine Fähnchen schwenken kann, das würde wohl zu massiven Protesten der
hinter ihm Sitzenden führen. Klar, ich fahr ja auch nicht nach Island zum
Fußball, um mir dann 90 Minuten lang eine wehende Fahne vor meinem Gesicht
anzusehen. Selbst dann nicht, wenn mir die Reise geschenkt wird.
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| Einfallsreich |
Einfallslos |
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| Was fällt dem
denn ein? |
Da fällt mir
nichts mehr ein |
Die beiden Mädels werden Opfer der Logik der igedo-Organisatoren,
die ihnen die Eintrittskarten besorgt haben (als Ersatz für Shanghai...ich kanns
immer noch kaum glauben). Die hatten wohl gedacht, dass die Sitze in den hinter
einander liegenden Sitzreihen so richtig trendy im Zickzack nummeriert sind,
also 1. Reihe von links nach rechts 1 bis 25, 2. Reihe von rechts nach links 1
bis 25 und so weiter. Daher hat die eine ein Ticket für die 2. Reihe, Platz 1
und die andere für die 3. Reihe, Platz 25. Da aber auch in einem isländischen
Stadion alles seine Ordnung hat, sind die Sitze ganz normal hinter einander
gleich nummeriert und die Damen somit weit voneinander getrennt. Außerdem sitzen
sie im dicksten Pulk der Altdeutsch-Sweater-und-kein-Haar-Träger, die sich
möglichst nahe an der Mauer zum Spielfeld versammelt haben. Ob eine der beiden
Mädels in diesem Moment nicht doch an Shanghai denkt?
Die Mannschaften laufen ein, und es kommt das, was ich aufgrund
ähnlicher Erfahrungen auf Färöer schon vermutet habe, während die oberen Reihen
spießig Beifall spenden, zeigen die unteren, dass man sich binnen drei Monaten
auch mal einen neuen Spruch ausdenken kann, der aber kein bisschen niveauvoller
ist, und grölen „Deutschland den Deutschen“ auf den Platz. Und warum setzt das
keiner von diesen Gehirn-Akrobaten mal in die Tat um und bleibt im schönen
Deutschland? Es sind übrigens auch ein oder zwei Mädels dabei, die aussehen, wie
einem alten Leni-Riefenstahl-Film entsprungen. Und organisiert sind sie alle,
ich sehe wieder so schöne Zaunfahnen wie „Eiserne Kameraden“ und „Hessenmob“, im
Hotel heute morgen fiel mir ein ca. 18jähriger auf, der aussah wie Muttis
Liebling, bis er sich mal umdrehte, auf seinem Sweater stand leider in
Altdeutsch „Kameradschaft Frankenhausen“. Und ich dachte immer, die einzige
Institution, in der das Wort vom „Kameraden“ mit all seinen artverwandten
Anhängen einem eher inflationären Gebrauch unterliegt, wäre mein Arbeitgeber. Da
wären diese Jungs meiner Meinung nach auch gut aufgehoben, da würde ich sogar
noch für einen Einsatz im Irak plädieren.
Egal, ich vergesse die Einheitsglatzen vorläufig, die
Nationalhymnen stehen an, gesungen von dem isländischen Opernsänger von der
Mailänder Scala. Und der singt, was die Stimmbänder hergeben, der Mann am
Lautstärkeregler muss diesen immer mal wieder ein wenig runterfahren. Dem
dürften gut die Ohren geklingelt haben, eine reife Leistung.
Das Spiel beginnt. Island bietet mit Torwart Arnarsson den
einzigen Spieler auf, der auch noch auf Island Fußball spielt, der Rest des
Teams besteht aus Legionären, darunter Thordur Gudjohnsson vom VfL Bochum und im
Sturm der wohl derzeit beste Fußballer Islands, Gudjohnssen, der seine Brötchen
beim FC Chelsea London verdient. Das ist also eine ganz andere Truppe als die
Hobbykicker von den Färöer.
Leider hat das anscheinend niemand der deutschen Mannschaft
gesagt, die spielt nämlich so, als wäre dies ein besserer Trainingskick. Die
Isländer halten dagegen, das Publikum ist begeistert und erzeugt ordentlich
Stimmung, die beiden Dächer geben eine gute Akustik ab. Und da die Deutschen in
der ersten Halbzeit zwar leicht feldüberlegen sind, aber nicht gefährlich
werden, kann ich stolz sagen, die einzige echte deutsche Chance in der ersten
Halbzeit, den Kopfball von Ballack mit der anschließenden Flugeinlage von
Torwart Arnarsson im Bild festgehalten zu haben. Dies könnte mal eine seltene
Aufnahme von entsprechendem Wert werden, so schlecht ist das Spiel der
Deutschen. Darum herrscht auch ein wenig Bestürzung, als der Schiri zur Halbzeit
pfeift.
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Hat nicht jeder:
auch 25 Rücken können entzücken!
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Historisches
Bild: die einzige echte deutsche Torchance
- ich hab sie! |
Nun will die Verpflegung getestet werden. Hierbei entdecke ich
Interessantes: die Schilder hinter den Schützenzelt-Tischen, die als
Verkaufsstände fungieren, verkünden als warme Mahlzeit Wurst und Pizza. Was
„Wurst“ einmal gewesen sein mag, kann ich nicht eruieren, sie ist bereits
ausverkauft. Und bei der Pizza staune ich nicht schlecht: in einigen dieser
übergroßen roten Taschen, die man auch hier von jedem Pizzakurier kennt, stecken
jeweils einige Kartons Familienpizza, die werden einfach geachtelt und die
Stücke sodann für 200 ISK verkauft. Da hat wohl ein Pizzaservice heute das
Geschäft seines Lebens gemacht. Leider erfolgte die Anlieferung wohl schon vor
Spielbeginn, das gute Stück ist nämlich ziemlich kühl.
Ich treffe auch die beiden „Ischen auf Island“ aus den unteren
Reihen wieder. Die berichten, dass ein Großteil der sie umgebenden Leute damit
beschäftigt ist, ins Stadion geschmuggelten Wodka zu konsumieren. Neben einer
von beiden sitzt ein Typ, der zu Beginn des Spiels eingeschlafen ist, kurz vor
der Halbzeit wieder aufwacht und sich mit schwerer Zunge erkundigt, wie es denn
überhaupt stünde. Ich wusste ja, dass die alle nur wegen des Spiels hierhin
gekommen sind...ich warte ja noch darauf, dass einer fragt, wer hier eigentlich
gegen wen spielt. Auch berichtet die eine, dass die unbehaarten Leute neben ihr
beim Absingen anscheinend der Nationalhymne anscheinend erstaunlich textunsicher
waren. Damit das nicht so auffällt, haben sie einfach die 1. Strophe gesungen.
Oder sollte es gar doch Absicht gewesen sein? Nicht, dass ich wieder was falsch
deute oder überinterpretiere...
Plötzlich zerteilen sich die Reihen am Verpflegungsstand, ein
kleines Männlein drängelt sich ohne Rücksicht auf Verluste durch bzw. bemerkt
wohl gar nicht, dass auch ein paar Leute neben ihm stehen...jawohl, da ist er
wieder, Hänschen aus dem Sauerland, einer meiner Mitreisenden vom Färöer-Spiel,
immer noch 83 Jahre alt, immer noch die BVB-Ehrennadel am Revers – der Mann
macht einfach vor nichts halt. Vor dem ziehe ich meinen imaginären Hut, selbst
wenn Deutschland mal ein Freundschaftsspiel gegen grönländische Walfänger auf
einer Eisscholle vor der Küste austragen würde – Hänschen wäre dabei.
Phänomenal.
Für weitere Analyse bleibt jedoch keine Zeit, die zweite Halbzeit
beginnt. Deutschland wird immer schwächer, Island immer besser, und als in der
53. Minute gleich zweimal hinter einander ein deutscher Abwehrspieler für den
geschlagenen Olli Kahn auf der Linie retten muss, tobt das Stadion. Vorne
kriegen die Deutschen kaum noch eine Chance, hinten spielt ihnen Gudjohnssen
Knoten in die Beine, ist eindeutig der beste Mann auf dem Platz, der manchmal
gleich zwei Gegenspieler auf einem Bierdeckel-Radius schwindlig spielt. Als der
große Olli Kahn (der übrigens von Beginn an bei jeder Ballberührung ausgepfiffen
wird, haben die hier auf Island etwa auch die BUNTE gelesen?), der Mann, der
laut eigener Aussage immer gewinnen will, egal ob beim FC Telekom Bayern oder
bei der Nationalmannschaft, als also unser Titan und Vorzeige-Vize-Weltmeister
nach knapp sechzig Minuten anfängt, gegen Island (gegen Island!) auf Zeit zu
spielen, weiß ich, dass die Isländer mindestens einen Punkt im Sack haben. Und
es hätten auch drei werden können, die Chancen waren da, und es wäre noch nicht
mal unverdient gewesen. Kurz vor Schluss noch einmal Glück für Deutschland, als
Gudjohnssen im Strafraum von zwei Spielern leicht in die Zange genommen und von
Sebastian Kehl auch gerempelt wird. Das hat so manchen Bundesliga-Schiri schon
zum Elfmeterpunkt schreiten lassen, sieht nicht besonders astrein aus. Aber
Gudjohnssen will den Elfer auch, fällt bei der kleinsten Berührung mit einer
Schnelligkeit um, die man einer solchen nordischen Eiche gar nicht zugetraut
hätte. Schiri Barber winkt sofort ab und lässt weiterspielen. Das hätte der
Gudjohnssen als England-Legionär aber auch wissen sollen, englische Schiris sind
raueren Fußball gewöhnt, die pfeifen selbst Blutgrätschen nur unwillig ab, und
auch erst dann, wenn beim Gefoulten mindestens ein Schienbeinbruch vorliegt.
Aber auch nur bei offenen Brüchen.
Dann ist das Spiel zu Ende, 0:0, die isländischen Fans sind
begeistert, die Mannschaft muss vor beiden Tribünen mit dem Publikum die Welle
praktizieren und wird auch aus unserem Block mit trotzigem Applaus
verabschiedet, während die deutschen Spieler ausgepfiffen werden, woraufhin sie
dann doch eher einen Sicherheitsabstand zwischen sich und die besonders
Unzufriedenen legen, die unten an der Mauer hängen. Alles in allem ein schwaches
Spiel gegen einen allerdings starken Gegner, der bis zum Umfallen kämpfte und
dafür belohnt wurde.
Nachdem wir uns mit diversen Leuten noch für 23 Uhr in Nelly’s
Bar auf der Laugarvegur verabredet haben, geht es zurück zum Bus, wobei wir noch
einem Isländer ausweichen müssen, der auf der Wiese vor dem Parkplatz herumtanzt
und laut grölend eine Bengale abfackelt. Alle hier feiern das Ergebnis wie einen
Sieg. Im Bus selbst ist die Stimmung gedämpfter, Freude kommt nur noch mal auf,
als wir langsam vom Parkplatz herunter und an einer Horde isländischer Mädchen
vorbei rollen, die alle winken und „Iceland, Iceland“ rufen. Einer von uns ruft
„405, 405!“ zurück und schwenkt seinen Zimmerschlüssel vor dem Fenster. Die
Mädchen sind begeistert und zeigen verstanden. So werden hier also Rendezvous
vereinbart. Unter Kontaktarmut braucht hier wirklich niemand zu leiden.
Zurück im Hotel, schalte ich den Fernseher an, denn ich will noch
wissen, wie die anderen Spiele ausgegangen sind, bevor ich mich ein wenig im
Whirlpool entspannen werde (mein Gott, ich hätte nie gedacht, dass ich mal so
einen Satz schreiben würde!). Es läuft grad ein Interview zwischen Bundestrainer
Rudi Völler und Bazi-Moderator Waldemar „Waldi“ Hartmann. Da brauch ich wohl
nicht genauer hinzugucken und zu -hören, sind eh immer nur die üblichen
Allgemeinplätze, „Wir sind nicht richtig in die Zweikämpfe gekommen“, „Der
Gegner hat die Räume eng gemacht“, „Rudi, wie willst du die Mannschaft bis
Mittwoch aufrichten?“ usw.
Aber halt, was ist das? Habe ich da eben mit einem Ohr das Wort
„Scheißdreck“ aus dem Munde des Mannes gehört, der als einziger in diesem Land
20 Millionen Arbeitskollegen hat, die alle seinen Job besser machen könnten,
wenn man sie nur mal ranließe??? Erschrocken wende ich mich zum Bildschirm hin
und bekomme somit live und in Farbe mit, wie der Rudi so richtig großes Kino
anzettelt. „Scheißdreck, Mist, Käse...kann ich nicht mehr hören...der soll doch
‚Wetten, dass...?’ moderieren...“, schnappe ich auf. Nanu, welcher Spieler hat
denn das Pech, beim vorherigen Interview die schwache Leistung schön geredet zu
haben und kriegt jetzt verbal mächtig was auf die Glocke? Aber dann merke ich,
dass es das Moderatoren-Traumduo Netzer/Delling betrifft, deren anscheinend
unfreundliche Analyse dieses Grottenkicks dem Rudi jetzt aufstößt. Ich muss
ehrlich sagen, das verstehe ich nicht so ganz, denn gerade diese beiden
bestechen doch eher durch ruhige Kommentare und fachliche Aussagen. Trotzdem hat
der Rudi sie jetzt auf dem Kieker und legt nach: „Seit drei Jahren muss ich mir
diesen Mist anhören...kann doch nicht sein...ihr bringt doch diese Schärfe in
die Diskussion...“ Ja das nenn ich aber mal unterhaltsam. Besonders als er den
Waldi anpflaumt: „Nee, du bist ja ganz ruhig. Du hast deine drei Weizenbier
getrunken und bist locker.“ Da verschwindet selbst des Waldis eingemeißeltes
Grinsen aus seinem markanten Wirtshausschädel. Jetzt ist Schluss mit lustig! Der
Waldi schmettert zurück, auf Island gäbe es gar kein Weizenbier. Das ist schon
richtig, aber wer sagt denn, dass er es sich nicht selbst mitgebracht hat? Und
dann wird es spannend: der Waldi zieht alle Register und bietet eine sofortige
Alkohol- und Dopingkontrolle an. Als ob dieses Bazi-Gesöff leistungssteigernd
wirken und daher auf der Doping-Liste stehen würde! Andererseits wäre ich an
seiner Stelle mit solchen Aussagen vorsichtiger, es könnte ihn jemand beim Wort
nehmen. Und vor noch nicht mal vier Jahren hat ja schon mal eine bis dato
zumindest halbe Lichtgestalt des deutschen Fußball eine Haarprobe mit den
Worten: „Ich tue dies, weil ich ein absolut reines Gewissen habe!“ abgegeben,
und eine Woche später stand fest, dass er den Großteil der Spiele als Trainer
bei Bayer Leverkusen nur mit einer ordentlichen Ladung Koks in der Birne
überstehen konnte (wofür ich eigentlich völliges Verständnis gehabt hätte, aber
dann muss man nicht noch Bundestrainer werden wollen). Der hatte auch geglaubt,
dass ihn keiner Ernst nimmt.
Mit dieser rhetorischen Wendung zum Waldi hin ist aber auch klar,
dass Völler sich über den gesamten Journalistenstand aufregt, zumindest was die
Fußball-Korrepondenten angeht. Und auch, wenn er damit den ein oder anderen
Unschuldigen trifft, so würde ich sagen, er hat nicht ganz Unrecht. Was die
teilweise für einen Unsinn abliefern, welches Anspruchsdenken an die
Nationalmannschaft die ihrem lesenden Volk in die Birne hämmern wollen, wie die
die Mannschaft bei schlechten Spielen danach herunter putzt, als ob man ihnen
eben ihr Lieblingsspielzeug weggenommen hätte (Leute, die vom Fußball zumeist
wenig bis kaum Ahnung haben), das ist manchmal echt starker Tobak. Natürlich
kann man fragen, wie ein Völkchen von insgesamt 288.000 Einwohnern eine
Mannschaft auf die Beine stellen kann, die der eines Landes ebenbürtig ist, das
Millionen aktiver deutscher Fußballer besitzt. Aber auch diese Frage ist
eigentlich schon sinnlos, sie beantwortet sich nämlich mit einem Blick auf die
Spieler, die Woche für Woche in der Bundesliga auflaufen. Wie viele von diesen
Millionen sind denn dort dabei? Da ist bei manchen Teams schon eine Hand zu viel
zum Abzählen. Wenn der Rudi hier einen Christian Rahn aufstellt, sagt das doch
schon alles. Ich habe mich gefreut, dass endlich mal wieder jemand vom HSV
spielt. Aber bitte: der spielt beim aktuellen Tabellen-Vorletzten der ersten
Liga und seine „flexible Spielweise“ (Bundes-Michi Skibbe) zeigt er dadurch,
dass er mal links, mal rechts auf der Ersatzbank Platz nimmt, er hat nämlich
leider keinen Stammplatz beim HSV. Und der soll dann in so einem wichtigen Spiel
locker seinen Stiefel runterspielen gegen Leute, die die Blutgrätsche in die
Wiege gelegt bekommen und zum ersten Mal in ihrer Länderspielgeschichte
Tabellenführer und somit extrem motiviert sind? Und Rahn ist da keine besondere
Ausnahme. Das hätte der Rudi meiner Meinung auch mal sagen sollen: „Liebe Leute,
es geht momentan nicht besser. Wir haben nicht mehr. An guten Tagen hauen die
fast jeden weg, an normalen Tagen reichts halt nicht mal mehr für eine
isländische Mannschaft in Topform.“ Schließlich ändern sich die Zeiten, auch
andere in Europa haben das Fußballspielen gelernt. Nur nicht in den Köpfen der
Journalisten. Deshalb sage ich: Daumen hoch für die Schelte, aber Rudi hätte
sich selbst und die Mannschaft nicht davon ausnehmen dürfen. Auf jeden Fall war
es große Unterhaltung. Und wie das nachfolgende Spiel gegen Schottland gezeigt
hat, ist die Botschaft bei der Mannschaft ja auch teilweise angekommen.
Nachdem ich anderthalb Stunden später wieder aus dem Bad gekommen
bin, beschließe ich, noch etwas essen zu gehen, bevor in Nelly’s Bar
gesellschaftliche Kontakte gepflegt werden müssen. Restaurants gibt’s ja
genügend gleich um die Ecke, und die Uhrzeit ist auch kein Problem, die Isländer
servieren Dinner bis 23 Uhr, sind halt Spätaufsteher und Langdurchhalter. Wir
betreten sodann ein Restaurant, in dem auch isländische Spezialitäten gereicht
werden. Und da die Speisekarte sowohl auf isländisch als auch auf englisch und
deutsch vorliegt, wird mir auch gleich richtig schlecht, wobei einiges, was dort
drauf steht, auch an den Nachbartischen besichtigt werden kann. Eigentlich bin
ich ja einiges gewohnt, schließlich gehe ich hin und wieder auch mal zu
McDonald’s, mir graust es also so leicht vor nichts. Aber was zu viel ist, ist
zu viel. Hier eine kleine Auswahl:
Svið – halbierte Schafsköpfe, die angesengt und dann gut
durchgekocht werden. Svið wird mit Gehirn und Augen verspeist. Die Zunge gilt
als Delikatesse.
Hrútspungar – sauer eingelegte Widderhoden. Bestimmt aus dem
Phallologischen Institut nebenan geklaut. Alleine der Anblick macht schon
satt...
Hákarl – die Krönung von allem. Hierbei handelt es sich um
Haifisch, der mehrere Monate in feuchter Erde vergraben wurde. Riecht recht
streng nach Ammoniak, oder auch nach Bahnhofsklo, um es etwas plastischer
darstellen zu können. Soll angeblich besser schmecken als es riecht, wobei ich
mal gerne wissen möchte, wer nach diesem Geruch noch so viel Toleranz aufbringt,
von dem Zeug auch noch zu kosten. Hákarl wird zusammen mit Schnaps serviert,
wofür ich vollstes Verständnis habe. Der Schnaps ist meistens ein Brennivín, ein
Kartoffelschnaps mit leichtem Kümmelgeschmack; er wird auch schwarz gebrannt und
dieser Schwarzbrenner hat aufgrund seines hohen Alkoholgehalts auch den Beinamen
„Der schwarze Tod“.
Nein, ich bin kein Kulturverächter, und wenn ich denn mal im
Ausland weile, probiere ich gerne einheimische Gerichte. So auch hier,
nämlich „Pylsur, ein með öllu“ – einen isländischen HotDog mit allem. Und auch,
wenn ich gar nicht wissen möchte, was jetzt alles in diesem Würstchen war: das
andere Zeugs konnte ich beim besten Willen nicht essen, sorry. Ich mochte es ja
teilweise noch nicht mal anschauen.
Andererseits – wer bin ich kleines Licht schon? 288.000 Isländer
können schließlich nicht irren. Und meinetwegen dürfen sie all das gerne bis zum
Sankt-Nimmerlein-Tag weiter futtern, solange sie es von mir fern halten. Meine
kulinarische Leidensfähigkeit ist halt begrenzt.
Um elf sind wir in Nelly’s Bar. Hier tobt schon das Leben, was ja
für Reykjaviker Verhältnisse eher ungewöhnlich früh ist. Der Grund liegt darin,
dass Nelly anscheinend das isländische Nachtleben revolutionieren will und daher
bis 24 Uhr „Happy Hour“ hat: jedes Bier ist entscheidend billiger, das
„billigte“ Spülwasser ist reduziert von 600 auf 390 ISK. Das sind zwar immer
noch ca. 5 Euro, für isländische Verhältnisse aber fast schon ein Schnäppchen,
und alles stürmt den Tresen.
Es sind auch etliche Deutsche da, zum Teil auch die Leute, bei
denen ich nicht unbedingt stundenlang in der Nähe stehen wollte. Wie ich
erfahre, sind es diesmal die Kulturverbreiter aus Frankfurt, die am Vortage in
einer Kneipe schon mit einer gelungenen Darbietung des Horst-Wessel-Liedes
glänzten. Die in solchen Kreisen gerne getragenen „Pitbull Germany“-T-Shirts
sind auch wieder reichlich vertreten. Einer hat sich den Schriftzug sogar direkt
auf den Nacken tatöwieren lassen, das erspart lange Vorreden.
Isländer sind aber auch reichlich da, alle reichlich blau. Ich
könnte nicht sagen, welche Nationalität besser im Wegschlucken ist, aber beide
geben sich alle Mühe, die jeweils andere unter den Tisch zu trinken. Hier und da
wird auch mal gesungen, und Sitzplätze sind derartig rar, dass ich mit meinem
Verweilplatz, einer Fensterbank, schon quasi die Loge besetzt halte.
Später am Abend geht die Tür auf, und es erscheint ein
Dalmatiner. In der Tat, ein Herr in Ganzkörper-Dalmatiner-Kostüm der wohl aufs
Ärgste die Jahreszeiten verwechselt oder aber bei seinem abendlichen Treiben
inkognito bleiben will. Ich tippe auf letzteres, denn er ist stockbetrunken und
hält sich eine Ewigkeit an dem Holzpfosten fest, der neben der Treppe nach oben
steht. Immerhin, er fällt nicht um. Als er dann noch einen unsicheren Vorstoß
auf die Theke unternimmt und sich dabei bei seinem Nebenmann festkrallt, schieße
ich noch schnell ein Foto, denn ich vermute, dass ihm die plötzliche Bewegung
nicht gut bekommen wird. Und in der Tat, ich erwische grad noch eine
Seitenansicht von ihm, im selben Moment wendet er sich hastig Richtung Toilette,
die Hand vor dem Mund.
Er scheint es geschafft zu haben, denn als eine halbe Stunde
später die Örtlichkeit aufsuchen muss, sind keinerlei Überreste zu sehen, das
nenne ich noch Durchhaltevermögen!
Im Spiegel über der Pinkelrinne erkenne ich hinter mir dann einen
jungen Isländer, sieht auch aus wie Mamis Liebling mit seinem blonden
Mittelscheitel und seinen Trendklamotten. Er lehnt am Waschbecken, ein Bierglas
in der Hand und brüllt jeden, der zur Tür reinkommt an, ob derjenige Isländer
oder Deutscher ist. Dabei gerät er etwas aus der Fassung, als ihm mein Nachbar
„Italian“ antwortet. Jetzt stellt er das Bierglas auf das Waschbecken. Nanu,
will er sich im Waschbecken erleichtern? An der Rinne ist auf jeden Fall nichts
mehr frei.
Aber er hat anderes im Sinn. Eine Zeitlang fixiert mit diesen
starren Besoffenen-Blick das Waschbecken, dann haut er plötzlich mit einem
ostasiatischen Kampfschrei mit der rechten Faust die Abdeckplatte vom
Handtuchspender. Es scheppert ein wenig, was aber niemanden so recht stört. Als
ich mich an ihm vorbei winde (sehr wenig Platz auf diesem Örtchen), grinst er
uns an und scheint auf etwas zu warten. Der Blick erinnert mich an etwas – na
klar: der ist wie eine Katze, die gerade eine Maus aus dem Garten ins Wohnzimmer
geschleppt hat. Er will für seine Tat gelobt werden! Das ist mir dann doch ein
wenig zu viel, die Art von Spaß artet zu leicht aus. Und für so einen Isländer
ist es ja noch früh am Abend...
Draußen auf der Straße, auf der es brechend voll ist, werden wir
Zeuge des beliebtesten isländischen Hobbys: Cruisen. Viele Jugendliche (auf
Island gibt’s den Führerschein mit 17) stecken viel Geld und Freizeit in
möglichst auffällige Autos. Mit diesen tiefer gelegten Wagen oder den extrem
höher gelegten Jeeps, die man eigentlich für Hochland-Touren benötigt, rollen
sie dann stundenlang die Hauptstraße in Reykjavik runter, fahren außen herum
zurück und wieder von vorne die Hauptstraße runter. Man kann sich mal so ein
Nummernschild merken, in spätestens 15 Minuten sieht man es wieder. Und was für
Wagen da rumfahren! Man muss halt zeigen, was man hat. Vollends verschlägt es
mir die Sprache, als uns plötzlich eine acht Meter lange Stretch-Limousine
entgegen kommt, die kaum durch diese enge Straße passt und gewiss keine Kurve
unbeschadet überstehen würde, wenn es denn hier welche gäbe. Ganz am Ende ist
ein Fenster herunter gekurbelt, im Wagen sitzen drei Bengel, allerhöchstens 17,
hauen sich den Schnaps weg, lachen und winken. Und während ich noch rätsele, ob
das irgendeine neue HipHop-Band ist, die ihr Image ein wenig aufpolieren möchte,
erhalten wir schon Aufklärung: nein, diese Limo kann man halbstundenweise
mieten, zu vergleichsweise humanen Preisen! Vielleicht ist das auch der soziale
Aspekt dieser Angelegenheit: wer keinen Wagen hat oder zu jung für den
Führerschein ist, soll eben wenigstens so noch ein bisschen was herzeigen
dürfen.
Alles in allem war es eine aufregende Nacht. In Reykjavik tobt
der Bär am Wochenende, alle bemühen sich, den Spruch wahr zu machen, wonach im
Sommer durchgefeiert wird, weil der Winter eh nur zum Schlafen da ist. Ein
beeindruckendes Erlebnis, das mich ziemlich geschafft ins Bett fallen lässt. Um
vier oder so. Also noch zur besten isländischen Amüsierzeit. Ich Weichei, ich.
Sonntag, 07.09.2003
Nach dem Auschecken geht es mit dem Bus auf unseren Tagesausflug
rund um die Halbinsel Reykjanes, eine Tour, die auch als „Golden Circle“ bekannt
ist, ein Muss für Touristen, egal ob als Einstieg in den Island-Urlaub oder als
Höhepunkt für den Kurz-Aufenthalt. Im Bus wird von den Leuten, die wach sind,
eifrig diskutiert. Thema Nummer eins ist natürlich Rudis Brandrede. Allerdings
in einer anderen Richtung, wie ich bald feststelle. Denn offensichtlich waren
einige aus meiner Reisegruppe gestern Abend in demselben Hotel wie die
Journalisten. Und dort konnte der gute alte Waldi Hartmann gesichtet werden, die
lebende 0,0-Promille-Grenze, wie er an der Hotelbar den Schnaps gleich aus dem
Wasserglas zu sich nahm. Immerhin, er hatte die Wahrheit gesagt: es war kein
Weizenbier. Und wenn auch bei den so sportkundigen Journalisten der Grundsatz
„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ gilt, dann war das natürliche eine optimale
Vorbereitung auf das Spiel gegen die Schotten.
Das erste Highlight auf der Tour ist Þingvellir, ca. 50 km von
Reykjavik entfernt am Ufer des Þingvallavatn gelegen, ja, das sind noch Namen!
Bei letzterem handelt es sich um den größten See Islands (82 km²), der übrigens
auch als (sündhaft teurer) Ferienhaus-Standort sehr beliebt ist. Þingvellir ist
die Ebene um den See, hier wurde im Jahre 930 das AlÞing gegründet. Einmal im
Jahr traf man sich hier, um Recht zu sprechen. Schroffe Felswände umgeben die
Almannagjá (=Allmänner-)-Schlucht, in dem die Männer der einzelnen Stämme damals
lagerten, während einer von einem der Felsen, dem Lögberg (Gesetzesberg), die
bis Anfang des 12. Jahrhunderts nur mündlich weiter gegebenen Gesetzes herunter
schrie. Und das ist wörtlich zu nehmen, denn es pfeift ganz schön dort oben. Ja,
auch Politik konnte früher mal ein hartes Los sein. Und da sich das heutige
isländische Parlament zwar nicht mehr in dieser Landschaft trifft, die ihren
Charakter einer einzigen großen Lava-Ebene seit der Wikingerzeit nicht gewandelt
hat, sondern lieber im Trockenen und Warmen debattiert, jedoch den Namen AlÞing
nicht geändert hat, gilt es heute als das älteste noch bestehende Parlament.
Unmittelbar hier befindet sich auch der Übergang von der amerikanischen auf die
eurasische Kontinentalplatte.
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Weiter geht’s zum Gullfoss, dem wohl schönsten Wasserfall
Islands. In zwei Stufen stürzt er sich ungefähr 32 m tief in einen zweieinhalb
Kilometer langen Canyon. Bei Sonnenschein steht nachmittags ein Regenbogen über
dem Wasserfall, daher hat er seinen Namen „Goldfall“. Ein beeindruckendes
Schauspiel, zumal man auf einer Klippe nahe genug herankommt, um selbst
ordentlich nass zu werden. Und es ist so laut, dass selbst Rudi Völler am
Vorabend nicht dagegen angekommen wäre. Dann wieder ein Stück zurück und
wir sind im Hochtemperaturgebiet Haukadalur, schon von weitem an den Qualmwolken
zu erkennen, die am Horizont stehen. Hier gibt es die Geysire, die mal
orangefarbenen, mal gelben, mal weißen Sinterbecken, aus denen hellblaues Wasser
empor siedet. Es gibt sie von ganz kleinen Pfützen bis zu den bekannten großen
Geysiren, von denen aber derzeit nur der Strokkur aktiv ist und ca. alle 7
Minuten eine bis zu 20 Meter hohe Wasserfontäne in die Luft schickt. Eine heiße
Sache, insbesonders für diejenigen, die sich zu nahe herangewagt haben, denn die
Gischt, die sich über die Landschaft verteilt, hat auch noch ihre 100° Celsius. |
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Der
Þingvallavatn - es gibt aber keine Preise für unfallfreies
Aussprechen |
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| Der
Gullfoss - sehr beeindruckend, aber auch sehr laut |
Das
Übliche: Fortuna am Abgrund |
Nach weiteren Sehenswürdigkeiten gibt es abschließend noch ein
echtes Highlight, ein Bad in der „Blauen Lagune“. Hier wird die heiße Lake des
Wasserkraftwerks Svartsengi in ein Lavafeld geleitet: das mineralhaltige Wasser
hat hier ein Becken geschaffen, in dem man bei rund 38° Celsius baden kann,
egal, wie das Wetter gerade ist. Und gesund soll es auch noch sein,
wissenschaftliche Untersuchungen haben eine heilende Wirkung des Wassers unter
anderem bei Schuppenflechte bestätigt. Das ist gemütlich und vertreibt auch bei
denjenigen, die immer noch über das Spiel schimpfen, die letzte Frustration.
Außerdem wird man im Wasser mit freundlichen „Iceland, Iceland“-Rufen begrüßt,
sobald die anderen Besucher erkennen, dass man aus Deutschland kommt. Ja, ohne
das Spiel hätte man sich sicherlich etwas unauffälliger im Lande bewegen können.
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| Die
Ähnlichkeit mit Rudi V. ist unverkennbar |
Vorschlag für das nächste Entmüdungsbecken bei Fortuna |
Nach der Rückkehr nach Reykjavik sind noch anderthalb Stunden
Zeit für’s Abendessen. Nach der Sättigung besorge ich mir noch ein besonderes
Leckerli: Bangsahlaup. Klingt ziemlich gemein, ist aber nichts weiter als das
gemeine isländische Gummibärchen. Und da die Isländer ein farbenfrohes Volk
sind, haben sie viele lustige Farbstoffe in der Zutatenbeschreibung stehen, so
dass ich auch in den Genuss eines nie zuvor gesehenen Gummibärchens komme: es
ist tiefviolett, und spätestens jetzt würden wahre Emanzen am Flughafen wohl
einen Einwanderungsantrag stellen.
Es ist übrigens kein Problem, diese Gummibärchen zu besorgen,
denn auf Island haben die meisten Supermärkte auch sonntags bis 23 Uhr geöffnet.
Das nur am Rande...
Schließlich kommen wir am Flughafen Reykjavik an. Ich treffe
meinen Hinflug-Nachbarn von Rot-Weiß Oberhausen an, der tatsächlich in den drei
Tagen bei einem Angestellten des Flughafens in Keflavík wohnen konnte. Die
Wiedersehensfreude wird allerdings dadurch getrübt, dass unser Flieger eine
Stunde Verspätung haben wird; man ist an der deutschen Gründlichkeit
gescheitert. Die Maschine, die von Düsseldorf nach Keflavík fliegen und uns auf
dem Rückweg wieder mitnehmen soll, hatte nämlich einen kleinen Defekt. Dieser
konnte zwar behoben werden, aber leider war es da schon nach 22 Uhr. Und da auf
dem Düsseldorfer Flughafen Nachtflugverbot herrscht, mussten die Passagiere nach
Köln gekarrt und dort ein neues Flugzeug organisiert werden. So dürfen wir jetzt
noch zwei Stunden auf dem Flughafen totschlagen, ehe es auch für uns endlich
Richtung Heimat geht. Da uns durch den Rückflug nochmals zwei Stunden
Zeitumstellung verloren gehen, landen wir um 7 Uhr morgens in Düsseldorf –
mitten im dicksten Regenschauer. Unglaublich, hier kommt in fünf Minuten mehr
runter als am gesamten Wochenende auf Island. Grund: ein Island-Tief, das jetzt
über Deutschland hängt...
Von den Kapriolen der Bahn bei meiner Rückfahrt nach Bonn
schreibe ich jetzt nichts mehr, interessiert eh keinen mehr und mich an diesem
Tag eigentlich auch nicht. Manchmal kann ich auch tolerant sein.
So, und das war’s. Ich bin übrigens des öfteren an diesem
Wochenende gefragt worden, was mir besser gefallen hat, die Färöer oder Island.
Diese Frage ist nicht fair, Island ist doch um einiges größer und hat dadurch
natürlich die abwechslungsreichere Landschaft, auch wenn ich nur einen Bruchteil
davon gesehen habe. Färöer ist hingegen ein Haufen Felsen mit etwas Grün darauf,
aber wegen seiner Ursprünglichkeit ebenfalls faszinierend. Außerdem war Färöer
ein echtes Abenteuer, da wirklich noch niemand, noch nicht einmal unsere
Reiseleiterin, zuvor dort gewesen war. Das machte es eigentlich noch spannender.
Ich kann beide Inseln nur „wärmstens“ empfehlen, wenn man mal einen etwas
anderen Urlaub verbringen will, der nicht unbedingt Sommer, Sonne, Strand und
Cocktails an der Pool-Bar beinhalten soll.
Und alle, die bis hierhin durchgehalten haben, dürfen jetzt
erleichtert aufatmen: da Färöer und Island nicht nur faszinierend, sondern auch
nicht billig sind, war dies meine letzte Tour für dieses Jahr. Es bleibt also
reichlich Zeit zum Lesen. Wobei ich es schade finde, dass die erste Runde des
UEFA-Cups schon im Oktober gespielt wird. Nach Dnjepropetrowsk wäre ich nämlich
auch noch gerne gefahren...
Ich hoffe, es hat nicht allzu sehr gelangweilt. Aber ich bin
fasziniert von diesem Land bzw. von dem Teil, den ich sehen konnte. Das wollte
ich auch einigermaßen ausführlich rüberbringen. Und wen interessiert da schon
ein 0:0 der deutschen Nationalmannschaft? Mich an diesem Wochenende wirklich
nicht mehr.
Und jetzt: Aufwachen!
Ekkert að Þakka: janus
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