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Wo der Geißbock fünffach lächelt...

Grusel-Hopping: 1.FC Köln - SC Freiburg

 

Ja, ich war da. Und es ist wohl wahr: wenn es darum geht, einigen Zeilen mit belanglosem Geschreibsel zu füllen, mache ich vor nichts halt. „Schweinejournalismus!“ nannte Oskar Lafontaine dies einst. Nun, zumindest in diesem Board kann ich damit sehr gut leben. Die Lust, einige Speicherzellen dieses Boardes virtuell mit meinen Machwerken zu füllen, trieb mich gestern zum Äußersten: einem Besuch im Stadion des 1.FC Köln, dessen eigentlich korrekte Schreibweise in Drei-Sterne-Notation (K***) ich aus Vereinfachungsgründen in diesem Beitrag weglasse.

Es war mein soziales Engagement, mein Eintreten für die Schwächeren dieser Gesellschaft, mein Mitleid mit denen, die es nicht besser wissen können, das mich zu diesem Schritt trieb. Denn die Vorgeschichte ist kurz folgende: eine ehemalige Arbeitskollegin von mir (aus Düsseldorf!), die schon seit geraumer Zeit aufgrund beruflicher Veränderungen im Ausland, sprich in München, weilt, ist nunmehr für einige Monate nach Bonn zur Personalverstärkung kommandiert worden. Man traf sich vor einigen Wochen also mehr zufällig auf dem Weg zur Kantine, tötterte über alte Zeiten und hatte Spaß, bis der wahrhaft monströse Vorschlag kam. Denn die Dame hat leider eine einzige charakterliche Schwäche: sie ist fußballerisch nicht nur Schlacke 05, sondern eben auch dem 1.FC Köln zugetan. Und in der Abteilung, in der sie ihren Dienst versieht, fand sie irgendwie niemanden, der mal mit ihr ein Heimspiel des genannten Geißbock-Clubs ansehen wollte. Na, das wunderte mich aber! Doch man ist ja kein Unmensch, die Dame sollte ja eine für sie bleibende Erinnerung in ihre norditalienische Wahlheimat mit zurück nehmen, weshalb ich mich zur Begleitung bereit erklärte, unter der Voraussetzung, das es wenigstens das Spiel gegen Mitabsteiger SC Freiburg sein möge, das als Topspiel des Dilettantischen Sport-Fernsehens am Montag Abend um 20.15 Uhr statt fand und das aufgrund des aktuellen Tabellenstands wenigstens ein bisschen Klasse und Kurzweil vermuten ließ. Vorab bemerkt, es war keins von beiden gestern Abend im Übermaß vorhanden.

Der erste Schock ereilte mich beim Betrachten der über den Sohn ein anderen Arbeitskollegin erworbenen Eintrittskarte: nicht weniger als fünf Geißböcke in unterschiedlichen Größen prangten darauf! Das ist für einen wackeren Fortuna-Freund schon ein Kulturschock. Aber immerhin: das gute Stück gilt auch als Fahrausweis auf allen Linien des VRS (Verkehrsverbund Rhein-Sieg), und zwar für die Hinfahrt maximal vier Stunden vor dem Spiel, für die Rückfahrt bis maximal 10 Uhr am nächsten Tag, soweit man einem Kontrolleur weismachen kann, dass man gerade vom Dom aus nach Hause fahren will und dieser Prachtbau neuerdings auf der Strecke zwischen Müngersdorf und Bonn liegt

Aber egal, wenn ich den Kölnern schon Geld in den Rachen werfen musste (Sitzplatz Mitte Unterrang, € 22,-), dann sollte es auch richtig ausgekostet werden, also: Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, kost’ ja nix und macht für’n Groschen Spaß! Kurz nach fünf aus dem Haus, rein in den Bus und runter zum Bonner Hauptbahnhof. Dort dann treffen mit besagter Dame am Stand einer Bäckerei, wo sie sich noch mit Marschverpflegung eindeckte. Ein weiser Entschluss, wie wir auf der Rückfahrt feststellen sollten.

Sodann mit der U-Bahn-Linie 16 Richtung Köln-Buchheim. Was reichlich merkwürdige Gestalten in U-Bahn-Schächten angeht, kann Bonn durchaus mit Köln oder Düsseldorf mithalten. Fahrtzeit bis Köln/Neumarkt 47 Minuten. In dieser Zeit nicht nur versucht, der Kollegin klar zu machen, warum Freiburg gewinnen würde, sondern auch zweimal nach Kippen, dreimal nach Feuer, zweimal nach „’nem Euro“ sowie einmal tatsächlich nach Bier befragt worden. Aber immerhin: pünktlich.

Am Neumarkt dann zwei Stockwerke hoch an die Erdoberfläche und mitten in einen Mini-Weihnachtsmarkt mit vollster Beschallung gestolpert. Schon mal „Kling, Glöckchen, kling“ in einem U-Bahn-Schacht gehört? Dröhnt verdammt gut.
Kleine Überraschung dann an der Oberfläche: wo fahren denn hier die Bahnen ab, insbesondere die Linie 1 Richtung Weiden? Überblick verloren, am Wahrheitsgehalt der Weihnachtsgeschichte gezweifelt durch unvermuteten Anblick eines Weihnachtsmanns, der sich seinen künstlichen Bart zur Seite geschoben hatte, um einen Cheeseburger zu essen. Aber da: eine elektronische Fahranzeige, wie sie mittlerweile auch an vielen Düsseldorfer Haltestellen zu finden sind (z.B. Jan-Wellem-Platz oder Jakobistraße, damit der gewiefte Straßenbahnfahrer weiß, was ich meine). Und wie lautete die frohe Botschaft, die dort rot auf schwarz geschrieben stand bzw. durchgelaufen kam? „Wegen Störungen im G-Stromnetz ist mit Verspätungen zu rechnen. Wir bitten um Ihr Verständnis. Sonderbahnen zum Stadion fahren ab Neumarkt Nordseite.“ Aha. Rätsele übrigens immer noch, was ein „G-Stromnetz“ ist, aber egal. Neumarkt Nordseite also. Tja, schade, dass es schon dunkel war – woher sollte ich wissen, wo Norden war? Gerade wollte ich den fanschalbehängten, schon leicht unsicheren Ganges neben mir schreitenden Möchtegern-Geißbock bitten, mir doch den Polarstern zu zeigen, als ich auf die nahe liegendste Lösung kam. Einfach den Schals und Trikots folgen. Selbst der gemeine Kölner wird ja wohl relativ unfallfrei und ohne größere Umwege den Weg ins Stadion finden. Und in der Tat, die Einäugigen führten den Blinden zur Linie 1, in dem übrigens auch Freiburger Fans Platz nahmen. 16 Minuten bis zur Haltestelle „Stadion“, die Gäste stiegen eine Haltestelle vorher aus.

Nach kurzem Fußmarsch dann die berüchtigte verschärfte Einlasskontrolle nach den Vorgängen beim letzten Heimspiel gegen den SSV Reutlingen, als von der Südtribüne aus Gegenstände auf den Rasen geworfen wurden und nach dem Spiel der Reutlinger Mannschaftsbus mittels gezielten Wurfs in die Heckscheibe beschädigt wurde (die Reutlinger bekamen den Mannschaftsbus der Kölner für die Heimreise zur Verfügung gestellt und revanchierten sich, in dem sie vor der Rückgabe die dort gelagerten medizinischen Vorräte dezimierten). Und was für eine Einlasskontrolle! Man könnte sie auch mit einem Wort umschreiben: Nichts! Das kann aber bei mir nur die Ausnahme gewesen sein, denn heute waren im Bonner Exzess Beschwerden von Fans über die scharfen Visitationen zu lesen; außerdem konnten bei diesen Kontrollen zwei der aus Videoaufzeichnungen bekannten Werfer vom Reutlingen-Spiel identifiziert und einkassiert werden, bundesweites Stadionverbot inklusive.
Und noch etwas Gutes hatte die Kontrolle: zack, wurde der erste Geißbock auf der Karte gnadenlos geköpft! So einen „Kontrollabriss“ lob ich mir.

Umso unglaublicher, dass direkt hinter dem Eingang von einem Sponsor Tausende dieser kleine Plastik-Kastagnetten verteilt wurden, die, alle zusammen geklappert, einen Höllenlärm machten, der mir gewaltig auf den Senkel ging. Tausende potentielle Wurfgeschosse! Meine Kollegin, doch eher der rheinischen Frohnatur zugehörig, machte von den kostenlosen Angebot reichlich Gebrauch und klapperte hinterher, was die Hände hergaben.

Verpflegung war ausreichend vorhanden, unmittelbar vor dem eigentlichen Aufgang ins Stadion tummeln sich viele Buden, an denen Getränke, Würstchen, Pizza, Pommes und sogar Döner feilgeboten werden. Ich probierte ein Bratwürstchen mit Senf für € 2,50 und muss sagen – na ja. Lauwarm und halb durch, nicht mit den FB-Würstchen zu vergleichen – eher schon mit den guten alten Rheinstadion-Magenschleimhaut-Putzern. Und warum die Bratwürstchen genauso viel wie eine Currywurst kosten, ist mir auch noch nicht so ganz ersichtlich. Aber halbwegs schnelle Bedienung, Wartezeit ca. 5 Minuten, das geht in Ordnung.

Also ein Plus für die Verpflegung, ein ganz krasses Minus für das, was unmittelbar damit zusammen hängt. Zum einen die Toiletten auf unserer Seite (Osttribüne), ein total versifftes Häuschen, im Herrenklo lag sogar eins der kleines Fensterchen, die minimale Frischluftzufuhr ermöglichen sollten, abmontiert auf dem Boden vor der Pinkelrinne, zusammen mit einigen Überresten, die darauf schließen ließen, dass hier einige Herren nicht schnell genug an die Wand getreten waren. Tja, hier nutzt auch die Ausrede „Baustelle“ nichts, denn auf der Ostseite wird überhaupt nicht gebaut! Ziemlich unterste Schublade, das ganze.

Achja, und wenn man sich so ein Würstchen einverleibt hat und nun die Serviette in der Hand trägt, oder vielleicht nach der Hälfte keinen Hunger mehr hat, sprich, wenn man etwas wegwerfen möchte – wo macht man das? Richtig, in der freien Natur. Ich habe nicht einen einzigen Mülleimer auf der gesamten Ostseite gesehen, wahrscheinlich mit dem genialen Gedanken „Benutzt eh niemand“ einfach weggelassen. Da gibt’s dann für die umstehenden paar Bäume wenigstens interessante neue Farbkombinationen, je nachdem, ob jemand die Überreste seiner Currywurst oder seines Döner mit Tzatziki dagegen klatscht.
Vielleicht auch als ABM für irgendwelche Häftlinge aus dem Klingelpütz am nächsten Tag gedacht? Wer weiß das schon.

Nun wollten wir aber auch das Innere der Begegnungsstätte erklimmen. Rauf auf die Tribüne, den zweiten Geißbock auf der Eintrittskarte guillotiniert, schön wie im Kino an dreißig sehr zufriedenen Leuten, die bereits auf ihren Plätzen saßen, vorbei gedrängelt, hingehockt und geguckt. Die Plätze, wie gesagt, im Unterrang, direkt über uns als Dach der Boden vom Oberrang, kein besonders angenehmes Gefühl, sich vorzustellen, dass das mal auf einen drauf fallen könnte, aber sehr gute Akustik natürlich. Gegenüber die Westtribüne, eine einzige Bauruine mit Kränen und herum liegenden Stahlträgern, auf der sich eine Handvoll Bauarbeiter tummelten, die, anstatt mit harten Überstunden der maroden deutschen Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen, lieber kostenlos das Spiel anschauten. Linker Hand die „gefürchtete“ Südtribüne, schon fertig, unmittelbar hinter dem Tor am Spielfeldrand, gestern erstmals mit schickem Fangzaun aufgrund der „Wer-trifft-Goran-Curko?“-Zielübungen vom letzten Heimspiel gegen Reutlingens Keeper. Rechter Hand die Nordtribüne, in der Kurve noch mit Ost verbunden, mit Anzeigetafel und Gästeblock, davor noch Laufbahn und Betongraben.

Showteil vor Beginn des Spiels wie immer ätzend. „NetCologne FanTV“ führt durchs Programm, Cheerleader hüpfen vor der Südkurve auf und nieder, als Krönung singt irgendein Schnulli, dessen Namen ich vergessen habe, „You’ll never walk alone“ und die ganze Südtribüne johlt mit. Nach dem zwei Abgesandte zweier Kölner Fan-Clubs auch noch jeweils drei Tipps beim Oddset öffentlich abgeben dürfen (Frage des Moderators: „Na, glaubt ihr, dass ihr damit gewinnen werdet???“ – nee, ich tipp ja mit Absicht falsch, um dich zu verarschen – war leider nicht die Antwort auf diese selten dämliche Frage), dann der Oberhammer: Durchsage des Stadionsprechers: „Ich darf Sie bitten, sich von Ihren Plätzen zu erheben.“ Aha, jemand gestorben, dachte ich, und erhob mich ebenfalls pietätvoll. Ja Scheiße! „Es folgt unsere Klubhymne!“ Unglaublich, dafür lassen die die Leute aufstehen. Aber damit nicht genug, danach noch zwei Schunkellieder ähnlichen Kalibers drangehängt, eines waren wohl die Bläck Fööss, das andere die Höhner, und dann die Begrüßung des Stadionsprechers: „Guten Abend, liebe Dauerkartenbesitzer, liebe Ehrengäste und natürlich liebe Gäste aus Freiburg!“ Tageskartenbesitzer wie meine Kollegin und ich anscheinend unerwünscht. Danach begrüßt er noch die „Damen von der Presse“, für die Herren hatte er wohl nichts übrig, verliest die Aufstellungen, und endlich konnte es los gehen, da auch das DSF seinen Werbeblock ausgestrahlt hatte.

Übrigens: kein Rauch, keine einzige Bengale, keine Choreo – nix. Nur ein wirklich großes Transpi über die gesamte Breite der Südtribüne. Kaum war es ganz entrollt, versuchte ich, es zu lesen, leider fiel es in diesem Moment den Leuten an der anderen Seite schon aus der Hand und das war’s dann. Tja, schade, netter Versuch.

Dann begann das Spiel. Wer sich für die Partie interessiert hat, hat sie sicher live im Fernsehen gesehen, wen’s nicht interessiert, braucht hier dann auch nicht mit den Einzelheiten gequält zu werden. Köln gewann 1:0, nicht unverdient, da in der 2. Halbzeit noch viele Konterchancen ausgelassen wurden, Freiburg viel zu harmlos, besonders in der 1. Halbzeit kam so gut wie gar nichts.

Beste Unterhaltung jedoch auf den Sitzen neben uns. Neben mir ein Herr mittleren Alters, der sich zunächst nach der Vereinshymne einfach nicht wieder setzen wollte. Diesem Umstand begegnete ich dadurch, dass ich ihm sein Sitzkissen klaute, so dass er, als er dann doch endlich Platz nahm, aufgrund der Kälte des Sitzes sofort wieder stand. Aber egal: einmal Alaaf zu ihm gesagt, und schon strahlte er wieder, der gemeine Kölner ist eben für jeden noch so flachen Witz zu haben.

Außerdem war er entweder ein Bade-Hasser oder aber der Vater von Ersatztorwart Pröll, auf jeden Fall regte er sich tierisch über jeden Ball auf, der in die Nähe des Strafraums kam: „Bade, komm raus! Du musst doch rauskommen!“ um das ganze in der 2. Halbzeit, als Bade wirklich ein-, zweimal in seinem Strafraum eingreifen musste, flugs wieder umzudrehen: „Mensch, bleib bloß auf der Linie, du kannst ja doch nicht fangen!“ Wenn der Bade in der 93. Minute den 2:1-Siegtreffer mittels Flugkopfball im gegnerischen Strafraum erzielt hätte, hätte der Knabe bestimmt noch gemosert, was der denn so weit vorne zu suchen habe. Mal wieder der objektive Fußballfan schlechthin.

Ganz anders der Nachbar meiner Kollegin. Der fluchte zwar auch die ganze Zeit, sein Objekt der Begierde war aber Markus Kreuz, der, auf der linken Seite spielend, besonders in der 1. Halbzeit mehrere Male bedrohlich in der Nähe unserer Tribüne auftauchte, was unseren echten Fan stets zu der lautstarken Aussage: „Kreuz, hau ab, du Pflegefall!“ veranlasste. Vor lauter Angst, der Spieler könnte ihm mal zu nahe kommen, übersah er völlig, dass Herr Kreuz im Offensivspiel der Kölner besonders in der ersten Halbzeit mit Abstand der beste Mann war. Ja, man hat’s nicht leicht als Spitzenreiter der 2. Liga. Denn das fiel auf: nach der frühen Führung der Kölner durch Scherz beruhigten die Freiburger das Spiel erst mal, und im Stadion wurde es ziemlich still. Nur aus der Südtribüne kommt ab und zu mal was, der Rest mosert rum, als Krönung mein Nachbar, der zur Halbzeit trocken meinte: „Gegen Union war ich zur Halbzeit zufriedener.“ (kleine Anmerkung: gegen Union Berlin stand es zur Halbzeit 4:0, Endstand 7:0). Ja, die Kölner, im Kopf sind sie schon wieder im UEFA-Cup. Schade, dass die Freiburger das nicht bestraft haben, aber sie wachten viel zu spät auf.

Schön auch die Anfeuerungsrufe von der Südtribüne. Ich vernahm zunächst „KFC, KFC!“-Rufe, aber das musste eine Täuschung sein, denn auf der Südtribüne standen mehr Leute als in den letzten drei Heimspielen des KFC Uerdingen zusammen. Meine süddeutsch geschulte Begleiterin deutete die Anfeuerung eher als „KSC, KSC!“, und das hätte durchaus sein können, um die Freiburger Fans zu ärgern, aber das wäre zu intelligent gewesen. Nach mehrmaligem Lauschen einigten wir uns schließlich auf „Go, FC!“ und in der Tat, das sollte es wohl auch heißen. Zwischendurch mal ein kerniges „Scheiß DSF“, das zuhause am Bildschirm bestimmt nicht zu hören war. Also auf der Südtribüne wird teilweise gut Stimmung gemacht, da wird auch mal ein bisschen gepogt oder „gewippt“, nebst einer kleineren Rangelei, als Lottner einen Distanzschuss nicht nur übers Tor, sondern auch übers Fangnetz mitten auf die Tribüne setzte. Aus dem Rest des Stadions kommt größtenteils nichts.

Nach Abpfiff bahnten wir uns den Rückweg über einen Trainingsacker mit ungelogen knöcheltiefem Schlamm zur Straßenbahnhaltestelle. Die KVB (Kölner Verkehrsbetriebe) dachten gar nicht daran, die Linie 1 durch Sonderwagen zu verstärken, waren ja nur 28.000 Zuschauer, die werden schon alle mit dem Auto da sein. Die erste Bahn gab sich ca. eine halbe Stunde nach Spielschluss die Ehre und wurde logischerweise von ca. 3.000 Leuten geentert. Dann folgte die 16minütige Fahrt zum Neumarkt, die 51 Minuten dauerte, weil sich laut Durchsage angeblich ein Hindernis auf den Gleisen befand. Dieses Hindernis wurde anscheinend immer fünfzig Meter weiter nach vorn geschoben, denn genau so weit rollte die Bahn immer vorwärts, um gleich darauf wieder für mindestens 5 Minuten stehen zu bleiben. Und während der ganzen Zeit stand man zusammen gepfercht wie die sprichwörtlichen Ölsardinen in der stickigen Bahn, es konnten weder Fenster noch Türen geöffnet werden, nur der Straba-Fahrer, der über einen separaten Einstieg verfügte, ging immer mal wieder vor die Tür um zu gucken, ob das Hindernis schon fünfzig Meter weiter geschoben worden war und hatte völlig die Ruhe weg. Das hatte wirklich etwas vom Transport zur Schlachtbank. Hier jedoch waren meine Kollegin und ich eindeutig im Vorteil, da wir unter den neidischen Blicken der Mitfahrer unserer Brötchentüten auspackten und mitten im dicksten Gewühl Quarkteilchen mampften. Ja, als Bonner Bahnfahrer ist man stets gewappnet!

Am Neumarkt angekommen schließlich die letzte Posse, denn unsere U-Bahn nach Bad Godesberg über Bonn Hbf war natürlich längst weg, also einfach blind in die Linie 18 eingestiegen, die als Endstation Bonn Hbf ausweist, aber zuvor an vielen interessanten und weniger interessanten Milchkannen anhält und nicht direkt Köln-Bonn, sondern einen schönen Halbkreis zwischen beiden Städten abfährt. Im Hellen wäre es vielleicht sogar ganz interessant gewesen.

Abschließend natürlich noch der unvermeidliche Mitfahrer, der deutlich macht, warum besonders nachts so gerne U-Bahn gefahren wird, ein etwa 25jähriger, völlig verwirrter Knabe, der sich wohl schon mit Crack ordentlich die Birne zerschossen hatte und während der gesamten Fahrt völlig zusammenhanglos und vor allem laut redete. Es wollte ihn aber niemand so recht darauf hinweisen, was er für dummes Zeug redete, denn zusätzlich fuchtelte er noch einige Male mit einer ziemlich echt aussehenden Gas-Knarre herum. Natürlich fahren solche Leute stets ebenfalls bis Endstation, so dass wir den Spaß auch bis zum letzten auskosten konnten und drei Kreuze machten, als er in Bonn einen anderen Weg durch die Katakomben wählten. Dann noch mit dem Bus zu mir nach Hause et voilà – handgestoppt 00.30 Uhr im trauten Heim.

Fazit: siebeneinhalb Stunden unterwegs für eineinhalb Stunden ziemliche Langeweile, maue Stimmung, diverse Wirbelausrenkungen wegen gefalteter Daseinsweise in der Straßenbahn auf dem Rückweg, 20 Hasstiraden gegen die Herren Bade und Kreuz und die schlechtesten Toiletten der Weltgeschichte. Aber es war doch eine ziemliche Abenteuerreise und meine Kollegin war selig, und das ist doch auch schon was. Und noch schöne Grüße an Doris (The-outfielder), die ich in der Halbzeitpause traf, und die ebenso tapfer wie ich ausharrte und als stummen Protest ebenso wie ich beim Abgröhlen der Vereinshymne schwieg. Fortuna-Fans ertragen halt eine ganze Menge.

Und angesichts der unzähligen mit Geißböcken geschmückten Gestalten, denen ich gestern begegnet bin, werde ich mal schauen, ob ich nächste Woche nicht einer adäquaten Tätigkeit nachgehen kann, die mich an diese Herrschaften erinnert: ich denke da an eine gemütliche Fahrt in der Geisterbahn.

So long,

janus

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