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Wieder
auf dem Land !

Hurra, der VfL Rheinbach wird
90 Jahr’! Wen das interessiert? Nun, zunächst außer den dort Ansässigen
sicherlich niemanden, auch mich nicht. Anders sieht das allerdings aus, wenn der
Voreifel-Klub sich zum Jubiläum und für Testspiele in der Saisonvorbereitung
prominente Gegner einlädt. Und er tat es. Am Samstag, 19.07., gastierte dort die
beste Mannschaft der Welt, der Oberliga-Meister der Herzen, Fortuna Düsseldorf,
nur drei Tage später gab der Zweitligist MSV Duisburg seine Visitenkarte ab.
Grund genug für zwei Besuche im Stadion Freizeitpark, zumal dieses nur knapp 20
Minuten von meinem Zuhause in Bonn entfernt liegt.
Wobei ich auf das Spiel gegen
die beste Mannschaft der Welt gar nicht näher eingehen möchte. Es war ein Muster
ohne Wert. Die Mannschaft hatte am Tage zuvor die allererste Trainingseinheit
nach 6 Wochen Sommerpause absolviert, zudem herrschten über 30 Grad im Schatten,
die Spielzeit wurde wegen der großen Hitze extra auf 2 x 40 Minuten verkürzt,
wir saßen auf den Stehplätzen möglichst weit im Schatten, kein Lüftchen regte
sich. Man konnte eigentlich nur warten, bis das Spiel vorbei war, um dann
festzustellen, dass wir genauso nass geschwitzt waren wie die Spieler, und das
ganz ohne Laufen. Ein netter Auftakt sowie die Gelegenheit, sich für 5 €
ordentlich zu sonnen, mehr nicht.
Da war ich dann doch schon
eher am MSV Duisburg interessiert. Die haben ihren Kader komplett umgekrempelt,
weil in dieser Saison der Aufstieg in die 1. Liga gelingen soll. Die bekommen
nämlich auch ein neues Stadion (ach! Ein Thema, das wir gut kennen) und die
Bauherren wissen in Duisburg auch noch nicht so recht, wer das Ding außer dem
MSV denn eigentlich nutzen soll. Also muss der Aufstieg her, denn Bayern
München, Borussia Dortmund oder Schalke 04 ziehen auch in Duisburg traditionell
mehr Zuschauer als LR Ahlen, Wacker Burghausen oder SSV Jahn Regensburg. Deshalb
wurde auch in Duisburg kräftig ausgemistet und investiert. 16 Spieler aus der
letzten Saison mussten gehen, bis dato 15 Neue wurden verpflichtet. Und es sind
Namen dabei, die dem Erst- und Zweitliga-Kenner durchaus etwas sagen: allein die
Neuverpflichtungen Beuckert (Union Berlin), Oswald (Hannover 96), Ivanovic,
Spizak (beide Alem. Aachen), Maas (Hertha BSC), Hirsch (Rostock), Bugera (Bayern
München Amat., zuvor schon einmal in Duisburg), Kurth (1.FC Köln), Ahanfouf
(Mainz, Unterhaching, Rostock, VfB Stuttgart), Peschel (Bochum) und Kruse (SC
Freiburg) bringen es, wenn sie alle auf dem Platz stehen, auf immerhin 715
Erstliga- und 552 Zweitliga-Einsätze, von den zudem noch im Duisburger Kader
stehenden Drsek, Schröder, Keidel, Voss mal ganz abgesehen. Hinzu kommt, dass
die Zweitliga-Saison bereits am 01.08. beginnt, volle drei Wochen vor den
Amateuren also, so dass die Duisburger um Trainer Norbert Meier (nochmal 292
Bundesligaeinsätze als Spieler obendrauf) eigentlich schon gut vorbereitet und
eingespielt sein sollten. Armer VfL Rheinbach, fällt mir dazu eigentlich nur
ein. Das könnte interessant werden, deshalb beschließe ich Dienstag Nachmittag
spontan, eine kleine „Groundhopping light“-Tour einzulegen.
Die Anreise gestaltet sich
erfreulich leicht, denn da ich praktischerweise ziemlich am Rande Bonns wohne,
zufällig auch noch genau nach Rheinbach hin, kann ich mir sogar die Autobahn
sparen und ein bisschen in Heimatkunde machen. Es ist angenehm kühl an diesem
Dienstag Abend, ein paar Wolken ballen sich am Himmel zusammen, aber nichts
Ernstes.
Einmal vom Parkplatz vor dem
Haus runter, und drei Kurven und zwei Kreiverkehre später habe ich Bonn entsagt
und befinde mich im weltbekannten Alfter-Witterschlick, womit ich das Rheinland
hinter mir gelassen und die Voreifel erobert habe. Alfter-Witterschlick verfügt
über eine Hauptstraße und zwei Bahnübergänge, die ca. alle 20 Minuten gesperrt
werden, wenn die Voreifel-Bahn dort durchrauscht. So kann man für die
Durchquerung dieses Dörfchens auch mal 20 Minuten anstelle von deren 2
benötigen. Das nächste Örtchen nennt sich Volmershoven, eine Hauptstraße und
kein Bahnübergang, dafür aber eine raffinierte Linkskurve, die die Einhaltung
der vorgeschriebenen 50 km/h garantiert. Nachdem man auf einem Stückchen
Landstraße dann ein wenig auf die Tube drücken darf, naht schon die nächste
knifflige Stelle, die Ortschaft Flerzheim, auch wieder geschätzt zehn Häuser
mitten in die Landschaft gesetzt. Man fährt die leicht abschüssige Straße
hinunter, kann die Hauptstraße gut überblicken, sie führt zunächst geradeaus in
den Ort hinein, man könnte ihn also zügig durchqueren, wenn man in Flerzheim
nicht auf die glorreiche Idee gekommen wäre, mitten auf der Hauptstraße eine
Blitzanlage zu installieren. So wird dann mit Tempo 50 durchs Dorf geschlichen.
Weiter geht’s über eine Allee, die ein wenig eng und an den Seiten so gut wie
unbefestigt ist, wenn einem da ein Lkw oder ein Bus entgegen kommt, kann es an
manchen Stellen ziemlich knapp werden. Außerdem gehe ich jede Wette, dass diese
Allee der Alptraum aller Fahrschüler der umliegenden Lehrinstitute ist. Auf ihr
darf man nämlich Tempo 70 fahren, was man, wenn kein Gegenverkehr herrscht, auch
sehr gut machen kann. Am Ende der Allee geht es um eine nicht besonders enge
Kurve, die Aussicht auf das, was dahinter liegt, ist geschickt durch einen
raffiniert gesetzten Busch verborgen. Man fährt zügig weiter und – hallo,
willkommen in Ramershoven, gut lesbar auf dem Ortseingangsschild ca. 3 Meter
hinter der Kurve, an dem die zulässige Höchstgeschwindigkeit nur noch 50 km/h
betragen darf! Möchte nicht wissen, wieviele Fahrschüler an dieser Stelle die
Stimme des Prüfers von der Rückbank gehört haben: „Ähem, fahren Sie doch mal bei
der nächsten Gelegenheit rechts ran...“ Ganz pfiffig gemacht.
Immerhin, wenn man durch
Ramershoven durch ist, darf auch wieder ein wenig zügiger gefahren werden, bis
Peppenhoven, das aber rechts liegen gelassen wird, geht es nur noch durch die
Prärie. Alles in allem eine Gegend, wie man sie aus amerikanischen
Teenie-Horrorfilmen kennt: schmale Straße, viel Land drumherum, nachts völlig
unbeleuchtet – das sind so die Örtlichkeiten, in denen einer Gruppe gut
gelaunter Jugendlicher in diesen Filmen mitten in der Nacht immer das Benzin
ausgeht, woraufhin einer – natürlich nur einer – immer los zieht, um Hilfe zu
holen, woraufhin er natürlich niemals wiederkehrt, woraufhin von den übrig
gebliebenen wiederum einer los zieht, den anderen zu suchen, woraufhin am Ende
nur das Mädel, das die Titelrolle schreien soll, übrig bleibt...Vielleicht eine
gute Location für „Scream 4“?
Genug geschaudert, wir sind
am Ziel, die Straße führt schnurstracks in einen Kreisverkehr, diesen verlässt
man durch die 2. Ausfahrt und sofort liegt auf der linken Seite die Einfahrt zum
Stadion-Parkplatz. Fertig. Von Alfter-Witterschlick aus war das insgesamt
einmaliges Kreisverkehr-Fahren und zweimaliges Abbiegen nach rechts, ansonsten
immer der Straße nach. Bequemer geht’s nun wirklich kaum. Übrigens, wer aus der
großen weiten Welt kommt, kann ganz einfach die A 61 bis zur Ausfahrt Rheinbach
nehmen und landet auf derselben Umgehungsstraße, die dann in den bewussten
Kreisverkehr mündet. Derjenige hat dann aber diese vielen tollen Dörfer
verpasst. Ich möchte nicht tauschen, schließlich dient die Fahrt ja auch
der Saisonvorbereitung auf Freialdenhoven, Düren, Bergisch-Gladbach ...
Ich betrete das Stadion durch
den am Parkplatz gelegenen Seiteneingang, nachdem ich meinen Obulus von 6 € für
eine Stehplatzkarte entrichtet habe. Das Stadion liegt zwar mit der einen Seite
direkt an der Hauptstraße, ist jedoch sonst von ganz viel Grün umgeben, da es in
den Freizeitpark Rheinbach integriert ist. Ein recht idyllischer Anblick also.
Es verfügt über eine kleine Haupttribüne und eine Aschenbahn rund ums Spielfeld,
aber nicht über Flutlicht. Das gibt es dafür auf dem Aschenplatz direkt nebenan.
Der Rasenplatz dürfte somit nur für die großen Events und Meisterschaftsspiele
genutzt werden, zum abendlichen Training unter der Woche, besonders im Winter,
ist er weniger geeignet.
Natürlich habe ich instinktiv
den richtigen Eingang gewählt, auf der Aschenbahn direkt am Eingang befindet
sich ein Getränkestand, ein weiterer Bierwagen sowie eine Imbissbude. Direkt
daneben hat sich der fahrbare Fan-Artikel-Verkauf des MSV Duisburg platziert,
und ich möchte nur hoffen, dass dort vor dem Spiel ordentlich Umsatz gemacht
wurde, denn während des gesamten Spiels sehe ich niemanden, der dort etwas
kauft. Hm, Bierstände direkt am Spielfeldrand? Erinnert das den erfahrenen
Fortunisten nicht an irgendetwas aus der letzten Saison? Allerdings ist hier
kein Chaos wie bei SW Essen zu befürchten, denn obwohl ich das Stadion exakt
drei Minuten vor dem Anpfiff betrete, sind nicht mehr als geschätzt 250 Leute
anwesend. Ja, so ist das auf dem Dorf. Da kann selbst eine mit Erstliga-Spielern
gespickte Truppe hier zum Jubiläumsspiel antreten, wenn der Anpfiff mit dem
Dämmerschoppen oder der täglichen Hunde-Ausführ-Zeit zusammen fällt, dann haben
die eben Pech gehabt.
Da ich etwas spät dran bin,
habe ich die Mannschaftsaufstellungen verpasst, der Stadionsprecher stellt grad
noch die beiden Trainer vor. Und zu Norbert Meier fällt ihm dann auch noch was
ein: „Und wir begrüßen recht herzlich den Trainer des MSV Duisburg, Norbert
Meier, Ihnen allen noch als Spieler aus der Ersten Liga bekannt, über 200
Bundesligaspiele für Mönchengladbach sowie 1988 Deutscher Meister...mit Werder
Bremen, glaube ich.“ So, glaubt er. Das nenne ich eine optimale Vorbereitung auf
den Gast. Immerhin hat er mit seinem Glauben ja Recht, wenn wohl auch eher
zufällig. Aber wenigstens hat er ein kräftiges Organ, er muss nämlich gegen die
Musik anbrüllen, die der DJ im Hintergrund spielt, und er hat nix zu lachen, es
ist Wolfgang Petry inklusive beigeistertem Mitgröhl-Chor, quasi der
Ballermann-6-Remix des Erfolgsschlagers „Hölle, Hölle, Hölle“, bei dessen
zwangsweisem Zuhören ich mich immer wie in derselben fühle. Und es schallt ganz
ordentlich aus den Boxen und Verstärkern, die man direkt vor der Haupttribüne
aufgestellt hat. Auch habe ich den Eindruck, dass diese Boxen eine echte
Wertanlage in diesem Stadion darstellen, sie sehen nämlich erheblich teurer aus
als z.B. die Tribüne, die bei näherem Augenschein doch etwas baufällig wirkt.
Nun ja, was so furchtbar beginnt, kann eigentlich nur besser werden.
Nun schnell noch dem
kulinarischen Genuss frönen. Nachdem ich am Samstag zuvor schon das Kunststück
fertig gebracht habe, nach knapp 25 Jahren Stadionbesuchen erstmals die
allerallererste Wurst zu erhaschen, die dem Grill des Imbissstandes entrissen
wurde (weil wir so früh dort waren), sind heute die Pommes dran. Doch,
ordentliche Portion für 1,50 €. Es ist so viel, dass zwei, drei
Kartoffelstäbchen von dem Berg, den der Würstchenwender in die Schale gepackt
hat, herunter purzeln und auf der Theke landen. Allerdings kriegt man auf dem
Dorf auch was für sein Geld, der Mensch packt sie nämlich gleichmütig wieder
zurück in die Schale, es soll ja nix verloren gehen. Salz hingegen hat er
anscheinend gar nicht erst gefunden, etwas fad das ganze. Naja, man kann nicht
alles haben.
Ich begebe mich mit
Spielanpfiff auf die Gegengerade, da ist reichlich Platz zum Gucken, denn außer
mir sind nur ca. 10 Leute auf dieselbe Idee gekommen. Von dort hat man auch
einen schönen Überblick auf die Haupttribüne, sieht ganz gut gefüllt aus. Auf
der rechten Seite versammeln sich die 5 Mann, die die Rheinbacher Ultras
darstellen sollen, immerhin mit eigener Tribünenfahne „Voreifel Fanatics“. Links
neben der Tribüne identifiziere ich mühsam, aber doch noch ohne Fernglas
insgesamt 8 Duisburger, die hinter einem der Tore auch diverse Zauhnfahnen
aufgehängt haben. Einer wedelt wie wild mit einer MSV-Fahne, die anderen sieben
hüpfen im Takt hinter der Barriere. Stimmung auf dem Dorf!
Das Spiel beginnt. Bei dem,
was ich an Rückennummern und Trikot-Beflockungen erkennen kann, hat Trainer
Meier eine Mischung aus letztjährigen Stammspielern und Neulingen aufgeboten,
die restlichen Neuen werden dann wohl im Laufe des Spiels eingewechselt werden.
Er bringt tatsächlich alles, was er hat, eine erfahrene, ganz bestimmt nicht
billige Mannschaft, in der sich so kurz vor Saisonbeginn wohl jeder reinhängen
wird, da sich jetzt so langsam die Stammformation heruas kristallisieren muss.
Das verspricht doch gute Unterhaltung.
Jetzt mal ehrlich: wieviele
Versprechungen entpuppen sich im Laufe eines Lebens als Luftblasen? Wie oft
hofft man, dass etwas so eintritt, wie man es sich gedacht hat und wie es
geplant war, und es passiert nix dergleichen? Dem kann ich hier schon bald ein
weiteres Erlebnis hinzufügen, denn das Spiel der Duisburger ist einfach nur
grottenschlecht. Auf „meiner“ Seite versuchen Kruse und Bugera zu wirbeln, das
sieht auch immer ganz toll aus, bis ca. 20 Meter vor dem Tor, dann ist
Feierabend. Über rechts kommt gar nix, Ivanovic in der Mitte hängt völlig in der
Luft. Rheinbach hingegen kommt in der ersten Halbzeit nicht mal in die Nähe des
gegnerischen Tores. Daraus ergibt sich ein einziges Gewürge und Gebolze im
Mittelfeld, kaum mal eine konzentrierte Aktion nach vorne. Dafür stimmt der
Kampfgeist, um nicht zu sagen, für ein Freundschaftsspiel ist das ganze ziemlich
hart und unfair, besonders von Duisburger Seite. Der erste Rheinbacher wird nach
geschätzt 4 Minuten mit einer Kopfnuss zu Boden geschickt, die erste
Auswechslung auf Seiten der Gastgeber erfolgt schon nach 12 Minuten, motiviert
durch den gelungenen Einsatz eines gestreckten Duisburger Mittelfeld-Beins. Auch
die Herren Kruse und der mir nicht namentlich bekannte Rheinbacher Torwart
werden richtig gute Freunde, der Anlass bleibt mir unbekannt, aber sie
besprechen sich jedes Mal liebevoll, wenn sie auf Rufweite aneinander
herankommen, das ganze endet dann mit der Erfahrenheit des Profis, in dem Kruse
den Keeper kurz vor der Halbzeitpause bei dessen Ausflug aus dem Strafraum
kurzerhand über die Klinge springen lässt, so dass dieser minutenlang behandelt
werden muss. Der Schiri wird im Laufe der Partie sechsmal Gelb ziehen, für ein
Freundschaftsspiel doch eher ungewöhnlich.
Vielleicht werden die
Duisburger auch dadurch angestachelt, dass die „Voreifel Fanatics“ sich dieses
planlose Herumgekicke zwanzig Minuten lang ansehen und dann den Lieblingssong
aller Amateurvereine in solchen Lebenslagen anstimmen: „Und ihr wollt Zweite
Liga sein?“ bzw. die nicht minder schöne Variante: „Zweite Liga – keiner weiß,
warum!“ Ich muss ihnen teilweise durchaus Recht geben.
Aber bei einer Sache
zumindest braucht sich Trainer Meier keine Sorgen zu machen: die Kommunikation
auf dem Spielfeld, die klappt. Und wie. Endlich können mal wieder ordentliche
Ruhrpott-Flüche gehört werden, das weckt wenigstens sentimentale Erinnerungen in
mir, der ich einen nicht unbeträchtlichen Teil meiner Jugend ziemlich regelmäßig
in Bochum zu verbringen pflegte. Die Jungs gehen äußerst respektvoll miteinander
um, daran ändert auch Kapitän Dietmar Hirsch nichts, der zwischendurch immer mal
mit gefühlsduseligen kameradschaftlichen Anfeuerungsrufen glänzen will. Aber
endlich überkommt es auch ihn: bei der einzigen echten Torchance in der ersten
Halbzeit kommt Hirsch nach einer Ecke im Strafraum völlig frei zum Kopfball, der
Torwart ist geschlagen, nicht jedoch der Abwehrspieler, der den Ball auf der
Linie noch wegköpfen kann. Der Respekt vor dieser tollen Abwehrreaktion des
Gegners veranlasst Hirsch, seinem Unmut mit einem anerkennenden, über den ganzen
Platz zu hörenden Gebrüll „Ey Scheiße, Mann, Du da, auf der Linie!“ Ausdruck zu
geben. Ja, 22 Freunde sollt ihr sein.
Kurz vor der Halbzeitpause
mache ich dann noch eine Aufsehen erregende Entdeckung: da sich auf dem
Spielfeld nichts tut (Kruse hat grad den Torwart flach gelegt), wandere ich
einmal um den Platz herum und betrete die Herren-Toilette an der linken Seite
der Haupttribüne. Und siehe da: wenn man am rechten Urinal steht, kann man aus
dem Fenster den gesamten Platz beobachten! Ein Geheimtipp für das nächsten
Verbandsliga-Schlagerspiel, falls es dann mal anfängt zu regnen!
Dies ist auch gleichzeitig
die wichtigste Erkenntnis, die ich aus der 1. Halbzeit mitnehme. Den Rest kann
man nämlich schlicht und ergreifend vergessen. Erwähnenswert vielleicht noch,
dass Duisburgs Torwart Dirk Langerbein in der gesamten 1. Halbzeit einen
einzigen Ball zu fassen bekam, als ein verunglückter Pass auf sein Tor flog. Was
man sich nicht alles antut, wenn Sommerpause ist!
In der Pause wird auch ein
Unterhaltungsprogramm geboten: ein Ballartist mit Namen – wenn ich das richtig
verstanden habe – Jacek Rozkowski zelebriert seine Künste auf dem Rasen direkt
vor der Haupttribüne. Sofort ist er von einer Horde Kinder umlagert, was nun den
Stadionsprecher etwas stört. Und mit dem genialen Reim „Wenn die Kinder etwas
zur Seite gehen, dann können die Erwachsenen auch was sehen“ verscheucht er die
störende Brut. Die spielen dann lieber auf dem Rasen Fußball, neben den
Ersatzspielern beider Teams, die sich warm machen.
Zweite Halbzeit, wieder auf
die Gegengerade, erneutes Stoßgebet: was so schlimm begonnen hat, kann doch
eigentlich nur besser werden! Zumal Duisburg jetzt einige Mannen auf dem Feld
hat, die mit dem Ball auch wirklich umgehen können, sie haben, wenn ich richtig
gezählt habe, 9mal ausgewechselt. Miroslav Spizak zum Beispiel, der nach
drei Minuten auch sofort sein feines Füßchen beweist, in dem er die gesamte
Rheinbacher Abwehr schwindlig spielt, anschließend aber leider auch sich selbst;
er verliert den Ball, ohne dass ein Gegenspieler ihn berührt hätte.
Und natürlich spielt jetzt
auf „meiner“ Seite Peter Peschel, von den Mannschaftskollegen liebevoll „Peschi“
gerufen bzw. erstmal nicht liebevoll, denn der macht zu Anfang nur Unsinn. Dafür
ist er aber definitiv der schönste Mann auf dem Platz. Denkt er selbst
zumindest. Die Haare lässig nach hinten gegelt, im Nacken ringeln sie sich dann
lustig, dazu ein ordentlicher Drei-Tage-Bart und ziemlich affektiertes Auftreten
auf dem Platz – wenn man schon der Kleinste auf dem Rasen ist, dann muss man
halt anderweitig auffallen. Und zwar bestimmt nicht durch fußballerisches
Können.
Aber wenigstens wird das
Spiel jetzt besser. Die Duisburger drücken mehr nach vorn, Rheinbach traut sich
auch mal was und hat sogar eine Großchance, als der Mittelstürmer eher per
Zufall frei gespielt wird und mit dem Ball vor Torwart Beuckert auftaucht. Vor
lauter Aufregung trifft er den Ball nur mit dem Schienbein, ein Kullerchen,
allerdings durchaus gefährlich, weil die Kugel zielstrebig auf die lange Ecke
zusteuert. Aber der Ex-Pokal-Held von Union Berlin ist nicht umsonst 1,95 m
lang, er kriegt sie noch. Schade, so ein Tor hätte zum Spiel gepasst.
Die Duisburger hingegen
versieben vorne eine Chance nach der anderen. Es wird schnell klar, die
stärksten Spieler bei Rheinbach sind die Torleute (ca. um die 70. Minute herum
wird gewechselt), erstaunlich, was die alles fischen, insbesonders ein
Volleyschuss aus kurzer Distanz von Spizak wird prima pariert. Glanzstück des
ganzen ist ein harmloser Fernschuss von Peschel, den der neue Keeper völlig
unmotiviert abklatschen lässt, die Kugel springt vor die Füße von Pavel Drsek,
das Tor ist nicht nur leer sondern auch lediglich fünf Meter entfernt, und der
verknotet sich die Beine und lässt einen derartigen Rollerball los, dass der
Keeper mit beeindruckendem Hechtsprung noch retten kann. Mein Gott, in der 2.
Liga hätten sie den Drsek dafür an den nächsten Torpfosten gebunden und mit
zwanzig Bällen Zielschießen veranstaltet! Und wer jetzt denkt, dass ich ein
Sadist wäre, dem sei gesagt, dass ich das nicht erfunden habe – das war Uwe
Klimaschewski als Trainer des FC Homburg in den 80er Jahren, damals musste der
Platzwart dran glauben.
Aber die Duisburger haben ja
den Peschi. Der sorgt für ordentlich Abwechslung. Er schlägt einen Freistoß von
rechts, der Ball kommt zu kurz, ein Mitspieler keilt: „Hau dich doch mal richtig
rein, Peschi!“ Dieser zeigt Verstanden und setzt die Aufforderung bei der
nächsten Gelegenheit in die Tat um. Wieder Freistoß von rechts, und diesmal legt
sich der Peschi dermaßen in den Schuss, dass es seine 1,75 m fast aus den
Schuhen wuchtet. Der Ball fliegt und fliegt und wird auf der linken Seite
schließlich auf der Aschenbahn von einem Zuschauer abgefangen, der sich dort am
Bierstand grad ein Kölsch bestellt hat. Das ist auch besser so, denn wenn der
durstige Herr nicht gewesen wäre, hätte der Peschi die Kugel schnurstracks ins
eigene Fan-Mobil gedonnert. Auch eine Art von Abwechslung.
Als daraufhin einige
spöttische Bemerkungen von einem meiner 10 Mitstreiter auf der Gegengeraden
kommen, wird der Peschi auch noch richtig giftig und legt sich mit dem Rufer an.
Und dass er zwar klein vom Körperwuchs her sein mag, aber über ein
Elefantengedächtnis verfügt, beweist er in der 75. Minute. Ecke von rechts,
Peschi haut die Kugel vor’s Tor und da steht Ahanfouf und köpft zum 1:0 ein. Sie
brauchen tatsächlich eine Standardsituation, um in Führung zu gehen. Der Peschi
dreht sich zu dem Rufer an der Eckfahne um, zeigt einige flinke Fingerspiele mit
der rechten Hand und krönt das ganze durch ein lockeres: „Na, wat sachste nu, du
Eierwärmer?“ Ja, Freundschaftsspiele auf dem Land sind was Schönes...
Übrigens spielt in der 2.
Halbzeit auch Markus Kurth, Stürmer und Neuzugang vom 1. FC Köln. Aber der macht
das, was er schon die ganze letzte Saison in Köln gemacht hat, er trifft das Tor
nicht, und fällt deshalb nicht weiter auf.
Nun, der Rest ist schnell
erzählt. In der 86. Minute ereignet sich Ungeheuerliches: die erste Ecke für den
VfL Rheinbach! Der Ball wird kurz gespielt, abgeblockt – zweite Ecke! Man könnte
auch sagen: Powerplay! Und tatsächlich gibt es sogar noch eine gute Torchance,
die aber auch überhastet versemmelt wird. Torwart Beuckert legt sich dann noch
ein bisschen mit einem Rheinbacher Stürmer an, weil ihm ansonsten wohl zu
langweilig wird, dann ist das Spiel vorbei, und diese mit erfahrenen Erst- und
Zweitliga-Spielern gespickte Truppe hat gegen den Verbandsligisten mit Müh und
Not 1:0 gewonnen. Trainer Meier schickt die ganze Truppe dann noch gleich
anschließend zum Auslaufen auf den Platz zurück, wobei unter anderem Herr Kurth
noch in der Lage ist, beim lockeren Antraben Autogramme zu schreiben. Da kann
ich nur die Technik bewundern. Wenn er das auch auf den Sport umsetzen kann, den
er betreibt, dann könnte das glatt noch was werden mit ihm.
Tja, was bleibt: mangels
aufregender Erlebnisse bei An- und Abfahrt musste natürlich mehr Gewicht auf die
Spielbeobachtung gelegt werden; die hat sich allerdings nicht gelohnt, ein für
mich absolut enttäuschender MSV Duisburg quält sich zu einem 1:0 gegen einen
biederen Gegner, und dafür, dass die Saison in anderthalb Wochen los geht, fand
ich die Zebras erstaunlich schlecht. Und Ernst genommen hatten sie das Spiel
meiner Meinung nach, das konnte man schon am Körpereinsatz sehen. Da muss also
noch viel an spielerischen Elementen kommen.
Das Spiel war weder einen
Besuch, noch einen sechsseitigen Artikel Wert. Aber was soll’s? So oder so:
wieder ein paar Stunden weniger bis zum 24.08. Und damit hat es sich doch schon
gelohnt. Für mich wenigstens.
Ein Abend der gepflegten
Langeweile, allerdings bei doch anständigem Wetter. Und als ich das Stadion
verlasse, klingen mir wieder die Worte der Rheinbacher Fans in den Ohren: „Und
ihr wollt Zweite Liga sein?“
Ich kann mich dem nur
anschließen. Denn drei Tage zuvor hat die beste Mannschaft der Welt an gleicher
Stelle in nur 2 x 40 Minuten natürlich locker 3:0 gewonnen.
Versteht selbst nicht, wozu
ihn die Sommerpause so treibt: janus
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