janus goes to Fairy Island

Manchmal
bietet das Leben Überraschungen. So auch im letzten Sommer, als die
Qualifikations-Gruppen für die Fußball-EM 2004 in Portugal ausgelost wurden.
Anstelle der sonst üblichen Gegner Wales bzw. Albanien oder
Georgien/Moldawien/Ukraine/irgendwas noch Finstereres im weiten Osten bekam die
deutsche Nationalmannschaft nämlich neben Litauen und Schottland noch Island und
die Färöer zugelost, wobei letztere durch besondere Exotik bestachen, denn nicht
nur, dass kaum jemand wusste, wo diese Inseln liegen (bzw. dass es sie überhaupt
gibt), auch hatte zum Zeitpunkt der Auslosung noch nie eine deutsche
Nationalmannschaft gegen die Färöer gespielt. Zum einen lag dies daran, dass die
Färöer erst seit 1979 eine eigene Fußball-Nationalmannschaft ins Rennen
schicken, zum anderen an schierem Lospech, denn der gemeine Fußball-Fan kennt
natürlich den Namen Färöer; dieser ist verbunden mit einer der größten
Lachnummern des europäischen Fußballs überhaupt: 1990 besiegten die Färöer
nämlich Österreich in einem EM-Qualifikationsspiel mit 1:0 (in Dänemark, weil
die Färöer noch keinen eigenen Rasenplatz hatten). Thorkil Nielsen schoss das
Goldene Tor und machte die Ösis damals in ganz Europa lächerlich, denn
normalerweise setzt es für die Färöer bei internationalen Vergleichen regelmäßig
Niederlagen, die zum damaligen Zeitpunkt auch noch recht happig ausfielen.
Trainer der Ösis war Josef Hickersberger, der nach dieser Super-Blamage seinen
Hut nehmen musste. Was aus diesem Erfolgstrainer wurde, ist natürlich jedem, der
den deutschen Fußball ein wenig kennt, nicht nur bekannt, sondern auch relativ
klar: so ein coachendes Ass wird natürlich von Fortuna Düsseldorf verpflichtet,
um dann zur Abwechselung mal wieder gepflegt absteigen zu können, und genau so
kam es auch.
Daher
sind dem Fußball-Fan aus der damaligen Zeit zwei Namen im Gedächtnis geblieben:
der schon erwähnte Torschütze Thorkil Nielsen sowie der Name des Torwarts, Jens
Martin Knudsen. Nicht nur aufgrund seiner tadellosen Leistung, als er an jenem
denkwürdigen Tag gegen Österreich wirklich alles hielt, was auf sein Tor kam,
sondern auch aufgrund seines Outfits, trug er doch damals bei den Spielen der
Färöer immer eine weiße Pudelmütze, die auf den Inseln längst zum Kultobjekt
avanciert ist und in den Neunziger Jahren einer der meistverkauften
Kleidungsstücke dort war. Diese Mütze trug Knudsen übrigens nicht, weil er der
Meinung war, dass es hübsch aussehe, sondern aus einem ganz anderen Grund, der
mit dazu beitrug, die Färinger ganz allgemein als Hinterwäldler einzustufen:
zuvor hatte er bei einem Verkehrsunfall Kopfverletzungen erlitten. Sein Arzt
wollte ihm daraufhin das Sporttreiben allgemein und das Fußballspielen
insbesondere gänzlich verbieten, lenkte dann aber ein und empfahl Knudsen, bei
zukünftigen sportlichen Aktivitäten zum Schutze seines Hauptes einen Helm (!) zu
tragen. Knudsen dürfte daraufhin sofort den Hausarzt gewechselt haben, und um
seine Mutter zu beruhigen, die bei jedem Spiel Angst um ihn hatte, entschloss er
sich, dann wenigstens mit der Mütze aufzulaufen. So wurde das Kultobjekt
geboren.
Knudsen
ist übrigens immer noch regelmäßig im Kader, als Ersatztorwart und
Torwarttrainer, trug aber die Mütze einige Jahre später schon nicht mehr, weil
er, wie er sagt, „es albern fand, nach all diesen Niederlagen“. Immerhin hatte
er angekündigt, sollte er gegen Deutschland auflaufen müssen, würde er die Mütze
wieder aufsetzen.
Die
Färinger sind fußballverrückt, es sind über 5.000 Männer und Frauen als aktive
Spieler gemeldet, dies ist, an der Gesamtbevölkerung der Inseln gemessen, ein
höherer Prozentsatz als irgendwo anders in Europa. Die Inseln verfügen über zwei
Rasenplätze, einer in der Hauptstadt Tórshavn auf der Insel Streymoy sowie einer
in Toftir auf der Insel Eysturoy (dort spielten Bertis Schotten im letzten Jahr
nur 2:2). Alle anderen Plätze bestehen aus Kunstrasen, weil „normaler“ Rasen die
alljährliche klimatische Belastung nicht allzu lange aushält (im Durchschnitt
280-300 Regentage im Jahr). Die 1. färöische Liga besteht aus 10 Mannschaften,
der aktuelle Meister heißt HB Tórshavn und wird demnächst wohl in der ersten
Runde des UEFA-Cups gesichtet werden können. Es gibt eine Faustregel, die
besagt, dass überall dort, wo auf den Inseln mehr als sechs Hütten
zusammenstehen, ein Kunstrasenplatz zu finden sei, und mittlerweile kann ich
sagen, dieser Spruch mag ein wenig übertrieben sein, ganz falsch ist er nicht.
Soviel
zum färöischen Fußball. Was weiß man von den Färöer selbst? Als kurze Einführung
kann gesagt werden, die Inseln liegen nordwestlich von Schottland auf halbem Weg
zwischen Island und Norwegen auf 62° N. Die Inselgruppe besteht aus 18 Inseln
mit 1399 km² und erstreckt sich etwa in Gestalt eines auf dem Kopf stehenden
Dreiecks 113 km in nordsüdlicher und 75 km in ostwestlicher Richtung. Die
Küstenlänge beträgt ca. 1100 km, kein Punkt der Inseln ist mehr als 5 km vom
Meer entfernt. Die höchste Erhebung ist 882 Meter ü.d.M., die Durchschnittshöhe
des Landes beträgt ca. 300 Meter. Die Einwohnerzahl beträgt insgesamt 47.120
(März 2002). Davon wohnen ca. 18.800 im Gebiet der Hauptstadt (Tórshavn, Hoyvík,
Argir, Kaldbak, Kollafjörður)
auf der Insel Streymoy und etwa 5.000 im zweitgrößten Ort Klaksvík auf der Insel
Borðoy. Seit 1948 sind die Färöer mit eigener Regierung und Verwaltung
selbständiges Mitglied des dänischen Reichsverbandes. Als solches sind sie
„automatisch“ Mitglied der NATO, konnten aber unabhängig von Dänemark über einen
Beitritt zur EU abstimmen, welchen sie ablehnten, da die EU den Fischfang, den
Haupterwerbszweig der Färinger, für seine Mitglieder quotiert hat. Sie haben
ihre eigene Flagge, teilweise eigenes Geld (dänische Münzen, aber sowohl
dänische als auch färöische Scheine) und eine eigene Sprache, das Färöisch,
welches vom Altnorwegischen abstammt und nahezu unmöglich in einem kürzeren
Zeitraum zu erlernen ist, da Schrift- und Lautsprache zum Teil erheblich
voneinander abweichen. Als Beispiel sei hier nur das altnordische „edd“,
geschrieben ð genannt, das fleißig geschrieben, aber meistens nicht gesprochen
wird (obige Beispiele lauten also gesprochen „Kollafjörur“ bzw. „Boroj“) bzw.
als Gleitlaut zwischen zwei Vokalen verwendet wird, z. B. Viðareiði = Vijareiji.
Ist also wirklich eine Sprache für sich, sehr interessant, aber kaum zu
verstehen.

Soviel zu den Färöer.
Interessante Gegend, sicherlich eine Reise Wert, besonders wenn die deutsche
Fußball-Nationalmannschaft dort aufläuft. Wobei ich jetzt mal ehrlich zugeben
muss, dass ich nicht unbedingt ein glühender Fan der deutschen
Nationalmannschaft und besonders nicht von deren Fans im Ausland bin. Ich mag
dieses „Deutschland, Deutschland“-Auftreten im Ausland nicht sonderlich, denn
bei allen Fans, die nur ihre Mannschaft unterstützen wollen, sind doch immer
noch genug Spinner dabei, sei es die „Deutschland, Deutschland über
alles“-Brigade eher jugendlichen Alters als auch die „Am deutschen Wesen soll
die Welt genesen“- Truppe der zahlungskräftigen Rentner, die unser Land eh für
den Nabel der Welt halten und dies auch bei jedem Auslandsaufenthalt lauthals
verkünden, ohne sich auch nur einen Deut um die Gefühle ihrer Gastgeber zu
scheren. Auch für mich ist daher (besonders wenn es um Länderspiele der
deutschen Nationalmannschaft geht) das Wort „Patriot“, und hier möchte ich den
Kabarettisten Volker Pispers zitieren, weil ich es selbst nicht besser
ausdrücken könnte, eher eine Mischung aus „Patria“ und „Idiot“. Nebenbei
bemerkt, war dies tatsächlich bei einigen Personen der Fall, denen ich das Pech
hatte zu begegnen, aber davon später mehr.
Also: die
deutsche Nationalmannschaft rechtfertigt für mich noch lange keinen Besuch am
Arsch der Welt. Andererseits ist Pauschalurlaub auf den Färöer in deutschen
Reisebüros unbekannt und ein Urlaub dort denn auch, wie in ganz Skandinavien,
nicht besonders günstig, finanziell gesehen. Des weiteren existiert der
färöische Fußballverband schon 24 Jahre (bzw. bei der Auslosung im Sommer
letzten Jahres 23 Jahre), aber es wurde bis zum Hinspiel im Oktober 2002 in
Hannover (ein überragendes 2:1, der Fachmann wird sich erinnern) noch nie ein
Spiel gegen diese Mannschaft ausgetragen. Kann sein, dass sie uns in der
nächsten Qualifikationsgruppe wieder zugelost werden, kann aber auch sein, dass
das wieder 24 Jahre dauert, und wer weiß, ob ich dann noch Lust habe, diese
Reise auf mich zu nehmen? Also entschied ich mich im letzten November für die
Buchung eines viertägigen Aufenthaltes vom 09.06.-12.06.03 inklusive Spielbesuch
am 11.06.03. Ich war einer der letzten, das Angebot war fast schon ausgebucht.
Da die Gastmannschaften bzw. deren Verbände bei diesen Spielen 10% des
Kartenkontingentes des Stadions erhalten, gab es nur ca. 650 Tickets, denn das
Nationalstadion Tórsvøllur
fasst nun mal nur knapp 6.500 Zuschauer. Der DFB hatte die dreifache Anzahl an
Kartenanfragen . Das war beruhigend, war ich anscheinend doch nicht der einzige
Bekloppte. Auf den Färöer selbst war das Spiel am Tage des Kartenvorverkaufs
übrigens nach 30 Minuten ausverkauft. Viele sprachen vom „Spiel ihres Lebens“
gegen den Vizeweltmeister. Für gute Stimmung würde also gesorgt sein.
Der Reiseveranstalter stand vor einem ganz anderen Problem: es
gibt in Tórshavn nur zwei größere Hotels, in dem einen wohnten die Spieler
beider Teams sowie alle Funktionäre und Journalisten, so dass dort nur noch
begrenzt Platz vorhanden war. Das andere Hotel, mitten im Zentrum von Tórshavn
gelegen, war jedoch für die in Frage kommende Woche ebenfalls ausgebucht, da
dort eine Tagung statt fand. Nach zähen Verhandlungen konnte erreicht werden,
dass die Tagung eine Woche nach hinten verschoben wurde. Für ein Fußballspiel
macht der gemeine Färinger fast alles. Freuen konnte sich der Betreiber, da das
Hotel nun direkt zwei Wochen hintereinander ausgebucht war.
Dann gab es auf den Inseln in den letzten Wochen vor dem Spiel
noch einen Generalstreik, der wirklich fast alles lahm legte, inklusive der
Umbauten am Stadion, so dass wieder nicht klar war, ob überhaupt gespielt werden
könnte. Schließlich wurde ausgerechnet in unserem Hotel eine Woche vor dem Spiel
der Streik nach diversen Verhandlungen beendet, fünf Tage vor der Abreise trafen
die ersehnten Tickets bei mir ein und die Reise konnte statt finden. Sie tat es
auch und war in mehrerlei Hinsicht unvergesslich. Hier der Bericht.
Montag, 09.06.2003
Wie beginnt man eine Reise zum Arsch der Welt? Nun, wenn es in
Deutschland ein Verkehrsmittel gibt, dass nicht nur angeblich überall hinfährt,
sondern auch in seinen sonstigen Qualitäten durchaus mit der obigen
Verbalinjurie zu vergleichen ist, dann kann es sich nur um die Deutsche Bahn
handeln, die mich, noch zuhause sitzend, schon zweifeln lässt, ob ich jemals auf
den Inseln im Nordatlantik ankommen werde. Situation ist folgende: um 9.55 Uhr
geht der Flieger vom Frankfurter Flughafen nach Billund/Dänemark. Check-in-Zeit
in Frankfurt ist von 8.00 Uhr – 8.30 Uhr. Zudem muss man berücksichtigen, dass
der Frankfurter Fernbahnhof im untersten Untergeschoss des Flughafens zu finden
ist, man also zu seinem Check-in-Schalter im Terminal 1 noch einen gehörigen
Fußmarsch abzuwickeln hat. Wenn man diese Voraussetzungen berücksichtigt, sind
der ICE, Abfahrt Bonn 6.22 Uhr, Ankunft Frankfurt Flughafen 7.50 Uhr und der EC,
Abfahrt Bonn 6.08 Uhr, Ankunft Frankfurt Flughafen 8.00 Uhr, vielleicht etwas zu
knapp bemessen, denn wenn ich den noch zu absolvierenden Fußweg mit einbeziehe,
sowie die Tatsache, dass es in diesem unserem Land kaum noch pünktliche Fernzüge
gibt, man hierbei also zusätzlich mindestens 10 Minuten berücksichtigen sollte,
dann kann es durchaus sein, dass ich am Flughafen erscheine und den anderen
Teilnehmern zum Abschied noch mal höflich zuwinken kann. Aber kein Problem,
nehmen wir halt einen Zug früher. Und was bietet die Deutsche Bahn, dieses
serviceorientierte, kundenfreundliche Unternehmen dem Reisenden vom Bonner Hbf
aus an? Genau, Abfahrt 3.41 Uhr, Ankunft 5.35 Uhr. Dazwischen
leider nix. Da bleibt mir schon die Luft weg, bevor ich auch nur einen Schritt
Richtung Nordeuropa getan habe.
Bevor ich allerdings zusätzlich Zelt und Schlafsack einpacke, um
auf dem Flughafen auch eine einigermaßen gemütliche Unterkunft zu haben für die
stundenlange Wartezeit, die mir die Bahn zumuten möchte, drehe ich es etwas
anders: Abfahrt von Bonn um 5.41 Uhr mit der U-Bahn-Linie 66 nach Siegburg. Die
haben in ihrem Bahnhof ein Gleis, das nicht wie die anderen Gleise schlicht
„Siegburg Bf“ sondern „Siegburg/Bonn“ heißt. Dort hält nämlich dieser
ICE-Sprinter, der von Dortmund nach Frankfurt in Rekordgeschwindigkeit eilen
würde, müsste er nicht unterwegs dauernd anhalten. Immerhin ist er in Siegburg
pünktlich, Abfahrt 6.12 Uhr (na ja, fünf Minuten zu spät, das fällt bei mir aber
mittlerweile „bahnrechtlich“ unter den Begriff „Pünktlichkeit“), Ankunft
Frankfurt 6.51 Uhr. Nette zügige Fahrt im komplett leeren Großraumabteil.
Jetzt aber Frankfurt Flughafen! Ich habe vorgesorgt, mir auf den
Internetseiten des Flughafens den Plan des Terminals angeguckt, weiß also, dass
ich drei Stockwerke nach oben muss. Auch sind die Terminals gut ausgeschildert.
Komischerweise muss ich, als ich der Beschilderung folge, erst mal zwei
Rolltreppen nach unten, dann einen endlosen Gang geradeaus, bevor es wieder hoch
geht. Hm, komischer Weg. Ein direkter Weg nach oben war den Erbauern wohl zu
langweilig.
Die Schalterhalle ist verwirrend groß, zumal man hier wirklich
mit Hinweisschildern erschlagen wird. Gut gemeint, aber etwas unübersichtlich,
vor lauter Pfeilen nach rechts, links, oben, unten, weiß man zwischendurch gar
nicht mehr, wo man sich eigentlich befindet. Aber nach einigem Suchen finde ich
den Schalter 556. Er ist auch bereits besetzt. Vor mir checken schon zwei Herren
jüngerer Bauart ein. Der eine sorgt dabei für mein persönliches erstes Highlight
dieser Reise: der Knabe, ein Kleiderschrank, ca. 2x2 m groß, steht tatsächlich
am Check-in Schalter nach Färöer mit Sonnenbrille und buntem Karibik-Hemd mit
„Santo Domingo“-Aufdruck! Möchte nicht wissen, welchen Wetterbericht der
versehentlich nachgeguckt hat. Nach dem Einchecken setzen wir uns in eine der
reichlich vorhandenen Wartezonen und kommen ins Gespräch.
Die beiden Herren sind Spieler des VfR Neumünster, seines
Zeichens in der vorletzten Woche in die Regionalliga Nord aufgestiegen. Bzw.
beide spielen eigentlich in der zweiten Mannschaft, wurden aber gegen Ende der
Saison aufgrund einiger Verletzungen der Stammspieler in der ersten Mannschaft
eingesetzt und haben sich dort auch einigermaßen festgespielt. Beide wurden auch
beim legendären Aufstiegsspiel in Emden eingesetzt (3:2-Sieg und Aufstieg nach
1:2-Heimniederlage im Hinspiel) und sind seit einer Woche quasi dauerbreit, weil
in Neumünster so keiner richtig glauben kann, dass sie aufgestiegen sind und
alle immer noch feiern. Sie erzählen auch von diesem Spiel in Emden, vor 7.000
Zuschauern, als ihr Trainer sich vor dem Spiel die Ansprache in der Kabine
sparen konnte, weil der Emder Stadionsprecher, ein psychologisch wahrscheinlich
bestens geschulter Rhetoriker, sämtliche Zuschauer bereits beim Warmlaufen der
Teams zur großen Aufstiegsfeier nach dem Spiel auf dem Rathausplatz eingeladen
hatte. Das war Motivation genug. Den eigenen Sieg selbst bezeichnen auch diese
beiden Herren als besseren Witz und Emder Schuld, weil diese nach dem
2:2-Ausgleich (der zum Aufstieg gereicht hätte) gegen zehn Neumünsteraner
(Platzverweis), anstatt auf Halten zu spielen, ihrem Publikum noch etwas bieten
wollten und munter nach vorne stürmten, sich dabei aber kurz vor Schluss noch
einen Konter zum 2:3 einfingen. Okay, ein bisschen Pech war auch dabei, es gab
noch drei Pfosten- bzw. Lattenschüsse, aber das sind dann halt die Tage, an
denen alles schief geht. Sie berichten auch, wie die Zuschauer nach dem
Schlusspfiff völlig konsterniert und schweigend da standen und viel zu
überrascht waren, um auch nur pfeifen zu können. Ob sie nach dem Erwachen aus
ihrer Versteinerung anschließend den Stadionsprecher gelyncht haben, ist nicht
bekannt.
Neumünster macht sich im übrigen keine Hoffnung auf den
Klassenerhalt, momentan ist noch nicht mal klar, ob der Verein diese
Regionalliga-Saison überhaupt bezahlen kann und ob alle Spieler zur Verfügung
stehen werden, denn sämtliche Kicker sind Freizeitfußballer, die alle noch einem
geregelten Beruf nachgehen. In der ganzen Stadt hofft man auch nur auf 4, besser
noch 6 Punkte in den Derbys gegen Holstein Kiel, die restlichen Spiele
interessieren kaum jemanden. Die Jungs werde ich mal im Auge behalten und sie
mir vielleicht auch mal ansehen, wenn sie in Köln oder Uerdingen spielen, hat
man ja nicht alle Tage, eine reine Hobbytruppe in der dritthöchsten Spielklasse.
In der Zwischenzeit hat eine Dame mittleren Alters neben uns
Platz genommen, die, wie sie freimütig berichtet, gleich nach Las Vegas fliegen
wird und ihre Flugangst mit diversen hochprozentigen Getränken am frühen Morgen
bekämpft. Ist ja auch eine Lösung. Während sie zwischen zwei, drei, vier
Zigaretten am Stück freimütig ihre Lebensgeschichte Preis gibt, betont sie
immer, dass sie nur leicht angeschickert sei. Wenn das nur „leicht“ ist, dann
ist es aber für meinen Geschmack „schwer leicht“. Leichte Schwierigkeiten hat
sie hingegen mit der Aussprache, kann aber auch daran liegen, dass sie aus dem
finstersten Hessenland stammt, die versteh ich eh nie. Als sie fragt, wo wir
denn hinfliegen, wünsche ich mir, die Einleitung zu diesem Artikel bereits
geschrieben zu haben, die hätte ich ihr dann in die Hand drücken können. Wir
versuchen es volle fünf Minuten, aber sie versteht nicht, wohin es geht. Als wir
uns schließlich Richtung Abflughalle und Gate begeben, sorgt sie dann aber noch
für ein Bonmot, das mir im Ohr hängen bleibt und wohl auch noch lange dort
verweilen wird: als wir ihr einen schönen Urlaub in Vegas wünschen, nimmt sie
noch einen „winzigen“ Schluck aus ihrem frischen Piccolo, den sie mittlerweile
aufgeschraubt hat und gibt die guten Wünsche artig zurück: „Danke, und euch auch
viel Spaß in...ähem...wie hieß das doch gleich, Fairy Island?“ Wohl dem, der so
viel Phantasie entwickeln kann!
Unser Gate ist B2, welches wir nach einem erneut etwas längerem
Fußmarsch auch erreichen, das Gate ist klein, das Boarding-Personal ist noch
nicht da, und draußen steht auch noch so ein kleiner blauer Schuhkarton, der
grad betankt wird, aha, ist also ein Flieger noch vor uns dran. Zeit genug, die
Mitstreiter dieser illustren Reisegesellschaft mal zu begutachten.
Es ist durchweg eine etwas ältere Klientel, die sich am Gate
versammelt, insgesamt 52 Personen, die die Tour mitmachen, immerhin 4 Frauen,
deren Alter ich nicht zu schätzen wage, von den Herren würde ich jedoch sagen,
zwei Drittel im Alter 50+. Die meisten sind Stammkunden, die zu jedem Spiel oder
Turnier mit dem Reiseveranstalter fahren. Das merkt man auch an der
Reiseleiterin, die einige der Herren duzt, weil sie mit denen schon seit 20
Jahren regelmäßig durch die Gegend fährt. Und wo diese Herrschaften schon
überall gewesen sind! Ich darf zusammenfassend sagen, dass ich kein Wort mehr
glaube, wenn in diesem Land von Wirtschaftskrise und vor allem von den darbenden
Rentnern gesprochen wird. Die, die hier versammelt sind, können wirklich nicht
betroffen sein. Die Krönung ist die Erzählung eines Teilnehmers, der voller
Begeisterung von der letztjährigen Tour zur WM nach Japan berichtet. Nicht nur
ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft, nein, die kompletten vier Wochen mit
Rundreise und allem Drum und Dran, für schlappe 24.000 € pro Person. Und da
waren durchaus mehrere Personen meiner Tour mit dabei.
Länderspiele und Turniere haben sie also alle reichlich auf dem
Buckel. Den Vogel schießt aber Hans ab, von allen erfahrenen Mitstreitern nur
liebevoll „Hänschen“ genannt. Hänschen ist Baujahr 1920, geschätzt 1,60 m groß,
mit diversen Hörgeräten versehen sowie mit einer BVB-Ehrennadel am Revers, die
er in den vier Tagen auch immer fleißig von Anzug auf Anzug umsteckt, denn er
geht nie ohne aus dem Haus. Hänschen stammt aus dem Sauerland und hat seit 1954
alle WM-Endspiele live vor Ort gesehen, damals nach Bern ist er sogar mit
dem Fahrrad gefahren. Eigentlich eine beeindruckende Leistung, wäre er nicht
eine ziemliche Nervensäge. Unter anderem gefällt ihm während aller vier Flüge
der ihm zugewiesene Sitzplatz nicht und er weigert sich jedes Mal so lange,
Platz zu nehmen, bis die Stewardessen ihn umquartiert haben, was jeweils einige
Zeit in Anspruch nimmt. Hänschen bringt die Stewardessen ins Schwitzen und sorgt
dafür, dass keiner unserer Flüge pünktlich abheben kann. Und das ist nur eine
seiner Marotten. Wie ich erzählt bekomme, betrat Hänschen im letzten Jahr eine
Sushi-Bar in Japan und orderte ein Omelett. Nachdem die japanische Belegschaft
verlegen mit den Achseln gezuckt hatte, enterte Hänschen die Küche und zeigte
dem Koch mal, wie ein Original deutsches Eieromelett auszusehen hat. Als er das
Lokal eine Stunde später verließ, hatte er sein Omelett bekommen und verspeist.
Klingt witzig, wird aber auf die Dauer etwas nervig. Im vorliegenden Fall möchte
ich auch nicht wissen, was die Japaner darüber gedacht haben, dass ein
82jähriger deutscher Giftzwerg in ihren Kochtöpfen herum rührte.
Also, am Hungertuch nagen diese Teilnehmer sichtlich alle nicht,
und an deutschem Selbstbewusstsein im Ausland mangelt es bei keinem. Das kann ja
heiter werden.
Anschließend wird dann doch endlich der Flug aufgerufen, aber das
muss ein Irrtum sein, denn dieser blaue Schuhkarton steht immer noch draußen am
Gate, der muss doch erst weg! Da lese ich zum ersten Mal, was auf der Maschine
geschrieben steht, nämlich „Maersk Air“ und so langsam schwant mir, auf was ich
mich da eingelassen habe, denn das ist meine Fluggesellschaft. Und das mir, der
ich nicht gerade als Fliegerfreund gelten kann, nicht direkt Flugangst, aber ein
bisschen mulmig ist mir schon, besonders als ich diese Hutschachtel erblicke, in
die wir gleich einsteigen werden. In dem Moment fällt mir ein, dass ich mein
Testament noch nicht gemacht habe. Wer denkt denn auch an so was, wenn’s in
Urlaub gehen soll?
Ich weiß, wir müssen alle mal in die Grube fahren. Aber in einem
kleinen blauen Schuhkarton, der sich in den Nordatlantik verabschiedet, zusammen
mit einer Horde deutschnationaler Rentner? Hat ja nicht gerade was von Jesus
Christus, oder?
Nun, mitgehangen, mitgefangen, es wird kein Rückzieher gemacht,
sondern tapfer an Bord geschritten. Und nachdem alle, auch Hänschen, ihre Plätze
eingenommen haben, und man den Überblick hat, wie viel Platz in der Maschine
noch verbleibt, schaut man besten schnell wieder weg. Ich wundere mich nur, dass
die Stewardessen mit ihren Servierwagen noch durch den Gang passen. Das hat ein
bisschen was von Schlangenmenschen-Akrobatik. Ich nehme mir vor, gelegentlich
mal bei Maersk Air nachzufragen, ob diese Art von Fertigkeiten zu den
Einstellungsvoraussetzungen zählt.
Ansonsten verläuft der Flug nach Billund fast ruhig, bis auf die
Tatsache, dass wir kurz vor der Landung aus der Schönwetterzone, die sich
hartnäckig über Deutschland hält, herausfliegen und alles etwas wacklig wird.
Aber auch die Landung verläuft glatt und um ca. 11.10 Uhr betreten wir dänischen
Boden.
In Billund müssen wir zunächst in die Transferzone, um für den
Flug nach Färöer einzuchecken. Es geht über eine schmale Holztreppe hinauf zum
Schalter. Dies veranlasst zwei ältere Herren, lautstark darüber zu sinnieren,
warum es zum Teufel hier keine Rolltreppe gibt. Wie in Deutschland,
selbstverständlich, dieser Nachsatz darf nie fehlen. Ich kann förmlich sehen,
wie der imaginäre kleine Buchhalter in ihrem Kopf einige Prozent Nachlass auf
den Reisepreis für die nicht vorhandene Rolltreppe und die damit verbundenen
Unbequemlichkeiten eines erzwungenen Treppensteigens veranschlagt. Dabei sollten
sie froh sein, dass hier überhaupt ein Flughafen steht, denn ein Blick in die
nähere und fernere Umgebung offenbart, dass hier sonst, hm, nicht ziemlich viel
steht, um es so zu formulieren. Zum Glück ist Hänschen das mit der Rolltreppe
noch nicht aufgefallen. Bevor er merkt, was los ist, steht er schon am Schalter.
Der hätte sich sonst mit Sicherheit vom Bodenpersonal hoch tragen lassen.
Nachdem alle Formalitäten
geklärt sind, geht es um 12.05 Uhr (bzw. nachdem Hänschen sich seinen
Lieblingsplatz ausgesucht und ihn auch bekommen hat) mit einem neuen blauen
Schuhkarton von Maersk Air weiter Richtung Färöer. Jetzt können wir unsere Uhren
zurück stellen, denn Färöer ist eine Stunde hinter der MEZ zurück, Landung somit
dort nach knapp zwei Stunden Flug um 13.00 Uhr. Der Flughafen, bestehend aus
einer Landebahn und ca. drei Gebäuden, liegt auf der Insel Vágar in einer Ebene
bei Sørvágur. Schon vor der Landung bekommt der Färöer-Neuling einen
unvergesslichen ersten Eindruck von der färöischen Natur, wenn der Anflug von
Westen her erfolgt und das Flugzeug von der zerklüfteten Nachbarinsel Mykines an
den aufragenden freistehenden Basaltklippen des Sørvágsfjords vorbei über das
Dörfchen Sørvagur hin auf die Landebahn zugleitet – das kann man allein deshalb
schon so genau begutachten, weil die erwähnten Basaltklippen allerhöchstens zehn
Meter von den Tragflächenenden des Fliegers entfernt sind. Dann kommt die
Landung, gefolgt von einer ordentlichen Vollbremsung, die einen gehörig in den
Sitz presst. Und warum der Pilot hier so kräftig in die Eisen geht, wird klar,
als er am Ende der Rollbahn nach rechts zum Flughafengebäude abbiegt: ich sitze
links und habe beim Abdrehen des Fliegers einen wunderschönen Ausblick auf den
Rest der Landebahn: sie ist noch ungefähr fünf Meter lang, endet dann in einem
etwa ebenso langen Grasstreifen – und danach kommt Wasser! Ein mächtiges Raunen
entfährt allen, die wie ich auf der linken Seite sitzen, sicherlich begleitet
von einigen innerlichen Stoßgebeten. Wenn der Pilot die Bremsung also nicht
ordentlich hinbekommt, verschwindet der Flieger samt Insassen im Sørvágsvatn!
Ist aber angeblich noch nie vorgekommen. Immerhin, so erfahren wir, ist
das nicht irgendein Tümpel, sondern wenigstens der größte See der Färöer. Dann
geht’s ja.
Nach dieser Landung ist mir
auch klar, warum nur diese etwas zu groß geratenen Kinderschuhe die Inseln
anfliegen können. Ein ordentlicher Airbus könnte auf dieser kurzen Landebahn
niemals unfallfrei niedergehen, der wäre noch mit dem Aufsetzen beschäftigt,
wenn plötzlich der See unter ihm erscheint.
Somit betreten wir
färöischen Boden, stellen verwirrt fest, dass bei ca. 14 Grad Außentemperatur
die Sonne scheint (davon stand nun überhaupt nix im Reiseführer), begeben uns
nach Wiedererlangen des Gepäcks in die bereit stehenden Busse und treten die
Fahrt nach Tórshavn an, welches sich nordöstlich des Flughafens auf der Insel
Streymoy befindet. Die beiden Inseln sind durch einen nagelneuen, 4.900 m langen
Tunnel (Dezember 2002) verbunden, der unter dem Vestmanna-Sund verläuft, quasi
ein Eurotunnel in klein. Der gemeine Färinger ist Tunnel-Fan, ich habe allein
auf der Karte 13 gezählt, aber das muss noch nicht der Weisheit letzter Schluss
sein. Dass es auch andere Tunnel gibt als den, den wir gleich durchqueren
werden, und der zweispurig, gut ausgebaut, mit SOS-Notrufsäulen bestückt und
beleuchtet ist, werden wir am nächsten Tag noch eindrucksvoll feststellen.
Zunächst geht die Fahrt
jedoch am Dorf Miðvágur vorbei, dem die einheimische Reiseleiterin ihre
besondere Aufmerksamkeit widmet. Hier wohnt nämlich Thorkil Nielsen, der
Torschütze des Siegtreffers 1990 gegen Österreich, ein echter Nationalheld
seitdem, der somit auch als Touristenattraktion bei jedem einheimischen
Reiseleiter verewigt ist. Auf der Fahrt zum Vestmanna-Sund, wo sich die Einfahrt
des Tunnels befindet, bekommt man einen ersten Eindruck von der Landschaft der
Färöer.
Und die ist wahrhaft
beeindruckend. Die Färöer bauen sich aus zahlreichen Gesteinsschichten auf, am
beeindruckendsten sieht dies aus, wenn man sich an einem der zahlreichen
geschützten Fjorde oder Sunde befindet, hier liegen die in allen Farben
leuchtenden Ortschaften (denn von der einheitlichen Farbe ihrer Häuser halten
die Färinger vernünftigerweise gar nix), jede umgeben von einer grünen Zone
kultivierter Heuwiesen. Darüber erheben sich die Berge, vom Grasungsland
außerhalb der Siedlungen ansteigend zu den langen, schwarzen Felsbändern, die
sich stockwerkartig auftürmen, und von denen in regelmäßigen Abständen
Wasserläufe, manchmal sogar kleine Wasserfälle hinabstürzen.
Diese Felsbänder sind Kanten gewaltiger Basaltschichten, die
unterseeische Vulkane hier vor bis zu 60 Mio. Jahren aufgebaut haben. Jedes Band
zeugt von einem oder mehreren Ausbrüchen. Dazwischen liegen Schichten rötlichen
Tuffs, zu Stein gewordener Ascheregen. Tuff ist weicher als Basalt und
zerbröselt leichter, so dass die Basaltschichten im Laufe der Zeit unterminiert
werden und auf tiefer liegenden Absätze fallen, wo sie verwittern und
Abhänge bilden, auf die das Gras vordringt. Eine chaotische Ansammlung
aufeinander gestapelten Gesteins in grau-grün, könnte man sagen, an dessen
Flanken der Reisebus aussieht wie ein Marienkäfer, der sich auf einer
menschlichen Hand niedergelassen hat. Das ganze ist mit „sehr beeindruckend“
relativ harmlos umschrieben. „Überwältigend“ würde schon eher passen.
Hier und da werden natürlich auch die Namensgeber der Inseln
gesichtet, die Schafe, die auf den grünen Abhängen grasen. Merkwürdigerweise
sieht man auf den Inseln keine kompletten Herden, obwohl es doch insgesamt ca.
80.000 Schafe hier gibt, aber immer schön einzeln und in kleineren Gruppen.
Gerade hier im offenen Land sind die Grasflächen nicht gegen die Straße
abgesperrt und man muss höllisch aufpassen, dass einem kein Schaf vors Auto
läuft, denn das mit den Schafen ist hier wie mit den Radfahrern in Münster, wenn
du eins auf den Kühler nimmst, hast du immer Schuld, selbst wenn es soeben den
Freitod gesucht haben sollte. Alles in allem wirken Mensch, Straße und Reisebus
in dieser Landschaft reichlich deplatziert und nur geduldet.
Die Fahrt durch den Tunnel verläuft ohne weitere Schwierigkeiten,
und als wir das Tageslicht wieder sehen, haben wir die Insel gewechselt und
befinden uns nunmehr auf Streymoy. Jetzt geht es an den südöstlichen Zipfel
dieser Insel zur Hauptstadt Tórshavn. Nachdem unter anderem zwei weitere Tunnel
durchquert worden sind, kommen wir auch an. 18.000 Einwohner klingt nicht
besonders gewaltig, allerdings ballen sich diese Einwohner nicht ausschließlich,
wie man vermuten könnte, am Hafen zusammen, sondern haben sich auch auf die
umliegenden Berge verteilt, so dass die Hauptstadt wesentlich größer ist, als
ihre Einwohnerzahl vermuten lässt.
Unser Hotel befindet sich
in der Aarvegur, welche in der Verlängerung in der einen Richtung direkt zum
Hafen hinunter führt, in der anderen in die Einkaufspassage Tórshavns mündet,
oder anders gesagt: zentraler geht nicht. Einige aus unserer Reisegruppe, die
das Hotel Føroyar gebucht haben, haben es nicht so gut, das Hotel liegt auf
einer Anhöhe ca. 2 km vom Zentrum entfernt, übrigens direkt an einer etwas
größeren Mietskaserne, welches die Jugendherberge darstellt. Von dort oben hat
man einen fantastischen Überblick über die Stadt Tórshavn, den Hafen und die
Bucht, sowie mit dem Bus nur fünf Minuten bis zum Stadion, allerdings eben auch
2 km Fußmarsch zur nächsten Kneipe oder zum nächsten Restaurant. Als
Entschädigung sind in diesem Hotel auch sowohl die färöische als auch die
deutsche Mannschaft untergebracht, so dass dort wirklich hautnaher
„Erlebnisurlaub“ für den Fußballfreund möglich ist.
Zunächst
werden die Zimmer bezogen, es sind schöne Zimmer, das Bad ist ein bisschen
gewöhnungsbedürftig, hat es doch inklusive Dusche allerhöchstens
Telefonzellenformat, zudem ist die Dusche nur mit Vorhang gegen den Rest des
Bades abgetrennt, so dass man beim Duschen automatisch auch WC und Waschbecken
mitflutet, aber wen interessiert das schon? Mich nicht, aber einige andere, denn
es gibt durchaus Nachfragen an der Rezeption, ob das deren Ernst sei. Also
bitte. Solange da keine Kakerlaken oder ähnliches Getier ihren festen Wohnsitz
haben (und es ist noch nicht einmal der Ansatz einer Spinnwebe zu erkennen) soll
mir das völlig wurscht sein. Aber einige müssen wohl wieder ihren kleinen
imaginären Buchhalter bei Beschäftigung und Laune halten. Naja.
Da es
erst früher Nachmittag ist, bietet sich ein Rundgang durch die Stadt Tórshavn
an. Zunächst werden die Sehenswürdigkeiten erkundet, beeindruckend vor allem die
engen Gässchen und puppenstubenartigen, geduckten alten Häuschen im historischen
Stadtviertel am Hafen, die alle bewohnt sind. Darin hätte ich mit meinen 1,86 m
Körperlänge durchaus Schwierigkeiten, aufrecht zu stehen. Es folgt noch
ein Abstecher nach Tinganes, das ist die Landzunge, die den Hafen in Ost-
und Westhafen teilt, die roten Häuser sind alle restauriert, weil die
ursprüngliche Bebauung irgendwann im Laufe der Jahrhunderte immer mal wieder
abgebrannt ist. Tinganes war seit der Wikingerzeit der Thingplatz, der Platz der
Zusammenkunft dessen, was heutzutage mit Fug und Recht als „Parlament“
bezeichnet werden kann. Ist übrigens bekannt, dass das hier tagende Løgting
das erste bekannte europäische Parlament gewesen ist? Da kommen selbst die
Tommies mit ihrem Ober- und Unterhaus nicht mit, von irgendwelchen deutschen
Parlamenten mal ganz zu schweigen. Wäre mal ne nette Frage für Herrn Jauch, ich
glaube nicht, dass diese Tatsache allzu bekannt ist.
Und wie könnte es anders sein, heute liegt im Tinganes der
Regierungssitz der Färöer. Ich stehe auf Kopfsteinpflaster vor dem schlichten
roten Holzhäuschen, in dem laut Schild an der Eingangstür der Premierminister
residiert und wünsche mir, die Damen und Herren in Berlin würden sich das mal
angucken. Von wegen Regierungsviertel, Bannmeile und Kanzlerbungalow! Rot
gestrichene Hütte, eine so enge Gasse, dass beim besten Willen kein
Dienst-Mercedes durchpasst, historische Straßenlaternen – so kann es auch sein!
Okay, ist wohl etwas unfair, natürlich ist es ein Unterschied, ob man knapp
50.000 oder 76 Mio. Einwohner zu regieren hat, aber es ist schon beeindruckend
zu sehen, wie volksnah und natürlich hier Politik gemacht wird. Ich würde ja
gerne mal dem Premier die Hand schütteln, aber leider ist niemand da, denn der
Pfingstmontag ist auch auf Färöer gesetzlicher Feiertag. Dann wollen wir uns mal
dem zuwenden, wofür wir eigentlich hergekommen sind: ein Blick aufs Stadion
könnte nicht schaden.
Auch fußballtechnisch liegt
das Hotel günstig: vor selbigem wende man sich nach links und folge der
Verlängerung der Straße durch die Fußgängerzone in die Niels Finsens gøta, immer
geradeaus, was hier leider immer bergauf bedeutet, die Straße mündet in die
Tórsgøta, von dieser zweigt kurz darauf rechts der Hoydalsvegur ab, und wenn man
den immer geradeaus weiter geht, läuft man mitten ins Stadion hinein. Und das
ist wörtlich zu nehmen, denn das Stadion ist offen. Kein Tor verwehrt den Zugang
bzw. sie sind alle geöffnet. Freie Platzbesichtigung zwei Tage vor dem Spiel!
Ein Mensch tuckert friedlich mit einem dieser kleinen Traktoren über den Platz,
die Tore stehen noch nicht, aber die Tribünen sind ebenfalls frei begehbar. Es
handelt sich hierbei um diese Stahlrohrkonstruktionen ohne Unterbau, nach hinten
einfach durch Metallstreben abgesichert, wie man sie auch auf in großen
Konzerthallen findet (wer schon mal in Düsseldorf in der Philipshalle war, weiß,
was ich meine, das sind ähnliche Tribünen). Ich nehme schon mal probeweise
auf meinem Sitz Platz und konstatiere, dass die Aussicht aufs Spielfeld
zufrieden stellend ist. Hinter der Tribüne, die wohl als Haupttribüne konzipiert
ist, denn in der Mitte befindet sich ein kleiner „VIP-Bereich“, liegen ein
Kunstrasen-Trainingsplatz und ein Kunstrasen-Stadion, letzteres mit richtigen,
überdachten Tribünen, beide mit Flutlicht, Dach und Flutlicht fehlen in dem
großen Stadion völlig. Im kleinen Stadion wird grad gespielt, das wollen wir uns
doch mal aus der Nähe ansehen. Leider führt kein Weg nach dort hinunter, man
muss zu der offenen Seite ohne Tribüne hinter einem der Tore und dann durch die
Kemenate des Hausmeisters nach draußen, aber auch das juckt hier keinen, auch
hier stehen alle Türen offen. Wo wir schon mal da sind, könnten wir also auch
direkt mal das Spielfeld weißen, die entsprechenden Utensilien stehen alle
herum. Aber ich bin ja nicht zum Arbeiten hier.
Eher
schon zum Fußballgucken, und so sehen wir einige Minuten später einen Teil des
überragenden 6:1 der 2. Mannschaft von HB Tórshavn gegen die 2. Mannschaft von
KÍ Klaksvík, überraschenderweise ein Spiel der 2. färöischen Liga. Zuschauer ca.
100, stimmungstechnisch also eher etwas trist, dafür wird aber auch kein
Eintritt verlangt. Keine zwei Stunden am Ort und schon ein Live-Spiel – so soll
es sein!
Nachdem
die private Sightseeing-Tour beendet ist, gehen wir in der Innenstadt in ein
Restaurant essen, es gibt mehrere hier, das Essen ist vorzüglich, allerdings
auch recht teuer. Die meisten Fresstempel sind unterteilt in ein Erdgeschoss, in
dem sich das Restaurant befindet, und einen ersten Stock, in dem die Bar
residiert. Das Restaurant ist gut gefüllt, zum größten Teil mit Deutschen, die
Stimmung ist gut, das Bier weniger. Es handelt sich hierbei nämlich um
Leichtbier, da nur wenige färöische Restaurants und Bars eine Schanklizenz für
„normales“ Bier haben, für Alkoholverkauf gibt es in den größeren Städten
jeweils spezielle Läden, die immer etwas abseits liegen. Auch die Cola, die ich
probiere, ist mit irgendwas verschnitten, wie man es aus Belgien oder Holland
kennt. Jaja, nicht in der EU sein wollen, aber nach EU-Richtlinien panschen!
Immerhin bleibt dies die einzige etwas merkwürdig schmeckende Cola, die ich
während des Aufenthalts zu mir nehmen muss, während die Biertrinker ständig mit
dem etwas besseren Waschwasser Vorlieb nehmen müssen.
Die
Stimmung in dem Laden ist eigentlich ganz gut. Aber mal ehrlich, erinnert euch
mal an den letzten Karneval (oder den vorletzten, oder den vorvorletzten...),
das letzte Schützenfest, den letzten Stadionbesuch oder eine andere typisch
deutsche Kulturveranstaltung: ist es möglich, eine größere Menge Deutscher
feiern und auf den Alkohol los zu lassen, ohne dass nicht zwangsläufig ein paar
Arschlöcher dabei sein müssen? Eben. Um diese Quote zu erfüllen, betreten, kurz
bevor wir gehen, drei Herren den Raum, auch ordentlich getrennt nach älterem,
mittlerem und jüngerem Alter. Alle drei sind aus dem Hotel Føroyar
in die Tiefen der Hauptstadt gewandert und haben für die 2 km ca. fünf Stunden
gebraucht, weil sie sich zwischendurch mit selbst importierten alkoholischen
Getränken stärken mussten. Dagegen wäre nun eigentlich nix zu sagen, doch leider
müssen sie sich jetzt an etwas Essbarem laben, weshalb sie dummerweise in die
Öffentlichkeit treten müssen. Außerdem schaffen sie die etwas enge Holztreppe
zur Bar nicht mehr rauf, müssen also schon aus physischen Gründen im Restaurant
verweilen. Der mittlere ist Nürnberger, am Trikot zu erkennen, und da die
Kellnerin ja nun überhaupt keine Ahnung haben kann, wo das denn liegt, kriegt
sie von ihm erst mal eine fränkische Hymne ins Ohr gebrüllt, dass es nur so
schallt, „Frankonia über alles“ oder ähnlicher Mist. Spaß muss halt sein. Der
ältere will da nicht nachstehen und verlangt lauthals Spätzle, anstatt aber wie
einst Hänschen in Japan in die Küche zu wanken, und den Einheimischen die
Zubereitung dieser schwäbischen Spezialität mal näher zu erläutern, regt er sich
natürlich lieber lautstark darüber auf, dass es dieses Gericht in dem Laden
nicht gibt, müsse man doch kennen, kommt doch aus Deutschland.
Der jüngere hingegen ist Kunstkenner und kommt aus Hamburg, das
steht nämlich in großen Lettern auf seinem Sweater. Und zwar schön lesbar in
altdeutscher Schrift. Kunstkenner deshalb, weil diese Menschen, wenn die Sprache
auf die Inschriften kommt, immer behaupten, ihre Vereinigung, ihr Fan-Club, was
auch immer, habe diese Schriftzeichen nur gewählt, weil sie sie so interessant
anzusehen finden. Wenigstens sagen sie das immer, wenn sie alleine sind. Und ja,
ich bin froh, dass diese Kunstkenner tatsächlich über ganz Deutschland verstreut
sind, wir sind halt doch ein Land mit hohem Kulturstandard, denn im Laufe der
Tage sehe ich noch Pullover und Sweater von Kunstliebhabern aus Leipzig,
Mönchengladbach und einigen anderen Städten, ein repräsentativer Querschnitt
durch bundesdeutsche Lande, alles schön in altdeutscher Schrift, und als Krönung
die „Eisernen Kameraden“ aus Berlin, was selbstverständlich keinerlei politische
Ausrichtung beinhaltet, schließlich ist der Schlachtruf der Fans von Union
Berlin ja „Eisern Union“ und die „Kameraden“ beziehen sich natürlich auf
Sepp Herbergers „11 Freunde müsst ihr sein“. Auch dass fast alle der erwähnten
Herren ziemlich wenig Haare auf dem Kopf haben, ist natürlich nur Zufall. Was
soll man auf den Färöer auch mit Haaren, die werden einem von dem andauernden
Wind eh nur vor die Augen geweht oder zerzaust, das taugt ja alles nix. Und
sicherlich ist es auch ehrliches Interesse dieses jungen Norddeutschen, dass er
sich am Nachbartisch erkundigt, woher denn die dort Sitzenden kommen, um dann
ungefragt und lautstark darüber zu räsonieren, ob dieser Landesteil (es handelt
sich um das Saarland) überhaupt noch zu Deutschland zu rechnen sei. Sei ja quasi
elsässisch unterwandert.
Vor soviel Kulturbewusstsein ziehe ich den Hut und gehe, bin eh
mit dem Essen fertig. Wir machen noch einen Spaziergang durch die umliegenden
Straßen. Und plötzlich steht Günther Netzer vor mir nebst Begleitung, leider
nicht Herr Delling, sondern irgendein Lakai, der verzweifelt mit einem Stadtplan
kämpft und den Günther offensichtlich in eine Lokalität lotsen möchte. Der
Günther! Das Idol meiner Kindheit, der Meister des Tödlichen Passes (wenn nicht
gar der Erfinder), heute noch so gut zu erkennen wie einst, da er seine Frisur
seit damals kein Stück verändert hat. Was habe ich den als kleiner Junge in den
70er Jahren bewundert, wenn ich ihn im Fernsehen sah. Das Pokalfinale 1973 in
unserem Rheinstadion, als er sich in der Verlängerung selbst einwechselte und
dieses unmögliche Siegtor erzielte – hundert Mal gesehen! Jetzt läuft er mir am
09.06.2003 in einer Nebengasse auf einer Inselgruppe mitten im Nordatlantik über
den Weg. Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht.
Letzteres denke ich auch eine Minute später, und zwar über mich
selbst. Da kommt Günther Netzer – und ich habe keine Handycam, keinen
Fotoapparat, ja, noch nicht mal ein Foto-Handy dabei. Liegt alles im
Hotelzimmer. Aber wer sollte das auch ahnen? Ich würde wohl nie einen guten
Journalisten abgeben...
Nachdem wir noch ein wenig das Nachtleben der Stadt erkundet
haben (sogar zwei Discos befinden sich hier nebst diversen Kneipen und Cafés),
stellen wir, bevor wir uns nach einem anstrengenden ersten Tag zur Ruhe begeben,
verblüfft fest, dass es ein Uhr dreißig nachts ist. Verblüfft deswegen, weil man
draußen noch bequem Zeitung lesen könnte. Schließlich nähern wir uns dem
Mittsommer, es ist taghell, na ja, das, was man hier unter „taghell“ versteht,
also bewölkt, und ab und zu ziehen Nebelschwaden aus der Bucht in die Stadt
hinauf. Wie überhaupt das Wetter auf den Färöer an diesem ersten Tag
beeindruckend war, die Umschwünge zwischen Regen, Sonnenschein, totaler
Bewölkung und vor allem Nebel erfolgt manchmal binnen Minuten und zieht sich
nicht über einen halben Tag hin.
Heute war das Wetter alles in allem recht freundlich. Dass es
auch anders kann, werden wir morgen feststellen.
Dienstag, 10.06.2003
Heute ist
zunächst ein Tagesausflug angesagt. Die Nordinseln – in ihrer Gesamtheit Norðuroyggjar
genannt – wollen aufgesucht werden. Es handelt sich hierbei um die Inseln Kalsoy,
Kunoy, Borðoy, Viðoy, Fugloy und Svínoy, nordöstlich der beiden Hauptinseln
gelegen, wobei die beiden letzteren aus der Wertung fallen. Die sind nämlich
lediglich per Helikopter zu erreichen, oder aber auf etwas delikate Art und
Weise: mit einem Postboot, das einmal täglich zu den Inseln hinausfährt, aber
dort mangels guter Möglichkeiten gar nicht erst anlegt, sondern seine Ladung und
Passagiere dergestalt an Land befördert, dass man einen ruhigen Moment abpassen
muss, wenn Boot und Pier in etwa auf gleicher Höhe liegen und sodann mit kühnem
Sprung auf die Eilande übersetzen muss. Da wir nun doch einige etwas ältere
Herrschaften im Gepäck haben, wird auf die Erkundung dieser Inseln verzichtet.
Nicht dass hinterher die halbe Reisegesellschaft in den Fluten des Atlantiks
versinkt.
Aber von der Insel Eysturoy
aus kann man mit der Fähre nach Borðoy übersetzen und von dort führt ein
Autodamm hinüber nach Viðoy. Das ist machbar.
Als wir
das Hotel verlassen, ist es bewölkt und sehr windig. Das ist aber gar nichts im
Vergleich zu dem, was uns noch bevorsteht. Zunächst geht es wieder an der Küste
von Streymoy entlang bis ungefähr in Höhe der Mitte der Insel eine Brücke
auftaucht. Man nennt sie die einzige Brücke über den Atlantik, und jeder gute
Tourist sollte sie wenigstens einmal zu Fuß überquert haben. Schade, dass wir
alle gute Touristen sind, denn natürlich machen wir es auch. Die Brücke
überspannt die schmale Durchfahrt Sundini und auf der anderen Seite liegt die
Insel Eysturoy. Weil dieser Durchlass so schmal ist, bilden sich bei vollem
Gezeitenstrom um die Hauptpfeiler kräftige Wirbel und sie scheint ein wenig zu
schwanken. Dazu geht ein wirklich starker, eisiger Wind, so dass man selbst
anfängt, so zu gehen wie nach dem zehnten Wodka-Lemon. Nebenbei sollte man auch
ein wenig auf Fahrzeuge achten, der Bürgersteig ist nämlich, gelinde gesagt,
etwas schmal, und auf Fußgänger wird auf Färöer nicht grad sehr fürsorglich
Rücksicht genommen. Wanderer gehören ins Gebirge, und wenn die auf einer
öffentlichen Straße auftauchen – deren Pech! Aber wir meistern die Brücke und
sind froh, wieder im Bus zu sitzen, es ist wirklich eiskalt, kein Vergleich zum
gestrigen Tag.
Weiter
geht’s quer über Eysturoy, das besonders durch bizarre Felsformationen und enge
Gebirgspfade, die auf den Färöer als Straßen gelten, zu gefallen weiß. Hier
werden auch die Prioritäten richtig gesetzt: als plötzlich vor uns drei Schafe
über die Leitplanke auf die Straße übersetzen, geht der Busfahrer ordentlich in
die Eisen. Hinter der Leitplanke fällt der Abhang im übrigen nach sanftem Beginn
ca. 150m steil ab. Aber Hauptsache, den Schafen ist nix passiert! Ein Tunnel
darf noch gemeistert werden, und dann kommen wir in Leirvik an, dem Fährhafen
nach Borðoy.
Die Fähre ist noch nicht da, also eine halbe Stunde Aufenthalt. Spaziergang ins
Dorf Leirvik, einige kleine Ausgrabungen aus der Wikingerzeit am Strand. Da es
nicht viel zu sehen gibt, staune ich zunächst über einen Mitreisenden, der sich
direkt an der Piermauer erleichtert – endlich hat einer sein Revier markiert!
Nur fair, dass es in diesem Moment zu regnen beginnt, ein feiner, fieser
Nieselregen, den der Wind vor sich her treibt und der sich wie tausend kleine
Nadelstiche im Gesicht anfühlt. Und wahrscheinlich nicht nur im Gesicht, aber
das soll nicht meine Sorge sein.
Ich begebe mich in die direkt an der Pier liegende Tankstelle, um
Getränke- und Nikotinvorrat aufzufüllen. Als ich an der Kasse stehe und bezahle,
kommen zwei Mitstreiter zur Tür herein. Sie mustern das doch recht sparsame
Angebot der Selbstbedienung, dann wendet sich einer an die Kassiererin und fragt
in tadellosem Deutsch, ob sie denn nicht eine BILD-Zeitung hätte.
Dienstag, 10.06.2003.
Eine Inselgruppe im
Nordatlantik auf 62°N, ein Dorf mit 822 Einwohnern, und Herr N. aus K. fragt
nach der BILD-Zeitung. Manchmal glaube ich, dass so etwas normal ist und nur ich
der einzig Bekloppte hier bin.
Schließlich kommt die Fähre, und wir kutschieren mit unserem Bus an Bord. Als
wir oben an Deck stehen, fällt auf, dass Hänschen immer noch unten auf der Pier
herumgeistert. Irgendwie hat er die Fähre nicht bemerkt, die quasi direkt neben
ihm parkt. Vielleicht will er auch nicht eher an Bord, bis man sein
Lieblingsplätzchen reserviert hat. Es gelingt jedoch, ihn an Bord zu locken, und
die Fahrt kann losgehen.
Im
Leirviksfjørður
geht ordentlich der Wind, es regnet, und die Wellen sind gut und schäumen
ordentlich. Einigen Herren wird etwas anders, ist wohl nicht der Tegernsee, wie
sie vermutet hatten. Die Fahrt geht vorbei an den mächtigen Felswänden der
Inseln Kalsoy und Kunoy und wir erreichen Klaksvík auf Borðoy, die zweitgrößte
Stadt der Färöer überhaupt, ca. 5.000 Einwohner. Dort wird erst die Kirche mit
einem schönen Altarbild besichtigt, wesentlich interessanter finde ich da schon
das von der Decke der Kirche herunter hängende Holzboot, denn das ist das Boot,
mit dem noch bis in die Vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts der Pfarrer von
Klaksvík zu seinen christlichen Schäfchen auf den Außenposten Kalsoy und Kunoy
hinausrudern musste. Bestimmt ein Heidenspaß, diese Überfahrt – „Bin mal eben
drei Tage weg, auf Kalsoy ist ne Taufe“ dürfte wohl einer der Standardsprüche
gewesen sein.
Dass der Besuch in der
Kirche jedoch nicht ganz ohne Hintergedanken erfolgt sein kann, wird bei der
Weiterfahrt nach Norden Richtung Autodamm zur Insel Viðoy deutlich. Da geht es
nämlich durch zwei Tunnel. Zunächst jedoch wird noch im Sjómansheim zum
Mittagessen eingekehrt. Diese ehemaligen Seemannsheime werden fast alle längst
als Hotels genutzt. Erhalten hat sich der nette Brauch, dass im Seemannsheim
Alkoholverbot herrscht (eine ähnliche Einrichtung wie früher die
Bahnhofsmissionen der Heilsarmee), auch zum Essen gibt’s nix, was einigen
wiederum nicht passt. Nun, um ehrlich zu sein, vor dem, was jetzt kommt, hätte
man wirklich ein Schlückchen vertragen können. Denn die beiden erwähnten Tunnel
Richtung Norden stehen auf dem Programm.
Die sehen
zunächst aus wie ganz normale Tunnel. Okay, etwas irritierend ist vielleicht das
Schild vor dem Eingang, das Gegenverkehr anzeigt und die Vorfahrt regelt. Naja,
wird wohl irgendwo ne Fahrbahnverengung sein. Dann geht es hinein und man sieht
bis auf das Licht der Busscheinwerfer nichts mehr. Der Tunnel ist nämlich
unbeleuchtet, ohne Gehwege am Rand, das heißt man fährt direkt am Fels, und als
besonderes Schmankerl nur einspurig! Auf einer Seite des Tunnels sind alle 2-300
Meter schmale Parkbuchten in den Fels gehauen. Diejenigen Fahrer, die keine
Vorfahrt haben, müssen, wenn sie den Gegenverkehr (bzw. dessen Scheinwerfer) auf
sich zukommen sehen, in diese Parkbuchten einfahren und den Gegenverkehr vorbei
lassen, das ganze in stockfinsterer Dunkelheit. Besonders nett ist dies, wenn
man soeben eine Parkbucht passiert hat, um die Kurve biegt und dort schon der
Gegenverkehr angerauscht kommt, so dass man es bis zur nächsten Ausweichstelle
nicht mehr schaffen kann. Dann heißt es nämlich: Vorwärts, wir müssen zurück!
Allein mit dem Licht der Rückleuchten ausgerüstet gilt es dann, die letzte
Parkbucht anzusteuern. Ganz prima kommt das, wenn man schon drei., vier
Fahrzeuge hinter sich hat, und die allesamt zurücksetzen müssen. Da wir Vorfahrt
haben, verbringen wir auf diese Weise ca. 10 Minuten in einem der Tunnel im
Dunkeln, bis sich die Gegenseite zurücksortiert hat. Dabei erkennt man direkt
ein weiteres Problem: die Parkbuchten sind viel zu schmal, als dass dort ein Bus
oder ein größerer Lkw hineinpassen würde. Deshalb haben diese Fahrzeuge auch
Vorfahrt, wenn sie sich nicht auf der vorfahrtberechtigenden Seite befinden (wie
wir auf der Rückfahrt). Das muss ein Fahrer, der von der anderen Seite kommt und
sich auf der „Vorfahrtsstraße“ wähnt, aber erst mal erkennen.
Wie das
geregelt wird, wenn mitten im Tunnel zwei Busse aufeinander treffen, konnte zum
Glück nicht beobachtet werden. Vielleicht ist es ja auch noch nie passiert?
Also nach
diesen Tunneln ist man froh, das Tageslicht wieder zu sehen. Es ist aufregend,
darin zu fahren, aber ich schätze mal als Fahrer selbst sieht man das ein wenig
anders. Auf jeden Fall kann uns jetzt nichts mehr schocken und wir erreichen Viðareiði
im Norden Viðoys, das nördlichste Dorf der Färöer. Dort steht auf einer Klippe
am Meer eine alte Kirche, die angeblich einen Silberschatz englischer Seeleute
beherbergen soll. Ich verzichte auf die Besichtigung und klettere lieber auf der
Klippe abwärts zum Wasser. Von hier aus kann man schön sehen, wie Wind und
Wellen an der Klippe schon ordentlich Material herausgewaschen haben. Da fragt
man sich unwillkürlich, wie lange die Kirche da oben wohl noch stehen mag. Ich
hoffe, dass sie sich nicht grad während der Heiligen Messe in den Abgrund
verabschiedet, denn dann könnte man wohl das ganze Dorf von der Landkarte
streichen.
Abschließend weiht uns die Reiseführerin noch in das Geheimnisse
des färöischen Reigentanzes ein, da sie selbst Mitglied eines der Ensembles ist,
die auf diese Weise die färöischen Sagen, die als Gesang zum Tanz lautstark
rezitiert werden, an künftige Generationen weitergeben. Sie lässt sich auch
nicht lange bitten, und gibt eine Kostprobe ihres Könnens im fahrenden Reisebus.
Eine halb färöische, halb isländische Reiseführerin, die in einem von einem
dänischen Fahrer gesteuerten Reisebus voller deutscher Fußball-Fans auf dem Weg
durch die grüne Einöde Kostproben altnordischer Sagen von sich gibt und dazu das
Tanzbein schwingt – gibt es etwas Skurrileres? Wohl nur, in einem
gottverlassenen färöischen Dorf eine BILD-Zeitung kaufen zu wollen.
Alles in allem ein beeindruckender Ausflug in den Norden der
Färöer, der um einiges rauer, kälter und ungemütlicher ist als beispielsweise
Tórshavn, aber auch eine faszinierende Landschaft zu bieten hat, sowie die
ehrliche Frage meinerseits aufwirft, wie man es hier sein ganzes Leben lang
aushalten kann.
Auf der Rückfahrt treffen wir auf der Fähre auf einen Trupp Fans
vom Dresdner SC, alle in vollem Ornat, die anscheinend grad die Fan-Club-Kasse
auf den Kopf hauen. Schließlich haben sie auch etwas zu feiern, sind sie doch im
zweiten Anlauf, nachdem ihnen im letzten Jahr noch der Lizenzentzug des 1. FC
Magdeburg dazwischen kam, in dieser Saison endlich erfolgreich aus der
Regionalliga Nord abgestiegen, sind also quasi Fortuna-Brüder im Geiste. Auf der
Rückfahrt per Bus wird der Regen dann immer dichter und dichter, es wird kälter
und kälter, der Wind vergeht auch nicht wirklich, es ist also schönstes
Färöer-Wetter, als wir gegen 18 Uhr wieder in Tórshavn am Stadion anlangen, wo
ich mit einigen anderen zusammen aussteige, denn die deutsche Nationalmannschaft
hat Abschlusstraining auf dem Heiligen Rasen.
Zunächst aber fällt mir eine vollkommen mit Regenzeug vermummte
Gestalt auf, die vor einer der Tribüne ein großes Transparent mit den deutschen
Farben, dem Fortuna-Logo sowie der Ortsangabe „Ratingen“ aufhängt. Kurzes
Gespräch, es sind drei Mann aus Ratingen da, die in einer privaten Pension
Unterkunft gefunden haben. Jetzt hängt das Transparent eines deutschen
Viertligisten auf den Färöer! Wir sind Fortuna – wir können alles!
Zum Beispiel auch beim Abschlusstraining zuschauen. Es sind alle
Mann vertreten. Bobic und Jeremies tragen kurze Hosen, der Rest in lang. Es
schüttet und schüttet, sie spielen ein bisschen 5 gegen 2 in drei verschiedenen
Gruppen, der Rudi mittendrin, zeigt auch gerne mal einen kleinen Hackentrick,
während Sepp Maier die Torhüter mit Flanken zuballert, dass es nur so rauscht.
Man kann auch schöne deutsche Flüche vom Rasen hören, aber verständlich, denn
das Wetter ist langsam wirklich unter aller Sau. Danach gehen sie zum
Torschusstraining über, wovon ich hinter dem Tor von Olli Kahn ungefähr fünf
Minuten filme, ehe mir der Akku der Kamera ausgeht. In dieser Zeit sind genau
zwei Bälle im Netz gelandet. Olli bleibt auch locker und erwürgt die Torschützen
nicht sofort nach deren erfolgreichen Abschluss. Nachdem der Akku seinen Geist
aufgegeben hat, verdünnisiere auch ich mich. Der Wind peitscht nunmehr den Regen
über die Straßen, es bilden sich hier und da kleine Wasserlachen, und die drei
Bäume, die die Hauptstadt besitzt, biegen sich verdächtig weit durch. Wenn das
morgen so ein Wetter gibt, dann Prost Mahlzeit.
Abends im Hotel stelle ich fest, dass sich in der Bar am
Nebentisch Herr Palme vom ZDF niedergelassen hat. Außerdem sollen auch
Mayer-Amselfelder, Hackmann und die ganze übrige Brigade im Hotel gesichtet
worden sein, obwohl sie doch in dem anderen Kasten oben am Hang logieren. Des
Rätsels Lösung: unser Restaurant gilt gemeinhin als das beste der Inseln, und
das wollten die Herren wohl mal ausprobieren. Dies gilt allerdings wirklich nur
für das Essen, denn auch Herrn Palme schmeckt die färöische Bier-Plörre nicht,
dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen. Er lässt sogar einen halbvollen Becher
stehen, als er die Bar verlässt – für den deutschen Fan ein unvorstellbarer
Frevel und die Vergeudung kostbarer Ressourcen!
Außerdem ist noch das Schiedsrichtergespann in unserem Hotel
abgestiegen, alles Holländer, die richtig gut drauf sind. Wenn der Bundestrainer
noch Berti Vogts heißen würde, hätte der schon längst geunkt: „Wie kann man so
jemanden so ein Spiel pfeifen lassen! So nah dran...“
Und wieder geht ein Tag zu Ende. Bzw. ich gehe um ca. 1.30 Uhr zu
Ende, der Tag noch lange nicht, es ist ja immer noch hell draußen. Aber das muss
mir jetzt egal sein. Ich brauche noch ein paar Stunden Schlaf, denn schließlich
ist ja morgen
Mittwoch, 11.06.2003 – Spieltag –
Große
Ereignisse werfen ihre Schatten voraus! Wenn man schon ein Fußballspiel auf den
Färöer sieht, darf als Souvenir ein färöisches Nationaltrikot nicht fehlen! Es
gibt einen einzigen Sportladen in der Fußgängerzone von Tórshavn, dort habe ich
das Trikot im Schaufenster gesehen. Unser Spaziergang durch Tórshavn unter
sachkundiger Führung beginnt um 10.00 Uhr, Zeit genug also, ein Trikot zu
besorgen, der Laden öffnet um 9. Jemand aus meiner Reisegruppe hat dieselbe
Idee, ist deswegen extra nach dem Frühstück die zwei Kilometer vom Hotel Føroyar
hinunter gelaufen. Es regnet nicht mehr, ist aber verdammt neblig. Zu zweit
warten wir nun um kurz vor neun Uhr auf jemanden, der den Laden öffnet. Nebenbei
bemerken wir, dass ein großes Transparent quer über die Straße gespannt worden
ist. „Herzliches Willkommen“ heißt es darauf, rechts und links daneben die
deutsche und färöische Flagge. Man rüstet sich also für den großen Tag.
Es erscheint auch eine ältere Dame, die sehr erstaunt ist, dass
schon zwei Kunden vor der Tür warten, denn ansonsten lässt sich vor elf Uhr kaum
jemand blicken. Immerhin lässt sie uns ein. Sie hat nur eine Handvoll Trikots
auf einer Stange hängen, zum Glück ist XL dabei. Gekauft. Dies entpuppt sich
allerdings als nicht so einfach, denn die Dame weiß den Preis nicht. Verkaufen
sie wohl eher selten, das gute Stück. Kein Problem, wird eben der Chef aus dem
Bett geklingelt. Es dauert ein wenig, denn er muss auch erst in sein Büro
schlurfen und in der Liste nachsehen. Hm, verkaufen sie wohl eher nie, das gute
Stück. Als schließlich der Preis feststeht, fragen wir an, ob sie denn auch
genug Vorräte hat. Wir deuten an, dass im Laufe des Tages ca. 600 deutsche Fans
die Innenstadt bevölkern werden, wovon sicherlich die Hälfte ein Trikot oder
einen Schal haben will. Das erschreckt sie jetzt doch ein wenig. Die Aushilfe
beruhigt, es stünden im Keller noch einige Kartons. Wie sich später
herausstellt, reichten auch diese nicht aus.
Zurück im Hotel wird sich landfein gemacht, sprich das
Fortuna-Trikot übergestreift und dann eine Tageszeitung organisiert. Der „Sosialurin“
(das heißt bestimmt etwas ganz Harmloses im Gegensatz zu der deutschen Deutung,
die einem beim Anblick des Wortes in den Sinn kommt) zeigt auf der Titelseite
Rudi Völler und hat die Schlagzeile „Willkommen Deutschland“. Darunter sind
kurze Stellungnahmen von Rudi Völler und Franz Beckenbauer abgedruckt, letztere
mit der Überschrift „Der Kaiser, Franz Beckenbauer“, weil hier leider noch
niemand mitbekommen hat, was das für ein Hohlschwätzer ist. Naja, erstaunlich
genug, dass der Spitzname hier oben überhaupt bekannt ist.
Der Leitartikel auf Seite 2 erscheint in Deutsch und Färöisch und
handelt natürlich von David und Goliath. Abgerundet wird das ganze durch eine
Karikatur auf der letzten Seite, auf der ein Fußballzwerg, es soll wohl der
färöische Premier sein, dem Fußball-Riesen Deutschland in Gestalt von Gerhard
Schröder auf dem Kopf herumtanzt, Überschrift: „Deutschland, Deutschland, unter
alles, alles in der Fußball-Welt“. Auweia, das riecht nicht nur ein wenig nach
einer eher ungeliebten Strophe der Nationalhymne, das könnte auch glatt als
färöische Provokation verstanden werden. Zum Glück sind wir Deutsche und keine
Amis, deshalb wird geschmunzelt und nicht erklärt, dass Färöer ab heute ein
Schurkenstaat sei.
Nun geht’s los zur Besichtigung des historischen Viertels, was
sich eher langweilig gestaltet, da wir am Montag hier schon alles besichtigt
haben. Immerhin kann die Reiseführerin zu einzelnen alten Gebäuden spannende
Geschichten erzählen, das ist abwechselungsreich. Noch abwechselungsreicher wird
es dann im Hafen: zu dritt bleiben wir ein wenig hinter der Gruppe zurück, um
ein Segelschiff zu betrachten, als uns plötzlich ein Mikrofon unter die Nase
gehalten wird. Aha, die ARD ist auch schon da, und zwar in Gestalt zweier
Rundfunkreporter. Den einen, der die Interviews führt, kenne ich der Stimme,
aber nicht dem Namen nach, der andere ist Manni Breuckmann, den nu wirklich
jeder kennt, der ab und zu WDR 2 hört. Da habe ich stilsicher das richtige
Outfit gewählt, denn Manni ist ja schließlich auch Fortuna-Fan und quatscht mich
auch sofort an. So plaudern wir ein paar Minuten über Fortuna und den von Manni
wirklich heiß geliebten Oberbürgermeister Düsseldorfs, der ja auch im
Fortuna-Aufsichtsrat sitzt, während der andere seine Interviews durchführt.
Schließlich komme ich auch in den Genuss, besprochen zu werden. So will der
Mensch, selten intelligent, von mir wissen: „Für ein Fußballspiel auf die Färöer
zu reisen – ist das nicht schon ziemlich Hardcore?“ worauf ich nur antworten
kann: „Klar, deshalb mache ich’s ja.“ Die Frage wär im Reisebüro vor der Buchung
vielleicht noch interessant gewesen, aber im Hafen von Tórshavn, acht Stunden
vor Spielbeginn, erscheint sie etwas deplatziert. Nach weiteren Fragen endet das
Interview mit der obligatorischen Frage, ob ich denn bereits Walfleisch gegessen
hätte. Nein, hab ich nicht und hab ich auch nicht vor.
Mein Zimmergenosse ist mit seinem badischen Akzent anscheinend so
gut angekommen, dass er zu einem weiteren Interview gebeten wird. Um 12 Uhr wird
jemand aus Deutschland auf seinem Handy anrufen, Interview für irgendein
Mittagsmagazin. Fragt sich nur, wer das bezahlen darf, aber was tut man nicht
alles für sein Land.
Nach dem Stadtbummel geht
es mit dem Bus hinauf zum Historischen Museum, das auf Färöisch den schicken
Namen Føroyar Fornminnissavn trägt. Kurzer Rundgang, am beeindruckendsten sind
die Schwarzweiß-Fotos aus alter Zeit. Die Damen des Hauses, wie sie am Strand
die von den Herren gefangenen Fische trocknen und salzen – und das im vollen
Trachtenornat! Wohl doch nicht so „gut“, die „alte Zeit“, jedenfalls nicht für
alle.
Als es
Zeit ist, einem deutschen Radiosender das verabredete Interview zu geben, gehen
wir nach draußen und erleben Erstaunliches: die gesamte Ebene ist in Nebel
gehüllt, die Sicht beträgt keine 30 Meter, es geht kein Windhauch. Genau in
diesem Moment klingelt das Handy meines Zimmergenossen und wir malen genüsslich
das Schreckgespenst eines drohenden Spielausfalls an die Wand – „Also hier oben
kann jetzt unter gar keinen Umständen gespielt werden“. Kann auch nicht, nur
liegt das Stadion um einiges vom Museum entfernt und außerdem auch tiefer zum
Hafen hin. Aber egal. Der Radiomensch ist in heller Aufregung und sieht wohl
schon Scharen von Fans marodierend durch die Innenstadt ziehen, weil sie morgen
wieder nach Hause müssen, ohne das Spiel gesehen zu haben. Daher möchte er
unbedingt, egal ob das Spiel statt findet oder nicht, noch Eindrücke aus
Tórshavn vom nächsten Morgen haben und kündigt einen weiteren Anruf an –
Donnerstag Morgen um 6 Uhr. Belämmert sehen wir uns an – da haben wir uns wohl
selbst ins Knie geschossen.
Weiter
geht die Fahrt zum Nordischen Haus, einer Art Kulturstätte von Tórshavn, die
relativ neu ist, mit ganz viel Holz und Glas erbaut. Hier finden regelmäßig
unter anderem Konzerte und färöische Kulturabende statt, bei denen auch der
einheimische Ringtanz dargeboten wird. Nach der sensationellen Demonstration
ihres diesbezüglichen Könnens vom gestrigen Tage möchte die Reiseführerin
uns nun vermittels aktiver Einbeziehung in die Geheimnisse dieser Art der
Darstellung altfäröischer Sagen einweihen. Vor soviel Entertainment ergreife ich
schleunigst die Flucht und gehe an die frische Luft. Der Nebel hat sich
inzwischen wieder verzogen und das Stadion ist vom Nordischen Haus aus zu sehen.
Kein Gedanke an Spielausfall.
Now let the Game
begin!
Beim
Eintrag in das ausliegende Gästebuch des Nordischen Hauses erzählt mir mein
badischer Zimmergenosse noch eine köstliche Gästebuch-Anekdote. Er weilte vor
nicht allzu langer Zeit in einem Hotel „Alpenrose“ – überraschenderweise
irgendwo in den Alpen gelegen. Dort lag an der Rezeption auch solch ein
Gästebuch aus. In diesem hatte sich vor ihm jemand eingetragen, der sich für
einen großen Poeten hielt. Der Eintrag lautete: „Alpenrose – schöne Rose. Schöne
Rose – Alpenrose. Herzliche Grüße aus xyz, Scheuermann“. Ein Lyriker halt. Dem
trug auch der nächste Gast, der sich eintrug, anerkennend Rechnung, zumindest
was den Stil der Eintragung betraf. Da ihm das Poem aber in seiner Aussage
vielleicht etwas zu karg, zu angedeutet erschien, wählte er die poetische Form
der Kritik und schrieb unmittelbar unter die Alpenrosen-Huldigung: „Scheuermann
– blöder Mann. Blöder Mann – Scheuermann. Herzlichen Grüße aus xyz, Schmitz.“
Wir sind begeistert ob der Phantasie und des Sprachwitzes, die dieser Kritiker
entwickelte. Das macht Mut.
Ich nutze
die Zeit vor Spielbeginn, um mit meinem Zimmergenossen an der Hafenfestung
Skansin, an der auch der Leuchtturm steht, noch einige Fotos zu machen. Zu
diesem Zwecke ziehe ich mich schwungvoll am Langrohr einer dort stehenden
britischen Kanone aus dem Zweiten Weltkrieg empor und falle ebenso schwungvoll
auf der anderen Seite wieder herunter in den Matsch. Großartig! Unmittelbar vor
dem wichtigen Spiel noch den Steiß geprellt. Ein Einsatz käme jetzt nicht mehr
in Betracht. Ich hoffe nur, dass ich gleich noch sitzen kann.
Um kurz
vor sieben geht es schließlich los. Mit dem Bus, was ein ziemlicher Witz ist,
denn zum Stadion kann man ja locker zu Fuß gehen. Ein noch besserer Witz ist
allerdings, dass der Bus auf einem Parkplatz weit oberhalb des Stadions
untergebracht wird. Jetzt ist es zu Fuß weiter als vom Hotel aus. Aber
Hauptsache mit dem Bus gefahren.
Es
herrscht bestes färöisches Wetter – Wolken, kein Regen, mäßiger Wind. Optimale
Voraussetzungen für ein klares 7:0 der deutschen Mannschaft, denn schließlich
gibt’s keine Ausreden wie sintflutartigen Regen oder Windböen in Sturmstärke,
die übrigens zu einer weltweit einmaligen Regeländerung im Fußball geführt
haben: die Färöer sind das einzige Land der Welt, in dem bei einem Elfmeter
neben dem Schützen noch ein zweiter Spieler im Strafraum stehen und den Ball
festhalten darf, damit dieser bei der Ausführung des Elfmeters ruhig gehalten
werden kann! Dies ist kein schlechter Witz, sondern offizielle FIFA-Regel!
Vielleicht könnte man das noch dahin gehend erweitern, dass ein gegnerischer
Spieler den Ball halten darf, das ergäbe bestimmt einige nette Konstellationen,
wie z.B., dass diesem Spieler beim Antritt des Schützen „plötzlich“ der Ball
wegrollt, ebenso rätselhaft und unerklärlich wie des Schützen Fuß, der sich dann
plötzlich nicht mehr Richtung Ball, sondern eher Richtung Hinterteil des Gegners
verirrt. Ich finde, das hätte was.
Vom
Busparkplatz geht es auf einem schmalen Pfad hinter der Shell-Tankstelle zum
Stadion hinunter. Ah, eine Tankstelle in der Nähe des Stadions. Wie ein
Leuchtturm in der Nacht für deutsche Fans auf Auswärtsreise! An der Tanke
herrscht auch dementsprechend Party, jeder färöische Wagen, der einfährt, wird
mit Applaus und einem höflichen „8:0, 8:0!“ begrüßt. Die Fahrer haben dafür
jeweils nur ein müdes Lächeln übrig. Wissen die mehr als wir?
Jetzt
geht’s noch einmal halb um das Stadion herum, bis wir zu unserem Tribüneneingang
kommen. Neben dem Trampelpfad, der dorthin führt, ist ein Bauzaun aufgestellt,
dahinter beginnen die Tribünen. Nach kurzer Leibesvisitation, bei der färöische
Ordner bei zwei Mädels aus unserer Gruppe ihre mitgebrachten färöischen (!)
Fähnchen einkassieren, weil deren Stangen aus Holz sind und als Hieb- und
Stichwaffe missbraucht werden könnten, stehen wir endlich im Inneren.
Nun wird
zum obligatorischen Bratwursttest geschritten, der heute etwas exotisch für ein
Fußballstadion ausfällt, denn was es in einem zu Dänemark gehörenden Land an
Würstchen gibt, dürfte klar sein: dänische Hot Dogs. Immerhin, die Brötchen von
zarter färöischer Hand befüllt, die Würstchen schön warm, das ganze schmeckt
auch ordentlich – das färöische Würstchen ist ganz klar bundesligareif! Der
Preis leider auch. Netter hingegen schon die Idee, zwei gut aussehenden
färöische Mädels mit einer Umhängevorrichtung ähnlich einem Bauchladen
auszurüsten und kleinere Snacks für 10 Kronen verkaufen zu lassen. Das kommt
nicht nur gut an, sondern ist preislich auch okay.
Am
Getränkestand treffe ich dann jemanden, der eine Fortuna-Fahne modisch
selbstbewusst quasi als Rock um seine Beine gelegt hat. Sehr kleidsam. Wir
kommen ins Gespräch, sie sind zu dritt hier, aus Kaarst. Mein Gott, Kaarst und
Ratingen auf Färöer! Gibt es ein besseres Beispiel für Globalisierung?
Dann
nehmen wir endlich auf der Tribüne Platz, eine Kapelle auf dem Rasen spielt
lustige Märsche, zwischendurch versucht sich der Stadionsprecher immer wieder
gerne mal auf Deutsch, was ihm recht gut gelingt. Nachdem er die
Mannschaftsaufstellungen verkündet hat, darf zur Tat geschritten werden: es
erscheint Brannur Enni, ein 14jähriger färöischer Sängerknabe, in seiner Heimat
so populär wie nur irgendwas, Spitzname „Ein Singvogel der färöischen Natur“,
von den Färingern aber unter der Hand uns gegenüber schon mehrfach grinsend als
„Unsere Rache für Heintje“ bezeichnet. Mein Gott, wen die alles aus Deutschland
kennen! Franz Beckenbauer, Heintje – ab diesem Zeitpunkt möchte ich gar nicht
mehr wissen, was für ein Bild die von uns haben! Das kann eigentlich nur
fürchterlich sein.
Brannur
Enni ist furchtbar nervös, schmettert die deutsche Nationalhymne aber mit
Bravour. Wirklich eine tolle Stimme. Vom Tempo her hängen er und die Kapelle
zwar ein wenig, aber wen interessierts? Mich auf jeden Fall nicht, ich halte vom
Absingen der Nationalhymne sowieso wenig bis gar nichts. Aber wem’s Spaß
macht...
A propos:
ein Blick auf die deutschen Fans zeigt, dass mal wieder alles vertreten ist.
Auch ein Teil der bereits beschriebenen Kunstkritiker ist anwesend, steht ein
Stück links unterhalb von mir. Die haben auch etwas zum Gelingen des Abends
beizutragen, kurz bevor die Mannschaften einlaufen ist aus der Ecke ein
deutlicher „Ausländer raus!“-Sprechchor zu vernehmen. Unüberhörbar. Ich hab zwar
keine Ahnung, wen genau sie damit meinen – aber wie will man in einem Land, in
dem man noch nie gewesen ist, einen halbwegs passablen Eindruck machen, wenn man
solche Hohlbirnen dabei hat? Es ist einfach nur traurig. Da fahren diese Leute
Hunderte von Kilometern auf fast unbewohnte Schafs-Eilande, um – was zu tun? Um
dort „Ausländer raus“ in den Wind zu brüllen. Bei solchen Typen ist das Hirn
wirklich mit einer toten Telefonleitung zu vergleichen: da klingelt nix mehr.
Nun
beginnt aber das Spiel. Die Stimmung ist prächtig. Die Färinger bejubeln jeden
Angriff ihrer Mannschaft, als ob es bereits das entscheidende Tor zur WM sei.
Auch werden sie von Minute zu Minute lauter, je länger es 0:0 steht. Irgendeiner
dort drüben schlägt eine Trommel wie wahnsinnig, ein anderer wedelt mit einer
Brasilien-Fahne (!). Deren Optimismus möchte ich haben.
Er
scheint jedoch nicht unangebracht zu sein, denn was die deutsche Mannschaft in
der 1. Halbzeit auf de Rasen abliefert, ist höflich formuliert, etwas behäbig.
Bei einigen, so mein Eindruck, ist es die pure Arroganz. Der einzige, der das
Spiel anscheinend so richtig Ernst nimmt, ist Stürmer Fredi Bobic, der ackert,
rennt, grätscht, meckert und manchmal sogar alles gleichzeitig. Er hat auch
Pech, dass er in der ersten Halbzeit zweimal den Pfosten trifft.
Dann
macht sich bei der Mannschaft auch noch Frust breit, als man merkt, dass man
zwar überlegen ist, aber die Tore dummerweise nicht von allein fallen. Ramelow
schubst völlig unmotiviert seinen Gegenspieler beiseite, als das Spiel
unterbrochen ist. Dieser wiederum dreht ebenso unmotiviert eine Pirouette, als
ob Ramelow ihm grad einen ordentlichen Uppercut versetzt hätte. Gelb für beide.
Glück für Herrn Ramelow. Der holländische Schiri pfiff bei der letzten WM die
Partie Uruguay-Senegal. Damals gabs zwei Elfmeter und zwölf Gelbe Karten,
durchaus auch für weniger unschöne Szenen. Ich würde den Ramelow liebend gerne
vom Platz stellen, weil er in diesen bsilang friedlichen Abend völlig unnötig
Hektik hinein bringt, denn es ist klar zu sehen, dass das nur eine Frustreaktion
war, weil er gemerkt hat, dass er hier vielleicht doch arbeiten muss.
Dann
holzt Herr Jeremies sich seinen Weg frei, zwei völlig überflüssige Fouls am
Mittelkreis. Sowas gibt auch schon mal gerne Gelb und dann Gelb/Rot, hier leider
nicht. Sowieso: Jeremies. Dem hat doch bis heute keiner erklärt, wie das Spiel
eigentlich heißt, mit dem er da sein Geld verdient. Wenn so ein Holzhacker schon
im Nationaltrikot auf die Menschheit losgelassen wird, frage ich mich ernsthaft:
wo bleibt der erste Einsatz von Metzgermeister Hollerbach für den deutschen
Adler? Schlimmer als Jeremies kann der auch nicht sein. Dafür spielt er
aber beim falschen Verein.
Zur
Halbzeit steht es 0:0, die färöischen Zuschauer sind begeistert. Damit hat
niemand gerechnet. Wir auch nicht, die meisten deutschen Fans gucken etwas
konsterniert. Olli Kahn hat keine Lust mehr und lässt sich mit
Bindehautentzündung auswechseln. Im Laufe der zweiten Halbzeit kommen noch
Hartmann und Klose in die Partie. Damit hat Rudi Völler sein
Auswechselkontingent erschöpft. Das wiederum hat aber niemand den Herren Rehmer
und Kuranyi erzählt, die laufen sich nämlich weiter brav an der Außenlinie warm.
Oder doch Bewegungstherapie, bevor die Herren einzuschlafen und zu erfrieren
drohen? Ersteres aufgrund des Spiels, zweiteres aufgrund des ziemlich eisigen
Nieselregens, der eine Viertelstunde vor Spielschluss beginnt und nicht mehr
aufhört.
Und dann
macht Klose eine Minute vor Ende der Partie das 1:0. Ausgerechnet der
Schwalbenkönig aus Kotzbrockenlautern, der auch schon im Hinspiel den
2:1-Siegtreffer erzielte! Da wird er dann wohl demnächst Einreiseverbot auf den
Färöer bekommen. Sie waren so nah dran, und ich hätte es ihnen so sehr gegönnt,
obwohl ein Unentschieden natürlich nicht gerecht gewesen wäre, 3 Pfostentreffer
und 10:0 Chancen für Deutschland sagen alles, aber wenn man die Bälle eben nicht
rein macht, ist man ganz schnell die Lachnummer in Europa...Und die Färinger
hätten vor lauter Begeisterung gleich das ganze Stadion abgerissen, da bin ich
mir ziemlich sicher. Nach dem Sieg über Österreich bauten sie 1991 ein zweites
Stadion mit echtem Rasen in Toftir auf der Insel Eysturoy. Hierfür wurde
euphorisch eine ganze Bergkuppe weggesprengt, die dem idyllischen Liegeplatz des
neuen Stadions im Weg stand. Das war nach einem Sieg gegen Österreich.
Kann jemand erahnen, was die nach einem Unentscheiden gegen den Vize-Weltmeister
alles angestellt hätten?
In der
Nachspielzeit macht Fredi Bobic dann das, was er am besten kann, er stellt das
Fußballspielen ein, prompt wird er angeschossen und macht so mehr aus Versehen
wenigstens noch das 2:0, das sieht nicht ganz so peinlich aus gegen diese
Truppe, die spielerisch allerhöchstens Oberliga-Format hat. Bemerkenswert hier
nicht nur die Kampfkraft der Färinger, sondern auch die Leistung von Torwart
Mikkelsen, der in der ersten Halbzeit in jedes denkbare spielerische
Fettnäpfchen trat, dann müssen sie ihm aber irgendwas in der Pausentee getan
haben, plötzlich flog, hechtete und faustete er wie ein Weltmeister und hielt
mehrere „Unhaltbare“. Dem hätten sie ein Denkmal gesetzt, wenn’s beim 0:0
geblieben wäre.
Nach dem
Spiel ist vor dem Spiel, so auch die Devise der Fans. Beide Seiten sind
zufrieden mit dem Ergebnis, wenn auch nicht hoch zufrieden, und so wird einfach
weiter gefeiert in Tórshavns Innenstadt, bis um 3 Uhr früh. Als ich nochmals an
dem Sportladen vorbei komme, an dem ich am selben Morgen das Trikot erworben
habe, vermeldet das Schaufenster „ausverkauft“. Auch Schals gibt es keine mehr.
Und die Verkäuferin hat bestimmt Alpträume vom Kundenansturm, aber es dürfte
sich gelohnt haben. Für alle Beteiligten. Ein großer Abend.
Rückfahrt
Am
nächsten Morgen klingelt um Punkt sechs Uhr das Handy meines Zimmergenossen. Ja,
die ARD ist pünktlich. Irgendein Radio-Morgenmagazin will nun zu seinem Recht
kommen. Ich beneide ihn nicht, denn er sieht so wach aus wie ich, also gar
nicht. Ich murmele, er solle einen schönen Gruß von mir bestellen und schlafe
sofort wieder ein.
Das hat
er übrigens auch getan. Den schönen Gruß bestellt, meine ich – „von dem Typ, der
neben mir schnarcht.“ Und das alles live im Äther. Selbst im Schlaf noch auf
Sendung. Herzlichen Glückwunsch.
Am
Vormittag dösen wir in der Hotelhalle und warten auf den Bus, der uns zum
Flughafen bringt. Das Spiel wird diskutiert, man kommt zu der Erkenntnis, dass
die deutsche Mannschaft blamabel gespielt hat. Nur Hänschen fands toll, aber
vielleicht hat der auch die Plätze verwechselt und neunzig Minuten den kleinen
Jungs beim Bolzen auf dem Nebenplatz zugesehen?
Dann muss
aber noch ein Idiot besondere Prägung das Negativhighlight setzen. Ein jüngerer
Herr mit ziemlich wenig Haaren auf dem Kopf ist lautstark der Meinung, das sei
eh keine deutsche Nationalmannschaft. Miroslav Klose ist für ihn nur „der Pole“,
Fredi Bobic „der Jugoslawe“, Gerald Asamoah (der gar nicht gespielt hat, aber
vielleicht hat dieser Schwachmat das gar nicht gemerkt) der „Quotenneger“.
Besonders auf Klose hat er’s abgesehen, wenn der im nächsten Jahr zu seinem
Verein, dem FC Bayern München, wechseln sollte, wird er aus dem Verein
austreten, nach 17 Jahren. Solche Verwüstungen im Hirn richten also 17 Jahre
Mitgliedschaft beim FC Bayern München an. Ihm sind nicht genügend blonde Recken
im Team. Langsam wird das Geschwätz wirklich peinlich. Als er sich dann aber
befleißigt, „You’ll never walk alone“ zu singen, natürlich in Englisch, beendet
der Neumünsteraner Kleiderschrank diese Solo-Vorstellung kurz und bündig mit den
Worten: „Hey, Arier, wieso kannst du Englisch? Ist doch ne
Untermenschen-Sprache!“ Danach ist endlich Ruhe, er ist ja auch alleine, man
sieht sichtlich, die tapferen Kameraden fehlen ihm. Naja, wenn so was immer
fleißig auf Auswärtsfahrten der deutschen Nationalmannschaft dabei ist, brauchen
wir uns um unseren Ruf ja wirklich keine Sorgen machen. Aufrechte deutsche
Gesinnung überall in der Welt. Mich würde ja fast interessieren, was er denn
meint, wie weit er wohl mit seinem Aussehen – Ohrringe in beiden Ohren und blond
gefärbte Strähnen auf dem ansonsten kahl rasierten Schädel – in der von ihm so
ersehnten guten alten Zeit gekommen wäre, aber ich verkneife mir eine
entsprechende Frage. Aus dem Dumpfschädel kommt eh nur „Alles Polen, alles Jugos,
alles Schmarotzer“ raus. Vielleicht hätte ich ihm mal meinen Nachnamen nennen
sollen, das wär ne lustige Diskussion geworden. Wenn man mit solchen hohlen
Fritten diskutieren könnte.
Dann gibt
es schließlich doch noch die Busfahrt zum Flughafen, noch einmal 45 Minuten
durch diese atemberaubende Landschaft. Kurz vor dem Flughafen, am Dorf Miðvágur,
erzählt die Reiseführerin, hier wohne übrigens Thorkil Nielsen, der Held des
Spiel 1990 gegen Österreich....am Ende ist es doch ganz schön anstrengend, nur
einen Helden zu haben.
Am Flughafen dann noch mal bange Minuten beim Abheben, denn die
Startbahn ist natürlich dieselbe wie bei der Landung. Aber der Pilot schafft es,
die Maschine rechtzeitig hochzuziehen, bevor sie und alle ihre Passagiere nur
noch eine verschwommene Erinnerung auf der glitzernden Seeoberfläche sind und so
verlassen wir Färöer. Schade. Nach dem obligatorischen Umstieg in Billund und
der obligatorischen Verzögerung beim Start (Hänschen hat diesmal zwei
Wunschplätze, die Auswahl ist knifflig und erfordert Zeit) landen wir
schließlich pünktlich in Frankfurt – mitten in einem Gewitter. Und da sag noch
einer was über das Wetter auf den Färöer.
Tja, und das war’s. Das Ende einer Reise in ein faszinierendes
Land voller Berge, Wiesen, Täler, Fjorde, Schafe und ab und zu auch mal
Menschen. Und wenn auch die Spieler der Nationalmannschaft diesen Besuch schnell
abgehakt haben werden, nach dem Motto: Hauptsache nicht blamiert, so würde ich
gerne noch mal wiederkommen. Schließlich war ich „nur“ auf 5 von 18 Inseln.
Bleiben noch 13 übrig. Und irgendwo wird dort ja immer Fußball gespielt...
A propos Fußball: da hätte ich noch einen für die Sommerpause.
Wieder an den heimischen Herd zurückgekehrt, habe ich mir natürlich die
Videoaufzeichnung des Spiels bzw. der Sendung in der ARD angeschaut. Und was
wurde da gezeigt? Natürlich ein Interview mit Torwart und Disco-King Olli Kahn,
am Abend vor dem Spiel in der Hotelhalle aufgenommen. Der sagte klipp und klar,
dass sich die Mannschaft vor diesem Spiel noch mal zusammen reißen und den
Gegner Ernst nehmen, dass man voll motiviert ins Spiel gehen müsse. Eine
löbliche Einstellung und Marschroute, die der Kapitän der Truppe da vorgab. Nur
einer, der hatte wohl nicht ganz genau zugehört, von dem war eher Aufmüpfiges zu
vernehmen. Zitat:
„Ja, es ist schwer für einen Spieler, der im Verein viele
wichtige Spiele bestreitet, der nach Madrid, London oder Manchester fährt, um
dann in der Nationalmannschaft die nötige Motivation aufzubauen für so genannte
kleinere Gegner. Man ist es als Spieler irgendwann Leid, Kritik einzustecken,
für Spiele die eigentlich kein Mensch braucht. Es wird immer schwerer, so eine
Woche vor der Familie zu rechtfertigen. ‚Warum gehst Du weg?’ fragen sie. ‚Weil
ich gegen die Färöers spiele’, sage ich. Früher konnte ich wenigstens sagen:
‚Ich muss zu einer WM. Ich werde Deutscher Meister. Ich werde
Champions-League-Sieger.’“ Zitat Ende.
Wer war
denn dieser unmotivierte Wichtigtuer? Herr Ramelow? Der spielte wenigstens so,
als ob diese Aussage von ihm stammen würde. Herr Jeremies? Nee, so viele Sätze
auf einmal bringt der gar nicht durch die zusammengebissenen Zähne.
Des
Rätsels Lösung: die obigen Worte stammen von Herrn Kahn selbst. Getätigt im
Oktober, vor dem Hinspiel gegen die Färöer. Ist er geläutert? Oder wollte er nur
etwas für die eigene Quote tun? Oder weiß er gar nicht mehr, was er zeitweise so
von sich gibt? Für mich jedenfalls ein weiterer Grund, Interviews mit Sportlern
abzuschaffen. Bringt eh nix. Heute so, morgen so. Aber das haben die Reporter ja
schon beim Beckenbauer nicht kapiert.
Der Urlaub ist vorbei. Die Eindrücke bleiben. Ich bin beeindruckt
von dieser kleinen Inselwelt, die sich einen feuchten Kehrricht um die große
Welt da draußen schert und damit prima klar kommt. Ich würde gerne wiederkommen.
Zu Beginn des Berichtes habe ich die Färöer als „Arsch der Welt“
bezeichnet.
Na und? Für einen Blick auf den Hintern von Jennifer Lopez würde
ja schließlich auch die halbe Männerwelt so einiges hinlegen. Insofern kein
schlechter Vergleich.
Endlich Sommerpause: janus
25 Bilder
von dieser "kleinen" Reise findet ihr hier !
|