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Ja, es war mal wieder Zeit für eine Visite auf dem Land. Da, wo man morgens schon sehen kann, wer mittags zu Besuch kommt. Wo man schief angeguckt wird, wenn man protestantischen Glaubens ist. Wo man noch schiefer angeguckt wird, wenn man in einer Kneipe eine Cola „pur“ bestellt – wie: kein Korn? Und wo ich, obwohl ich dort mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu Gast bin, doch immer dumm auffallen werde wegen dieses seltsamen Dialekts, den ich spreche – in Fachkreisen auch „Hochdeutsch“ genannt. Wo es als mittlere Sensation gilt, wenn zur Messe am Samstag Abend der Bischof persönlich erscheint – darüber kann dann stundenlang gefachsimpelt werden. Kurz: mein Weg führte mich an diesem Wochenende mal wieder ins Herz des Emslandes, genauer gesagt: nach Meppen.

Es versprach, eines dieser Wochenenden zu werden, an denen man sich spannungsgeladene Reportagen anhören darf, ohne die geringste Ahnung zu haben, um wen es eigentlich geht. Warum der Alfons von nebenan heute nicht in der Kirche war. Weshalb Renate von gegenüber jetzt – unglaublich aber wahr – die Scheidung eingereicht hat und sich damit für’s Guinness Buch der Rekorde qualifiziert hat, weil man solche Fälle in dieser Gegend an einer Hand abzählen kann. Und wieso bei Bauer Harms der Traktor streikt, die Hühner die Eierproduktion eingestellt haben und auch eine Kuh nicht mehr das ist, was sie einmal war, was selbstverständlich nur und einzig und allein an der rot-grünen Bundesregierung liegt. Bis 1998 hatte es noch am Wetter gelegen.

Nebenbei bemerkt, es wurde ein solches Wochenende. Doch ein rein zufälliger Blick in den NDR-Videotext in der letzten Woche versprach dann wenigstens noch ein bisschen Abwechslung: dort wurde nämlich für Freitag, 19.30 Uhr, das Heimspiel des SV Meppen gegen den BSV Kickers Emden angekündigt, Oberliga Niedersachsen/Bremen. Ein Blick auf die Tabelle offenbarte, dass es sich hierbei um ein echtes Spitzenspiel handelte. Somit wurde kurzerhand ein Besuch bei diesem Spiel eingeplant.

Ah, SV Meppen! Welcher Fußballinteressierte kennt diesen Klub nicht, das Aushängeschild des Emslandes, 11 Jahre ununterbrochen in der 2. Liga, in dieser Bilanz lediglich von Fortuna Köln übertroffen? Unvergessen die Saison 1994/95, als Meppen zusammen mit unserer Fortuna und Waldhof Mannheim um den Aufstieg in die 1. Liga kämpfte. Unvergessen für mich vor allem mein damaliges Stressprogramm: Studium in Mannheim, alle zwei Wochen nach Hause, wahlweise nach (damals) Wuppertal oder eben Meppen. Jedes Wochenende beim Aufstiegskampf dabei! Am Ende schaffte es natürlich unsere Fortuna, und es war u.a. dieses unvergessene 4:2 im Frühjahr 1995 vor 16.300 Zuschauern im Emslandstadion, das den Weg in Liga 1 ebnete. Ich war sowohl vor als auch nach diesem Spiel des öfteren dort noch zu Gast und bekam so auch ein wenig vom sportlichen Niedergang der Truppe mit. Letztes Highlight war 1999 das 1:4 im DFB-Pokal gegen Bayern München, als ich mir über Vitamin B auch eine Eintrittskarte verschaffen konnte, diese Beziehungen waren aber auch bitter nötig, hatten die Emsländer doch damals 65.000 Kartenwünsche für dieses Spiel vorliegen. Es war ein großer Abend, und da die Bayern mit angezogener Handbremse spielten, war das Ergebnis keineswegs so klar, wie es auf dem Papier aussah, im Gegenteil, Bayern musste das 3 und 4:1 sogar noch per Konter erzielen. Ein schöner Fußballabend.

Zu diesem Zeitpunkt war Meppen schon in die Regionalliga Nord abgestiegen. Ein Jahr später gings noch weiter runter – Oberliga Niedersachsen. Vorläufiger Tiefpunkt dann im Sommer 2001, als der Verein nach einer völlig verkorksten Saison Insolvenz anmelden musste. Aus dieser Zeit stammte auch mein letzter Stadionbesuch. Am 3. Spieltag der Saison 01/02 gastierte Eintracht Nordhorn im Emslandstadion, und obwohl es ein echtes Emslandderby war (Nordhorn liegt nur ca. 20 km von Meppen entfernt), verloren sich keine 1.000 Zuschauer im weiten Rund, der Verein war nicht nur pleite, die Mannschaft spielte auch grottenschlecht, man verlor 0:4 und das einzige Highlight des Spiels war die Schiedsrichterin, die äußerst resolut pfiff und gleich drei Spieler des Feldes verwies. Dies war wie gesagt der 3. Spieltag, es war die dritte Niederlage, der SVM zierte souverän das Tabellenende, eine Woche zuvor war man gegen einen unterklassigen Verein noch im Pokal ausgeschieden, es war kein Geld da...äußerst traurig.  

Aber sie haben sich irgendwie berappelt, die Finanzen sehen zwar noch sehr bescheiden, aber halbwegs gefestigt aus, das Team gewann just nach dieser Pleite, die ich mit ansehen musste, zehn Spiele in Folge und spielte ganz oben mit, ehe es von einem Schildbürgerstreich gestoppt wurde: beim Abgabetermin für die Lizenzunterlagen für die Regionalliga lief das Meppener Insolvenzverfahren noch, dessen (erfolgreiches) Ende überschnitt sich tatsächlich mit dem Abgabetermin, alle Unterlagen waren vorhanden, es fehlte lediglich die Unterschrift des Insolvenzverwalters, und somit gingen die Unterlagen einen Tag zu spät beim DFB ein. Derart niedergeschmettert verlor man kurz darauf beim Tabellenvorletzten und die Meisterschaft war Geschichte (Meister wurde der VfB Oldenburg, der dann aber in der Relegation an den Amateuren des HSV scheiterte).

Und in dieser Saison wird es anscheinend richtig dramatisch. Fünf Teams stehen nahezu punktgleich an der Spitze der Oberliga, es wird wohl ein Kopf-an-Kopf-Rennen werden: der VfB Oldenburg, Kickers Emden, der SV Wilhelmshaven (gerüchteweise sind deren Vorstandsmitglieder auch schon auf der letzte Woche in Hannover eröffneten CeBIT gesichtet worden, wo sie mit Tränen in den Augen vor den neuesten, wirklich kinderleicht und vorstandssicher zu bedienenden Faxgeräten standen), die Amateure des VfL Wolfsburg und eben der SV Meppen. Man muss ein bisschen abwarten, wie sich die Tabelle noch entzerrt, denn es stehen noch einige Nachholspiele aus, aber mehr als vier Punkte Rückstand des Tabellenfünften auf den Ersten dürften auch dann nicht herausspringen, es wird also wohl spannend bis zum Schluss bleiben.

Nun, das schreit doch geradezu nach einem Besuch am Freitagabend! Der Fünfte gegen den Zweiten, der gerade mal lächerliche 3 Punkte – um nicht zu sagen: einen Sieg – mehr auf dem Konto hat. Da geht doch was. Zumal der SV Meppen das erste Spitzenspiel in der Woche zuvor schon mit Bravour gemeistert und ein 1:1 in Wilhelmshaven geholt hat. Nach Wilhelmshaven nun Emden, dies inspiriert die PR-Abteilung des SVM zu einer schönen Werbekampagne: vor dem Stadion und auch in der Stadt hängen überall diese Banner, die normalerweise – was sonst? – das nächste Schützenfest ankündigen, und die diesmal verkünden: „Fischwochenfinale“. Ein netter Gag denke ich, ebenso wie die Ergänzung: „Mit 4000 gegen Emden“. Bei letzterem sollte ich mich aber doch täuschen.
Die Anreise von Bonn verläuft problemlos über A 656, A 59 und A 3 bis zum Schildbürgerstreich. Ab Oberhausen beginnt nämlich die A 31 nach Emden. Wer noch einen alten Straßenatlas aus den 80ern hat, der sollte mal reingucken, da müsste zwischen Meppen und Bad Bentheim eine gestrichelte Linie nebst der Bemerkung „im Bau“ zu sehen sein. Und im Bau ist sie heute noch, da dem Land damals das Geld ausging und sich auch gegen jeden Zentimeter der Trasse ca. 20 Bürgerinitiativen bildeten.

Erst im letzten Jahr wurde ein kleines Stückchen von Meppen nach Wietmarschen angefügt, so dass sich folgende Situation ergibt: in Oberhausen auf die A 31 bis nach Bad Bentheim, da ist sie leider zu Ende, dann schön übers Land bis Wietmarschen, da fängt sie wieder an und führt auch tatsächlich bis nach Emden, was aber völlig wurscht ist, da man an der dritten Abfahrt schon wieder in Meppen runter muss. Zwischen Bad Bentheim und Wietmarschen kann man viel vom Land sehen, die einzig etwas „größere“ Stadt ist Nordhorn, dazwischen nur Dörfer solchen Ausmaßes, dass, wenn jemand auf dem Rücksitz des Wagens bemerkt, dass er gleich das Ortseingangsschild passiert, der Fahrer schon wieder zum Ortsausgangsschild hinausdüst. Überholen so gut wie unmöglich, gerne mal ein bis acht Trecker vor sich, und die Legende vom Opa mit Hut und lässigen 30 km/h am Steuer – die muss aus dem Emsland stammen, so viele, wie ich da schon gesehen habe. Daher Anfahrtszeit: ca. 3 bis 4 Stunden je nach Verkehr, Erntezeit und Opas Lust, mal eben mit Oma eine kleine Ausfahrt zu machen.

Das Stadion selbst liegt relativ zentral in Meppen und ist auch mit reichlich Parkmöglichkeiten gesegnet, wer mit dem Zug anreist, hat ca. 15-20 Minuten Fußmarsch zu bewältigen. Am Eingang geht es eine Art kurze Rampe empor und dann liegt es vor einem: Fassungsvermögen offiziell die erwähnten 16.300 Zuschauer, links die alte Holztribüne, rechts die neuere Variante vom Anfang der 90er Jahre, alles Sitzplätze, unmittelbar am Spielfeldrand unter den Tribünen noch überdachte Stehplätze, in den Kurven hinter beiden Toren Stehplätze, wobei hinter dem Tor direkt am Stadioneingang die Heimfans und hinter dem anderen Tor die Gästezuschauer Platz finden. Von dort ist es übrigens noch etwas weiter zum Spielfeld als von den anderen Stellen, da sich zwischen Zaun und Spielfeld in der Kurve noch grasüberwachsene Überreste der alten Laufbahn befinden, die daran erinnern, dass das Emslandstadion früher nicht nur Hindenburgstadion hieß, sondern ursprünglich auch mal ein Leichtathletikstadion war.

Zunächst gilt es, die Eintrittspreis zu studieren. Der Stehplatz kostet 6,- € (aber es gibt auch Ermäßigung, dann landen wir bei 4,- €, wenn ich das richtig gesehen habe), Stehplatz überdacht 6,50 €, Tribüne alt 8,- € und Tribüne neu 11,- €, bis auf den zentralen Bereich dieser Tribüne, da gibt’s keine Kompromisse, der kostet 17,- €.

Zur Feier des Tages entscheide ich mich für ein 11,- €-Ticket, man gönnt sich ja sonst nix. Nun muss die Verpflegung im Selbstversuch getestet werden, es soll diesmal eine Currywurst sein, von der ich im Nachhinein nur abraten kann, da ist selbst die am Kölner Hbf besser und kostet nur ein paar Cent mehr. Currywurst und Krakauer 2,10 €, Bratwurst 1,80 €, Frikadelle 1,50 €, Pommes überraschenderweise nur 1,- €. Leider hat anscheinend der Cateringservice gewechselt, denn früher gab es die Pommes in so einem Becher aus Esspapier, der konnte auch noch mitverzehrt werden, schön umweltgerecht, das kurbelte zudem noch den Getränkeumsatz an, denn das Zeugs war dermaßen pappig, dass man es wirklich nur mit diversen Getränken herunter spülen konnte. Aber diese Zeiten sind vorbei, es gibt nur noch die ordinären Pappschalen. Und die Getränke: Bier und Cola ebenfalls in Einweg-Plastikbechern, dafür aber je 2,- € für nulldrei – ziemlich happig, finde ich, zumal es sich auch noch um Krombacher und Pepsi, also Plörre sowohl als auch, handelt.  

Wenn einen allerdings nach Einnahme der Verpflegung vor dem Spiel noch ein gewisses Bedürfnis überkommt, ist man in Meppen genau richtig, die Toiletten in der Haupttribüne sind 1a in Schuss, da machts eine wahre Freude...also toilettentechnisch ist der SVM ganz klar regionalligareif.  

Nun aber nix wie auf die Tribüne und das Spiel geguckt! Nix da, es erscheinen zunächst auf dem Rasen die „Lollipops“ aus Haren, keine Cheerleader-Truppe wie jede andere, die Mädels sind nämlich zwischen 8 und 10 Jahre alt und hüpfen zu Blümchen-Sound reichlich planlos im Mittelkreis umher, haben aber einen Riesenspaß daran. Unmittelbar nach ihrer Vorführung überrascht der Stadionsprecher mit dem Hinweis, die Partie werde wegen des enormen Zuschauerandrangs zehn Minuten später angepfiffen. Doch eine Überraschung, denn von der Tribüne oben sieht es nicht allzu voll aus. Noch überraschter bin ich, als plötzlich die beiden Mannschaften auf dem Rasen erscheinen, obwohl die Stadionuhr gerade mal 19.15 Uhr anzeigt. Nanu? Ein Blick auf das eigene Zeitmessgerät schafft Aufklärung, es ist in der Tat, wie angekündigt, 19.40 Uhr, die Stadionuhr „hängt“ ein wenig. Ja, in Meppen gehen die Uhren noch anders.

Überrascht auch der Stadionsprecher, der sich anscheinend nach dieser Uhr gerichtet hat, denn er hat vergessen, die Mannschaftsaufstellung durchzugeben, was er nun binnen 15 Sekunden nachholt. Die des SV Meppen kann ich anhand des Kaders im (kostenlosen) Stadionheft nachvollziehen, dort hat man aber vergessen, den Kader der Emder niederzuschreiben. (Und bevor im weiteren großes Rätselraten ob meiner grammatikalischen Fähigkeiten ausbricht, ich habe mich erkundigt: jawohl, es heißt „die Emder“ und nicht „die Emdener“, gleiches gilt für gewisse Partizipien und Genitive, Dative und ähnliche schulische Schreckenskonstruktionen.) So ist man bei deren Kader auf Vermutungen und eigenes Halbwissen angewiesen: Star der Mannschaft ist der russische Stürmer Zimin, der in dieser Saison bereits 17 Tore erzielt hat – obwohl er nur 18 Spiele gemacht hat! Um es vorweg zu nehmen, das wird auch das letzte Mal sein, dass der Name hier auftaucht, der Mann sah keinen Stich. Routinier der Emder ist Richard Slezar, auch mal in der 2. Liga unterwegs, ansonsten so ziemlich bei jedem Regionalliga Nord/Oberliga-Verein schon unter Vertrag gewesen. Der Trainer ist Jörg Drüke, der im letzten Jahr noch die HSV-Amateure trainiert hat (seinen Vorgänger in Emden dürfte der ein oder andere Fußballinteressierte noch kennen, es handelte sich um Gerd Roggensack, der die Ostfriesen mit Gewalt in die Verbandsliga trainieren wollte, aber kurz vor der Verwirklichung seines Ziels entlassen wurde), und der geht ein taktisches Risiko ein: um die Abwehr zu stärken, zieht er einen Mann aus dem Mittelfeld und stellt dafür hinten einen 18jährigen Spieler mit Namen Diener auf. Den wollen wir uns merken, so viel schon mal vorab.

Der Spielertrainer des SV Meppen, der an diesem Tage aber nur trainiert, heißt Andreas Helmer, 37 Jahre alt, Meppener Urgestein, so gut wie alle Zweitligaspiele in den 11 Jahren bis 1998 mitgemacht und mit der Aussicht auf ein Denkmal vor dem Rathaus, sollte er wirklich mal ganz aufhören. Die Mannschaft an sich ist recht jung, der Torwart Antczak hat heute seinen großen Tag, er kam nämlich vor Saisonbeginn von Kickers Emden, am interessantesten ist das Sturmduo, heute in rein türkischer Besetzung, Metin Aydin, so eine Art Bastürk, klein und wieselflink, sowie Cüneyt Özkan, das genaue Gegenteil, hat was von Jan Koller, wenn sie nebeneinander stehen, muss man unwillkürlich an Pat und Patachon denken, aber die Jungs verstehen sich auf dem Spielfeld wirklich blind, wie nicht nur ich, sondern auch die Emder Hintermannschaft schon sehr bald feststellen wird. Hinzu käme eigentlich noch der etatmäßige Mittelstürmer, der Holländer Bob Mulder (7 Saisontreffer), aber der ist verletzt und sitzt während des gesamten Spiels nur auf der Bank.

Aus Emden sind übrigens ca. 250 Fans mitgekommen, nicht schlecht, immerhin sind es über 100 km nach Meppen. Zu Spielbeginn rauchts auch ordentlich in deren Block und sie haben Müllsäcke über eine Länge von ca. 30m an die Zäune gehängt, auf denen steht: „Das Feuer der Freundschaft brennt ewig“, passend dazu jagen sie noch zwei Dutzend Raketen Silvester-Ausschussware aus einem Mörser in den Himmel, sieht recht hübsch aus.

Das Spiel beginnt, und dem Stadionheft kann ich noch entnehmen, dass da noch eine Rechnung offen ist, denn das Hinspiel haben die Meppener glatt 0:4 verloren. Ich will gar nicht wissen, was da auf dem Platz abging, hier übertrifft die 1. Halbzeit schon alles, was ich in der Richtung gesehen habe. Die teenippenden Emsländer und die teenippenden Ostfriesen – sie scheinen sich nicht wirklich zu mögen.  Phänomenal der Schiri, dessen Namen ich verdrängt habe, aber er kommt aus dem schönen Örtchen ALFhausen. Als solcher hat er seine Schiri-Ausbildung wohl auch auf dem Planeten Melmac absolviert. Unfassbar, was der in der 1. Halbzeit alles laufen lässt, großzügig übersieht oder gar nicht erst bemerkt. Was da an Tritten, Bodychecks, Blutgrätschen, Hackentritten und Ellenbogenchecks über die Bühne geht, ohne dass auch nur ansatzweise versucht wird, den Ball zu spielen, lässt die Bezeichnung „Kampfspiel“ wirklich zur Lachnummer mutieren.

Schon nach fünf Minuten drehen die Emder auf, ein Ostfriese fällt in Höhe der Ecke mit einem Meppener zusammen, der Ball ist weg, das Spiel läuft weiter, beim Aufstehen verirrt sich ein friesischer Fußballstiefel in ein emsländisches Gesicht, ca. 5 m Luftlinie von mir entfernt, der Assi steht direkt daneben und hats nicht gesehen, das könnte aber auch daran liegen, dass er in diesem Moment von einem schönen Meppener Ellenbogencheck im Mittelfeld (nach erfolgtem Abspiel des Balles!) in die Rippen eines Emders abgelenkt wird. Der Schiri lässt viel zu viel laufen, bei so vielen Nickligkeiten und Tätlichkeiten wären schon in der ersten Halbzeit vier Platzverweise fällig gewesen, auch wenn Fußball tausendmal ein „Kampfspiel“ sein mag.

Was aber bei den Meppenern wie gut trainiert wirkt, sieht bei Emden nach Hilflosigkeit aus, denn Meppen ist klar besser, die Emder laufen nur hinterher und wissen sich oftmals nur durch Fouls zu helfen. Insbesondere der kleine Aydin entpuppt sich als unlösbares Rätsel für die langen Kerls in der Hintermannschaft, und spielt denen des öfteren Knoten in die Beine, leider beherrscht auch er die Kunst des unauffälligen Hackentritts nebst Unschuldsmiene, so eine Art Hugo Sanchez im Taschenformat scheint der zu sein.

In den kurzen Zeiten, in denen das Spiel mal nicht wegen Foulspiels unterbrochen ist, gibt es zwei hundertprozentige Torchancen für Meppen, und dann naht die 30. Minute. Freistoß für Emden aus ca. 17m, brandgefährliche Situation, aber was der Spieler daraus macht, ist dermaßen schlecht, dass es schon wieder gut ist, es sollte wohl ein Schlenzer werden, der aber so schwach und so knapp über die Grasnarbe kriecht, dass selbst meine Oma nebst ihrer Kolleginnen aus dem Altersheim keine Mühe gehabt hätte, den Ball in der Mauer abzublocken. Da es der Versuch eines Torschusses war, wird es von mir trotzig als erste Emder Großchance notiert.

Nachdem dann noch das, so glaube ich, einmalige Bild zweier zeitgleicher Abseitsfallen jeweils zehn Meter vor der Mittellinie zu bewundern gibt (alle 20 Feldspieler irren für einige Sekunden innerhalb dieses Radius umher!), ist dann doch das 1:0 für Meppen fällig, als die Emder Abseitsfalle versagt, und das türkische Duo zum Erfolg kommt: Aydin geht über links auf und davon, Querpass in die Mitte, Özkan macht das Tor. Halbzeit, hochverdiente Führung.

 

Beim Gang zur Toilette fällt auf, dass nicht alle Zuschauer mit meiner diesbezüglichen Wertung einverstanden sind, die stehen nämlich an der Rückseite der Tribüne und pinkeln vor den Maschendrahtzaun. Hinter ihrem Rücken befindet sich der Eingang zum VIP-Raum, der in der Tribüne untergebracht ist, aber die Aktivitäten der Blasenschwachen, die es nicht mehr die ca. 5m bis zum Klo geschafft haben, scheinen niemanden der Besserbezahler sonderlich zu stören. Wieder auf die Tribüne zurückgelehrt, werde ich Zeuge, wie die drei kleinen Jungs, die neben mir sitzen, übers Handy ihre Freunde herbei telefonieren wollen, die sich in einem anderen Teil des Stadions befinden. Und das hört sich dann so an: „Wir sitzen hier auf der Sitztribüne.“ Ach was! Ich überlege, ob ich die Jungs mal nach Pisa fragen sollte, unterlasse es aber, die halten das doch nur für ein neues Düngemittel.

Nachdem in der Halbzeit dann auch die „echten“ Cheerleader des SVM alles gegeben haben, bei denen man auch als Mann mittleren Alters wieder hinschauen darf, ohne sich dem Verdacht der Pädophilie auszusetzen, geht die 2. Halbzeit los und drei Minuten später ist das Spiel entschieden: Hake nimmt dem schon erwähnten 18jährigen Diener 20m vor dem Emder Tor den Ball vom Fuß, kleiner Doppelpass und dann aus 8m mit dem Außenrist rin ins Vergnügen. Endgültig passé ist das Spiel in der 61. Minute, als der schon erwähnte 18jährige Diener den Ball rechts an der eigenen Eckfahne vertändelt, ein Flachpass in die Mitte, Aydin verfehlt noch, aber hinter ihm steht Özkan und drückt seinen zweiten Treffer rein – 3:0. Dann lässt auch wenigstens das Gehacke nach, weil es jetzt sinnlos geworden ist, und der Schiri kann sagen, er hat alles richtig gemacht. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn es in der 2. Halbzeit noch längere Zeit knapp gewesen wäre, das hätte wahrscheinlich eine Treterei unvorstellbaren Ausmaßes gegeben. Auch ich bin dafür, ein Spiel möglichst laufen zu lassen, aber was da alles durchging...na ja, es scheint halt normal zu sein, es hat sich auch keiner groß darüber aufgeregt. Erst als die Emder Fans kurz vor Schluss auch noch ihren letzten Sixpack Raketen verfeuern, kommt Leben in den Schiri, und der Stadionsprecher muss auf sein Geheiß die Ansage machen, die wir alle so gut kennen.  

A propos Fans: da ist anscheinend alles etwas anders im Emsland. Als die Emder kurz nach dem Wiederanpfiff zwei, drei Bengalen abbrennen, machte denen ein Ordner das Tor im Zaun auf und die Dinger werden auf dem Rasen vor dem Zaun gelegt, wo sie friedlich abfackeln. Auch nicht schlecht die Sangeskünste: nach dem 3:0 kann man aus den Meppener Stehplätzen ein beschwingtes „Olé olé, SV Meppen“ hören, was trotzig postwendend mit einem sehr einfallsreichen „Olé olé Kickers Emden“ gekontert wird. Die Meppener Fans überraschen das Auge dann noch mit einer gelungenen Humba, aber vielleicht auch nur, weil es so kalt ist, denn trotz sternenklarer Nacht sind es nur knapp über 0 Grad im Stadion.

Die 90. Minute bringt dann noch richtige Menschlichkeit ins Stadion. Nach Aydin eine Minute zuvor wegen einer Schwalbe im Strafraum noch Gelb gesehen hat, wird er diesmal wiederum im 16er klar umgerissen, und zwar von wem? Richtig, von dem schon erwähnten 18jährigen Diener, der damit sämtliche Gegentreffer in der 2. Halbzeit verschuldet hat. Das ist dann zuviel für ihn: er steht völlig fassungslos im 5m-Raum und bricht wirklich und wahrhaftig in Tränen aus, wird aber vom Emder Torwart sofort getröstet. Der hat auch völlig Recht, denn was die gesamte Emder Truppe (Ausnahme: er selbst) heute abgeliefert hat, war definitiv nicht mal oberligareif. Ein Kopfball in der 45. Minute, den SVM-Keeper Antczak mit sensationeller Parade aus der Ecke holen konnte, ein Schüsschen aus dem Gewühl in der 2. Halbzeit, das SVM-Libero Ragne da Paixao von der Linie kratzen musste – das war die ganze Gefährlichkeit des Tabellenzweiten an diesem Abend. Viel zu wenig, um gegen toll kombinierende Meppener eine Chance zu haben.

Schröer (nein, da fehlt kein „d“ in der Mitte, der Mann heißt wirklich so) verwandelt den Elfer zum 4:0 und der Schiri pfeift gar nicht mehr an. Klarer Erfolg für die Emsländer, die ein 7 oder 8:0 leichtfertig verdaddelten, insbesondere Aydin war bei den zahlreichen Konterchancen zum Teil viel zu arrogant, versuchte hier mal ein Lupferchen, da mal einen Hackentrick oder ein kleines Solo, wobei er den freistehenden Mitspieler übersah – wie gesagt, ein kleiner Hugo Sanchez. Aber wirklich nicht schlecht, mit ein bisschen weniger Eigensinn sehr brauchbar und torgefährlich.

So darf sich der SVM Hoffnungen auf die Regionalliga machen. Auch finanziell wäre das anscheinend zu stemmen, der SVM hat als eine von sechs Teams die Lizenzierungsunterlagen eingereicht. Ich würde es ihnen gönnen. Und vielleicht halten sie sich ja tatsächlich bis zuletzt oben, dann haben sie nämlich am letzten Spieltag ein echtes Endspiel, das wir Fortunen gegen den Wuppertaler SV auch gerne gehabt hätten, es aber bereits verspielt haben: am letzten Spieltag kommt nämlich der VfB Oldenburg. Und dann könnte das Emslandstadion wirklich beben. Am Freitag gab es bereits einen kleinen Vorgeschmack: am Ende waren es 4.150 Zuschauer und die PR-Leuten mit ihren Plakaten hatten Recht. Ein rundum gelungener Abend also im Emsland. Die Gummistiefelfraktion marschiert wieder! Vielleicht ab der nächsten Saison auch in unserer Nähe. Ich würde mich freuen.

 

Gruß an alle Treckerfahrer und Torfnasen: janus

 

 

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