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In der
Fremde gejubelt
Der
Tor, der mein Leben veränderte, war ein
Stadionsprecher. Ich kenne seinen Namen nicht,
ich weiß nicht, wie er aussah. Ich weiß nur,
dass er einige Monate später seines Postens
enthoben wurde. Was aber nichts mit jenem
11.06.1995 zu tun hatte, dem Tag, an dem ich
Fußball litt obwohl an diesem Tag nichts, aber
auch gar nichts entschieden wurde.
11.06.1995:
33. Spieltag der 2. Bundesliga. Na, alle noch
wach? Wen interessiert schon 2. Bundesliga?
Mich! Für die kleinen Dramen des Lebens brauche
ich keine CL, keine 1.Liga, keine EM. Um nicht
zu sagen: der vorletzte Spieltag einer Saison,
in der sich noch 6 Teams Hoffnungen auf den
Aufstieg machen.
Hansa
Rostock ist Tabellenführer (mit einem gewissen
Herrn Pagelsdorf an der Seitenlinie), fast
durch, Pauli ebenfalls. Um den Platz 3 an der
Sonne balgen sich vier Teams. Als da wären:
Waldhof
Mannheim: Platz 3, 40:24 Punkte (es war die
letzte Saison mit der 2-Punkte-Regel)
Fortuna:
Platz 4, 39:25 Punkte
VfL
Wolfsburg: Platz 5, 39:25 Punkte
SV
Meppen: Platz 6, 37:27 Punkte
Wenn
alles gut geht, läuft es auf einen Zweikampf
Mannheim/Fortuna hinaus, da Wolfsburg ein
deutlich schlechteres Torverhältnis und Meppen
zwei Punkte zu wenig hat und nur noch auf
Ausrutscher der anderen hoffen kann.
Leider
war ich an diesem Spieltag nicht in Düsseldorf
(gegen Fortuna Köln). Zum Glück war ich in
Mannheim. Der Fußballgott hatte ein Einsehen
und ließ das nagelneue Carl-Benz-Stadion exakt
5 Gehminuten von der FH entfernt errichten, an
der ich zu diesem Zeitpunkt dem Studentenleben
frönte. Mit einem bayerischen Kommilitonen, den
das ganze eh nicht interessierte, da er einem
Verein anhing, den damals kein Mensch kannte
(nämlich Wacker Burghausen - see you in Liga 2
mit Rudi Bommer und Macchambes Younga-Mouhani!),
machte ich mich auf den beschwerlichen Weg
(einmal über die Straße), während des
gesamten Anmarsches flankiert von strahlenden
Mannheimer Gesichtern, in denen sich schon die
Vorfreude spiegelte: heute ein klarer Sieg gegen
Wattenscheid 09 und es wäre die halbe Miete.
Eventuell würde dann schon ein Unentschieden am
letzten Spieltag in Hannover reichen. Mich
schauderte. Meine Fortuna, Zweitliga-Aufsteiger,
wurde belächelt, als „Rentner-Band“
verspottet. Ich ballte die Fäuste. Aber nur
innerlich. Das war auch gesünder, stand ich
doch auf einem Stehplatz in der NO-Kurve (DM 10,
ermäßigt, ach, wie schön war das
Studentenleben), die eigentlich außer mir (und
meinem Bayer) nur mit Waldhof-Fans besetzt war.
In
der 1. Halbzeit erzielt Jörg „Jockel“
Kirsten das 1:0 für den Waldhof. „Erzielt“
ist gut: ein astreines Handtor! Jeder im Stadion
hats gesehen, nur der Schiri leider nicht.
Hämisches Lachen neben mir, vor mir sagt ein
Waldhöfer zu seinem Nachbarn: „Wenn das die
Fortuna wüsste!“ - „Sie weiß es!“
rutscht es mir heraus, mein Bayer stösst mich
in die Seite, ich ernte alles andere als
bewundernde Blicke meiner Nachbarschaft und
beschließe spontan, den Mund zu halten, selbst
wenn das nächste Tor durch einen sauberen
Freiwurf von der Kreislinie aus erzielt werden
sollte.
Auch
die 2. HZ plätschert so dahin. Mannheim auf
einmal nervös, Angst vor der eigenen Courage,
oder, wie ein bekanntes Boulevard-Blatt ziemlich
genau sechs Jahre später über eine gewissen
Truppe aus einem Stadtteil von Gelsenkirchen
urteilen sollte: „Hosenscheißer-Fußball“
Die Wattenscheider, gemütlich angereist, um das
schöne Wetter zu genießen und ein bisschen
„Drei Ecken, ein Elfer“ zu spielen, merken
plötzlich: hier ist was drin. Und drehen ein
wenig auf.
Und
dann kommen die zwei Minuten mit dem Tor, das
mein Leben verändert hat...
Zunächst
raunt mein Bayer mir plötzlich zu:
„Düsseldorf führt 2:1!“ Ich hab bis heute
keine Ahnung, woher er das wusste, ja, ich weiß
noch nicht mal, ob es stimmte, oder ob er mich
nur aufmuntern wollte. Kurzes Nachdenken:
Waldhof führt mit einem Tor, Fortuna mit einem;
logischerweise ändert sich nichts, Waldhof
immer noch einen Punkt und ein Tor besser als
Fortuna. Also, wenn Wattenscheid jetzt ein Tor
machen würde...
Dann
kommt die Wattenscheider Ecke, von der linken
Seite. Der Eckenschütze steht direkt vor mir,
ungefähr zehn Meter entfernt. Er läuft an und
ich denke: jetzt kniet euch noch mal rein, kann
euch doch scheißegal sein, wer aufsteigt, nur
verlieren wollt ihr hier doch sicher nicht,
oder? Dann kommt die Ecke und ich will mich
schon schaudernd abwenden, ist sie doch viel zu
kurz, zwar halbhoch, aber sie senkt sich schon
am kurzen Pfosten, das kann ja nix geben!
Aber
dort steht Thomas Ridder.
Bis
zu diesem Moment habe ich ihn nicht gekannt.
Wusste gar nicht, dass er überhaupt ein
Fußball-Profi ist. In Wattenscheid spielt.
Privat wahrscheinlich ein netter Kerl ist.
Vielleicht sogar meine Musik hört. Hab ich
nicht gewusst und hätte mich auch nicht
interessiert. Bis zu diesem Moment. Denn Thomas
Ridder-Fußballgott entscheidet die
2.Liga-Saison 94/95. Indem er den Kopf
schüttelt. Manchmal sind es die kleinen Gesten,
die Großes bewirken. Lady
Di. Mutter Teresa. Und
Thomas Ridder.
Thomas
Ridder-Fußballgott schüttelt also am kurzen
Pfosten stehend den Kopf, verlängert den Ball
mit dem Hinterkopf wie weiland Uwe Seeler. Ich
möchte heute noch wetten, dass diese Variante
trainingserprobt war. Ecke auf den kurzen
Pfosten, Ridder verlängert und einer der langen
Stürmer macht den Ball rein. So gesehen
ziemlich schlecht gemacht von Herrn Ridder, denn
seine Stürmer kamen nicht mal in die Nähe des
Balles. Doch diese Kopfballverlängerung segelt
über den mal wieder selig schlummernden,
damaligen finnischen Nationalkeeper im
Mannheimer Tor, Laukkanen (auch er erlebte die
nächste Saison nicht mehr auf dem Waldhof, wenn
ich mich recht entsinne), hinweg und senkt sich
am langen Eck, an dem günstigerweise kein
Abwehrspieler postiert stand, ins Netz. 1:1!
Versteinerte Gesichter bei den mich umringenden
Waldhof-Fans. Fassungsloses Entsetzen. Mein
Bayer knufft mich erneut in die Seite und ich
unterdrücke mühsam meine Freude. Stattdessen
habe ich blitzschnell gerechnet: Waldhof und
Fortuna, 41:25 Punkte, Torverhältnis +13,
unglaublich. Ein Tor, nur noch ein Tor für
Fortuna, und wir stehen auf dem 3.Platz. Dass
wir am letzten Spieltag in Chemnitz gewinnen
würde und Mannheim bei deren chronischer
Auswärtsschwäche in Hannover nicht, war mir
damals schon klar (und so kams ja auch). Der 3.
Platz vor dem letzten Spieltag das war es,
worauf es ankam. Das würde den Mannheimern, die
lange Zeit auf den Aufstiegsplätzen gestanden
hatten, den psychologischen K.O. versetzen! Ein
Tor noch, Fortuna, ein Tor!
Fast
hätte Thomas Ridder-Fußballgott mich allen
Nachrechnens und Grübelns enthoben. Kurz vor
Schluss hatte er nämlich auch noch das 2:1 für
die SGW auf dem Schlappen. Aber im Gegensatz zum
Ausgleichstor war ihm das wohl zu einfach.
Vielleicht war es sein Glück, dass er nicht
traf. Ich glaube, ich wäre auf den Platz
gestürmt und hätte ihm den Schuh auch bei
Gegenwehr vom Fuß gerissen...
Kurz
darauf: Schlusspfiff!1:1. Sag es, sag es!
forderte es in mir. Und dann tat er es, der
unglückselige Stadionsprecher. Mit den Worten:
„Liebe Waldhof-Fans, wir haben eine nicht so
schöne Nachricht für euch...“ begann er den
Trauersermon: Meppen gewonnen. Wolfsburg
gewonnen. Fortuna gewonnen. Und auch noch 3:1.
Da war es vorbei, ich konnte mich nicht mehr
zurückhalten: „Wir sind Dritter!“ sprudelte
es aus mir heraus, mein Bayer knuffte mich
erneut in die Rippen, und ich sah mich einigen
Kommentaren von Waldhof-Fans ausgesetzt, die
irgendwie ein völliges Unverständnis für
meine Laune bekundeten. Fluchtartig (aber mit
heiler Haut) verließen wir die Stätte meines
Triumphes.
Abends,
nachdem ich meine blaue Flecken und
Rippenprellungen gezählt hatte, die von harter
bayrischer Hand verursacht worden waren, sah ich
das Spiel nochmals im Fernsehen. Ich kann mich
nicht erinnern. Kann sein, dass Kirsten den Ball
gar nicht mit der Hand gespielt hatte. Kann
sein, dass Laukkanen völlig unschuldig an dem
Gegentor war. Ich weiß es bis heute nicht und
es interessiert mich auch nicht. Ich weiß auch
weder, was aus dem Stadionsprecher geworden ist,
noch ob und wo Thomas Ridder-Fußballgott heute
seine Fußballschuhe schnürt. Wüsste ich es,
würde ich zu ihm hingehen und sagen: „Danke,
dass Sie mir diesen unvergesslichen Nachmittag
beschert haben, damals am 11.06.1995.“ Und er
würde mir verwirrt die Hand schütteln,
irritiert lächeln und denken: Mein Gott, was
heutzutage alles frei rumlaufen darf!
Das
wars. Eine Woche später war die
„Rentner-Band“ erstklassig und Mannheim
endgültig im Tal der Tränen. Immerhin durften
sie noch mal gegen Kaiserslautern spielen. Aber
anders, als sie sich das vorgestellt hatten,
nämlich in der 2.Liga, als Lautern 1996
abstieg. Und das alles, weil Thomas
Ridder-Fußballgott im rechten Moment den Kopf
schüttelte. Mich zum wahrscheinlich einzig
glücklichen Menschen in den Waldhof-Fanblöcken
des Carl-Benz-Stadions machte und mir
schlagartig, bis heute, klar machte, wie
spannend Fußball auch in der von vielen so
ungeliebten 2. Liga sein kann. Aber auch, wie
tragisch: ein Verein fiel auseinander (zumindest
vorübergehend, Mannheim stieg ja dann 2 Jahre
später sogar in die RL Süd ab), und beim
auslösenden Moment war ich live dabei. Aber
auch, wie grandios: Eine, meine
„Rentner-Band“ erhielt eine Chance, von der
sie Wochen vorher nicht mal zu träumen gewagt
hatte. So gesehen gehörte ich an diesem
Spieltag auch zu den 3:1-Siegern von Fortuna
Düsseldorf. Obwohl ich 250 km vom Rheinstadion
entfernt war. Auch das ist Fußball. Und auch
wenn wir diejenigen sind, die heute drittklassig
spielen.
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