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Der Druck des Großen Kahn

 

„Kahn: Gehaltsgrenze unzeitgemäß

Bayern-Keeper Oliver Kahn kann die aktuelle Diskussion um eine Gehaltsobergrenze bei Fußball-Profis nicht verstehen. ‚Bei den heutigen Anforderungen an Spieler von Top-Klubs und dem permanenten Erfolgs- und Leistungsdruck kann ich für mich nur sagen, dass ich jeden Pfennig, den ich verdiene, gerechtfertigt verdiene.’ Die Forderung nach einer Begrenzung sei daher unzeitgemäß. ‚Nur wenn wir uns zurückziehen wollen auf tiefste kommunistische Zeiten, sollten wir über so etwas nachdenken’, sagte Kahn.

 

So steht es geschrieben im Videotext von SAT.1, Tafel 211.

 

Nachdem ich den Schwelbrand gelöscht habe, der dadurch entstanden ist, dass mir beim Lesen dieser Worte die Zigarette aus der Hand gefallen ist, komme ich trotz meiner Fassungslosigkeit jetzt langsam ins Grübeln.

„Zieht den Bayern die Lederhosen aus!“ haben wir jahrzehntelang gebrüllt. Nicht nur, weil dem Begriff „Vorzeigeclub“ damit eine völlig neue Dimension verliehen würde. Sondern auch des Elends wegen, das darunter vermutet wurde. Spätestens heute weiß ich: wir hatten Recht, aber mehr auf geistiger Ebene. Dreißig Jahre lang hat der Münchner Nobelclub die Bundesliga in die Langeweile gesiegt. Da wurden Spieler herangezüchtet, die unter „Elfmeter“ den Pegelstand ihres Bankkontos verstehen. Prompt geben sie jetzt, in Zeiten, in denen es so gar nicht läuft, Erklärungen ab, die nur noch mit jahrzehntelangem Kopfballtraining zu entschuldigen sind. Das siehst du falsch! sagt der Logiker in mir, Oliver Kahn ist Torwart, der trainiert keine Kopfbälle. Der ist einfach so blöd.

Zunächst einmal verwundert es mich nicht, dass bei den Bayern noch mit Mark und Pfennig bezahlt wird. Ist halt Bayern, die sind wahrscheinlich grad mal ein halbes Jahrhundert aus der Naturalienzahlung raus. Und wenn Kahn sein Gehalt, wie vor 50 Jahren, noch in Weißwürsten und ebensolchem Bier erhalten würde, wären solche Ausfälle verständlich, vielleicht sogar entschuldbar. Aber dieser Typ ist Nationaltorwart, Torwart des Jahres, Mannschaftskapitän und, wenn ich das mal richtig gelesen habe, BWL-Fern-Student (vielleicht sogar schon abgeschlossen, da bin ich überfragt). Und deswegen gibt’s für den keine Entschuldigung.

Herr Kahn: ich hoffe für Sie, dass Sie niemals zum Pflegefall werden. Bevor eine Krankenschwester auch nur einen Finger für Sie rührt, müsste sie erst mal in Vertragsverhandlungen über eine – verglichen mit Ihren Bezügen – 1000%ige Gehaltserhöhung treten. Was meinen Sie denn, was die für einen Leistungs- und Erfolgsdruck hat? Und Sie, Herr Kahn, was passiert eigentlich mit Ihnen, wenn Ihnen der Leistungs- und Erfolgsdruck zuviel wird und Sie versagen? Richtig, dann polieren Sie mit Ihrem noblen Bayern-Hintern die Ersatzbank oder Tribüne. Dann bekommen Sie keine Auflauf- und Siegprämien. Boah! Macht bestimmt 10% Ihres Millionengehalts aus. Die restlichen 90% kassieren Sie weiterhin, selbst wenn Sie nur zum „Bälleuffpumpe und Hütscheuffstelle“ (Danke, Uli Stielike!) eingesetzt werden. Schließlich hatte Ihr Team mit Thomas Berthold schon mal den bestbezahlten Golfer der Bundesliga-Vereinsgeschichte. Aber so ist das heutzutage: wenn du ganz oben stehst, dann lässt du die unten gerne mal wissen, wie man so über unsere Leistungsgesellschaft denkt.

Nehmen Sie sich ein Beispiel an Marco Bode: der hat letzte Woche gesagt (sinngemäß, das Zitat liegt mir nicht vor): dass er 2 Mio. im Jahr verdient (ob DM oder €, weiß ich nicht), sei eigentlich ein Witz, aber er wäre ja schön blöd, wenn er es nicht nehmen würde. Und das passt. Das würde ich akzeptieren, denn ich würde genau dasselbe sagen. Aber nein, der Herr Kahn muss das noch soziopolitisch verpacken, damit jeder weiß, was für ein belesener Hecht er ist. Ich da oben, du da unten – Pech gehabt. Bei so was kommt mir die Galle hoch!

Mein Vorschlag daher: Kahns Konten (so einer hat immer mehr als ein Konto, Auskunft darüber erteilt gerne ein gewisser Walter Leisler Kiep, der mit schöner Regelmäßigkeit auf einem seiner zahlreichen Konten noch ne Million von der CDU findet, von der er gar nicht weiß, wie die dahin gekommen ist), Kahns Konten also werden eingefroren, er kriegt ne 2-Zimmer-Sozialwohnung und ein vierjähriges Kind an die Hand, das er alleine erziehen darf, sowieso einen Leistungsbescheid von der Sozialhilfe, der deutlich macht, dass er arbeiten gehen muss, weil ihm sonst am Monats-10. das Geld ausgeht. Und dann lassen wir ihn mal machen, unseren großen Wirtschaftstheoretiker. Gott, wird der erstaunt sein. Mal gucken, welche Gehaltsobergrenze ein Oliver Kahn für alleinerziehende Mütter/Väter mit Nebenjob/Halbtagsarbeit vorschlägt. „Ich wusste gar nicht, dass man in Deutschland so wenig Geld verdienen kann“ – ich wette so oder ähnlich würde sein Fazit der ersten vier Wochen lauten.

Und komm mir jetzt keiner mit Formel I, Golf oder Tennis. Dass Fußballer im Vergleich zu denen „wenig“ verdienen, weiß ich auch. Aber es ist immer noch mehr als genug, so dass sich solche philosophischen Ausflüge in die Arbeitswelt für Fußball-Profis meiner Meinung nach verbieten.

Zum Schluss wird er noch richtig gesellschaftskritisch: das sei ja ein Rückfall in kommunistische Zeiten. Die Begrenzung von Spitzengehältern! Marx und Engels würden sich im Grab umdrehen, wenn denn da noch was zum Rumdrehen wäre, nicht nur Knochenstaub. Aber da merkt man ja, dass der Herr Kahn auch in der Schule bereits mehr damit beschäftigt war, irgendwelche Sonderverzinsungs-Angebote von Banken zu studieren, als seine Aufmerksamkeit dem Unterricht zu widmen. Herr Kahn, Kommunismus bedeutet, auf einen einfachen Level gebracht, dass alle gleich sind und daher auch alle dasselbe zur Verfügung haben. Das ist natürlich unmöglich, in jedem „kommunistischen“ Staat gab und gibt es Leute, die gleicher als gleich sind und den Begriff des „Kommunismus“ damit eindeutig ins Reich der Utopie verbannen. Der Mensch ist nun mal so. Einer muss immer an der Spitze stehen, um sein Ego zu befriedigen. Sieht man ja an Herrn Kahn. Die Krankenschwester, die alleinerziehende Mutter und der Spitzen-Sportler, der sich zur Not auch auf die Bank setzen kann und gar nix tun muss (außer 2x Training pro Tag) – sie alle müssten nach der kommunistischen Theorie das Gleiche verdienen. Und das, so Ihre Aussage, Herr Kahn, kann ja wohl nicht angehen. Das wäre ja wohl schwärzestes Mittelalter, so deute ich Ihre Gedanken, die Sie hier abgesondert haben. Prima Vorbild für unsere Leistungsgesellschaft, der Herr Kahn. Vielleicht sind diese Gehälter nicht zu ändern, auch ich kenne die Mechanismen des Marktes bzw. Geschäftes (schöne Definition für „Fußball“, nicht wahr?). Aber mir kann nie und nimmer jemand erzählen, dass diese Gehälter aus noch GERECHTFERTIGT sind. Und besonders nicht einer dieser Spitzenverdiener selbst. Das ist pure Arroganz. Und tut mir Leid, Ihr Bayern-Bewunderer, solche Aussagen würde ich vielleicht noch bei Michael Meier oder „Bei-der-nächsten-Kritik-trete-ich-aus-der-Nationalmannschaft-zurück“-BVB-Treter-Wörns erwarten  - aber mir fallen mindestens ein Dutzend Spieler oder Offizielle von Bayern München ein, die diese Aussage mit einem Lachen unterschreiben würde. Und das Recht zu solchen Aussagen haben sie sich nie und nimmer erarbeitet. Das ist dieses anerzogene bayerische Selbstbewusstsein, das mittlerweile eher so etwas wie Sendungsbewusstsein zu sein scheint. Ich bin da, also bezahlt mich gut, sonst seid ihr alles Kommunisten. Wenn ihr so’n Scheiß wie Krankenschwester, Schlosser oder Verkäufer lernen müsst, seid ihr doch selbst Schuld – nicht nur Michael Rummenigge konnte das perfekt, auch der heutige verhätschelte Bayern-Star, der sich noch nicht mal die Schuhe selbst putzen muss, hat diese Bayern-Philosophie bestens verinnerlicht.

Wobei ich nicht umhin kann, zum Abschluss noch ein weiteres Beispiel zu bringen. Giovane Elber kam mal wieder verspätet aus dem Weihnachtsurlaub, der FC Bayern hat ihm 25.000 € Geldstrafe aufgedrückt. Da meckert der noch rum: „Ich versteh gar nicht, was das soll, es weiß doch jeder, dass Brasilianer immer zu spät kommen!“ (hervorragend gekontert von Uli Hoeneß: „Deswegen weiß ja auch jeder, dass Brasilianer zahlen müssen“ – daher ausnahmsweise Daumen hoch für den Bull(i)terrier). Für mich jetzt schon einer der Sätze des Jahres. Und da der Giovane ja so ein sympathisches Vorbild ist, werde ich diesen Satz gleich nächste Woche mal auf meiner Dienststelle ausprobieren (Natürlich nicht mit „Brasilien“, sondern mit „Bonn“ – aber immerhin). Müsste ja eigentlich bei meinen Vorgesetzten Verständnis wecken, denn schließlich hab ich zwölf Jahre lang im Verein Fußball gespielt und kann daher auch eine stattliche Anzahl von Kopfbällen aufweisen.

Und somit hat der FC Bayern in Gestalt seines großen Gesellschaftsphilosophen Oliver „Sokrates“ Kahn mal wieder gezeigt, dass er absolut besser ist als alle anderen – nun, das mag sportlich stimmen, menschlich ist es ein absolutes Trauerspiel. Und ein gutes Beispiel, dass Typen, die jahrzehntelang mit Haaren vor den Ohren und im Nacken rumgelaufen sind, nicht auf einmal völlig unmotiviert zur Kurzhaarfrisur übergehen sollten. Da kommt nämlich zuviel Luft ins Hirn. Fragen Sie bei Gelegenheit mal bei Dauerpöbler Jancker nach, Herr Kahn.

Zum Schluss möchte ich mich aber noch korrigieren und mich anspruchsmäßig auf eine Stufe mit dem gesellschaftspolitischen Überflieger stellen: Herr Kahn, es tut mir Leid, dass ich am Anfang des Artikels behauptet habe, Sie wären blöd. Das war soziopolitisch nicht korrekt. Sie sind nicht blöd, Sie sind nur kognitiv suboptimiert.

 

Schönen Tach noch,

 

janus

copyright by janus 2003