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Von Hanswürsten und Betroffenen

 

Ich bin erleichtert. Einer meiner Lieblingstrainer, Frank Pagelsdorf, hat gestern dem 1. FC Köln abgesagt. Man habe in entscheidenden Fragen keine Einigung erzielt, hieß es lapidar. Dürfte bedeuten, dass der Pagel vernünftigerweise seine Gehaltsforderungen so hoch geschraubt hatte, dass selbst eifrigste Karnevalsjecken im Kölner Vorstand, die sich seit Donnerstag morgen (Altweiber) endlich wieder auch offiziell alles schöntrinken dürfen, nicht mehr so abstruse alkoholumnebelte Entscheidungen treffen konnten wie einst ein gewisser Klinikbesitzer beim FC Schlacke 04. Das hat der Pagel geschickt gemacht, denn zu einem Verein, bei dem die Spieler endlich mal die Wahrheit über die Übungsleiter sagen, würde ich auch nicht gehen. Wäre ja rufschädigend.

Es war am letzten Wochenende vor dem Spiel gegen Kaiserslautern. Da wurde Dirk Lottner, in letzter Zeit von Beruf einer derjenigen Arbeitsverweigerer in der Domstadt, bei denen dem anständigen, übers Arbeitsamt nicht mehr vermittelbaren Schwarzarbeiter Tränen der Empörung in die Augen schießen, gefragt, was sich mit dem neuen (Interims-)Trainer Christoph John, Spitzname „Die arme Sau“, ändern müsse. Und da sagte Lottner seinen für mich jetzt schon legendären Satz, den ich wörtlich nicht mehr zusammen bekomme, der aber sinngemäß lautete: Die Spieler stehen in der Pflicht, jetzt (jetzt!) die Ärmel hochzukrempeln und endlich wieder Tore zu schießen. Denn passieren  muss jetzt etwas, blablabla, usw., jahrelang vor dem heimischen Badezimmerspiegel geübte Phrasen laufen ab, aber dann: dabei sei völlig egal, ob der Trainer Christoph John oder Hans Wurst heiße. Ende der Durchsage. Na also, da haben wir es ja. Wobei die Kölner ja sowieso ein besonderes Verhältnis zu ihren Trainern haben. Ich erinnere mich da nur an Bernd Schuster. Der wurde weggejagt, weil er angeblich keine 2.Liga-Mannschaft trainieren könne. Sieht man ja derzeit in Spanien, da steht der Nichtskönner in der 2. Liga mit seiner Mannschaft in der Spitzengruppe. Aber was ist Spaniens 2. Liga gegen den 1. FC Köln. Ist halt an der Zeit, mal wieder einem aufstrebenden Trainer die Reputation kaputt zu machen, wie all den Schusters, Jerats und Engels’ zuvor. Als der John sein erstes Spiel im Pokal gegen Hertha BSC glücklich mit 2:1 gewann, da stand doch schon wieder in der Zeitung, dass ein neuer Christoph Daum gefunden sei, der jetzt mit dem kölschen Klüngel zu erstaunlichen Höhenflügen ansetzen würde. Übersehen wurde dabei, dass die Kölner das Spiel erst in der Verlängerung gewonnen hatten. Und zwar gegen eine Mannschaft, die derzeit einen ähnlichen Graupenfußball spielt wie die Balltreter aus Hochwasser-Town. In der Bundesliga sind dummerweise die ersten 90 Minuten entscheidend und in dieser Zeit hatten die Kölner auch in Berlin nix gerissen. Hat man wohl übersehen. Dann sagte Lotte seinen „Hans Wurst“-Satz und die Mannschaft bemüht sich seitdem, diese Aussage knallhart in die Wirklichkeit umzusetzen (0:1 gegen Kaiserslautern, 0:4 in Mönchengladbach). Motto: Egal, wer uns rumkommandiert, wir spielen beständig Scheiße. Wobei ich natürlich nicht hoffen möchte, dass sie mich morgen eines Besseren belehren und ausgerechnet beim HSV punkten. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Kölner also mit ihrem völlig unverkrampften Verhältnis zu ihren Trainern haben endlich mal ausgesprochen, was der Durchschnittskicker so vom durchschnittlichen Trainer hält. Und keiner, keiner, der 35 anderen Trainer der Bundesliga-Klubs hat widersprochen. Oder habe ich da was übersehen bzw. überhört bzw. überlesen? Auch kein Aufschrei der Betroffenheitsträger aus dem Vorstand der Clubs, die immer, bis 5 Minuten vor der Entlassung, hinter ihren Coaches stehen, bis sie endlich die Stelle gefunden haben, an der sie ihnen das Messer in den Rücken stoßen können. Das alles bringt mich auf den Gedanken, dass der Lottner mit dieser kurzen Analyse ins Schwarze getroffen hat. Die Trainer, Übungsleiter, Coaches, Vorturner sind die Hanswürste der Liga. Was sollen wir also noch mit ihnen? Sie sind die Qual allen Übels, die meist überschätzten Figuren des Fußballbusiness. Diese Gilde der Ballgelehrten prägt immer neue Fachbegriffe, die dann gleich ins Stammbuch der Fußballweisheiten oder ins Phrasenschwein eingehen und ab sofort von großer Gewichtigkeit sind. Früher musste das Runde ins Eckige, und das kapierte wirklich jeder. Dann kamen die Trainer, und alles Mögliche wurde erdacht, um den banalen Balltritt mit heiliger Wissenskunde zu weihen: Dreierkette, Viererkette, 4-2-4-Kette, Perlenkette, Raum- und Zonendeckung, Pressing, Paralleles Verschieben, Forechecking, kontrollierte Offensive, der Star ist die Mannschaft usw. usf. Warum all diese hochgeistigen Begriffe in eine Tätigkeit eingeführt werden, bei der 22 Spieler hinter einem Ball herrennen und sich einen Sport daraus machen, das für sie existierende Regelbuch möglichst unbemerkt vom bedauernswerten Leiter der Partie auszuhebeln, ist klar: all diese Klugscheißereien dienen unseren Übungsleitern neben einer wissenschaftlichen Aufpolierung ihrer Tätigkeit zugleich als Schutzschild: schließlich kann man dann hinterher in den Interviews immer so schön sagen, dass ein Außenstehender die Leistung seiner Lieblinge gar nicht beurteilen könne, wisse er doch nicht, welche genauen taktischen Aufgaben der Herr Ballbeweger mit auf den Platz genommen habe. Lienen war darin ein Meister, Gott Otto auch, aber der muss zur Zeit noch üben, seine schönsten Phrasen verständlich in Griechisch auszusprechen. Sogar einer meiner Lieblingsmanager, der Uli H. aus M., darf als Kronzeuge gegen die Trainerverherrlichung gelten: der sagte nämlich mal, auf die neue Taktik des FC Bayern im vorangegangenen Spiel angesprochen: „Taktik? Neue Taktik? Wenn ich das schon höre! Die rennen jetzt! Rennen müssen die, kicken! Der FC Bayern braucht keinen Trainer, der die Taktik macht. Er braucht einen, der das Ensemble bei Laune hält, der es zu Höchstleistungen treibt.“ Einen Gutelauneonkel also, der den Millionären Händchen hält, und das für das Gehalt eines Ottmar Hitzfeld (drei Millionen? Fünf Millionen?)! Für manche scheint also doch immer im Leben die Sonne, zumindest beruflich. Und was heißt beruflich? Dieses Anforderungsprofil an einen Bayern-Trainer erfülle ich auch noch. Also, was mache ich noch hier? Um Bayern-Trainer zu werden, brauche ich ja anscheinend keine Ausbildung an der Sporthochschule (dann kann man ja dem Marin nachträglich noch sein Gehalt kürzen wegen unzähligen unentschuldigten Fehlens beim Training in der letzten Saison), keine internationale Erfahrung, keine Erfolge!

Der Lottner hats doch auf den Punkt gebracht: wir brauchen keine Trainer! ( Der 1.FC Köln sowieso nicht, siehe oben) Sofort abschaffen, solche Leute! Spart man auch die teuren Abfindungen (z.B. Berti Vogts 1,5 Mios bei Leverkusen, Pagel 2,2 Mios beim HSV). Lasst die Spieler das doch mal alleine machen! Vielleicht mit einem Rotationsteamchef aus den eigenen Reihen. Sie wollen doch den Erfolg, sie wollen gutes Geld verdienen mit Siegprämien, und vielleicht spürt der ein oder andere neben dem Studium seiner Kontoauszüge sogar noch so etwas wie Spiellust in sich. Hoffen darf man: wechselte sich nicht einst Günther Netzer im Pokalfinale 1973 gegen (na? Richtig!) den 1. FC Köln selbst ein und erzielte auch gleich das entscheidende Tor? Dass das keine Nachahmer gefunden hat, verstehe ich bis heute nicht. Trainer sind so überflüssig und wissen das auch so genau, dass sie noch nicht mal widersprechen, wenn man sie Hans Wurst nennt. Dabei war der arme Christoph John als Ex- und-bald-wieder-Oberliga-Trainer derjenige, der am Dienstag in der 2. Halbzeit in M’gladbach an der Seitenlinie noch den größten Einsatz in der desolaten Kölner Truppe zeigte. Das wird jetzt natürlich gegen ihn ausgelegt. Tschüß, Herr John, spätestens übernächste Woche können Sie sich wieder Ihrer „U23“ widmen. Ich möchte wetten, dass es mehr Spaß macht.

A propos „unwidersprochen“: da fällt mir noch eine kleine Zeitungsmeldung ein, die ich unter der Woche am Rande gelesen habe: der ehemalige Geschäftsführer von Alemannia Aachen und ein ehemaliger Spielervermittler sind nach 20 Tage gesiebter Luft wieder aus der U-Haft entlassen worden. Man erinnere sich: die Herren waren im letzten Jahr am Transfer des australischen Spielers Mark Rudan nach Aachen beteiligt, bei diesem Transfer verschwand die Ablösesumme, 290.000 DM in bar (!!) in einem Aktenkoffer. Später kam dann heraus, dass Rudan ablösefrei wechseln konnte und er sich dieses auch für einen mittelmäßigen Fußballprofi nicht  zu verachtende Sümmchen mit den oben erwähnten Personen schiedlich-friedlich geteilt hatte. Er hatte tatsächlich gedacht, niemand aus diesem ostholländischen Provinznest würde mal „Down under“ nachfragen. Auf jeden Fall ein Skandal erster Güte. Hat irgendjemand auch nur ein einziges Statement der anderen 35 Profiklub-Vorstände zu dieser Affäre gelesen? Hat sich irgendjemand empört über diese Geschäftspraktiken, vielleicht der Uli, dessen FCB nach eigener Aussage „Die Moral in diesem Geschäft hochhält“ und Spielern, die vielleicht im nächsten Jahr an der Isar kicken, vorab schon mal 20 Mios überweist? Der Börsen-Guru M.M. aus BVB-Town, der Gesundheitsbulletins krebserkrankter Spieler in der Presse veröffentlicht, weil der Club „als börsennotierter Verein alles korrekt und seriös abwickeln“ möchte? Oder der Calli, der immer wieder betont, die große Bayer-Filiale in Brasilien mit ebensolchem Kapital habe nie, nie, nie etwas damit zu tun, dass seit Jahrzehnten in schöner Regelmäßigkeit brasilianische Spieler sich in den Katakomben der BayArena die Klinke in die Hand geben, sondern allein die sportliche Perspektive, endlich auch mal in Deutschland Vizemeister werden zu können? Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ich habe von gar niemandem auch nur irgendein Wort zu dieser Sache gehört. Warum nicht, dürfte jedem im heutigen Fußballgeschäft klarsein. Die Herren sitzen in ihren Kämmerlein und schütteln wahrscheinlich verzweifelt den Kopf über das Geschäftsgebaren von Alemannia Aachen. Verzweifelt deswegen, weil sie sich fragen, wie man so dämlich sein kann, sich dabei erwischen zu lassen. 2. Liga halt. Mit solchen amateurhaften Methoden und finanziellen „Peanuts“ halten sich die genannten Herren doch gar nicht erst auf. Und weil sie wissen, wie es bei ihnen im großen Maßstab läuft, halten sie auch schön den Mund. Nicht dass da so ein Staatsanwalt jetzt Blut geleckt hat und mal sehen will, obs bei den Multis ähnlich turbulent zugeht, wie bei dieser Provinzposse.

Eine Posse ganz besonderer Art habe ich übrigens letzten Sonntag in der Nacht beobachten können. Da lief in SAT.1 der SuperBowl. Zugegeben, mich interessiert American Football nicht, aber ich mag es, wenn nachts überhaupt noch irgendwas los ist. Und was da los war! In einer Viertelpause (ich hoffe, das war jetzt richtig mit den Vierteln) zeigte SAT.1 einen Auftritt der weltbesten Betroffenheitsbarden aus Irland, U2, die immer noch eilig überall dort auftreten, wo ein oder zwei Sack Reis umgefallen sind. Diesmal trällerten sie vor dem SuperBowl ihren 15 Jahre alten Song „Where the Streets have no Names“, während das Publikum ausrastete vor Begeisterung – vielleicht nicht unbedingt über die vier Möchtegern-Mutter-Teresas auf der Bühne, aber über die Namen aller Opfer des 11. September, die hinter U2 auf eine Videoleinwand projiziert wurden. Zum Ende des Auftritts, als diese Leinwand künstlerisch in sich zusammenfiel, dem Einsturz der WTC-Türme nachempfunden, war der Jubel am lautesten. Wie peinlich kann man eigentlich noch sein? Soll das „Trauer verarbeiten“ sein? Den Toten zujubeln, während eine Marschkapelle fröhliche Weisen schmettert? Das gabs bei uns auch mal, allerdings 1914, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Manche lernen wirklich nix dazu. Und U2 sind sich auch wirklich für nix zu schade. Und da hätte ich doch abschließend noch ne Anregung für sie, wenn sie mal wieder irgendwo ihre ehrliche Trauer ausdrücken wollen: der 1. FC Köln ist jetzt seit über 10 Stunden am Stück ohne Torerfolg in der Bundesliga. Liebe Kölner: packt am Sonntag in Hamburg noch anderthalb Stunden drauf! Das gefällt nicht nur mir, sondern könnte U2 auf den Gedanken bringen, dass der gemeine Kölner Fan jetzt mal ganz dringend ihre Unterstützung braucht. Und so könnte es schon beim nächsten Heimspiel passieren, dass diese moralischen Dauertrauerer auf der Baustelle in Müngersdorf ihr „Pride“ schmettern. Und das passt ja nun wirklich. „Stolz“ – auch in der 2. Liga, als Trotzreaktion der Fans auf das, was sich auch weiterhin auf dem Kölner Rasen abspielen wird. Ein interessanter Gedanke, wie ich finde.

Und lacht nicht, weil sich das Ganze so absurd anhört: vor dem letzten Heimspiel des HSV vor der Winterpause gegen Cottbus spielte Trainer Kurt Jara in der Kabine bereits Lieder von U2 auf einem Ghettoblaster. Der erste Schritt ist also getan. Obwohl: auch dazu braucht man keinen Trainer. Die „Play“-Taste hätte sicherlich auch der Platzwart noch gefunden. Aber auch Kurt Jara muss – wie alle Trainer – ja langsam mal seine Abfindung rechtfertigen, die er spätestens im nächsten Jahr erhalten wird.

Ein närrisches Helau (bzw. fairerweise „Alaaf“ hier in Bonn, aber das krieg ich noch nicht fehlerfrei über die Lippen) an alle Hanswürste der Liga und alle, die es werden wollen, sowie ein schönes (Fußball-)Wochenende wünscht:

 

janus

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