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Reformiert alles !!

 

Na, liebe Boarder – alle schon voll gespannter Erwartung auf den nächsten Sonntag? Der Tag, an dem wir unseren öffentlichen Aufruf, die Schüssel abzureissen, in die Tat umsetzen werden? Der Tag, an dem wir ebenso sicher, wie ich im Ottzät 1:0 für die Fortuna getippt habe, mit 0:3 verlieren werden? Der Tag, an dem jeder Hirni, der auch nur vergisst, einen Pfandbecher wieder zurückzubringen, laut Herrn Skalnik direkt als potentieller Dieb gebrandmarkt wird, aber andererseits sofort sagen kann, er wäre ja von Haus aus ein bisschen blöd und habe daher unsere Plakate ernst genommen? Kurz gesagt: einerseits steigt auch bei mir die Vorfreude auf dieses „Großereignis“, andererseits habe ich es so im Gefühl, dass wir danach so oder so die Ärsche sein werden. Warum also nicht mal kurz vor dem großen Tag fünf Minuten von was anderem reden? Ich habe mich daher mit der Tätigkeit abgelenkt, bei der ich mich am meisten aufrege: fernsehen. Endlich mal wieder aus ein paar Mücken einen Elefanten machen...

Ich wollte mir nämlich am Sonntag mal was für meine GEZ-Gebühren gönnen. Daher meine erste Wahl um 21.45 Uhr: Sport im Westen, WDR. Kurzer Bericht über den 1. FC „Und wir haben den Rekord – nuuuull Tore!“ Kleines Interview mit einem Kölner Arbeitsverweigerer, erkennbar am Samstag nach dem Spiel in Nürnberg aufgenommen, Spieler mit Sporttasche auf dem Rücken (90 Minuten angestrengter Leistung vorgaukelnd), Mannschaftsbus im Hintergrund.

Dann erscheint eine Einblendung am unteren Bildrand: Christian Sprenger, 1.FC Köln. Aha. Flugs das Kicker-Sonderheft zum Saisonstart durchgeblättert und gestaunt: kein Herr Sprenger im Kader des 1.FC „Wie steige ich völlig niveaulos ab?“ Kein Herr Sprenger überhaupt in irgendeinem Mannschafts-Kader. Schnell den Kicker zu Rate gezogen, in dem die Winterpausen-Transfers aufgelistet sind. Auch nix gefunden. Hurra, der WDR hat einen neuen Spieler erfunden. Nicht dass mich das irgendwie interessieren würde, wer denn nun beim 1.FC „In der Mannschaft steckt Substanz – Viel Spaß beim Suchen“ regelmäßig das Tor nicht trifft. Aber meines Wissens heißt der Knabe „Springer“. Bedenken ob dieser journalistischen Vorgehensweise kamen mir erst bei einem weiteren öffentlich-rechtlichen Beitrag ein knappes Stündchen später.

Denn um 22.30 Uhr kam auf N3 die regionale Sportsendung. Studiogast Dieter Burdenski, ehemaliger Torwartflieger u.a. bei Werder Bremen, heute beim selben Verein als Torwarttrainer beschäftigt und als solcher am letzten Samstag in den Schlagzeilen: da den Werder-Amateuren irgendwie die Torleute ausgegangen waren und das Spiel in Chemnitz leider nicht dem Wetter zum Opfer fiel, erklärte sich „Budde“ bereit, auszuhelfen, und als 51-jähriger (!) beim Auswärtsspiel gegen einen Aufstiegsfavoriten das Tor zu hüten. Es kam wie es kommen musste, Werder spielte gut, verlor aber 1:3, wobei 2 Tore ganz klar Burdenskis Schuld waren. Besonders den ersten, den er sich selbst reinwarf, hätte noch meine Oma rausgeköpft. Die Chemnitzer Fans nahmens mit Humor und feuerten über die gesamte Spielzeit nicht ihre Spieler, sondern den Dieter an. Aber der hätte sich noch zehn solcher Bälle reinwerfen können, mir bleibt er weiter als großer Torhüter in Erinnerung. Gedanken machen sollte sich da eher mal ein europaweit bekannter Verein, der es nicht schafft, in der immerhin dritten Liga einen vernünftigen Torwart zwischen die Pfosten zu stellen. Aber das nur nebenbei.

Der NDR hatte natürlich einen Bericht über das Spiel und Dieter Burdenski angefertigt. Er begann damit, dass der Werder-Bus beim Eintreffen auf dem ostdeutschen Plattenbau-Parkplatz vor dem Stadion gefilmt wurde, nebst entsprechendem Kommentar. Dann erschien in „Akte-X“-Manier auch hier eine Einblendung am unteren Bildschirmrand: „Samstag, xx Uhr, Chemnitz, Stadion an der Gallertstraße“ Und da wurde ich zum zweiten Mal stutzig.   

Da wollen wir doch mal sehen, wonach die Ossis so ihre Stadien bzw. ihre Straßen benennen.

Gallert, ein Wort lateinischen Ursprungs, ist eine zähe, undurchsichtige Masse, die entweder aus Gelatine oder durch Auskochen und anschließendes starkes Eindicken von Fleischsaft oder Knochenbrühe gewonnen wird und beim Erkalten erstarrt. Danach kann man schon mal ne Straße benennen, finde ich. Als kleine Schikane für alle die, die dort früher stundenlang umsonst beim Metzger anstanden, eine kleine, real existierende sozialistische Folter der Stasi, dieser Straßennname: seht mal her, das hättet ihr haben können, wenn ihr nur parteipolitisch korrekt wärt. Denn dann hättet ihr ja nicht anstehen müssen, sonst wärt frei Haus beliefert worden.. So sieht das anscheinend der NDR. Schließlich hieß Chemnitz auch mal Karl-Marx-Stadt. Denen ist ja alles zuzutrauen.

Der Regionalliga-Interessierte weiß natürlich längst, wovon die Rede ist: vom Stadion an der Gellertstraße. Passt auch irgendwie besser zu all den Goethestraßen, Lessingwegen und Schillerunterführungen, die es in diesem schönen Land gibt. Denn Christian Fürchtegott Gellert war ein deutscher Schriftsteller, *04.07.1715 in Hainichen/Erzgebirge, gestorben 13.12.1769 in Leipzig. Dort war er seit 1745 Professor für Poesie, Beredsamkeit und Moral, ein führender Vertreter der pietistischen Aufklärung. Nach dem könnte man schon eher eine Straße in Chemnitz benennen, oder?

Wen das interessiert? Keine Ahnung. Mich interessiert bei beiden Beiträgen nur eines: zwei für mich erfreuliche Nachrichten (Köln mal wieder ohne Tor, Bremen (A) verlieren und bleiben mit nur 28 Punkten und einem Spiel mehr durchaus noch in Fortuna-Reichweite) wurden durch dilettantische Einblendungen ziemlich unseriös. Und mit Zeitmangel kann mir das auch keiner erklären, wie gesagt, beide Beiträge wurden Samstag gefilmt und beide Sendungen waren Sonntag abend. Vielmehr zeugen diese Beiträge für mich von einem ziemlichen Desinteresse und schlampiger Recherche. Und wenn sie schon einen Beitrag über den 1.FC „Wenn wir keinen Trainer finden, dann nehmen wir halt einen Funkel“ und über den Chemnitzer FC bringen, dann würde ich auch gerne mit anständigen Fakten versorgt werden. Ansonsten kann ich mir das sparen. Daher Daumen hoch für die oberflächlichste Berichterstattung, die ich seit langem erleben durfte.

A propos oberflächlich: da muss ich doch glatt nochmal zu den Olympischen Winterspielen abschweifen und zu meinen Freunden aus den USA. Hat jemand die Abschlussfeier gesehen? Nein, diesmal haben sie nicht U2 auftreten lassen, die ihr Bedauern über alle potentiellen Dopingsünder, die noch erwischt werden und deren Namen auf  der großen Anzeigetafel eingeblendet wurden, zum Ausdruck gaben. Nein, es geht mir um was anderes.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt, als grad alle Sportler fähnchenschwingend im Stadion einliefen (wann es genau war, weiß ich nicht mehr), wurde eine Musik gespielt, eine Gitarrenmelodie, die dem ein oder anderen vielleicht bekannt vorkam, und die wohl ausgewählt wurde, weil sie doch einigermaßen mitreißend war und „gut abging“. Auch ich habe sie aus alten Tagen erkannt, es war die Melodie aus dem Lied „Run like Hell“ von Pink Floyd, zu erhören auf der LP „The Wall“. Und so was spielen die beim Einmarsch der Sportler zum friedlichen Abschiedsfest! Falls der ein oder andere auch den Film „The Wall“ gesehen hat (geniales Teil, früher hab ich den mit besoffenem Kopf sogar verstanden, heute hätte ich da wohl etwas mehr Schwierigkeiten), ist auch bekannt, welcher Abschnitt in der Vorstellung des unglücklichen Hauptdarstellers mit diesem Lied eingeläutet wird: nämlich dass er Kopf einer Neo-Nazi-Schlägertruppe wird, die prügelnd und vergewaltigend durch die Straßen zieht, um „für Ordnung zu sorgen“. Daher handelt der Text dieses Liedes auch nicht vom friedlichen Miteinander der Völker, sondern ist eine Warnung an die Unterdrückten. Wenn ich mal kurz eine Passage zitieren darf:

„You better run all day and run all night,

and keep your ‘dirty’ feelings deep inside.

And if you’re taking your girl-friend out tonight

You better park the car right out of sight.

‘Cause if they catch you in the back seat, trying to pick her locks,

they’re gonna send you back to mother in a card-bord box –

You better run!”

Nebst entsprechenden Szenen im Film. Viel Spaß beim Übersetzen. Ein schönes Beispiel, dass Melodie und Text nicht immer unbedingt eine Einheit bilden. Wer je das „Schlaflied“ von den „Ärzten“ gehört, wird wissen, was ich meine. Also, ich habe langsam den Eindruck, die Gemütsverfassung der meisten Amerikaner ist mit dem Schlagwort „naiv“ sehr wohlwollend umschrieben. Ich warte nur darauf, dass bei denen auf der nächsten Beerdigung eines Präsidenten mal was Ordentliches wie „Verpiss dich“ oder ähnliches Kulturgut gespielt wird. Unmöglich. Ich weiß, ich weiß, Korinthenkackerei – aber ansonsten ist mir von der Abschlussfeier wirklich nix Erwähnenswertes im Gedächtnis geblieben.

Und das bringt mich natürlich sofort auf Bayern München. Nicht weiter erwähnenswert auch die beiden Auftritte unsere bajuwarischen Asse in der Zwischenrunde der CL gegen Boavista Porto. Außer vielleicht das: Schafft den Scheiß endlich ab!  Man stelle sich das mal vor: Hinspiel in Porto. Es erscheint der amtierende CL-Sieger und Weltpokalsieger. Bei aller Antipathie meinerseits gegen die Bayern – kann in der CL etwas Besseres zum Heimspiel auflaufen als der Titelverteidiger? Wohl kaum. Boavista hat ein kleines Stadion, das wird grad umgebaut. Aber für den Titelverteidiger müssen die noch nicht mal in ein größeres Stadion umziehen! Noch besser: in das Stadion passen momentan grad mal 12.000 Zuschauer – und selbst die waren nicht da! Es war nicht „ausverkauft“. Ist doch das beste Zeichen dafür, dass das wirklich keinen interessiert.

Ich habe übrigens nach zehn Minuten abgeschaltet. Da drang ein Boavista-Spieler in den Bayern-Strafraum ein, wurde von Kovac korrekt weggegrätscht, der Ball rollte Richtung Torauslinie, wo Sagnol seinen Gegenspieler ganz klar unkorrekt mit ausgestrecktem Arm wegrempelte. Da es keinen Elfmeter gab, zeigte der portugiesische Regisseur die Szene 5 mal wutentbrannt in Zeitlupe, bis der RTL-Reporter so richtig schön mit „Ich-bin-jetzt-patzig“-Kleinkinderstimme sagte: „Der kann uns das noch hundert Mal zeigen, ich erkenne da immer noch keinen Regelverstoß.“ Glückwunsch für die Bayern-Brille! Da konnte man nur noch abschalten. Genau das habe ich auch beim Rückspiel gestern nach nur 5 Minuten gemacht. Die Grabesstille, die im Stadion während des Spiels herrschte, lies mich vermuten, bei einer anderthalbstündigen Schweigeminute gelandet zu sein, und das wollte ich mir nicht antun. Es interessiert einfach keinen! Also reformieren. Aber schleunigst!

Man sieht, dieser Artikel stand ganz im Zeichen der Reformen: dem WDR/NDR mal ein paar Reporter, die sich mit ihren Berichten wenigstens mal ansatzweise beschäftigen, den Amis mal ein bisschen Hirn, der UEFA mal die Einsicht, dass Fernsehgelder nicht jede Fußball-Folter rechtfertigen und dem 1.FC „Wir haben den Ernst der Lage erkannt,  spielen aber trotzdem Scheiße“ am Samstag mindestens 45 Minuten ohne Tor. Denn dann haben sie die Bestenlisten der Bundesliga ebenfalls reformiert: nicht nur als Mannschaft mit der längsten Spielzeit ohne eigenes Tor, sondern das ganze zum ersten mal auch vierstellig! Das hätte was.

So, und jetzt wünsche ich noch viel Spaß beim Spiel der Spiele. Und bitte dran denken: jeder, der vorsätzlich seine Eintrittskarte mit nach Hause nimmt, ist ein Dieb! Diese Karten, ordnungsgemäß in den Stadion-Mülleimern entsorgt, werden nämlich in der nächsten Woche zu Telefonnotizzetteln recycelt, die der Geschäftsstelle anscheinend schon vor einiger Zeit ausgegangen sind. Dann klappt’s auch wieder mit dem Weiterleiten so nebensächlicher Informationen wie der Absage eines Spiels. Also: Karten wegschmeißen für Fortuna!

 

Schönes (Fußball-)Wochenende wünscht

 

 janus

 

 

 

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