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Zwei
Stühle, eine Meinung:
Olli und Effe erklären
die Soziale Marktwirtschaft
Ja
hurra! sag ich. Endlich mal was Neues vom FC
„Dritter ist doch auch schön“ aus
Bazi-Land. Ich wusste doch, die können gar
nicht nur Scheiße spielen – wenn die
mal so richtig schlecht sind, dann müssen
wenigstens die anderen auch bluten.
Am
Dienstag waren es die Arbeitslosen. Da gab der
beste Regisseur der Welt, der Mann der
filigranen Technik, der Spieler, der im
Treter-Spiel gegen den BVB in der letzten Saison
Evanilson einfach mal vorsichtshalber
wegcheckte, um (Zitat) „Mich vor seinem
eventuell kommenden Tritt zu schützen“, also
kurz: Herr Effenberg ein Interview. Und zwar
nicht irgendeiner Zeitschrift, sondern
derjenigen, in der Interviews mit solchen
vermeintlichen Größen immer stark beachtet
werden, da schließlich diese Interviews der
einzige Grund sind, warum Mann sich diese
Zeitschrift kauft
Der Kenner weiß natürlich längst, dass damit
der Playboy gemeint ist. Also der
Zeitschrift, die immer so nett demonstriert, wie
arm dieses Land eigentlich ist, in dem junge Mädels
noch nicht mal was zum Anziehen haben. Und da
entwickelte Herr Effenberg mal wieder einige
staatspolitische Ansichten.
Der
gelernte Postbote fordert, dass die
Arbeitslosenunterstützung auf ein Minimum
herabgesetzt werden solle, Zitat „weil viele
vom Arbeitslosengeld offensichtlich so gut
leben, dass sie keine Lust haben, morgens früh
aufzustehen und bis in die Abendstunden zu
buckeln – nur, damit sie am Ende des Monats
schlappe hundert Euro mehr auf dem Konto
haben.“
Außerdem
könne er als stolzer Deutscher nicht verstehen,
warum er auf ein Land stolz sein soll, in dem er
56 % Steuern zahlen müsse und das Land trotzdem
in der europäischen Wirtschaftsbilanz ganz
hinten liege.
Das
bringt dem Effe außer einem Eintrag in die
Poesiealben sämtlicher Arbeitgeberverbände nun
natürlich auch ein wenig Kritik. Wie weltfremd
muss dieser Typ sein, der 5 Mio Euro pro Jahr
verdient und sich dann über Arbeitslose
aufregt? Ich wäre viel stolzer auf mein Land,
wenn in selbigem Leute leben würden, die das
mit der freien Meinungsäußerung nicht ganz so
wörtlich nehmen würden. Aber bitte, nehmen wir
Herrn Effenzwerg ruhig wörtlich: viele können
also vom Arbeitslosengeld gut leben? Sicherlich
gibt’s da ein paar. Aber woher kennt der Effe
die? Hängen die immer beim Training des FCB
rum? Kann ich mir nicht vorstellen, bei denen
werden Arbeitslose doch bestimmt standrechtlich
erschossen, damit man stolz verkünden kann, im
Land herrsche wieder Vollbeschäftigung. Kennt
der überhaupt einen Arbeitslosen? Achja, laut
BILD von heute seinen Bruder. Also, Effe: nur
weil dein Bruder keine Lust hat, zu arbeiten,
musst du das nicht zwangsläufig auf 4,3 Mio
andere Menschen in diesem Land übertragen.
Verallgemeinerung nennt man so was. Für mich
sind ja auch nicht alle Fußballprofis Arschlöcher,
nur weil du andauernd so einen Dünnpfiff erzählst.
Andererseits
macht der Effe ja schon seit Jahren vor, wie
man’s macht – Eigeninitiative! Denn der Effe,
der ackert richtig für sein Geld, der packt
auch da an, wo’s richtig weh tut. Vor allem
den anderen. Da wird arbeitsloser Abschaum schon
mal mit Händen und Füßen aus der eigenen
Toreinfahrt gejagt und so’ne blonde Schlampe,
die sich in der Stammdisco frech in den bis
dahin unbesetzten Stammsessel unseres
Wirtschaftsgenies setzt, locker aus selbigem
rausgehauen. Da sollten sich Arbeitslose mal ein
Beispiel dran nehmen!
Ach
ja, Effi, und das mit den 56% Steuern und dem
Land am Ende der Wirtschaftsbilanz (das hast du
übrigens ganz toll fehlerfrei aus der BILD
abgeschrieben, unter „Wirtschaftsbilanz“
verstehst du doch höchstens den Jahresabschluss
deiner eigenen Konten) – wenn du in diesem
Land so viel verdienst, dass du 56% Steuern
zahlen müsstest, und du tust das auch noch,
dann hast du entweder den falschen Steuerberater
(dein Eheweib, nicht wahr?) oder bist
unglaublich dämlich. Dieses Land steht nämlich
unter anderem deswegen so schlecht da (wie
gesagt: nur unter anderem), weil die anderen
Spitzenverdiener im Lande außer dir eben keine
56% Steuern zahlen. Der DaimlerChrysler-Konzern
zahlt – überspitzt ausgedrückt – in fünf
Jahren soviel Steuern wie die Kassiererin vom
ALDI in einem Jahr. Der Siemens-Konzern kassiert
im Jahr soviel Subventionen, dass er, wenn man
das mit seiner Steuerzahlung aufrechnet, als
Sozialhilfefall gilt. Und ausgerechnet du, der
du seit Jahren im Geschäft bist, möchtest der
staunenden Leserschaft weismachen, dass du brav
abdrückst und kein einziges Steuersparmodell
ausnutzt? Na, da hab ich schon mal mehr gelacht.
Aber du bist ja in bester Gesellschaft.
Vorletzte Woche hat der Pitbull der Liga, Oliver
Kahn, wieder zugebissen. Als die
„Kirch-Krise“ durch die Kirch-hörige Presse
zur nationalen Katastrophe
hochsterilisiert...stilisiert...ähm,
aufgebauscht wurde und öffentlich tatsächlich
die Rede davon war, dass die Fußballprofis bei
ihren Gehältern dann eben mal Kürzungen
hinnehmen müssten, da kam der studierte
Betriebswirt Olli und sagte knallhart: Nix da,
ich poche auf jeden Cent, der mir laut Vertrag
zusteht! (na
ja, er sagte „Pfennig“, aber er ist halt
immer noch nicht so weit, und in Tadschikistan,
oder wo er sein Geld vor den 56-%-Haien
versteckt, ist die DM wahrscheinlich immer noch
offizielles Zahlungsmittel)! Denn der Olli, der
ein oder andere ältere User mag sich an einen
ähnlichen Beitrag zu Beginn des Jahres
erinnern, er verdient nun mal jeden Pfennig
gerechtfertigt. Bei all dem Druck, den er doch
so hat. Da der Olli allgemein sagte, er würde
jeden Pfennig aus seinem Vertrag einfordern, und
nicht jeden Pfennig aus seinem Vertrag bei
Bayern München, kann man davon ausgehen, dass
er, wenn er bei kleineren Klubs spielen würde,
die nach Ausfall der Kirch-Millionen wirklich
ins Schlingern geraten, diese dann mit seinen
Gehaltsforderungen locker in den Ruin treiben würde.
Auch ein ganz soziales Kerlchen, unser Beißer.
Aber auch seine humanistische Einstellung kann
nicht verhindern, dass mir jedes Mal übel wird,
wenn einer dieser Gestalten den Mund aufmacht,
weil sie sich für so wichtig halten, dass sie
auch mal zu Dingen Stellung nehmen möchten, von
denen sie wirklich keine Ahnung haben.
Übrigens
fänd ich das ne Klasse-Idee, wenn der
Steuerzahler die Kirch-Zeche (Kirch-Motto: wenn
du eine Mio Schulden hast, hast du ein Problem;
wenn du eine Mrd Schulden hast, hat deine Bank
ein Problem) bezahlen müsste. Klar, sponsern
wir mit unseren Steuergeldern die Fußball-Bundesliga!
Dann dürfte ich nämlich auch den Effe endlich
als „Sozialschmarotzer“ bezeichnen. Und das
wäre es mir wert.
Zum
Schluss noch ein unglaublicher Skandal: da gucke
ich gestern nichtsahnend Fernsehen, auf einmal
kommt ein Werbespot mit Olli Kahn. Allein das
sollte schon mal verboten werden, ich bin vor
Schreck fast aus dem Bett gefallen. Es handelt
sich um einen Werbespot für den allseits
beliebten, wahrscheinlich heimlich von
Deutschlands Zahnärzten gesponserten, zuckersüßen,
klebrigen Schokoriegel „Lion“. Gezeigt wird
eine Szene, in der ein gegnerischer Stürmer zum
Elfmeter antritt und der Olli einmal in den
Riegel beißt, woraufhin der Stürmer
verschreckt das Weite sucht. Mal abgesehen von
der Tatsache, dass ich als Stürmer den
Pettersson genommen hätte, der wär nämlich
nicht weggelaufen, sondern umgefallen, macht das
ganze doch lustiger: hat sich noch niemand über
diese unglaubliche Gegnerverhöhnung beschwert?
Da
der moderne Mensch aufgrund dämlicher Produkte
und noch dämlicherer Fernsehsender
sprachtechnisch gesehen mittlerweile als
Halb-Engländer gelten kann, wird ja wohl jeder
das Wort „Lion“ ins Deutsche übersetzen können.
So – und gegen wen spielt die deutsche
Nationalmannschaft bei der WM ihr erstes
Gruppenspiel?
Richtig, gegen Kamerun, die
Technikertruppe mit dem lustigen Hampelmann an
der Seitenlinie. Und wie, bitte schön, ist der
Spitzname von Kameruns Nationalmannschaft? Eben!
Da beißt der Olli also lässig einen Löwenkopf
ab und alle finden das gut! Ausländerfeindlich?
Verhöhnung des Gegners? Oder muss der Olli sich
vor dem ersten Spiel auf altbekannte Tugenden
besinnen und sich da Mut anbeißen, wo
sich andere Mut antrinken? Eine höchst
fragwürdige Werbung, meiner Meinung nach...
Übrigens
kam eben die Meldung, dass Ottmar Hitzfeld den
Effe wegen seiner umstrittenen Äußerungen über
Arbeitslose aus dem Kader für das morgige Spiel
genommen habe. Er hatte wohl vergessen, bei
seiner Aussage hinzuzufügen, dass er mit den
„Arbeitslosen“ nur die Tribünenhocker beim
FC Bayern gemeint hatte. Klar, bei deren
Grundgehältern würde ich auch nicht für
schlappe hundert Euro Auflaufprämie richtig
buckeln.
Schönes
Fußball-Wochenende,
janus
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