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Deutschland
Nachlese
Und
ich sage: Glückwunsch, Deutschland, zur
Vize-Weltmeisterschaft! Ja, ich kann mich über
so einen „Titel“ noch freuen, ich komme ja
auch nicht aus Leverkusen. Natürlich hätte
auch ich es lieber gesehen, wenn wir die
arroganten Brasilianer im Finale schwindlig
gespielt und 3:0 geschlagen hätten – aber man
muss auch die völkischen Dimensionen sehen:
hierzulande sind 76 Mio. Menschen betrübt,
haben das Ganze aber in zwei Wochen wieder
vergessen, weil hierzulande ein zweiter Platz
eben nichts gilt. In Brasilien wären 170 Mio.
Menschen für die nächsten 4 Jahre
orientierungslos von einer Favela zur nächsten
geirrt, hätten den Karneval abgesagt und (wie
üblich in Südamerika) die Regierung für das
Scheitern ihrer Elf verantwortlich gemacht. Da
ist es so rum doch wesentlich friedlicher, auch
wenn uns das in den nächsten Tagen sicherlich
nicht unbedingt zu trösten vermag.
Aber
ich sage: wir können stolz sein auf unsere
Mannschaft, ach was, auf unser Land! Bei dieser
Truppe war doch vor der WM nur gefragt worden,
gegen wen wir uns zuerst blamieren,
Saudi-Arabien oder Irland. Winnie Schäfer
erhielt doch als Trainer eines unserer Gegner
(welch ein Frevel!) nur nicht deshalb
automatisch Arbeitsverbot in Deutschland auf
Lebenszeit, weil die Fußballkenner sich einig
waren, dass das letzte Gruppenspiel gegen
Kamerun eh nur noch Schaulaufen sein würde,
nach dem unsere Mannschaft am besten gar nicht
mehr Hause kommen, sondern in China direkt
politisches Asyl beantragen würde. Und dann kam
alles ganz anders! Ein Hoch auf unsere
Mannschaft!
Ein
Hoch aber auch auf unser Land! Wir sind wieder
wer! Was haben wir in diesem Jahr nicht alles für
Nackenschläge wegstecken müssen! Wir waren
doch am Boden! Letzter in der wirtschaftlichen
Entwicklung in Europa in diesem Jahr, quasi ein
Entwicklungsland, was selbst Diplom-Ökonomen
wie Herrn Effenberg auffiel. Dafür haben wir
immerhin mit das beste soziale Netz in
Deutschland, das selbstverständlich nur von
Schmarotzern ausgenutzt wird, was selbst
Diplom-Arbeitsvermittlern wie Herrn Effenberg
auffiel. Das tat weh. Aber es kam noch dicker:
in der sogenannten PISA-Studie kam dann endlich
das heraus, was einige von uns wohl schon länger
vermutet hatten: dass der Durchschnitts-Deutsche
anscheinend über relativ wenig
Durchschnitts-Verstand verfügt. Wer die
heutigen kulturellen Gepflogenheiten des
Durchschnitts-Deutschen kennt, Ballermann,
Club-Urlaub Antalya, Explosiv, Exklusiv, Taff,
GSZS, Marienhof, das ganze garniert mit einer
Prise Ectasy oder Koks, abhängig von Alter und
Einkommen, den wunderte dieses Ergebnis nun
wirklich nicht, aber diesmal war es eine ganz
offizielle, mehrere Mio. € teure Studie, und
alle anderen europäischen Länder bekamen das
aufs Butterbrot geschmiert, was man bei jeder
Bus-, Straßenbahn- oder U-Bahnfahrt am
Wochenende in einer beliebigen deutschen Großstadt
bereits kostenlos ahnen konnte.
Deutschland
am Boden! Aber wir bekamen noch eins drauf,
Platz Zwanzig-und-irgendwas beim großen
deutschen Traditionswettbewerb, dem Grand Prix
Eurovakuum de...ach, was weiß ich, den Begriff
bekommt man noch nicht mal nüchtern fehlerfrei
über die Lippen. Eine ganze Nation zerreißt
sich das Maul über die Sanges- und Komponierkünste
einer blinden Sängerin und deren Komponisten,
der beim Aufschreiben der Noten zumindest schon
eine gewisse Hirnschwäche gezeigt haben dürfte!
Dass wir bei diesem Wettbewerb mit Ausnahme
einer Öko-Göre vor zwanzig Jahren noch nie was
gerissen haben, interessierte mal wieder keinen.
Deutschland mit dem Standard-Platz
Zwanzig-und-irgendwas in diesem Jahr, das war
das Erschütternde! Und dann die WM – das
konnte ja nur schief gehen. Und dann ging es
doch verdammt gut.
Natürlich
hatten wir unsere Helden. Oliver Bierhoff zum
Beispiel. Da kamen zum 1. Gruppenspiel die
Saudi-Arabier, angekündigt als die
„Brasilianer des afrikanisch-asiatischen
Raumes“. Als das Spiel vorbei war, war allen
klar: wenn das die „Brasilianer...“ usw.
waren, dann ist Jürgen W. Möllemann der Dalai
Lama der FDP. So ein 8:0 gegen einen OPEC-Staat
kann natürlich auch so seine Folgen haben...
– schließlich hatten die uns Anno ’73 schon
mal den Ölhahn zugedreht, und das, ohne dass
wir eines ihrer Mitglieder sportlich derart
gedemütigt hatten. Aber dann gerieten die
Multis ins Grübeln: Öl entsteht doch aus
Fossilien. Und der Rudi Völler wechselt
nicht nur mit dem Oliver Bierhoff solch
ein Fossil ein, sondern der schießt auch noch
ein Tor! Beste Werbung für das Öl also, so
dass die Multis hier noch mal Gnade vor Recht
ergehen ließen. Glück gehabt, danke Olli! Und
die Frisur saß auch noch...
Nach
dem zwischenzeitlichen Durchhänger gegen Irland
gab’s dann den großen Kampf gegen Kamerun. Da
die aber einen Trainer haben, dessen Ex-Team
Karlsruhe vor 10 Jahren zwar 7 Tore gegen den
damaligen spanischen Spitzenreiter Valencia
schießen konnte (deren Trainer damals übrigens
ein gewisser Guus Hiddink...), dessen neues Team
von verwöhnten, weil in der Heimat vergötterten
Großverdienern aber nicht in der Lage war,
gegen zehn zunächst recht verunsicherte
Deutsche auch nur eine einzige Bude zu machen,
war das Weiterkommen ins Achtelfinale perfekt.
Dort
kam Paraguay mit Roque Santa Cruz. Man munkelt,
nach 20 Minuten habe die Gichtgestalt des
deutschen Fußball auf der Tribüne zum Santa
Cruz nur kurz die Geste des Vertragszerreißens
gemacht, und zack, verletzte sich der Stürmer
des FC Bayern, wobei er sich nach eigener
Aussage zur Auswechselung „beraten“ ließ,
und zwar von seinem Clubkameraden Thomas Linke.
Kann mir schon vorstellen, wie das Gespräch
abgelaufen ist...da wurde wohl die ein oder
andere Blutgrätsche beim Trainingsauftakt mit
anschließender Verletzung und Stammplatzverlust
in Aussicht gestellt. Zu was hätte man den
Grobtechniker Linke auch sonst mitnehmen sollen?
Jaja, die Deutschen, sie arbeiten mit allen
Tricks...
Dann
wurde es jedoch brenzlig: Viertelfinale gegen
die USA, the very finest country of the very
finest people, mit dem wir durch den
Bundeskanzler-Schwur vom 11. September in
„Uneingeschränkter Solidarität“, abgekürzt
US, verbunden waren. War das eine brenzlige
Sache, als der Ossi Ballack in alter
Klassenkampf-Manier den Kapitalisten noch vor
der Pause eins
einschenkte! Der Kanzler sah wohl schon die GIs
anrücken, als Vergeltungsmaßnahme für diese
ungeheuerliche Provokation. In Amerika sind
Leute schon für weniger erschossen worden! Da
hat er dann den Rudi in der Halbzeitpause
angerufen und gesagt, im Interesse der
nationalen Sicherheit sollte das Team jetzt
etwas kürzer treten. Und der Rudi hat’s auch
pflichtgemäß an die Mannschaft weiter gegeben,
die sich in der 2. Halbzeit auch alle Mühe gab,
entsprechend zu spielen, nur der Olli Kahn, der
war in der Halbzeit auf dem Klo, tja, Pech
gehabt, Mr. Bush, wegen einer Pinkelpause lohnt
sich nun wirklich kein Krieg, sonst hätten vor
zwei Jahren schon die Türken in unserem Land
gestanden, als Prinz Ernst-August auf der EXPO
demonstrierte, wie man eine türkische
Betonmauer beim Freistoß aufweichen kann. Also
waren die USA raus, konnten aber sagen, sie hätten
toll gespielt, und die restliche europäische
Presse konnte – die Engländer voran – mal
wieder geschlossen über die Deutschen
herfallen. Friedvolle Einigkeit in Europa –
auch ein Verdienst unserer Mannschaft, das man
in heutigen Zeiten gar nicht hoch genug bewerten
kann!
Zumal
man die Tommies eh nur bemitleiden kann, wer
solche Spieler wie David back home oder David
Sea-mlich-bedröppelt-man in seinen Reihen hat,
der muss einfach ablenken. Hat wahrscheinlich
doch etwas mit Minderwertigkeitskomplexen zu
tun, da drüben. Da haben sie uns im 20.
Jahrhundert zweimal ordentlich in den Arsch
getreten, und trotzdem stehen wir immer vor
ihnen. Sie sei ihnen also gegönnt, ihre
deutschlandfeindliche Presse, da hab ich
wenigstens immer gut was zu lachen. Wobei ich
mich schon manchmal frage, welche Beruf diese
Leute schwänzen. „Journalist“ kann es ja
wohl kaum sein.
Aber
dann das Halbfinale! Der Held! Der Superstar!
Mit einem Wort: der Ballack! Kassiert erst seine
zweite Gelbe und ist damit automatisch für’s
Finale (oder Spiel um Platz 3, zu diesem
Zeitpunkt stand es noch 0:0) gesperrt. Setzt der
sich hin und heult? Haut der vor Wut den Ball
weg und kassiert auch noch Gelb/Rot? Nein, der
Ballack geht hin und schießt drei Minuten später
das Goldene Tor. Da kann man doch nur sagen:
Toll! So bedankt sich einer aus der Zone für 7
Jahre Solidaritätszuschlag! Nicht verzweifeln,
anpacken! Ein Vorbild für alle!
Tja,
und heute im Finale leistete sich Olli Kahn den
einzigen Patzer des Turniers, leider war es der
entscheidende. Hätte er sich doch eine solche
Kirsche gegen Saudi-Arabien eingefangen! Uns hätte
es nicht gejuckt und die Ehre der Saudis wäre
wieder hergestellt gewesen, so dass wir nicht über
den Umweg Bierhoff...aber siehe oben.
Ich
sage: scheißegal! Und auch wenn ich persönlich
mit der „Identifikationsfigur“ Kahn
ziemliche Probleme habe, so kann ich nur
anerkennend sprechen: eine tolle Turnierleistung
von ihm, und Fehler kann jeder mal machen.
Zumindest scheint er bei diesem Gegentor vor
Schreck endlich mal den Kaugummi verschluckt zu
haben, den er seit 4 Wochen ununterbrochen malträtiert
hat. Beim anschließenden Interview war
jedenfalls nichts mehr davon zu sehen. Ein guter
Schritt Richtung Besserung, Herr Kahn.
Nur
eins stößt mir sauer auf: diese idiotische
Diskussion darum, ob man es sich erlauben kann,
stolz auf Deutschland zu sein, wenn man ein
entsprechend farblich bedrucktes Fähnchen
schwingt. Das ist wirklich so was von armselig.
Zum einen gehen mir die Leute auf den Keks, die
sagen, dieses Fähnchenschwenken wäre politisch
nicht korrekt und zur Zurückhaltung mahnen. Da
jedoch bei denen, die wie ich nichts dagegen
haben, sich als Deutsche zu outen, immer wieder
genug Spinner dabei sind, die direkt „Ich bin
stolz, ein Deutscher zu sein!“ brüllen müssen,
bin ich von dieser Seite eigentlich auch wenig
beeindruckt. Beide Seiten wären gut beraten,
etwas Mäßigung in diese Diskussion zu bringen.
Oder sie erst gar nicht öffentlich anzuzetteln,
interessiert doch wirklich keinen toten Fisch,
ob ich als stolzer oder betrübter Deutscher
mein Fähnchen schwenke und mitfiebere. Aber das
zeigt, dass es in diesem unserem Lande
anscheinend keine großartigen Probleme geben
kann, wenn man sich an solchen Lappalien
hochziehen kann.
Und
so freue ich mich über die
Vize-Weltmeisterschaft fast genauso, wie ich
mich über den Titelgewinn gefreut hätte. Und
ich will lieber nicht darüber nachdenken, ob
ein Land den WM-Titel verdient gehabt hätte, in
dem es nach dem Halbfinale in Essen, Düsseldorf,
Mannheim, Saarbrücken und Heilbronn zu
derartigen Zusammenstößen mit der
Ordnungsmacht kam, dass 145 Personen
festgenommen werden mussten. Wohlgemerkt: nach
einem Sieg...so ganz werde ich die Nation, der
auch ich ganz gerne angehöre, wohl nie
verstehen...
Und
es ist doch tröstlich, dass sich die ganzen
Leverkusener Deutschen auch so schön freuen können,
schließlich war es für die der vierte
Vize-irgendwas-Titel innerhalb von 6 Wochen.
Nur
der kleine Yildiray Bastürk hat jetzt ein
Problem. Er hat zwar für die Türkei eine
Riesen-WM gespielt, aber einen für Leverkusen
undenkbaren Platz erreicht: NUR Dritter ist er
geworden! Da können ihn die Deutschen bei Bayer
beim Trainingsauftakt direkt mit „Looser,
Looser“-Rufen begrüßen. Das können sie sich
jetzt auch leisten. Denn wir sind wieder wer.
Und das ist auch gut so.
Und
damit verabschiedet sich von dieser WM: janus
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