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Nebenbei
ein Fußballspiel gesehen
Endlich!
Die fußballlose Zeit ist vorbei! Wen
interessiert schon ein Testspiel gegen lustlose
Zweitligaprofis, bei dem man sich immerhin prima
sonnen konnte, wenn es endlich wieder um Punkte
geht? Wen juckt eine Lachnummer namens
Liga-Pokal, bei dem die Spiele extra in fußballerischer
Provinz ausgetragen werden, um dem dortigen Fan
mal erstklassiges Gekicke bieten zu können, die
meisten Mannschaften jedoch nur mit der zweiten
Garnitur auflaufen, während sie allerdings
erstklassige Antrittsgelder kassieren, wenn
Fortuna Düsseldorf in der Oberliga Nordrhein an
den Start geht? Und wen kümmert die Live-Übertragung
eines Bundesligaspiels zweier so lächerlicher
Mannschaften wie Borussia Dortmund und Hertha
BSC Berlin mit ganz wenig Werbung, wenn die
Amateure des MSV Duisburg mit „Enatz“ Dietz
als Coach am Flinger Broich auflaufen? Ich
konnte alle drei Fragen locker mit „Mich
nicht“ beantworten, deshalb suchte ich heute
meinen Weg von meiner derzeitigen Heimatstadt
Bonn zum heimischen Stadion, um das Auftaktspiel
der Oberliga-Nordrhein-Saison 02/03, Fortuna Düsseldorf
gegen MSV Duisburg (A), zu verfolgen. Was
herauskam, war die reinste Groundhopping-Tour,
die ich nur deswegen ins „Allgemeine“ setze,
weil Fortuna an diesem erlebnisreichen Abend ja
nicht ganz unbeteiligt war. Das Ganze kann man
eigentlich nur unter dem Motto: Wie bekloppt
manche Leute sind, wenn es um Fußball geht,
abbuchen. Aber entscheidet selbst, geneigte
Leser.
Ich
verlasse die heimatliche Stube in Bonn um 16.30
Uhr, die Buslinie 638 bringt mich in 20 Minuten
zum Hbf. Denke ich mir so, tatsächlich fährt
der Bus erst 16.45 Uhr, da der Freitags-Plan von
demjenigen, der Montag bis Donnerstag gilt,
leider ein bisschen abweicht, und der Bus dann
auch prompt statt der erwarteten 20 Minuten
deren 25 braucht. Um 17.10 Uhr bin ich am Bonner
Hbf, um 17.10 Uhr fährt auch der Intercity (IC)
nach D’dorf ab. Keine Chance, den noch zu
erwischen, da man vom Busbahnhof zu den Gleisen
erst mal über die Hauptstraße oder durch eine
Unterführung muss, in jedem Fall dauert es zu
lange, der IC fährt mir vor der Nase weg. Das
ist eigentlich auch nicht schlimm, denn ich
hatte sowieso mit dem nachfolgenden InterRegio
(IR) um 17.29 Uhr kalkuliert. Ich treffe also
gegen 17.12 Uhr auf dem Bahnsteig ein, und hier
beginnt das Drama.
I. Akt:
Versuch, einen Fahrschein für die Strecke
Bonn-Düsseldorf zu erwerben
19
Minuten Zeit, um eine Fahrkarte zu lösen, kein
Problem. Zunächst ein Fahrkartenautomat auf dem
Bahnsteig. Hm, „Automat zur Zeit außer
Betrieb“. Na gut, nehmen wir den nächsten,
der steht nur zwanzig Meter weiter. „Automat
zur Zeit außer Betrieb“. Na gut, kann mal
vorkommen, auch so’n Automat will vielleicht
mal Wochenende haben. Macht nix, befinden sich
in der ca. durchschnitts-wohnzimmer-großen
„Bahnhofshalle“ doch weitere drei Automaten,
sowie drei Fahrkarten-Automaten, an denen man
mit Karte bezahlen kann.
So’n
Automat ist lustig. Erst mal warten, weil natürlich
alle besetzt. Aber dann, einer wird frei! Man
stellt sich davor, liest auf der dort hängenden
Tabelle die vierstellige Codenummer des gewünschten
Ziels ab, stellt erstaunt fest, dass das
Fahrtziel „Rumeln-Kaldenhausen“ mit der
PIN-Nummer der eigenen EC-Karte übereinstimmt
und drückt die vier Ziffern im Tastenfeld für
das Fahrtziel Düsseldorf. Und zwar schön
langsam, wenn man es zu schnell macht, liest der
Automat eine Ziffer nicht mit und man darf von
vorne anfangen, will heißen, den „C“-Knopf
drücken und geschlagene 30 Sekunden warten, bis
das Hauptmenü erscheint.
Hat
man die richtige magische Formel eingegeben,
erscheint nach kurzer Warteschleife auch das
korrekte Ziel „Düsseldorf“ in der Anzeige
nebst Zahlungsaufforderung. Leider verschwindet
auch gleichzeitig etwas, nämlich ein Teil der
Symbole, die die Zahlungsmöglichkeiten
anzeigen. Dies sind mittlerweile alle Euro- und
Cent-Münzen sowie die Euro-Scheine bis 50 €.
Doch kaum will man nach Düsseldorf, schwupps,
schon verschwinden der 50 €- und der 20
€-Schein von der Anzeige, der Automat nimmt
diese nicht an. Dafür hat er aber lange überlegen
müssen. Besonders praktisch ist das, da ich
zuvor an dem Reise-Bank-Automaten im Hbf Geld
gezogen habe, und natürlich nichts
herausbekommen habe, das kleiner als ein 20
€-Schein war. Die arbeiten wirklich Hand in
Hand und kundenorientiert. Aber egal, es sind ja
noch zwei andere Automaten da.
Nach
geduldigem Warten, dass dort endlich die Omas
verschwunden sind, die sich nach langer
Diskussion über die Funktionsweise zwei
Fahrkarten für den Nahverkehr ziehen, obwohl am
Busbahnhof, zu dem sie ja sowieso hin müssen,
massig Nahverkehrs-Automaten stehen, versuche
ich erneut mein Glück. Aber, potzblitz, immer
bei „Düsseldorf“ streiken die Automaten und
nehmen keinen 20 €-Schein mehr an. Wohl treu
nach dem Motto: wenn du nach D’dorf fährst,
lass dein Kleingeld hier, ist in der
Schicki-Micki-Stadt eh kein gültiges
Zahlungsmittel.
Ich
versuche es nunmehr mit den
Fahrkarten-Automaten, an denen man mit diversen
Geld- und Kreditkarten bezahlen kann. Sollen sie
es mir doch vom Konto abbuchen, der Kontoauszug
kommt dann in das nicht vorhandene Sammelalbum für
die nicht vorhandenen Enkel, die Abbuchung dick
umrahmt und mit dem Schriftzug „09.08.2002:
Mein erstes Viertligaspiel“ versehen.
Dieser
Automat jedoch ist dummerweise vom
Verfassungsschutz konzipiert worden, denn er
nimmt mich zunächst in ein gnadenloses
Kreuzverhör, um meine
freiheitlich-demokratische Gesinnung und
anscheinend auch meine Gewaltbereitschaft gegenüber
wehrlosen Maschinen zu prüfen: hier eine,
wohlgemerkt, kleine Auswahl: Hinfahrt? Hin- und
Rückfahrt? Heute? Morgen? Mit Bahn-Card? Ohne?
Mit Reservierung? Ohne? 1. Klasse? 2. Klasse?
Mit NRW-Ticket plus? Ohne? Merken Sie
eigentlich, dass wir Sie nur verarschen? Ja?
Nein? Sie ahnen es?
Nachdem
man sich ca. 20 mal Blutblasen an den Fingern
gedrückt hat (TouchScreen), darf endlich zur
Bezahlung geschritten werden, mittels Einführung
der EC-Karte in das dafür vorgesehene Lesefach.
Die Antwort ist klar: möchten Sie mit Geldkarte
oder Kreditkarte bezahlen? Und das obwohl die
EC-Karte groß und breit als akzeptiertes
Zahlungsmittel auf dem Automaten draufpappt. Und
zwar auf allen dreien. Aber keiner will meine
EC-Karte. Scheint so, dass das Fahrtziel Düsseldorf
bei diesen Geräten eine Art technischen
Diarrhoe auslöst.
Inzwischen
ist es 17.20 Uhr. Immer noch ohne Fahrkarte und
inzwischen leicht nervös begeben ich mich ins
ReiseZentrum, in dem sich anscheinend halb Bonn
versammelt hat. Proppenvoll der Laden, als würde
Pico Niestroj ne Lokalrunde schmeißen oder Rudi
Zedi kostenlos das Geheimnis des
spielentscheidenden Hackentricks preisgeben.
Immerhin, zwei Schalter tragen die Aufschrift
„Express
– keine Information – keine Reservierung“.
Aber da ist der Reisende ja flexibel, das kümmert
keine Sau. Auch die Damen und Herren hinter dem
Schalter nicht, die fleißig beraten, was das
Zeug hält. Sie müssen gut darin sein, denn die
Leute wollen gar nicht mehr weggehen. Als ich
selbiges tun will, weil mein Zug in drei Minuten
fährt, bin ich tatsächlich dran, sage mein Sprüchlein
auf, werde aber mit einem lockeren: „Isch muss
ersma Wechseljeld holen“ in die Schranken
gewiesen. Ich frage höflich an, ob die Bahn
schon so pleite ist, dass dieses Wechselspiel
zwischen Automaten und Mitarbeitern zu dem
einstudierten Plan gehört, den Reisenden zu
zwingen, seine Fahrkarte im Zug nachzulösen,
denn der Insider weiß, Nachlösen kostet 3,60
€ mehr. Als Antwort darauf reißt die Dame,
die eben noch so schön beraten konnte, die
Wechselgeld-Rolle betont langsam auf, versucht
dabei noch krampfhaft, sich einen Fingernagel
abzubrechen, damit sie den Schalter kurzerhand
schließen kann, schafft es aber nicht und
schiebt mit verkniffenem Gesicht ein längliches
Stück Papier über den Tresen. Meine Fahrkarte!
Ich reiße sie an mich, bevor die Dame sie mit
den Worten „War nur Spaß“ wieder wegziehen
kann, und verlasse fluchtartig das „Service“Center.
Es ist 17.28 und ich habe geschlagene 18 Minuten
gebraucht, mir das gute Stück zu erobern.
Insgeheim schwöre ich mir: dafür gebe ich es
jetzt auch nie mehr her...
II.
Akt: Versuch, von Bonn Hbf nach Düsseldorf Hbf
(ca. 75 Bahnkilometer) zu gelangen
17.28
Uhr, ich stehe am Bahnsteig und erwarte
frohgemut den bereits angezeigten IR nach Münster/Westf.,
über Köln, Düsseldorf und der Rest geht mir
am Arsch vorbei. 17.28 und 30 Sekunden, eine
nette weibliche Stimme schaltet sich in das
Gemurmel ein und spricht salbungsvoll die nette
Botschaft, dass der IR eine Verspätung von 20
Minuten haben wird. Unfassbar! Da hätte ich
doch noch genussvoll dabei zusehen können, wie
die unfreundliche Service-Tante sich den
Fingernagel abbricht, um dann hohnlachend zu
sagen: Macht nix, hab noch Zeit, machen Sie doch
noch einen!
Aber
jetzt nix wie hin zum Fahrplan. Aha, keine
Panik, der nächste IC fährt um 17.38 Uhr, geht
auch klar. Leider habe ich den Namen dieses
Zuges noch nicht zu Ende gelesen, als mich die
selbe freundliche Stimme darauf hinweist, dass
auch dieser Zug „mit international
festgelegtem Qualitätsstandard“ (Vorwort
Begleitheft „Städteverbindungen“, das der
gewiefte Städtehopper stets am Mann führen
sollte) ca. 20 Minuten Verspätung haben wird.
Nichts geht mehr, keiner weiß, warum, es gab
keinen Unfall, keine Baustelle und niemanden,
der das Wörtchen „Train-Hopping“ erfunden
und gleich mal in die Tat umgesetzt hat. Nur ein
normaler Nachmittag bei der Deutschen Bahn AG.
Diese
greift jetzt zur Kundenbefriedigung zu den
abstrusesten Mitteln: um 17:36 Uhr wird ein Zug
bereit gestellt, der auf der Anzeigetafel als
„D-Zug, nur 2. Klasse“ angekündigt wird.
Was da reinrauscht, ist aber ein international
festgelegter Standardqualitätszug IC, der nur
1.Klasse-Wagen führt. Man glaubt es kaum.
Immerhin, man darf einsteigen und das Ding fährt
auch zügig los.
Leider
nur bis Köln Hbf, den wir Punkt 18.00 Uhr auf
Gleis 1 erreichen. Endstation. Die
Lautsprecherdurchsage verkündet, der IR nach
Hassenichgesehen über Düsseldorf fährt um
18.02 Uhr von Gleis 3. Zwei Minuten Zeit zum
Umsteigen, oder sagen wir lieber 120 Sekunden,
klingt nach mehr. 100 davon brauche ich alleine
schon, um aus diesem verdammten
D-Zug-2.-Klasse-in-IC-1.Klasse-Tarnung
herauszukommen, da vor mir leider zwei Omas
frisch erholt von der Kur aus Passau (da begann
das Ding nämlich ursprünglich seine Fahrt als
unschuldiger IC) mit runderneuerter Dauerwelle,
aber auch fünf Koffern aussteigen. Unterwegs
mit fliegendem Schritt, remple ich noch ein paar
Leute an, egal, sehen eh alle aus wie Kölner.
Ab auf Gleis 3, ab nach Düsseldorf!
Ich
hätte nicht rennen brauchen. Kaum stehe ich auf
Gleis 3, kommt auch schon die Durchsage, dass
auch dieser Zug ca. 15 bis 20 Minuten Verspätung
haben wird. Aber die Hoffnung naht: EC „Berner
Land“ aus selbigem zur Weiterfahrt nach Wasweißich
über Düsseldorf, Abfahrt 18.08 Uhr vom selben
Gleis. Hurra. Ich habe meine Zigarette noch
nicht angezündet – muss ich weiter reden? 15
bis 20 Minuten Verspätung.
Ich
beschließe, mir direkt am Bahnsteig eine echt Kölner
Currywurst zu kaufen, denn es könnte sein, dass
ich erst in Düsseldorf bin, wenn die Bäckereien
aufmachen und dann gibt’s da naturgemäß
nicht viel Warmes. Das rettet mich vor dem
Schicksal so manch anderer Fahrgäste, denn plötzlich
kommt die Durchsage, dass der IR in zwanzig
Minuten „ausnahmsweise“ mal auf Gleis 1
einlaufen wird. Fluchtartig verlassen die
Reisenden das Gleis und nehmen auch einige mit,
die auf den EC warten, aufgrund dieser Verspätung
jedoch erstmal im IR weiterfahren wollen.
Da
wird sich einer im Kontrollzentrum
wahrscheinlich jetzt noch totlachen: er wartet,
bis sich die ganze Meute auf Gleis 1 versammelt
hat, um dann zu verkünden, dass der Schwyzer EC
jetzt doch schon in 5 Minuten auf Gleis 3
ankommen wird. Was für ein Heidenspaß! Mich
hat die Currywurst gerettet. Um 18.15 Uhr läuft
der EC ein, fährt (natürlich halbleer) schnell
wieder an, bleibt relativ unmotiviert auf der
Strecke stehen, um dann doch um ca. 18.45 Uhr in
Düsseldorf einzulaufen. Hosianna! Ich komme mir
vor, als ob ich das Gelobte Land erreicht hätte,
habe zwar für diese „Wahnsinnsstrecke“ nur
zweieinviertel Stunden und nicht 40 Jahre
gebraucht, fühle mich aber eher nach letzterem.
Am
D’dorfer Hbf will ich als korrekter Unterstützer
der einheimischen Verkehrsbetriebe auch einen
Fahrschein für die Busfahrt mit der 725
erwerben, und zwar an den bereits ausführlich
beschriebenen Automaten. Deren 5 davon stehen in
der Nähe des Hauptausgangs. Davon sind aber
drei außer Betrieb. Trotzdem ist hier alles
anders als in Bonn, hier steht nämlich auf den
Schildern „Automat zur Zeit leider
außer Betrieb“ Na, da macht mir das ja nur
noch die Hälfte aus! Hier bin ich zuhaus, ich fühle
es ganz deutlich...
Schließlich
geht die Fahrt in der proppenvollen 725 zur
Haltestelle „Fortuna-Platz“ weiter.
Erschwert wird das ganze durch ein Pärchen, das
am Worringer Platz versucht, von seinem im
Grundgesetz verankerten Recht Gebrauch zu
machen, in einen total überfüllten Bus auch
noch einen Kinderwagen hinein zu zwängen,
woraufhin die Fahrgastmasse jedoch mangels
Bewegungsfreiheit von ihrem ebenfalls staatlich
verbrieften Recht Gebrauch macht, eine solide
Abwehrmauer zu bilden, bei der selbst ein Herr
Trapattoni unweigerlich in Schwärmen geraten würde.
Aber nach einigem Hin und Her klappt es doch
noch.
Während
der Fahrt redet sich noch so ein Opi um Kopf und
Kragen, der lauthals über die früheren Vorzüge
der Fortuna parliert und dabei automatisch auf
die Themen Bundesliga, Bayern, Dortmund,
Nationalelf kommt. Als er die Leistung von Udo
Lattek als Nationaltrainer analysiert und
trotzdem nicht aus dem Bus entfernt wird, weiß
ich, das alles gut wird.
Ankunft
am Vereinsheim um 19.00 Uhr. Ich möchte auf die
Knie sinken und den Boden küssen, wie JoPo 2 es
zu tun pflegt. Leider habe ich dafür keine
Zeit, ein kurzes Hallo zu den Kollegen und dann
ab in den Block auf der Westtribüne, jetzt nach
drei Stunden Fahrt endlich Fußball gucken!
III. Akt:
Versuch, ein ungenießbares Fußballspiel zu
genießen
Kaum
sitze ich, darf ich schon wieder aufstehen.
Gedenken an Rainer Geye, gestern verstorben, im
Alter von nur 52 Jahren. Er war ein Großer.
Nur, das weiß ich schon etwas länger, warum
denkt niemand daran, solange die Leute noch
leben? Trotzdem natürlich eine schöne Geste.
Wieder
hingesetzt, stehe ich auch schon wieder.
Gedenken für Herrn...ich schäme mich, ich habe
ehrlich den Namen vergessen, jemand, der auch
letzte Woche gestorben ist und zehn Jahre in der
Jugendabteilung gearbeitet hat. Der war schon
ein Eher-nicht-so-Großer, daher auch hier ein
Dank an die Offiziellen für diese Geste. So
soll es sein.
Aber
genug getrauert, jetzt...jetzt muss es doch
losgehen! Tut es auch, der Schiri aus Mönchengladbach
(!!!) pfeift das Spiel an. Endlich! Die fußballlose
Zeit ist vorbei, es rollt wieder, das runde
Leder, die Pille für den Mann, der Stoff, aus
dem die Träume sind, auch wenn’s nur Oberliga
ist, hurra, mein Verein spielt sein erstes
Saisonspiel...
...leider
erst mal nicht mehr weiter, denn der Schiri hat
das Spiel nach 60 Sekunden wieder abgepfiffen.
Jetzt ist es der Rauch, der sich von der Südtribüne
aufs Spielfeld legt,
der ihn stört. Willkommen in der OL! In
der RL hätte sich jeder Schiri über das
bisschen Flair gefreut...
Ja,
zum Kuckuck, wird hier denn heute noch gespielt?
Doch, es geht tatsächlich nach zwei Minuten
weiter. Erste Großchance für Duisburg, dann
eine 100%ige für Tytarchuk. Mir fällt die
Beschriftung auf der Rückseite der Jacke meines
Vordermannes auf der Tribüne auf. Aha, die große
weite Fußballwelt hat sich eingefunden:
„Trachten-Tanz-Kreis DJONATHAN
Neuss-Kleinenbroich e.V.“ ist eingetroffen zum
gnadenlosen Support. Ja was kann denn da noch
schief gehen?
Zwei
Reihen vor mir wird die Menschenmasse plötzlich
durch vier sich durchdrängelnde Leute zerteilt:
drei Bodyguards und, guck an, der Litti ist da!
Seines Zeichens Cheftrainer der 2.Liga-Truppe
des MSV, will sich Pierre Littbarski mal vor Ort
seine Zebra-Bubis anschauen. Sehr löblich. Er
nimmt zwei Reihen unter mir Platz. Ein Bild für
die Götter: vor mir der „Trachten-Tanz-Kreis
Neuss-Kleinenbroich e.V.“, ein paar Meter
daneben Pierre Littbarski. Das
ist Oberliga!
Litti
hat sich den Hintern noch nicht ganz angewärmt,
da gibt es Elfmeter für Fortuna, weil ein
Duisburger im Strafraum mit der Hand auf den
Ball gefallen ist. Aus meiner Sicht berechtigt.
Jan Tauer verwandelt sicher zum 1:0, 11. Minute.
Dummerweise
beflügelt das nur die Mini-Zebras, die klar
besser sind, sich Chance auf Chance erspielen.
Koch hält hier, Koch hält da, und als es
einmal nichts mehr zu halten gibt, haut „Tante
Augustine“ Augustine Fregene die Kugel von der
Torlinie. Die Fortunen wirken nach 30 Minuten
bereits relativ platt und vor allem unsicher.
Vom angekündigten Pressing ist nichts zu sehen
– höchstens das weltberühmte
Ristic-Forechecking: wir schicken mal einen vor
und der checkt dann die Lage, während der Rest
hinten bleibt. Zwei Torschüsse noch von Mayer,
das war’s. Zur Pause allgemeine
Unzufriedenheit, ehrlicherweise muss man sagen,
die Zebras müssten 3:1 führen.
Zweite
Halbzeit wird auch nicht viel besser. Dazu trägt
unter anderem auch das Schiri-Gespann mit
einigen merkwürdigen Entscheidungen bei. Die
wollen anscheinend bloß nicht den Verdacht
aufkommen lassen, sie würden die „Große
Mannschaft“ bevorzugen. Um das zu verhindern,
benachteiligen sie sie einfach, ein Plan, genial
durch seine Schlichtheit. Daran werden wir uns
gewöhnen müssen, das wird noch oft der Fall
sein, der Name macht die Musik. Die Wuppertaler
beschweren sich nicht umsonst seit drei Jahren
darüber, diese Saison sind wir auch dran,
darauf kann man wetten.
Aufsehen
erregend auch der Schiri-Assistent auf der
Westtribünenseite, dessen beträchtlicher
Bauchumfang und die im Gegensatz dazu minimal
ausgeprägte Laufbereitschaft zu allerlei
Spekulationen bezüglich seiner Qualifikation
Anlass gibt. Und er hebt auch immer so
schön sein Fähnchen. Auch dann, wenn er es
nicht soll. Aber, für alle, die sich über
diesen Herrn aufgeregt haben: seid froh, Leute
– wenn wir noch eine Liga tiefer absteigen,
dann pfeift
so einer die Spiele.
Die
Leistung des Schiri-Gespanns passt zu der der
Fortuna – einfach schlecht.
In
der 2. Halbzeit gar das 2:0 für Fortuna, wieder
durch Jan Tauer, 62. Minute. Erst vertändelt
Hopp eine weitere 100%ige, als er die Kugel ins
Tor tragen will, bekommt den Ball aber noch mal
zurück, über drei Banden springt der Ball aus
dem 16er, Tauer zieht aus 20m ab, ein Duisburger
hält sein Bein dazwischen und fälscht den
Schuss unerreichbar ab. 2:0, nicht verdient,
aber wen kümmerts?
Doch
Fortuna wäre nicht Fortuna, wenn nicht
praktisch im Gegenzug das 1:2 fallen würde, was
auch geschieht, und in der 77. Minute gar der
Ausgleich, eingeleitet durch einen famosen
Querschläger eines Fortuna-Abwehrspielers, den
der MSV-Stürmer aufnimmt und aus halbrechter
Position aus 10m flach in die linke Ecke
verwertet. Hochverdient, der MSV hatte auch in
der 2. Halbzeit die klar besseren Chancen.
Unmittelbar
nach dem Tor steht der Litti mit seinen
Bodyguards auf und geht. Der Mann hat
Fußballverstand, es passiert nämlich
tatsächlich nichts mehr bis zum Schluss, von
einigen sterbenden Duisburger Schwänen
abgesehen, die der Schiri lächelnd gewähren lässt
und einer Situation, in der es durchaus nochmals
Elfer für Fortuna hätte geben können, aber um
nicht in diese Notsituation zu kommen, hatte er
vorsichtshalber gar nicht erst hingeguckt.
Einfach, aber genial.
Das
Spiel ist aus, 2:2, immerhin nicht verloren,
aber man ist doch ein bisschen enttäuscht.
Wieder kein Auftaktsieg. Das Spiel insgesamt zu
statisch, zu wenig Bewegung, Fehlpässe en
masse, kaum herausgespielte Torchancen. Natürlich
darf man das nicht überbewerten, es war das
erste Spiel, die Mannschaft muss sich erst noch
finden, aber ein bisschen mehr hatte ich mir
doch erhofft. Naja, vielleicht am Mittwoch, bei
den AAAs, das sind nicht die Anti-Hippokraten,
sondern die Amateure von Alemannia Aachen. Wird
schon werden, sagen wir. Hoffen wir. Ansonsten
hatten wir heute mit sehr ordentlichen 4.600
Besuchern nämlich schon Saisonrekord.
IV. Akt:
Heimfahrt und Bilanz
Die
Heimfahrt verläuft reibungslos bis Köln,
dauert jedoch zwanzig Jahre. In dem fabelhaft
modernen RE, mit dem ich reise, befindet sich nämlich
in jedem Wagen eine kleine elektronische
Anzeigetafel, die beharrlich verkündet, das wir
heute den 09.08.2022 schreiben. Hurra, nur noch
12 Jahre und ich hab die Rente durch. Das hab
ich mir nach dem heutigen Tag auch verdient.
Da
in Köln mit Anschluss nach Bonn erst in einer
Stunde (!) gerechnet werden kann, holt mich eine
liebe Bekannte vom dortigen Hbf ab und
kutschiert mich nach kurzer Einkehr bei McD in
heimatliche Gefilde. Punkt Mitternacht bin ich
zuhause und habe nur zwei Gedanken: erstens: ein
enttäuschendes Spiel mit glimpflichem Ausgang für
eine unsichere, noch nicht eingespielte
Mannschaft, die sich allerdings bemühte.
Zweitens: ein Briefchen an die Deutsche Bahn AG
in der nächsten Woche. Keine Schilderung meiner
Fahrt heute, nein, wenn ich da aus Höflichkeit
alle Verbalinjurien rausnehmen würde, die mir
heute durch den Kopf geschossen sind, blieben ja
nur noch drei Zeilen übrig. Sondern ein höfliches
Dankeschön für die dank der Bahn heute entgültig
erfolgte Bekehrung: nach meinem Urlaub melde ich
mich für den Führerschein an. Was zuviel ist,
ist zuviel. Aber das dauert noch.
Und
es sind noch dreiunddreißig Spiele...
Vier
davon werde ich noch in diesem Jahr wegen
Terminen und Urlaub verpassen.
Mich
ärgert das. Meine Nerven nicht.
Schön,
wenn eine Saison so toll beginnt, findet: janus
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