EM-Rückblick
Ja, die Zeit rast
wirklich. Gestern noch Sommermärchen, heute ist
schon die EM 2008 vorbei. Zeit, eine kleine
Rückschau zu halten.
Das Turnier konnte
ja nicht so schön werden wie die WM 2006.
Erstens fand es nicht in Deutschland statt,
zweitens war es viel kürzer, drittens war immer
schlechtes Wetter. Das kommt davon, wenn man
solch eine Veranstaltung an die europäische
Dritte Welt des Fußballs vergibt. Die Schweiz –
na ja, immer mal gute Spieler am Start, aber
deren größte Leistung war es doch, bei der
letzten WM im Viertelfinale auszuscheiden, ohne
im Lauf des Turniers in der regulären Spielzeit
ein Gegentor kassiert zu haben; allerdings auch
ohne im entscheidenden Elfmeterschießen selbst
auch nur einen Ball eingenetzt zu haben. Eine
Mannschaft, deren bester Spieler, Alex Frei, bei
einem europäischen „Spitzenclub“ wie Borussia
Dortmund kickt (in den letzten Jahren
bekanntermaßen mit gigantischen Erfolgen in der
1. Liga)... also bitte, was soll man da schon
erwarten?
Von den
fußballerischen Künsten des zweiten
Gastgeberlandes Österreich mal ganz abgesehen,
welche einen Teil der dortigen fußballliebenden
Bevölkerung dazu animierte, den Rest der
Alpenrepublik schon Monate vor den Spielen
aufzufordern, die eigene Mannschaft doch vom
Spielplan zu nehmen, da „machbare Aufgaben“ wie
Liechtenstein oder San Marino definitiv nicht
teilnehmen würden. Also bei solchen Gastgebern
war doch klar, dass der Fußballgott drei Wochen
lang weinen musste.
Aber schauen wir
doch mal, was in den Gruppenspielen so gebacken
war. In der Gruppe A spielte zum Beispiel eins
dieser Gastgeberländer, die man von vorne herein
abhaken konnte, die Schweiz. Die verloren auch
gleich mal zum Auftakt wie bestellt mit 0:1
gegen Tschechien, und als Ausrede direkt ihren
besten Spieler mit schwerer Verletzung. Okay,
die Niederlage war absolut unverdient, aber so
ist das nun mal mit den Kleinen dieser
Fußballwelt: die dürfen mal ein bisschen
piesacken, die einen länger, die anderen kürzer,
aber mehr auch nicht. Die Schweiz hatte diesmal
eben eine kürzere Halbwertzeit. Nach dem zweiten
Spiel war schon Sense, eine Regenschlacht vom
Feinsten gegen die Türkei. Den Ordner-Veteranen,
die 1974 in Frankfurt beim WM-Halbfinale
Deutschland-Polen noch barfuß und nur mit einer
Walze bewaffnet über das versumpfte Geläuf
gestapft waren, werden vor dem Fernseher Tränen
der Rührung in die Augen geschossen sein –
schön, dass es so was noch gibt. Mich persönlich
erinnerte das Spiel sehr an unsere Partie in
Emden im Mai, nur der damals vorhandene blaue
Himmel und die 28 Grad Außentemperatur fehlten.
Die Türkei gewann durch ein Tor kurz vor
Schluss, und die Schweizer waren raus. Zum
Abschluss gab’s noch was Versöhnliches gegen die
Portugiesen und anschließend konnte man sich in
der Schweiz den Tätigkeiten widmen, von denen
sie wirklich was verstehen: wahlweise Geld oder
die Löcher in ihren Käsesorten zählen.
Die Tschechen
hingegen spielten meiner Meinung nach dasselbe
Turnier wie bei der WM: erstes Spiel gewonnen,
dann geht’s schon irgendwie. Und wie bei der WM
hieß das natürlich wieder: Aus in der Vorrunde.
Vor zwei Jahren unterschätzte man Ghana, diesmal
die Türkei. Selbst Schuld. Von einer angeblichen
internationalen Klasse-Mannschaft kann ich wohl
erwarten, ein 2:0 fünfzehn Minuten lang zu
halten. Und wenn nicht, dann gibt’s halt keine
Ausreden.
Portugal spielte
sich souverän ins Viertelfinale, man schlug die
Türkei und Tschechien absolut verdient und ließ
gegen die Schweiz mal die B-Elf ran. Diese Pause
tat der A-Elf aber nicht gut. So schöne Leute
wie Cristiano Ronaldo oder Nuno Gomes sollte man
permanent beschäftigen, sonst stehen sie zuviel
vor dem Spiegel und bewundern sich. Prompt
schied man im Viertelfinale aus, und mir blieb
es erspart, deren Trainer Scolari mal wieder
dabei zusehen zu müssen, wie er mit seiner
Brasilien-Fahne auf Ehrenrunde geht. Da er für
Portugals Nationalmannschaft zukünftig wohl eher
gar nicht mehr auf Ehrenrunde gehen wird, bleibt
uns wohl leider auch die Torwart-Graupe Ricardo
erspart, der für mich schon vor vier Jahren der
schlechteste Fliegenfänger des Turniers war.
Kann mir nicht vorstellen, dass der ohne
Scolaris Protektion weiter zwischen den Pfosten
dilettieren darf. Es sei denn, in Portugal gibt
es wirklich gar keine Torhüter mehr.
Die Türkei
hingegen überraschte mit unbändigem Kampfgeist.
Wobei das eigentlich kaum überraschend war. Wer
auch nur einmal gesehen hat, wie deren Trainer
Fatih Terim an der Seitenlinie wütet, der weiß,
dass diese Jungs wirklich um ihr Leben laufen
müssen, um beim Trainer nicht dumm aufzufallen.
Sie hatten immer wieder beeindruckende
Leistungssteigerungen zu bieten, wenn die
anderen Teams schon mental unter der Dusche
waren. Und wenn dann noch ein bisschen
Bayern-München-Style dazu kommt, sprich: die
Bälle in der letzten Minute auch mal reingehen,
dann kommt man halt ins Halbfinale. Besonders
schön anzusehen war das gegen Tschechien, das
man in der letzten Viertelstunde dermaßen in
Grund und Boden spielte, dass deren Keeper Cech,
einer der weltbesten Torleute, vor Schreck in
der 88. Minute die Kugel fallen ließ, was seine
Vorderleute dazu anspornte, in der 89. Minute
bei einem gegnerischen Angriff (nicht nach einem
Befreiungsschlag!) unbedingt auf Abseits spielen
zu wollen. Solche Nervenbündel hab ich lange
nicht gesehen, und das Ausscheiden war nur die
logische Konsequenz.
In Gruppe B hat
mich eine Mannschaft überrascht: Österreich. In
der Weltrangliste irgendwo zwischen Armenien und
Aserbaidschan angesiedelt, war man weit mehr als
nur ein Sparringspartner für Deutschland,
Kroatien und Polen. Da wurden die Gegner mit
flottem Spiel teilweise überrannt, aber es war
wie beim anderen Co-Gastgeber Schweiz: wer das
Tor nicht trifft, der darf sich halt nicht
wundern. Was die Österreicher allein in der
ersten halben Stunde gegen Polen an glasklaren
Möglichkeiten versiebten, hätte Winfried Molitor
die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Wer das
ist? Mein E-Jugend-Trainer aus den 1970ern.
Selbst im zarten Alter von 6 Jahren hätten wir
nicht alle solcher Chancen verballert, da bin
ich mir sicher. Das geht eigentlich auch gar
nicht. Österreich zeigte hingegen, dass man
selbst der sichersten
Wahrscheinlichkeitsrechnung noch ein Schnippchen
schlagen kann und vergab alles. Ein einziges Tor
sprang heraus, und dies wurde auch noch durch
einen doch eher zweifelhaften Elfmeter erzielt.
Verdient war es, keine Frage, und wer weiß, wie
weit es hätte gehen können, wenn sie ihre
Chancen reingemacht hätten. Denn die eigentliche
Überraschung war doch, dass sie hinten drin
recht sicher standen. In den letzten 20 Jahren
brillierten die Österreicher ja eher durch so
skurrile Abwehrleistungen wie ein 0:1 gegen
Färöer oder ein 0:9 gegen Spanien, zeitlich eng
gefolgt von einem 0:5 gegen Israel. Auch in der
Vorbereitung zur EM ließ man sich gegen die
Niederlande nach 3:0-Führung noch kurz vier
Stück einschenken, selbst gegen eine
ultraschwache deutsche Mannschaft gab es drei
Gegentreffer, nachdem man zuvor wieder einmal
haufenweise beste Torchancen versiebt hatte.
Davon war bei der EM rein gar nichts mehr zu
sehen. Ganze drei Gegentore musste man
hinnehmen, in jedem Spiel eins. Und das waren
ein Elfmeter, ein Freistoß und ein glasklares
Abseitstor, sprich: aus dem regulären Spiel
heraus war die Abwehr nicht zu knacken. Darauf
kann man aufbauen. Wenn man jetzt noch dem Sturm
das Tore schießen beibringt...wer weiß,
vielleicht hört man ja demnächst mal andere Töne
aus der Alpenrepublik, wenn es darum geht, das
Spiel der eigenen Mannschaft zu bewerten.
Rückzugsforderungen sind dann sicherlich nicht
mehr angebracht.
Nix Neues hingegen
aus Polen. Jedesmal heißt es, wunders wie stark
die wären, und dann fahren sie nach der
Gruppenphase wieder nach Hause. Also entweder
leiden die alle an Selbstüberschätzung (wird ja
oft als „gesunder Optimismus“ getarnt), oder es
stimmt grundsätzlich etwas nicht. Selbst wenn
man beim großen Bruder Russland abguckt, nutzt
es nix, dann holt man eben den falschen
Niederländer als Trainer. Keine Ahnung, warum
die sich bei den Turnieren immer einen solchen
Murks zusammen spielen, schlecht ist die
Mannschaft nämlich mit Sicherheit nicht.
Kroatien fand ich
jetzt auch nicht grad überragend, die können es
eigentlich viel besser. Bezeichnend, dass sie
trotzdem dreimal gewannen. Gegen die
Fußball-Weltmacht Österreich mauerte man sich
zum Sieg, den man bereits in der 4. Minute per
Elfer klar gemacht hatte, man konnte glauben, da
spielen die Italiener. Gegen Deutschland waren
sie klar besser, was über das deutsche Spiel
eigentlich alles aussagt. Aber zum Glück
passierte nichts Weltbewegendes, weshalb ich
auch in der neuen Saison Ivica Olic bei meinem
heimlichen Zweitverein, dem HSV, sehen kann.
Nicht auszudenken, wenn sein Tor zum 2:0 gegen
uns dafür verantwortlich gewesen wäre, dass wir
vorzeitig die Heimreise hätten antreten müssen!
Beim HSV kennen sie die Thematik ja noch ganz
gut, Yordan Letchkov lässt grüßen. Aber so blieb
es nur ein Prestigeerfolg, den man verzeihen
kann. Auffälligster Mann bei den Kroaten war für
mich Trainer Slaven Bilic, der ehemalige
Haudrauf aus Karlsruhe sieht in Anzug und
Krawatte in etwa so vertrauenserweckend aus wie
ein Gebrauchtwagenhändler. Und der Einsatz, den
er an der Seitenlinie zeigte, und der zum Teil
den seiner Spieler auf dem Feld deutlich
übertraf, hätte schon mindestens den
Trainingsanzug verdient. Aber ich wette, das ist
von der UEFA auch schon verboten worden.
Gruppe C, die
„Todesgruppe“. Tödlich langweilig war in der
Tat, was sich Italien und Frankreich so zusammen
spielten. Oder waren die Niederlande so gut?
Keine Ahnung. Auf jeden Fall nahmen die den
amtierenden Weltmeister und den amtierenden
Vizeweltmeister dermaßen auseinander, dass die
eigentlich aus Gründen des sportlichen Fairplays
diese beiden Platzierungen bis auf weiteres aus
ihren Briefköpfen streichen sollten. Wobei beide
Teams durchaus ihre Chancen hatten, aber bei den
Niederländern passte halt alles, dann steht auch
die Abwehr und der Torwart hält einige
Unmögliche bis Unhaltbare. Und Trainer Marco van
Basten, sonst eigentlich eher uneins mit seinen
Stars, verdiente sich Bestnoten, indem er in der
zweiten Halbzeit gegen Frankreich bei eigener
Führung (!) mit Robben und van Persie zwei
Offensivleute einwechselte. Für so eine Nummer
wäre ein deutscher Trainer vom Boulevard
gekreuzigt worden, da bin ich mir sicher. Aber
wie gesagt, es klappte alles, selbst, im letzten
Gruppenspiel gegen Rumänien gleich mit 9
Spielern der „B-Elf“ aufzulaufen. Die waren so
gut drauf, die konnten sich mal wieder nur
selbst schlagen. Und genau dies taten sie dann
auch im Viertelfinale. Zuverlässig wie der Tod
und die Steuern.
Apropos Rumänien:
die spielten durchaus im Rahmen ihrer
Möglichkeiten und trotzten Frankreich und
Italien je ein hochverdientes Unentschieden ab.
Gegen Italien hatten sie kurz vor Schluss sogar
die Gelegenheit, den Weltmeister vorzeitig in
den wohlverdienten Urlaub zu schicken, aber Mutu
verschoss den Elfer zum Sieg. Mutu spielt in
Italien, und vielleicht hatte er vor dem
entscheidenden Schuss zuviel Gelegenheit,
darüber nachzudenken, wie es dem letzten
Torschützen ergangen war, der sich diesen Frevel
erlaubt hatte: Herrn Ahn aus Südkorea, der sich
als Spieler des AC Perugia erdreistet hatte,
Italien bei der WM 2002 aus dem Rennen zu
köpfen, und der anschließend in der Zeitung
lesen konnte, dass sein Präsident keine Leute
bezahlen wolle, die Italien aus einem Turnier
werfen. Okay, man könnte einwenden, dass Mutu
zuvor in diesem Spiel ja schon das 1:0 erzielt
hatte, aber da hatte er ja noch mit aller Macht
versucht, den Ball auf die Tribüne zu ballern,
leider stand er schon so nah am Tor, dass die
Kugel nur noch unter die Latte knallte. Beim
Elfmeter konzentrierte er sich besser und hielt
Italien damit im Rennen. Die wiederum meldeten
vorsichtshalber nach diesem Spiel Protest gegen
den Turniermodus an, weil man im letzten Spiel
gegen Frankreich vom Ergebnis der anderen Partie
Niederlande – Rumänien abhängig war, und es für
die Niederlande als feststehender Gruppensieger
um nichts mehr ging. Man könnte der Meinung
sein, solch eine Konstellation sei halt Fußball,
zumal die Italiener auch gar keinen
Gegenvorschlag machten. Es war halt nur mal
wieder reine Vorsorge gewesen, jemand anderem
die Schuld für ein Ausscheiden in die Schuhe
schieben zu können. Und dass dies zwar bei denen
öfter auftritt, aber beileibe keine
ausschließlich italienische Spezialität ist,
werden wir noch sehen. Nötig hatten sie dieses
Gejammer indes nicht, durch ein souveränes 2:0
über ganz schwache Franzosen zog man locker ins
Viertelfinale ein, weil selbst die
niederländische B-Elf, gespickt mit einigen
Spielern aus einem imaginären „C-Kader“ zu
diesem Zeitpunkt für Rumänien eine Nummer zu
groß war.
In der Gruppe D
waren die Langweiler zuhause. Dachte man.
Spanien scheidet wie immer vorzeitig aus, von
den Russen weiß man wie immer überhaupt nix, die
Griechen spielen wie immer Folter-Fußball der
Marke Rehhagel und mogeln sich durch, die
Schweden spielen wie immer völlig uninspiriert,
weil das in der Heimat sowieso keinen
interessiert, es sei denn, die Jungs würden sich
mal Skier unterschnallen. Aber hoppla, da kam
alles anders! Die Spanier mit einer jungen
Mannschaft, dynamisch und schwungvoll wie selten
in den letzten Jahrzehnten, doch eher
erstaunlich, wenn man sieht, welcher Greis die
trainiert, die Russen mit einer noch jüngeren
Mannschaft, das war eine bessere U23, die da am
Start war, aber mit herrlich anzusehendem
Kombinationsfußball, die Griechen spielten so
wie vorausgesagt, bekamen aber endlich mal die
Quittung und fuhren als Titelverteidiger mit
lockeren null Punkten wieder nach Hause, selbst
die Schweden zeigten gegen Griechenland ein
bisschen Eigeninitiative und hielten gegen
Spanien gut mit, leider nur bis zur 92. anstatt
bis zur 93. Minute, weshalb sie ihr letztes
Spiel gegen die Russen gleich mal ganz
abschenkten und wieder in ihren gewohnten Trott
zurückfielen. Tja, wer nur einen guten Stürmer
hat, der hat natürlich kaum Chancen, wenn dieser
auch noch verletzt an den Start gehen muss. Aber
wie gesagt, ich glaube, in der Heimat hat es eh
keiner gemerkt.
Und was spielte
sich die deutsche Mannschaft in ihren
Gruppenspielen so zurecht?
Nun, für mich
lohnt es sich eigentlich nur, das dritte Spiel
zu betrachten. Vom Auftakt gegen Polen sah ich
immer nur zwischendurch kleine Ausschnitte, wenn
ich mal einen Blick auf den einzigen Fernseher
(in Normalgröße) erhaschen konnte, den man unter
Deck der Fähre in einem Raum aufgestellt hatte,
in dem ca. 300 Leute hockten. Immerhin, das, was
ich sehen konnte, sah nach einem relativ
problemlosen Sieg aus, ohne sonderlich zu
glänzen. Ausgerechnet Lukas Podolski schoss
seine Verwandten auf der Tribüne schon mal
wieder Richtung Heimat, und Mario Gomez glänzte
bereits in diesem Spiel dadurch, dass er das
leere Tor verfehlte. Ein harmloser Auftakt also.
Vom Spiel gegen Kroatien verpasste ich die
ersten zwanzig Minuten, weil ich im
Feierabendstau stand. Hierbei walzte ich drei
Deutschlandfähnchen platt, die von unachtsamen
Besitzern nicht sicher genug an ihren Autos
festgemacht worden war und sich auf die Straße
verabschiedet hatten. Durchaus ein Bild mit
Symbolcharakter, denn kaum war ich zuhause und
schaltete den Fernseher ein, fiel das 1:0 für
Kroatien, und das wohl auch noch verdient. Was
sich im Laufe des Spiels auch bestätigte, die
Kroaten immer einen Schritt schneller, nicht nur
beim 2:0 durch Olic deutlich zu sehen. Die
deutsche Mannschaft irrte größtenteils planlos
hinterher. Und während es früher die Kroaten
waren, die durch eine eher rustikale Spielweise
auffielen, so war es diesmal Bastian
Schweinsteiger, der sich kurz vor Schluss noch
Rot abholte, als er einfach mal seinen
Gegenspieler umstieß. Schön blöd, aber
vielleicht alles Taktik? Denn so bekam man das
„Endspiel“ gegen den „kleinen Bruder“, die
Neuauflage von Cordoba 1978, eine Story, die
zwar niemand mehr hören oder sehen kann, die
aber durchaus zuschauersteigernder gewirkt haben
dürfte, als wenn’s für uns um nix mehr gegangen
wäre (nämlich bei einem deutschen Sieg gegen
Kroatien). Auf jeden Fall eine verdiente
Niederlage.
Aber dann das
Spiel gegen Österreich! Was da alles zusammen
kam – wer könnte dieses Spiel je vergessen! Ein
Graupenkick erster Klasse von der deutschen
Mannschaft, gewonnen durch ein Freistoßtor des
Monats, sprich: einen Sonntagsschuss. Es gab
verschiedene Spieler, die dem Spiel ihren
Stempel aufdrückten. Zum Beispiel Mario Gomez.
Weltklasse, wie er bereits in der 4. Minute
erneut aus zwei Metern (maximal) das leere Tor
nicht traf, diesmal aber viel spektakulärer als
gegen Polen, aus dem sicheren Stand heraus und
ohne einen lästigen Gegenspieler in der Nähe.
Sensationell. Und ich muss unumwunden zugeben –
so ein Kunststück ist mir noch nicht einmal in
der D-Jugend gelungen! Dafür musst du
Nationalspieler sein, um so etwas hinzukriegen,
ansonsten hast du gar nicht die entsprechende
Technik! Natürlich hatte er Pech, dass der Ball
unmittelbar vor ihm auf einer Rasendelle
hochsprang. Ebenso natürlich hätte er die Kugel
allerdings stoppen und Torwart Macho noch
höflich fragen können, wohin der ihn denn haben
wolle, soviel Platz und Zeit war da. Wirklich
beeindruckend.
Ebenso Michael
Ballack. Ein wirklich klasse Freistoßtor, mit
121 km/h prügelte er den Ball rechts oben in den
Winkel, mit solcher Wucht, dass die Pille beim
Rückflug erst irgendwo hinter der 5-m-Markierung
im Strafraum wieder zum Liegen kam. Ein
Traumtor. Und noch viel wichtiger: in der
Superzeitlupe der Hintertor-Kamera konnte man
sehen, wie er all seine Kraft in diesen Schuss
legte – trotzdem blieb das gegelte Haupt des
Kapitäns locker in der Form. 121 km/h und das
Haar sitzt – bei l’Oréal werden sie aufgrund
dieser Szene wohl schleunigst Olli Bierhoff aus
ihrer Model-Kartei entsorgt haben...
Mir persönlich
gefiel am besten dieses unbekannte Talent auf
Linksaußen, ein gewisser Jogi Löw. Ging in der
ersten Halbzeit mehrfach schön steil auf der
Außenbahn und lieferte sich dort starke Duelle
mit seinem Gegenspieler Peppi Hickersberger, bis
dato bei diesem Turnier auf dem Platz eigentlich
auch eher selten in Erscheinung getreten. Das
waren rassige Zweikämpfe voller Engagement, die
Lust auf mehr machten. Leider wurden beide schon
in der ersten Halbzeit ausgewechselt, das habe
ich nicht verstanden. Zwei Tage später war ich
dann schlauer: es war natürlich ein Teil der
gigantischen Verschwörung des internationalen
Fußballs gegen Deutschland! War ja nun wirklich
nicht zu überlesen bzw. überhören.
2006 hatte die
FIFA es ja vorgemacht. Ich sag nur:
Unschuldfrings. Den hatte man damals wenigstens
für’s Halbfinale aus dem Verkehr gezogen, um die
Chancen für Italien zu steigern. Der hatte ja
mal genau gar nichts verbrochen und durfte daher
sogar noch Anfang diesen Jahres in einem
Interview öffentlich behaupten, die FIFA habe
ihm damals das Halbfinale gestohlen. Und da hat
sich die UEFA gedacht, was der Weltverband kann,
können wir schon lange! Deshalb wurde Jogi Löw
für das Viertelfinale gegen Portugal von der
Bank verbannt.
Okay, mal die
Fakten: unbestreitbar zu sehen auf unzähligen
Fernsehbildern ist, dass sich Löw und
Hickersberger während der ersten Halbzeit
außerhalb ihrer Coachingzonen anbrüllen und
auffällig die Nähe zueinander suchen. Der vierte
Offizielle unternimmt vergeblich mehrere
Versuche, die beiden zu trennen. Das nennt man
übrigens nicht „ungefragtes Einmischen“ sondern
„offizielle Aufgabe“. Dies ist genau einer der
Gründe, warum die Funktion des vierten
Offiziellen überhaupt eingeführt worden ist. Das
mag man ja blöd finden, ist aber so. Mir ist
auch nicht bekannt, dass Deutschland deshalb
irgendwann mal Protest eingelegt hätte. Man
fängt halt immer erst an zu jammern, wenn es
einen selbst trifft. Die Jungs lassen sich von
dem Kasper aber nicht aufhalten, im Gegenteil,
er wird mehrfach kurzerhand beiseite geschoben,
um den Blick auf den Kontrahenten nicht zu
trüben. Irgendwann hat er die Nase voll und
meldet das dem Schiri. Der wiederum beschließt,
dass die Hektik an der Seitenlinie größer ist
als auf dem Platz, und nimmt mal ein bisschen
Zündstoff aus der Partie, indem er beide Trainer
auf die Tribüne schickt.
Jetzt kann man
natürlich geteilter Meinung sein, ob das die
richtige Entscheidung war. Ich denke ja auch,
dass der Schiri hier etwas überzogen reagiert
hat, um ein wenig die Luft aus dem Spiel
rauszulassen. Aber das darf er nun mal. Das ist
sein Recht, auch wenn es noch so überzogen
erscheinen mag. Und da nutzt es auch nichts,
wenn man bei ARD und ZDF natürlich ganz schnell
die Bilder über das Verhalten anderer Trainer
aus der Mottenkiste zieht. Ausgerechnet die
beiden Sender, die es 2006 beeindruckende zwei
Tage lang nicht schafften, die Bilder von
Unschuldsfrings zu senden (die sie auch noch
selbst aufgenommen hatten), die beglückten uns
nun abseits des Spiels mit Aufnahmen, die
zeigten, wie Guus Hiddink einen vierten
Offiziellen recht eindrucksvoll quasi über die
Rückhand aus dem Weg räumt, oder wie Fatih Terim
selbigen mit einem netten Monolog beglückt, den
der wohl zu seinem eigenen Wohlbefinden nicht
verstanden haben dürfte. Wie peinlich ist das
denn? Ja, unterschiedliche Bewertung, mit
Sicherheit. Aber so etwas nennt man
Tatsachenentscheidung“, sogar in Deutschland.
Der eine Schiri fühlt sich durch so etwas
provoziert, den anderen juckt es nicht. Das muss
man auch schon mal hinnehmen. Es ist auch nicht
jede Rote Karte auf dem Spielfeld berechtigt.
Und genau so ist ein Verweis der Trainer auf die
Tribüne sportjuristisch einzuordnen: als
Platzverweis. Logische Strafe demnach: ein Spiel
Sperre. Auch bei ungerechtfertigten Roten Karten
für Spieler übrigens, falls das noch nicht
bekannt sein sollte. Ach ja: und Peppi
Hickersberger greift ebenfalls diese Sperre ab,
auch wenn dies anderntags in den Zeitungen
höchstens noch in einem kleinen Nebensatz
erwähnt wird, weil es eben nicht so ganz ins
Bild der Verschwörung gegen Deutschland passt.
Höchstens, dass noch ein NPD-Stammtisch darüber
räsonieren könnte, dass die gleichzeitige Sperre
des Österreichers ja eigentlich ein Schlag gegen
Großdeutschland wäre...
Das Fazit ist
dasselbe wie 2006: Regeln, schön und gut – aber
doch bitte nicht, wenn Deutschland spielt! Man
wird ja wohl noch seinen Gegenüber ungestraft
anbrüllen und den vierten Offiziellen antatschen
dürfen! Schließlich ist das Motto der Spiele
doch „Expect Emotions“. Kaum zeigt man mal
Emotions, wird man schon gesperrt. Dass mit
Emotions nicht hysterisches Rumgezicke an der
Seitenlinie gemeint ist, hat uns schließlich
niemand gesagt.
Dieselben Leute,
die sich darüber aufregen, rügen anschließend
übrigens, dass der Jogi beim Viertelfinale,
welches er hinter Glas in einer der Logen
verbringt, beim Rauchen erwischt wird. Wegen
Vorbildfunktion und so. Das sind Emotions, die
nicht erwünscht sind in diesem Land. Dann doch
lieber den vierten Offiziellen anbrüllen. Tststs.
Wie gesagt: ein
unvergessenes Spiel, auch wenn auf dem grünen
Rasen herzlich wenig passiert und sich die
deutsche Mannschaft eher ins Viertelfinale würgt
als spielt.
Da darf man auch
direkt als Erstes ran, Spiel gegen den
Gruppensieger Portugal. Auf der Trainerbank ist
Löws Assistent Hansi Flick Chef im Ring.
Trainererfahrung hat der bei der TSG Hoffenheim
sammeln können. Allerdings nicht als aktueller
Erstliga-Aufsteiger, sondern in der
Regionalliga. Für Portugal reicht das, weil die
deutsche Mannschaft einen Sahnetag erwischt,
besonders Bastian Schweinsteiger ist nach seiner
Sperre heiß wie Frittenfett und nimmt die
Portugiesen ganz alleine auseinander. Wie im
Spiel um Platz 3 bei der WM, als er alle drei
Buden gegen die Ballzauberer von der
Atlantikküste machte. Diesmal schießt er ein Tor
selbst und bereit zwei weitere vor.
Einreiseverbot nach Portugal demnächst
wahrscheinlich inklusive. Aber auch der Rest der
Mannschaft liefert eine tolle Partie ab und
gewinnt völlig verdient mit 3:2. Najaaaa, etwas
trübt dann doch den Erfolg – das
vorentscheidende 3:1 durch Ballack ist, wie es
im ARD-Rückblick so wunderschön formuliert wird,
„nicht ganz regulär“, womit das unbestechliche
Erste Deutsche Fernsehen mal eben die Regeln
erweitert, zumindest dachte ich immer, dass es
nur „reguläre“ oder „irreguläre“ Tore gibt,
dazwischen nichts. Aber man lernt ja gerne dazu,
wenn’s hilft. Außerdem wollen wir uns doch nicht
über den Schiri beschweren, wir doch nicht. Das
sind halt auch nur Menschen, denen vielleicht
mal Fehler unterlaufen. Zwei Tage vorher noch
von der Verschwörung gejammert, jetzt schon
wieder nachsichtig. Ist doch schön, wie schnell
wir milde zu stimmen sind.
Zweites
Viertelfinale, Kroatien - Türkei. Ein Langweiler
vor dem Herrn Man kann 118 Minuten lang ein
gutes Buch lesen, man verpasst nichts. Von den
lustigen Ausflügen des türkischen Keepers Rüstü
im eigenen Strafraum mal abgesehen. Der ist der
Ersatz für Volkan, der im Spiel gegen Tschechien
Rot sah, weil er Jan Koller umgestoßen hatte.
Dafür bekam er zwei Spiele Sperre, Mindeststrafe
bei Tätlichkeiten (wie viel hatte der
Schweinsteiger für ein absolut identisches
Vergehen noch mal bekommen? Ach ja,
Verschwörung...). Rüstü ist der große alte Mann
des türkischen Fußballs, gibt hier quasi
unverhofft nochmals eine Abschiedstournee. Auf
der Linie ist der immer noch klasse, prima
Reflexe. Sein Trainer hätte ihm nur verbieten
sollen, bei Flanken und Ecken aus dem Tor zu
kommen. Und so passiert, was passieren muss, in
der 119. Minute irrt Rüstü mal wieder
orientierungslos durch seinen Strafraum, und
Ivan Klasnic köpft das 1:0. Ausgerechnet Klasnic
von Werder Bremen (noch), der Mann mit der
schier unendlichen Leidensgeschichte, der
Spieler, der mit einer fremden Niere spielt,
ausgerechnet er köpft die Kroaten ins
Halbfinale. Märchen können so schön sein!
Und so schnell
wieder vorbei. Denn während die Kroaten mental
schon auf der Ehrenrunde sind, erinnern sich die
Türken wieder mal daran, dass ein Spiel erst zu
Ende ist, wenn der Schiri abpfeift. Kurzerhand
gleicht man im Gegenzug aus, natürlich mit Glück
und Brechstange, Rüstü kickt einen Freistoß aus
der eigenen Hälfte in den gegnerischen
Strafraum, die Kroaten kriegen den Ball nicht
weg, und Semih haut die Kugel per Kunstschuss in
den Winkel, Ausgleich in der Nachspielzeit. Zum
dritten Mal drehen die Türken ein Spiel noch
kurz vor Schluss. Beeindruckend. Das
anschließende 11-m-Schießen gewinnen sie dann
relativ locker, weil die Kroaten völlig entnervt
sind.
Drittes
Viertelfinale, Niederlande – Russland. Hier geht
der Stern der russischen Bubitruppe erst richtig
auf. Völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass
sämtliche „Experten“, die der Meinung sind,
etwas von der Sportart zu verstehen, die
Niederländer jetzt als Top-Favorit auf den Titel
nennen. Wohlgemerkt – jetzt, vor dem Turnier
hatten auch diese „Experten“ die Niederlande
eigentlich nicht auf dem Zettel, aber vielleicht
waren sie da ja auch noch keine Experten, man
lernt ja so schnell. Die Niederländer auch,
nämlich dass sich nicht jeder Gegner von ihren
wirklich fantastischen Spielen gegen Italien und
Frankreich beeindrucken lässt. Außerdem scheinen
sie durchaus verwirrt zu sein, plötzlich auch
mal in Rückstand zu geraten, das ist im Programm
irgendwie nicht vorgesehen, damit können sie
nicht umgehen. Die Russen lassen nicht viel zu
und spielen umso eindrucksvoller selbst nach
vorne. Dass die Niederländer sich durch ein
spätes Tor von van Nistelrooy noch in die
Verlängerung retten können, ist eher Zufall und
wird von den Russen auch genau so zur Kenntnis
genommen bzw. eben einfach ignoriert. Man spielt
in der Verlängerung denselben flotten Ball
weiter wie zuvor und schießt den
Plötzlich-von-Experten-ernannten-Top-Favoriten
locker mit 3:1 aus dem Turnier. Und das Einzige,
worüber sich Trainer Guus Hiddink Sorgen machen
muss, ist die Unversehrtheit seines Stürmers
Torbinskiy, der nach seinem Treffer zum 2:1
meterhoch unter einer Pyramide jubelnder
Mitspieler begraben wird, und der selbst ja auch
nicht gerade ein Riese von Gestalt ist. Aber es
geht alles gut, Russlands Star Arshawin setzt
noch das 3:1 obendrauf, und Russland steht
völlig verdient im Halbfinale.
Wo kann man sich
eigentlich für einen Job als „Experte“ bewerben?
Ich glaube, das hätte ich auch noch drauf...
Viertes
Viertelfinale, Spanien – Italien. Kann man mit
zwei Worten abhaken: wie erwartet. Von mir
zumindest. Italienische Torverhinderung gegen
spanische Vorsicht, war doch klar. Aber diesmal
traf es die Italiener, die das 11-m-Schießen
verloren. Wer sich über 120 Minuten genau eine
Torchance heraus spielt, in einem Viertelfinale,
der scheidet nicht ganz unverdient aus.
Immerhin, nach dem 2:0 gegen Frankreich im
letzten Gruppenspiel beschwerten sich auch die
Italiener nicht weiter über den Modus. Die
waren, was das Gejammer anging, also genau so
lernfähig wie wir. Auch hier gilt: schön, wenn
man so schnell milde gestimmt werden kann. Auch
wenn’s dann anschließend direkt nach Hause geht.
Es folgte das
Halbfinale Deutschland – Türkei. Für viele in
diesem Land ein Alptraum, das war unterschwellig
deutlich zu merken, auch wenn es keiner offen
aussprach. Nun, das ein oder andere konnte man
schon lesen, vornehmlich allerdings in
Internet-Foren, wo man ja kein Blatt vor den
Mund nehmen muss. Da war mehrfach davon die
Rede, dass man eh nicht verstehe, warum diese
„Asiaten“ überhaupt an einer EM teilnehmen
dürfen. Den größten asiatischen Landesanteil
aller Teilnehmer der EM hat übrigens Russland,
aber darüber wurde nichts gesagt. Die stören ja
auch die deutsche Nachtruhe nicht mit
irgendwelchen Autokorsi, die waren um diese
Uhrzeiten eh schon immer zu besoffen zum
Autofahren, haha. Nach dem sensationellen Spiel
der Türkei gegen Tschechien gab es Bilder eines
proppevollen Ku’damms in Berlin mit feiernden
Menschen, hupenden Autos, sogar Feuerwerk bzw.
Bengalen konnten gesichtet werden. Da klagte der
ein oder andere schon über die nächtliche
Ruhestörung. Vier Tage später wurden exakt
dieselben Bilder gesendet, auch mit Feuerwerk.
Ich dachte erst, warum holen die vier Tage alte
Bilder raus, bis ich den einzigen Unterschied
erkannte: es waren keine türkischen, sondern
deutsche Fahnen, das war nämlich nach dem Sieg
gegen Portugal. Und das ist ja wieder etwas
völlig anderes. Zusammenfassend könnte man
sagen: Gäste in Deutschland haben noch lange
nicht so zu feiern wie Deutsche selbst. Darin
scheint ein fundamentaler Unterschied zu
bestehen. Leider ist es mir noch nicht gelungen,
ihn herauszufinden, aber ich arbeite dran.
Die dürfen
übrigens auch lange nicht so spielen wie wir.
Die Türken hatten nicht gerade spielerischen
Glanz verbreitet, sich aber mit drei
Last-Minute-Siegen ins Halbfinale durchgekämpft.
Da hieß es dann, die hätten sich ins Halbfinale
gemogelt. Die Deutschen hatten ein richtig gutes
Spiel abgeliefert, ein durchschnittlich gutes
und zwei, die für deutsche Verhältnisse
Grottenfußball waren. Da hieß es dann, wir sind
eine „Turniermannschaft“. Man muss halt auch die
feinen Unterschiede sehen.
Deutschland war
vor dem Spiel natürlich Favorit. Zum einen
sowieso, zum anderen, weil den Türken allmählich
die Spieler ausgingen. Vier Mann gesperrt (Volkan
wie erwähnt wegen Platzverweis, die anderen drei
wegen der jeweils zweiten Gelben Karte), vier
Mann verletzt. Trainer Terim hatte nur noch 14
gesunde und nicht gesperrte Spieler und
nominierte kurzerhand den dritten Torwart als
Feldspieler. Geniale Begründung: „Die Zeiten
sind vorbei, in denen sich ein Spieler aussuchen
konnte, wo er spielen will.“ Und was machen
diese Türken, die kaum noch Spieler und sich ja
sowieso nur ins Halbfinale gemogelt hatten, zu
Beginn des Spiels? Die spielen einfach nach
vorne! Ziemlich dreist eigentlich. In den ersten
zwanzig Minuten nahm man die Deutschen mal
gepflegt auseinander, erst rettete die Latte,
dann noch mal, aber wenigstens der Nachschuss
war drin. Führung für die Türkei, und was
besonders peinlich für den klaren Favoriten sein
dürfte – auch noch verdient. Ein Glück, dass wir
schnell zurückschlagen und durch Schweinsteiger
ausgleichen konnten. In der zweiten Halbzeit
legte Rüstü dann seinen obligatorischen
unsinnigen Ausflug in den Strafraum hin und
Klose köpfte das 2:1. Zwar schafften die Türken
es auch zum vierten Mal in Folge, wieder ein
spätes Tor zu erzielen, zum Ausgleich in der 86.
Minute, aber ein Spiel dauert 90 Minuten und am
Ende gewinnt immer Deutschland, deshalb machte
Lahm nach einer tollen Kombination mit
Hitzlsperger in eben dieser Minute noch den
3:2-Siegtreffer in diesem Nervenspiel.
Einerseits ausgleichende Gerechtigkeit, dass die
Türken, die drei Gegner auf diese Weise
abgestraft hatten, jetzt selbst mal zu spüren
bekamen, wie es ist, das Spiel in der letzten
Minute noch aus der Hand zu geben; andererseits
ein ziemlich glücklicher Sieg einer deutschen
Mannschaft, die spielerisch klar schwächer war
als ihr Gegner. Aber zum Glück wird ja bei uns
niemand von „durchmogeln“ reden. Oder?
Im zweiten
Halbfinale machten die Spanier mit den Russen
das, was sie mit ihnen in der Gruppenphase schon
gemacht hatten, sie knipsten sie humorlos aus,
wobei die Russen doch Erstaunliches offenbarten:
nach dem 0:1 schenkten sie das Spiel nämlich
relativ leidenschaftslos ab. Vielleicht waren
sie auch nur platt. Trotz allem ein
beeindruckender Auftritt dieser jungen
Mannschaft. Wenn Trainer Hiddink diese
Bubi-Truppe zusammenhalten kann, werden die bei
der WM 2010 ein ernsthaftes Wörtchen mitreden.
Wirklich erfrischend, was da aus dem Osten
kommt.
Die Spanier
hingegen hatten den Ausfall ihres besten
Stürmers Villa zu verkraften, der verletzt
ausgewechselt werden musste. Aber das machte nur
wenig. Zum Beispiel erzielte das 2:0 ein
eingewechselter Spieler namens Güiza, sein
zweites Tor in diesem Turnier. Wer das ist? Nur
ein Spieler von RCD Mallorca und aktueller
Torschützenkönig in der spanischen Liga mit 27
(!) Treffern. So einen können die in diesem
Turnier mal locker zu Spielbeginn auf die Bank
setzen, fällt gar nicht auf. Die Spanier haben
in diesem Jahr ihr stärkstes Team seit Jahren,
wenn nicht Jahrzehnten. Das würde eine harte
Nuss für Deutschland werden...
Aber zuvor gab’s
natürlich Wichtigeres. Wenn uns keine
Schlagzeilen einfallen, dann bestellen wir uns
halt welche. Wie vor Turnierbeginn, als in
verschiedenen polnischen Boulevardblättern
reichlich geschmacklos auf das bevorstehende
Duell mit Deutschland aufmerksam gemacht wurde.
Das war schon hart am Rande der Volksverhetzung.
Aber: zumindest eines dieser Schmierblätter, die
polnische „Fakt“, kommt aus dem Hause Springer.
Teufel, Teufel, so ein Zufall. Da hatten sie bei
der BLÖD also direkt mal im eigenen Hause die
Schlagzeilen bestellt, um dann sagen zu können:
ab jetzt wird zurück geschrieben! Clever
gedacht, und wieder waren die anderen Schuld.
Ich wette, in der Chefredaktion werden sie sich
die Bäuche vor Lachen gehalten haben.
So etwas gab es
vor dem Finale nicht. Damit es aber irgend etwas
zu berichten gab, griff man auf das
Allheilmittel zurück, das schon vor der WM 2006
funktioniert hatte: die Wade der Nation.
Müscha Ballack
hatte also wieder mal aua an seiner Wade.
Letzten Endes alles nur heiße Luft, denn
natürlich lief er zum Finale auf. Aber was wurde
zwei Tage lang ein Gezeter darum gemacht! Die
Presse überbot sich mit aktuellen News-Flashs
auf ihren Online-Seiten, im Fernsehen wurde
nicht nur jeder Offizielle befragt, der nicht
bei Drei auf dem Baum war, nein, es wurde auch
ernsthaft darüber diskutiert, und als
Gipfel der Peinlichkeit fand die Wade auch
Erwähnung in der „Tagesschau“. Man konnte
meinen, die Welt ginge unter, wenn Ballack nicht
würde spielen können.
Ich darf hier noch
mal ganz kurz auf das Halbfinale zurückblenden:
den Türken fehlten acht Spieler, darunter
ihr Stammtorwart und ihr Sturmführer. Da wurde
meines Wissens allerdings nicht so intensiv
gejammert. Jogi Löw reagierte auch genau
richtig, als er sagte, man hoffe, dass es mit
einem Einsatz noch klappe, wenn nicht, könnten
Borowski oder Schweinsteiger die Position
spielen, aber damit beschäftige er sich erst,
wenn der Ausfall von Ballack definitiv
feststehe. Ende der Durchsage. So soll es sein.
Aber was die Medien wieder daraus
machten...anscheinend muss das heutzutage so
sein, wenn man weiß, dass man zu 80%
Party-Publikum hat, die fröhlichen Leute von den
Fan-Meilen, die in zwei Monaten wieder das
Gesicht verziehen, wenn sie Fußball-Fans im Zug
oder auf der Autobahn sehen, weil sie sich gar
nicht vorstellen können, wie man samstags
morgens um 6 Uhr aufstehen kann, um zu einem
Auswärtsspiel zu fahren...solche Event-Fans
wollen natürlich unterhalten werden, also macht
man aus jeder Mücke einen Elefanten oder aus
einer Wade einen nationalen Notstand, nur um ja
irgendetwas zu berichten zu haben. Furchtbar.
Ich will es mal so
sagen: natürlich ist Ballack einer der
wichtigsten Spieler in der Nationalelf. Aber
wenn ein einziger Spieler für ein
einziges Spiel auszufallen droht, und daraus
wird sofort solch ein Trauerspiel gemacht, dann
sollte man sich mal überlegen, die Mannschaft
beim nächsten Turnier erst gar nicht anzumelden.
Weil der Rest der Truppe ja dann eigentlich zu
gar nix in der Lage sein muss. Oder wollte man
sich damit schon mal vorsorglich eine Ausrede
zurecht legen? Wenn ein Spieler nicht spielen
kann, spielt halt ein anderer, fertig, aus.
Gerade in einer Nationalmannschaft sollte sich
der Ersatz qualitativ nicht sonderlich von der
ersten Wahl unterscheiden. Ein Bisschen
vielleicht schon, aber doch nicht derart
gravierend, dass sofort Krisenstäbe einberufen
werden müssen, nur weil es in einer Wade mal
zwickt. Wie gesagt, im Endeffekt war alles nur
heiße Luft. Ballack konnte spielen, die Medien
hatten ihre Schlagzeilen, die Fans hatten auch
zwischendurch etwas zu zittern, obwohl kein
Spiel stattfand – ja, solche kleinen Episoden
können durchaus allen nutzen, auch wenn sie für
mich persönlich an Peinlichkeit kaum zu
überbieten sind. Aber das kümmert ja schon lange
niemanden mehr.
Und die spanische
Nuss war nicht nur hart, sie war auch nicht zu
knacken. Muss man ganz objektiv so sehen. Man
verlor das Finale nur mit 0:1, weil die Spanier
in der zweiten Halbzeit den Sack nicht
zumachten, ansonsten hätte es richtig bitter
werden können. Spanien, der ewigen Loser bei
solchen Turnieren, wurde völlig verdient
Europameister. Deutschland schaffte es in der
zweiten Halbzeit noch nicht mal, eine richtig
gute Torchance herauszuspielen, dann darf man
sich auch nicht wundern. Andererseits – ist der
zweite Platz nichts? 2006 war man Dritter, jetzt
Zweiter, das lässt doch für 2010 und Südafrika
hoffen. Auch wenn das Spiel der Deutschen nur
phasenweise an die Auftritte von 2006 erinnern
konnte. Aber darauf kann man weiter aufbauen und
sich nunmehr der WM-Qualifikation widmen. Die
wird schon haarig genug, schließlich spielt man
auch gegen Russland. Und wenn ich daran denke,
was diese kleinen quirligen Jungs wie Arshawin
oder Torbinskiy mit unseren deutschen Hünen
Mertesacker oder Metzelder machen könnten...da
ist doch für Spannung gesorgt, denke ich.
Was bleibt sonst
noch von der EM? Also außer dass Michael Ballack
bald einen schwunghaften Handel mit einem
bestimmten Edelmetall aufmachen kann, so viele
Silbermedaillen wie der mittlerweile abkassiert
hat. Nun, zumindest die Tatsache, dass nunmehr
jeder weiß, dass Brasilien ein Einwanderungsland
ist. Geradezu unglaublich, bei welchen Ländern
plötzlich gebürtige Brasilianer auflaufen, weil
man einen entsprechenden Vorfahren ausgegraben
hat, der zur Einbürgerung berechtigt. Bei den
Türken zum Beispiel Mehmet Aurelio. Bei den
Portugiesen Pepe. Sogar bei den Polen netzte ein
gewisser Herr Roger Guerreiro ein. Das hat
irgendwie schon was von Winnetou Koslowski. Auch
vor einer echten Skurrilität macht man nicht
halt: selbst in Brasilien, dem einzigen Land in
ganz Südamerika, in dem nicht Spanisch, sondern
Portugiesisch gesprochen wird, machte man einen
Spieler mit spanischen Vorfahren ausfindig:
Marcos Senna da Silva. Man darf somit gespannt
sein, wann der erste Brasilianer für die Färöer
auflaufen wird. Ich freu mich drauf.
Aber auch wir
brauchen uns um die Zukunft keine Sorgen zu
machen. Der Posten des Bundestrainers ist
natürlich eine nationale Herzensangelegenheit.
Da wissen Millionen „Experten“, wer am besten
geeignet ist. Das wird für die Zeit nach
Knuddel-Jogi nicht anders werden. Aber ich
glaube, seit dem Viertelfinale sind wir da auf
einem guten Weg. Interims-Coach Hansi Flick, der
sich jetzt für seine nächsten Assistenz-Jahre
schon mal „als Bundestrainer unbesiegt“ in den
Briefkopf schreiben kann, brauchte in seinem
ersten Interview als Bundestrainer nach dem
Spiel handgestoppt nur 38 Sekunden, bis auch er
den legendären Phrasendrescher von der
„Turniermannschaft“ über die Lippen bekam. Na
also, geht doch, damit hat er seine
Qualifikation für das Amt des Bundestrainers ja
wohl nachhaltig unter Beweis gestellt! Ich
glaube, mit solchen Trainern wird die deutsche
Mannschaft auf Jahre unbesiegbar bleiben. Das
tut mir Leid für den Rest der Welt, aber es ist
so.
Oder so ähnlich.
Ich wünsche
nunmehr noch eine schöne Sommerpause. Ich freue
mich auf den Saisonstart in der 3. Liga am
26.07.08, der für mich um einiges wichtiger ist
als eine Europameisterschaft, mag sie noch so
unterhaltsam sein. Bis dahin werde ich mir die
Zeit vertreiben und mal nachzählen, wie oft
deutsche „Experten“ die im August anstehenden
Olympischen Spiele in Peking als „Olympiade“
bezeichnen werden. Denn der Begriff „Olympiade“
bezeichnet eigentlich den olympiafreien
Zeitraum von vier Jahren zwischen den Spielen.
Aber ich bin
sicher, echte deutsche „Experten“ wird auch das
nicht jucken.
Turnier ist sogar
dann, wenn die Turniermannschaft nicht gewinnt,
weiß: janus |