Der geneigte Leser
sei vorgewarnt: hier geht es diesmal eher
weniger um Fußball. Zumindest, was Fortuna
angeht. Die „Leistungen“ dieser Truppe
verschlugen mir im April dermaßen die Sprache,
dass ich ihr Auftreten diesmal recht kurz
abgehandelt habe. Also für meine Verhältnisse.
Wenn ich dazu alles geschrieben hätte, was ich
hätte schreiben können – mein Gott, dafür hätte
ich Urlaub nehmen müssen, um das in der Zeit
fertig stellen zu können. Und anschließend wäre
es wohl nicht jugendfrei gewesen. Also
beschränke ich mich auf kurze Abhandlungen
leidvollen Gejammers. Dass es trotzdem etwas
länger geworden, liegt an einer kleinen
Exkursion meinerseits nach Hamburg in der Mitte
des Aprils. Da ging’s zwar auch eher weniger um
Fußball, aber ich hatte wenigstens Spaß.
Wer’s trotzdem lesen mag –
here we go.
Insolvenz Part I –
Der Dolchstoß
Am 05.04.2008
hätte Fortuna beim bereits feststehenden
Absteiger VfB Lübeck antreten sollen. Leider
hatten zwei Parteien etwas dagegen, die
Wetterfraktion und die Platzkommission. Ebenso
leider fiel ihnen dies reichlich spät ein. Erst
in der Nacht vor dem Spiel begann es richtig,
wie aus Eimern zu schütten. Da war es wohl auch
der Platzkommission zu ungemütlich. Man einigte
sich auf den letzten möglichen Termin zur
Begehung des Platzes, drei Stunden vor
Spielbeginn. Das Schiedsrichtergespann, aus dem
unfassbar weit entfernten Hamburg quasi per
Weltreise ankommend, verirrte sich dann
anscheinend noch in die Lübecker Innenstadt und
blieb in der Niederegger Marzipan-Filiale
hängen. Als Konsequenz kamen sie dann auch noch
eine Stunde zu spät. Also wurde erst um 12 Uhr
der Platz begutachtet und das Spiel, das um 14
Uhr hätte angepfiffen werden sollen, abgesagt.
Da merkt man, dass man 3. Liga spielt...
Keine Frage, wenn
man sich die Bilder des Spielortes betrachtet,
dann war die Absage gerechtfertigt, der Platz
glich eher einer holsteinischen Seenplatte als
einem Fußballfeld. Aber der Zeitpunkt der
Absage, zwei Stunden vor dem Spiel, war,
diplomatisch formuliert, etwas unglücklich.
Besonders wenn der Gegner aus 500 km Entfernung
anreist. Etliche Fans waren schon vor Ort in
Lübeck, als die Absage kam, den Rest erwischte
es auf der Autobahn oder in den Zügen, viele
glaubten erst mal an einen schlechten Scherz und
fuhren weiter. Ich persönlich war spät dran und
daher erst zwischen Hamburg und Bremen, da
ging’s noch. Mir wurde nahegelegt, doch einen
Abstecher nach Bremen zu machen, da könnte ich
mir noch Werder II gegen Babelsberg anschauen.
Ich verzichtete dankend und hatte Recht: ein
Spiel auf dem verfluchten Nebenplatz 11 zwischen
diesen beiden Weltmannschaften, bei diesem
Sauwetter, das dann auch folgerichtig 0:0 endete
– das hätte mir den Rest gegeben. Gibt auch so
schon kaum etwas Deprimierendes als stundenlang
auf der Autobahn für nichts herumzufahren. Okay,
kommt bei Fortuna-Spielen auch häufig vor, aber
dann gibt’s wenigstens noch Fußball
zwischendurch. Wenigstens vom Gegner.
Den rafften wir in
diesem Fall natürlich trotzdem dahin, wenn auch
eher ungewollt. Über die prekäre Lübecker
Finanzsituation hatte ich hier schon einige
Worte verloren. Gebessert hatte sich in der
Zwischenzeit nichts. Es wurde so schlimm, dass
die Truppe zum Auswärtsspiel in Oberhausen (eine
Woche vor dem Termin gegen Fortuna) erst am
Spieltag anreisen konnte, in einigen
Kleinbussen, die ein mitleidiger Sponsor zur
Verfügung gestellt hatte. Anschließend hielt man
in Oberhausen eine Halbzeit mit und brach nach
dem ersten Gegentor auseinander, was den
Kommentator der ARD-Sportschau zu der Aussage
veranlasste: „Die Lübecker sahen staunend zu,
vielleicht hatte sie ja auch die unerwartete
Zahlung der Februar-Gehälter vor einigen Tagen
vor Glück erstarren lassen.“ Tja, und für die
März-Gehälter – dafür waren die
Zuschauereinnahmen aus dem Spiel gegen Fortuna
bestimmt. Nachdem dieses abgesagt worden war,
ging man einige Tage nach dem Termin den
bitteren Gang und meldete Insolvenz an. Und
hierbei soll nicht unerwähnt bleiben, dass
einige Fortuna-Fans, die bei der Absage bereits
vor Ort waren, von der Geschäftsstelle des VfB
mit kleinen Lunchpaketen (!) für die
bevorstehende Rückfahrt versorgt wurden. Sie
gaben quasi ihr letztes Hemd, anschließend
sperrten sie die Hütte ab und gingen pleite nach
Hause. Und das nur wegen ein bisschen Regen.
Aber machen wir uns nichts vor, ansonsten wäre
der Antrag halt zwei Wochen später erfolgt. Und
egal wie ärgerlich so etwas für alle Beteiligten
ist, wie einige Blitzbirnen im Forum der Fortuna
noch ernsthaft fordern konnten, dass der VfB
Lübeck (der mit der Spielabsage nicht das
Geringste zu tun hatte) den vergeblich
angereisten Fans auch noch Schadenersatz leisten
solle, zeigte sehr gut wie es in puncto
Unwissenheit und/oder Arroganz bei einigen
bestellt ist. Lustigerweise bei denen, die mit
ihrem Hintern zuhause im Warmen saßen, denn
diese Einträge erschienen quasi sofort nach der
Absage, da konnten die Lübeck-Fahrer noch gar
nicht zuhause sein. Und solche Heimschläfer
wissen ja eh immer alles besser, von
Trainingsmethoden über Mannschaftsaufstellungen
bis hin zu Schadenersatzforderungen, wenn man
freiwillig, uneingeladen und ungefragt mal eben
500 km anreist, und die Veranstaltung dann
aufgrund höherer Gewalt ins Wasser fällt. Klar
hätte die Platzkommission früher zusammen treten
müssen, aber die schöpfte nun mal nur den Rahmen
aus, den die DFB-Spielordnung ihr bietet. Und in
diesem Fall vielleicht noch nicht einmal ganz
ungerechtfertigt, denn wie gesagt, der richtig
heftige Regen begann ja erst in der Nacht zuvor.
Und was los gewesen wäre, wenn sie um 8 Uhr
morgens das Spiel abgesagt hätten, und ab 9 Uhr
hätte strahlender Sonnenschein geherrscht, kann
man sich auch unschwer vorstellen. Fußball ist
nun mal ein Freiluftsport, da muss man ab und zu
mit so etwas rechnen. Aber okay, wer sich dieser
Freiluft sowieso nicht aussetzen will oder kann,
der meckert dann auch leichter. Klingt komisch,
ist aber so.
Der neue Termin
wurde relativ zügig für den 22.04.08 angesetzt.
Im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer.
Hätten wir doch lieber an jenem Tag eine Runde
Wasserball gegen Lübeck gespielt! Gegen eine
Trümmertruppe also, die aus dem letzten Loch
pfeift, und nur noch die Saison mit Anstand zu
Ende spielt, mit einer Handvoll Profis und
Spielern aus der Zweiten Mannschaft und aus der
A-Jugend. Und wozu die dann in der Lage sind,
wenn es wieder um Fußball geht und so eine
arrogante Truppe vorbei schaut, wahrscheinlich
noch mit Schadenersatzforderungen im Gepäck, das
werden wir noch erleben. Wenn auch nur kurz.
Sprachlos I
Wir kommen nun zum
angekündigten Novum in der kurzen Geschichte
dieser Website. Ich werde mich mal in der mir
eher ungewohnten Kurzberichterstattung
versuchen, was Fortuna angeht. Denn bis zum
heutigen Tag fehlen mir so ein wenig die Worte
für das, was sich in den weiteren April-Wochen
ereignete. Mit Ausnahme des darauf folgenden
Wochenendes. Aber da war stand Fortuna ja nicht
alleine im Mittelpunkt. Ich bitte jetzt schon,
die ausführliche Abschweifung zu vermeiden, aber
jenes Wochenende vom 11.04.08 bis zum 13.04.08
ist sportlich das Einzige, über das ich mich im
April freuen konnte. Der Rest war dermaßen
unterirdisch, dass selbst Labertaschen wie ich
merken: manchmal kann man nix mehr schreiben.
Oder wenigstens nicht mehr viel.
08.04.08, Finale
des FVN-Pokals. Gegner: RW Essen, seines
Zeichens gerade auf dem direkten Durchmarsch von
der 2. in die 4. Liga. Außerdem mit genau einem
Tag Pause, das Finale war an einem Dienstag, und
die Essener hatten am Sonntag zuvor noch 0:3
gegen Union Berlin verloren. Finalort: MSV-Arena
in Duisburg, wirklich würdig für ein Endspiel
zweier Amateur-Mannschaften. Zuschauer: 8.000,
davon vielleicht 1.000 Essener, wenn’s hoch
kommt, der Rest Fortuna-Fans. Der Lohn: der
Sieger spielt in der 1. DFB-Pokal-Hauptrunde zu
Beginn der nächsten Saison. Mit diesem einen
Spiel also auch eine schöne garantierte
Nettosumme für die Vereinskasse. Mehr geht
eigentlich nicht.
Fortuna verlor 0:1
nach völlig indiskutabler Leistung. Die kamen
auf den Platz und hatten schon gewonnen. Selbst
mit dieser Einstellung war man durchaus
gleichwertig gegen grottenschlechte Essener, die
völlig verunsichert und mit der Union-Klatsche
im Kopf genauso spielten, wie es ihr damaliger
(und jetziger) Tabellenplatz aussagte. Was das
dann für ein Spiel war, kann sich jeder lebhaft
vorstellen. Zweimal, nur zweimal hatte man das
Gefühl, in diesem Spiel könnte die Fortuna etwas
reißen: in der ersten Halbzeit wurde einmal
schön schnell gespielt, Flanke von links hinter
den langen Pfosten, Cebe legte direkt aus der
Luft in die Mitte ab, und Andy Lambertz haute
die Kugel aus fünf Metern Entfernung aus dem
Stadion heraus. Unfassbar. In der zweiten
Halbzeit dann noch ein schöner Freistoßtrick,
und Lawaree semmelte die Kugel aus zwanzig
Metern an den linken Pfosten. Okay, Pech, kann
passieren. Was nicht passieren kann, ist, dass
danach nichts mehr kam. Nichts! Anscheinend
hatte man sich gedacht, wir schieben die Kugel
mal lässig hin und her, spätestens in der
Verlängerung werden die Essener zusammenbrechen.
Das hätte vielleicht sogar gestimmt, aber was
dann kam, setzte dem Ganzen doch die Krone auf:
in der 77. Minute Freistoß von links für Essen,
auf den langen Pfosten gezogen, an Freund und
Feind vorbei, besonders an Freund, und dann drei
frei stehende Essener, die noch ausdiskutieren
konnten, wer die Bude macht. Schließlich war es
Verteidiger Joseph-Augustin, der die Kugel aus
Nahdistanz über die Linie drückte. Und das
setzte dem Ganzen deswegen die Krone auf, weil
es nahezu eine exakte Kopie des 0:1 gegen
Magdeburg anderthalb Wochen zuvor war. Da kommt
man sich dann richtig verarscht vor. Von den
restlichen Spielminuten übrigens auch.
RW Essen darf nun
im DFB-Pokal spielen, und Fortuna-Fans dürfen
sich bei der Mannschaft bedanken, dass nicht nur
die letzten fünf, sondern auch die letzten sechs
Teilnahmen am FVN-Pokal weiterhin mit einem
einzigen griffigen Satz zu erläutern sind:
dreimal in Wuppertal ausgeschieden, dreimal im
Finale verloren. Vielen Dank dafür.
Ein etwas anderes
Wochenende
Nun kommt die
kleine Ausnahme, es darf wieder etwas
ausführlicher werden. Wer sich nur für Fortuna
interessiert, dem sei ein Vorscrollen ans Ende
dieses Abschnitts empfohlen. Hier geht’s erst
mal um andere, die mir im April tatsächlich ein
bisschen Freude gemacht haben.
Ich bin ja
bekennender Videotext-Fan. Irgendwann im Januar
schaute ich mit einem guten Bekannten mal die
Ergebnisse des Wochenendes in den Amateurligen
durch, die bei den Regionalsendern angeboten
werden. Bei dem Kollegen handelt es sich um
einen Redakteur des altehrwürdigen
Online-Magazins www.seitenwahl.de, welches sich
schon seit über zehn Jahren mit Wohl und Wehen
eines kleinen Clubs in der Nähe von Ostholland
befasst, gemeinhin als Borussia Mönchengladbach
bekannt. Eine wohltuend unaufgeregte Website,
die sich besonders durch informative Vorberichte
und Nachbereitungen der Gladbach-Spiele
auszeichnet. Und damit die Jungs dort auch mal
lernen, was „bestimmte Länge“ eines Beitrags
sein kann, habe ich dort schon mehrfach im
Rahmen des Vorberichtes mitschreiben dürfen –
natürlich, um den jeweiligen Gegner der Borussia
vorzustellen, nicht, dass ich hier noch in
falschen Verdacht gerate! Beim HSV in der
letzten Saison fiel mir das noch leicht, aus
solchen Weltvereinen wie Wehen, Greuther Fürth,
Paderborn oder Koblenz etwas Informatives
rauszuholen, ist schon schwieriger, macht aber
großen Spaß. Okay, im Falle Paderborn musste ich
sogar mal drei Zeilen über Holgi Fach schreiben,
es ist also nicht immer ein Vergnügen.
It’s a dirty job, but
someone’s got to do it!
Zusammenfassend
kann man somit sagen, der Kollege ist genauso
fußballbekloppt wie ich und für eine gepflegte
Durchforstung der Videotexte immer zu haben. Wir
stöberten ein wenig beim WDR und NDR und
delektierten uns an Namen, die in der
Vergangenheit schon mal etwas größer waren, wie
z.B. Preußen Münster (Oberliga Westfalen), SG
Wattenscheid 09 (Verbandsliga Westfalen II) oder
SV Meppen (Oberliga Nord). Natürlich wurden auch
eher skurrile Vereinsnamen schmunzelnd zur
Kenntnis genommen, wie z.B. Davaria Davensberg
(Verbandsliga Westfalen I), TuS Eving
Lindenhorst (Landesliga 3 West), VSK
Osterholz-Scharmbeck (Oberliga Nord) oder der
dem Fortuna-Fan sattsam bekannte SV
Hönnepel-Niedermörmter (Verbandsliga
Niederrhein), in der letzten Saison noch Gegner
von Fortuna II.
Tja, und dann
kamen wir zur Verbandsliga Hamburg, kurz
„Hamburg-Liga“ genannt. Und dort mussten wir
beim Betrachten der Tabelle doch zweimal
hinschauen. In dieser Liga tummeln sich nämlich
unter anderem zwei Teams mit den klangvollen
Namen FC Voran Ohe und USC Paloma. Die setzten
dem Ganzen dann doch die Krone auf. Zwei solche
Teams, die in der Rückrunde aufeinander treffen
würden, und wir wären nicht dabei – ja, durfte
das denn sein? Natürlich nicht! Kurz wurden mal
die Daten bei www.fussball.de gecheckt. Dort
stand die Rückrundenpartie dieser beiden
Giganten mit den herrlichen Namen auf Freitag,
den 11.04.08. Spontan wurde der Termin als
Reisetag vereinbart. Besonders, nachdem wir die
Website des Gastgebers mal einer genaueren
Prüfung unterzogen hatten. Da gab es kein Halten
mehr.
Voran Ohe ist
offiziell der Fußball-Club „Voran“ e.V. von 1949
Ohe, ein Breitensportverein, der neben Fußball
auch Leichtathletik, Schwimmen und Triathlon,
Tischtennis, Tanzen, Tennis, Turnen und
Gymnastik sowie Volleyball anbietet – und das
alles als eingetragener Fußball-Club! Ohe ist
ein Stadtteil von Reinbek, der aber als ältester
Sportverein der ehemaligen Gemeinde
Schönningstedt sehr auf sich hält – auch in den
Werbeanzeigen der jeweiligen Kleinsponsoren
erscheinen deren Geschäftsadressen stets in der
Form „Reinbek/Ohe“. Hervorgehoben wurde
insbesondere die idyllische Lage am Sachsenwald
– davon hatte ich leider noch nie gehört, aber
es klang recht nett.
Was das Eis dann
endgültig zum Schmelzen brachte, war ein Klick
auf die Fußball-Abteilung. Die 1. Mannschaft des
FC Voran firmiert nämlich tatsächlich unter dem
Synonym „Das weiße Ballett“! Jetzt weiß ich
also, woher die BLÖD vor einigen Jahren diese
Lobhudel-Bezeichnung für ihre Firmentruppe, den
FC Bayern München, geklaut hat! Und welches
weiße Ballett mir lieber ist, darüber braucht
wohl nicht weiter philosophiert zu werden. Als
wir dann noch lasen, dass das Team stolzer
Gewinner des „Heini-Jöns-Cups 2006“ war (ohne zu
wissen, worum es da überhaupt ging), dass die
Altherrenmannschaft für den 28.03.08 zum
diesjährigen Preisskat und Knobeln „Bei
Hänschen“ einlud, und dass der Verein seine
Heimspiele in einem Hexenkessel namens „Hans-Heinrich-Hackmack-Stadion“
austrägt, da war die Sache klar – dieses Spiel
durfte eigentlich nicht ohne uns über die Bühne
gehen! Zumal der Gegner vom Namen her ja auch
etwas zu bieten hatte – der Uhlenhorster SC
Paloma, tatsächlich mit der berühmten weißen
Taube auf blauem Hintergrund im Vereinswappen.
Das weiße Ballett gegen die weißen Tauben, das
klang nach großer weiter Welt – oder nach der
ostfriesischen Nationalflagge, die einst Otto
Waalkes einführte: weißer Adler auf weißem
Grund. Auf jeden Fall ein Pflichttermin – wenn
man denn Zeit hat...
Denn natürlich
hatten wir auch so unsere Termine.
Mönchengladbach spielte an jenem Wochenende das
Rückspiel gegen Aufstiegskonkurrent Greuther
Fürth, Fortuna empfing Spitzenreiter RW
Oberhausen – ein etwas ungünstiger Zeitpunkt für
einen Abstecher zum weißen Ballett. Aber einmal
in dieser Saison hielt der Fußballgott seinen
Daumen dazwischen und sorgte für ein
geschäftiges Wochenende unsererseits: Das weiße
Ballett würde wie gesagt am 11.04. zum Tanz
bitten. Am Samstag, den 12.04., spielte mein
heimlicher Zweitverein, der Hamburger SV, sein
Heimspiel gegen den MSV Duisburg. Und die
Spiele, auf die es in diesem Fall wirklich ankam
– die wurden auf Sonntag terminiert. Gladbach
kam also erfolgreich um ein weiteres dieser öden
Montagsspiele herum, bei Fortuna erfolgte die
Verlegung aufgrund der Terminierung des
Pokalendspiels gegen RW Essen am Dienstag zuvor.
Somit stand einem abwechslungsreichen
Fußballwochenende nichts mehr im Wege!
Schnell wurde sich
die Hilfe eines weiteren Kollegen gesichert, der
nicht nur eine Unterkunft organisierte, sondern
als waschechter Hamburger und HSV-Fan nicht nur
bei der Beschaffung der Tickets für die
Bundesligapartie mit Rat und Tat zur Seite
stand, sondern als exzellenter Ortskenner auch
für den Transport zum Ground in Ohe
verantwortlich zeichnen würde. Zur Planung hatte
er dann auch etwas zu sagen. Als wir ihm diese
im Januar per SMS mitteilten, kam lediglich die
lakonische Antwort: „Ja, Voran Ohe. Kann man
schon mal machen, denke ich!“, gefolgt von der
natürlich rein rhetorischen Frage: „Wie bekloppt
seid ihr eigentlich?“ Tja, und das sind dann so
Fragen, die ich lieber nicht beantworte, ich
könnte zu sehr ins Grübeln geraten. Stattdessen
fährt man lieber los. So wie wir am 11.04.08!
Nach einer
erstaunlich ereignislosen Anfahrt zum
HSV-Kollegen ging es von dort weiter nach Ohe.
Da der gute Mann in unmittelbarer Nähe der
Adolf-Jäger-Kampfbahn von Altona 93 residiert,
weiß der Hamburg-Kenner natürlich sofort, dass
die Tour nach Ohe sich etwas mühseliger
gestalten würde, wir mussten nämlich quer durch
die Hamburger Innenstadt, und das am späten
Freitag Nachmittag. Es dauerte dann auch etwas
länger, aber wir trafen pünktlich kurz vor
Spielbeginn ein. Nachdem wir zuletzt noch eine
schicke Wohnsiedlung durchqueren mussten,
standen wir schlussendlich vor dem legendären
Ground. Man betritt ihn am Clubheim und wandert
sodann quer über einen Kinderspielplatz zum
eigentlichen Eingang des Stadions. Naja,
Stadion...ein Sportplatz halt. Keine Tribüne,
dafür aber natürlich Rasenplatz. Der Ground
geizt nicht mit einigen skurrilen Reizen. Wenn
man am Kassenhäuschen seinen Obolus entrichtet
hat, schreitet man eine leicht abschüssige Rampe
hinunter zum Spielfeld. Hinter dem rechten Tor
ist ein Carport aufgebaut, in dem allerdings
nicht der Wagen des Hausmeisters, sondern
Imbiss- und Getränkestand Platz finden. Auf der
linken Geraden findet sich das Kabinchen des
„Stadionsprechers“, der auf den Spitznamen „Rüstü“
hört, folglich hängt an dieser kleinen
Besenkammer auch ein Schild, welches diese als „Rüstü’s
Ritze“ ausweist. Doch, sehr nett. Auf der
Gegengeraden stehen nur die Trainerbänke,
dahinter ein paar Büsche, dahinter wiederum
Wohnhäuser. Ab dem zweiten Stockwerk guckt man
auf den dortigen Balkons kostenlos, würde ich
sagen. Beeindruckend auch noch die Tartanbahn –
auf der Seite der „Hauptgeraden“. Sie führt
nicht um den ganzen Platz, somit kann man
hierauf auch nur maximal 100-m-Sprints
absolvieren. Aber das reicht ja auch.
Wir erwarben
Eintrittskarten für fünf Euro das Stück –
bisschen happig für eine fünfte Liga, finde ich,
aber soviel kostet es in hiesigen Gefilden ja
mittlerweile auch. Dafür gibt’s allerdings nicht
nur freie Platzwahl, sondern auch die
Stadionzeitung des FC Voran Ohe kostenlos
obendrauf. Und die ist ein solcher Burner,
daraus kann man bedenkenlos alles zitieren.
Okay, zur Hälfte besteht sie natürlich aus
Kleinanzeigen der Förderer, aber bei solch
kleinen Vereinen ist das natürlich in Ordnung.
Der Rest ist absolut lesenswert, eine Perle der
Fußball-Berichterstattung. Zunächst eine
Rückschau auf das Spiel des FC Voran bei einem
nicht minder legendären Verein der Hamburg-Liga,
Barmbek Uhlenhorst. Hierbei wurde auch
nostalgisch daran erinnert, dass „BU“, unter
diesem Kürzel ist der Verein hamburgweit ein
Begriff, dereinst im Jahre 1972 im Pokal gegen
den FC Bayern München antreten durfte. Und
erfrischend direkt schloss der Schreiber diese
Rückschau mit den Worten: „Schade nur, dass mir
keiner das damalige Ergebnis sagen konnte, aber
ein Großteil der BU-Fans war 1972 noch nicht
einmal geboren.“ Da hätte ich als Verfasser
natürlich auch nicht nachgeschaut! Ein schöner
Einstieg!
Dann geht es
weiter mit „Klatsch & Tratsch aus Ohe“. So etwas
möchte ich auch mal bei uns lesen! Da werden
bereits feststehende Neuzugänge für die kommende
Saison kurzerhand unter der Überschrift „Neue
Ballerinas!“ vorgestellt, klar, es ist ja auch
für das weiße Ballett. Das Hauptaugenmerk liegt
hierbei auf der Tatsache, dass es demnächst ein
neues Brüderpaar beim FC Voran geben wird – das
vierte nach „den bekloppten Hilles, den hübschen
Knullis und den ballwegschießenden Schmidts“.
Denn Neben Heiko „The Wall“ Tetzlaff wird
demnächst auch sein Bruder Ronny Tetzlaff in Ohe
aufspielen. Der kickt aktuell bei einem Verein
mit dem hübschen Namen SV Todesfelde – bei
diesem Vereinsnamen fand ich die
Charakterisierung des Spielers, nämlich dass er
die „gegnerischen Abwehrreihen das Fürchten
lehren“ wird, metaphorisch vielleicht doch etwas
fragwürdig, aber durchaus Respekt einflößend.
Und damit der
Ronny auch weiß, was ihn in Ohe erwartet, kommt
als nächste Meldung gleich mal die griffige
Zusammenfassung – des letzten Mannschaftsabends.
Da lies man es in gewohnter Manier wohl so
richtig krachen, der Artikel verhehlt nicht,
Sorgen umwölkt, dass zur Zeit der Drucklegung
nicht bekannt war, ob Linde, Kuddel und
Deutschbein mittlerweile wieder zuhause seien.
Überhaupt spielt die eher flüssig vorgetragene
Dritte Halbzeit eine große Rolle in Ohe, beim
Fragebogen an einen Spieler, diesmal
wahrgenommen von Oliver „Linde“ Lindemann (er
muss wohl doch irgendwann wieder nach Hause
gekommen sein) antwortet dieser auf die Frage
„Deine Stärken sind?“ unter anderem mit
„...natürlich die 3. Halbzeit“, was er im
Abschnitt „Dein Lieblingsgetränk“ dann auch
direkt explizit ausführt: „Beck’s Lemon, Pina
Colada, Wodka Red Bull.“ Ich schätze mal, hätte
er hier „Apfelschorle“ angegeben, wäre das
Interview ersatzlos gestrichen worden. Auch fein
der Spielbericht der 2. Mannschaft, die den SV
Hamwarde II mit 5:3 abbügelte. Der Bericht ist
sympathischerweise direkt von einem Spieler
verfasst, da gibt’s auch keine zwei Meinungen zu
Leistung und Taktik. Schön vor allem, wie der
Spieler seinen eigenen Treffer zum 1:0 per
Freistoß durch den Zusatz „ – schien haltbar zu
sein“ ergänzt. Das wird er wohl auch am besten
wissen. Und das Wichtigste wird auch nicht
vergessen: „Ich möchte hier noch mal ein großes
DANKE an Deutschbein loslassen, der sofort nach
Spielende einen Kasten als ‚Einstand’ in die
Kabine schmiss – größer Sport, Sören!“ Bei
„Deutschbein“ handelt es sich um den Spieler
Sören Deutsch, der an jenem Tag augenscheinlich
einen Hattrick schaffte – erst im Spiel zwei
Tore geschossen, anschließend den Kasten in die
Kabine gewuchtet. Da kann man sich nur
anschließen – großer Sport!
Übertroffen wird
er allerdings von „Rüstü“, der mal was zum Thema
Sachbeschädigung im Stadion zu sagen hat, und
seinen Artikel emotionsgeladen mit dem schönen
Satz „Seit einigen Wochen und Monaten langweilen
sich in unserem Dorf offensichtlich irgendwelche
Vollpfosten und randalieren aus diesem Grunde in
unserem Stadion!?!?“ beginnt. Nach diesem
frischen Opener folgt eine Aufzählung der
Schandtaten, von denen auch sein
Sprecherhäuschen nicht verschont geblieben ist.
Für diesen Täter hat Rüstü immerhin noch einen
separaten Tipp am Start: „Schwachmat, wenn du
das nächste Mal dort reinschauen möchtest,
sprich mich doch einfach an und du bekommst
einen Schlüssel von mir, oder bist du dann bei
deiner Freundin nicht ‚der große Held’??“ So
soll’s sein.
Anschließend setzt
er noch 50 Euro Belohnung aus, für Hinweise, die
es ihm ermöglichen, „mich mit diesen Gestörten
mal kurz zu unterhalten“ und schließt kurz,
bündig und vollkommen korrekt mit einem schönen
Zitat: „Es genügt nicht, dumm zu sein, man muss
es auch zeigen.“ Weltklasse!
Kurzum, dieses
kleine Heft verkürzte die Wartezeit bis zum
Spielbeginn erheblich. Ich war so sehr gefesselt
von den diversen Äußerungen, dass mir erst zum
Anpfiff klar wurde, dass ich vielleicht noch mal
die Örtlichkeit aufsuchen sollte. Dies war
leichter gesagt als getan, denn auf dem
Sportplatz selbst gab es keine. Nach Rückfrage
bei der Kassendame war die Sache klar: einmal
über den Spielplatz zurück ins Clubheim. Das war
zwar verschlossen, aber eine Tür zu den
Toiletten glücklicherweise nicht. Danach wieder
runter zum Sportplatz, aber es hatte immer noch
nicht angefangen. Nunmehr stand eine
Gedenkminute an. Denn leider war eine Woche
zuvor ausgerechnet der Mitbegründer des Vereins
und Namensgeber des Stadions, Hans-Heinrich
Hackmack, verstorben. Somit kann ich natürlich
sämtliche lustigen Wortschöpfungen zu diesem
Stadionnamen, die ich mir überlegt hatte, wieder
einpacken, das macht man nicht. Der Mann war
übrigens von 1949 bis 1999, somit unfassbare 50
Jahre, 1. Vorsitzender des Vereins. Würde mich
ja schon interessieren, wie unser Verein heute
aussehen würde, wenn wir dasselbe Personal wie
vor 50 Jahren am Start hätten...
Der Schiri
verlängerte die Gedenkminute spontan auf
gefühlte zweieinhalb, da stimmte wohl mit seiner
Uhr etwas nicht, dann ging es endlich los. Von
der Spielpaarung her war nicht viel zu erwarten,
Voran Ohe stand als Aufsteiger auf einem
hervorragenden 6. Platz, allerdings genauso
jenseits von Gut und Böse wie der USC Paloma,
der als Tabellen-Zehnter schon zehn Punkte
Vorsprung auf einen Abstiegsplatz hatte. Und so
wurde das Spiel dann auch. Ich habe mich ehrlich
bemüht, aber in der ersten Halbzeit konnte ich
keine einzige Torchance erkennen. Dies kann
allerdings auch an den äußeren Umständen gelegen
haben: es goss fortwährend in Strömen, schon
früh musste das Flutlicht eingeschaltet werden.
Und ich muss sagen – derartige Funzeln habe ich
noch nicht gesehen. Vielleicht lag es auch am
Regen oder an meiner Sehkraft, auf jeden Fall
hatte ich im laufenden Spiel immer mehr
Schwierigkeiten, Spieler beider Teams in dem
doch mehr als trüben Licht auseinander zu
halten. Eventuell ging es ihnen ja ähnlich, es
würde die zahllosen Fehlpässe erklären. Oder
aber die Tauben kamen nicht mit dem Geläuf
zurecht, denn der USC Paloma trägt seine
Heimspiele wohl auf Asche aus, in der Oher
Stadionzeitung stets nur vollmundig mit „roter
Rasen“ umschrieben. Vielleicht spielten sie
deswegen ihren größten Trumpf aus, die
Beton-Abwehr, mit der die Heimmannschaft nicht
klar kam.
Am Support kann es
nicht gelegen haben, denn für Ohe waren ca. 10
Jugendliche am Start, die außer Rucksäcken
voller Bierflaschen auch eine Trommel und
kräftige Stimmen dabei hatten, von denen sie
reichlich Gebrauch machten. Erstaunlich.
Zur Pause also
0:0, ein Grottenkick, Hamburger Dauerregen,
Wind, kalt, ein Flutlicht, dessen Leuchtkraft
ich durch Mitnahme und Benutzung meiner
Taschenlampe glatt um 50 % hätte steigern
können, und das nach 400 km Anfahrt – stört uns
das? Nicht im Geringsten. Wenn das weiße Ballett
gegen die weißen Tauben spielt, hat die Logik
halt Pause. Außerdem gab es ja noch Rüstü, der
uns über das Mikro mit so manch flottem Spruch
erheiterte. Sein Meisterstück lieferte er
unmittelbar nach Wiederbeginn, als er einen
Wechsel bei den Gastgebern ansagte. Dabei wurde
ihm wohl gesteckt, dass er einen
verletzungsbedingten Wechsel bei den Gästen
übersehen hatte – und zwar schon in der 16.
Minute. Was meine Meinung über die „Leistung“
des Flutlichts vielleicht doch ein wenig
untermauern könnte. Für Rüstü kein Grund,
Trübsal zu blasen. So verkündete er den Wechsel
einfach nachträglich, wobei die Redewendung:
„...für ihn läuft jetzt schon seit einer halben
Stunde Spieler xy auf dem Rasen rum!“ vorkam.
Das sind Durchsagen, wie sie sein sollen.
Und da man auch
noch etwas in Sachen Sport bieten wollte, gab es
auch Tore zu bestaunen: das erste erzielte der
FC Voran, wenn man ehrlich ist, mit dem ersten
Schuss, der auch aufs Tor kam. Dafür war es auch
ein richtig schöner, aus knapp 16 Metern links
unten ins Eck. Torschütze war ein gewisser
Matthias Heidrich, nicht irgendjemand, sondern
der Top-Torjäger der Voranisten, der bereits zum
13. Mal einnetzte. Außerdem ein Jubiläumstor,
nämlich Treffer Nr. 50 in der laufenden Saison
für den Aufsteiger. Entsprechend groß war die
Freude. Kurze Zeit später gelang den Tauben
jedoch der Ausgleich durch einen Elfmeter, zu
dessen Zustandekommen ich mal sage: den wollte
der Spieler haben, den bekam er auch. Dusko
Pezerovic verwandelte, wobei sich das doch etwas
ältere Mütterchen neben uns am Geländer als
Paloma-Fanin entpuppte, anschließend kehrten
beide Teams zur Spielweise der ersten Halbzeit
zurück und somit trennte man sich
schiedlich-friedlich 1:1. Interessant wurde es
zum Schluss lediglich, als sich ein Anhänger von
Paloma, angetan mit einem schönen blauen
Pullover, auf dem „USC Paloma Fan-Club“ stand,
über die Tartanbahn den tapferen Ohe-Supportern
näherte. Aber er wollte nur ein Bier schnorren,
man kennt sich halt.
Kurz darauf endete
ein großer Fußballabend mit einem großen
Unentschieden. Der Paloma-Fan schmetterte im
Abgang noch lauthals etwas von dem USC, der
niemals untergehen würde, aber auch dies blieb
ihm unbenommen. Er wankte gen Heimat, die
Ohe-Fans sammelte ihre leeren Bierpullen ein,
die sie auf der Tartanbahn vor sich abgelegt
hatten, und Rüstü wünschte allen einen guten
Heimweg – nicht ohne auf das nächste
Auswärtsspiel des FC Voran hinzuweisen, bei GSK
Bergedorf. Auf rotem Rasen natürlich. Ein
schöner Abend in einem netten Umfeld. Nur das
Wetter hätte wirklich etwas besser sein können.
Aber man kann ja nicht alles haben. Alles Gute
an das weiße Ballett und die weißen Tauben!
Tja, und knapp 24
Stunden später hätte ich mich fast wieder auf
diesem Ground gewähnt, denn was der HSV am
Samstag gegen den MSV Duisburg bot, besonders in
der ersten Halbzeit, hatte doch gewisse
Ähnlichkeit mit dem Kick vom Abend zuvor. Nur
mit dem Unterschied, dass sich in Ohe ca. 50
Zuschauer gar nicht groß aufregten, weil sie
wussten, dass es, wenn überhaupt, nur ein
bisschen besser geht, beim HSV sich aber 54.000
Zuschauer relativ entgeistert fragten, warum sie
den Samstag Nachmittag nicht sinnvoller
verbracht hatten – zum Beispiel beim Hallenhalma
oder beim Synchronschwimmen. Der MSV Duisburg
gewann 1:0, was auch nicht selbstverständlich
war, denn sie hatten nur zwei Torschüsse im
gesamten Spiel. Was sie allerdings an
spielerischer Klasse nicht hatten, machten sie,
besonders nach der Führung, durch
Schauspielkunst und Zeitschinderei wieder wett.
Meinetwegen waren sie Tabellenletzter, da
versucht man gar nicht erst, bei einem Champions
League-Aspiranten spielerisch mitzuhalten, auch
wenn der an jenem Tag noch so schlecht war. Aber
so was von Zeitschinderei habe ich wirklich noch
nicht gesehen. Wenn ich Schiri gewesen wäre, bei
mir hätten mindestens drei Duisburger mit
Gelb/Rot das Zeitliche gesegnet. Dem ein oder
anderen hätten man auch ruhig die Adresse der
Schauspielschule Bochum zustecken können.
Unerträglich, wie sich da grundlos auf dem Rasen
gewälzt wurde. Nun gut, das Ziel wurde erreicht,
und wenn der Gegner zu schlecht ist, um ihnen
ein Fußballspiel aufzuzwingen, dann ist der Sieg
halt verdient. Aber schön sah es nicht aus.
Am Sonntag Morgen
verließen wir sodann zeitig die Hansestadt und
schafften es ohne Zwischenfälle zu unseren
jeweiligen Spielen. Fortuna gegen RW Oberhausen,
den aktuellen Tabellenführer. Wenn man weiß, wie
Fortuna in den letzten Jahren gegen aktuelle
Tabellenführer gespielt hat, besonders zuhause,
konnte man sich eigentlich unbesorgt
zurücklehnen – die hauen wir eigentlich immer
weg. Kleine Nachfrage beim Wuppertaler SV, Union
Berlin, VfB Lübeck, Eintracht Braunschweig oder
VfL Osnabrück genügt. Wenn man sich allerdings
die Leistung des Pokalspiels in Erinnerung rief
und die Schiri-Ansetzung betrachtete, konnte
einem schon mulmig werden. Es pfiff nämlich die
Bibi. Und von den sechs Spielen unter der
Leitung von Bibiane Steinhaus hatte Fortuna
bislang kein einziges gewonnen. Eine weitere
Negativserie, die es zu knacken galt. Und auch
dies gelang. Denn zumindest eins scheint auch in
dieser Saison Bestand zu haben: wenn der
aktuelle Tabellenführer in die LTU-Arena kommt,
dann hat er nichts zu lachen. Auch RW Oberhausen
wurde abserviert und war mit dem 3:0 noch gut
bedient. Erstaunliche 17.000 Zuschauer sahen
zunächst zwei Traumtore, erst pfefferte Marco
Christ einen Freistoß aus halblinker Position
mal eben rechts oben in den Winkel, unter
gütiger Mithilfe von RWO-Keeper Semmler, der mit
einer Flanke gerechnet hatte und daher zu weit
vor seinem Tor stand. In der zweiten Halbzeit
zimmerte „Lumpi“ Lambertz die Kugel aus zwanzig
Meter ebenfalls rechts oben in den Giebel, als
er grad nicht wusste, wen er anspielen sollte,
auch herrlich anzusehen. Und nach diesem Tor
lief es auch, vorher war bei weitem nicht alles
Gold, was glänzte, aber RWO war einfach zu
harmlos, hatte nur eine einzige Chance durch
Torjäger Terranova, die Melka glänzend parieren
konnte. Was aber unmittelbar nach dem 2:0
passierte, hätte uns schon wieder stutzig machen
sollen. Nachdem man den etwas lustlosen
Oberhausenern die Kugel geklaut hatte, setzte
sich Cebe auf rechts durch und servierte Lawaree
den Ball am Torwart vorbei, und der hatte die
Stirn, nunmehr nicht mal das leere Tor zu
treffen. Ich habe im letzten Bericht gefragt,
welche Art von Torchance er denn noch braucht,
um mal wieder zu treffen, nachdem er in Verl
zweimal allein vor dem Torwart versagt hatte;
leider antwortete er prompt mit dieser
unfassbaren Aktion. Anschließend wurde er von
Trainer Meier auch zügig ausgewechselt. Ich mag
ihn ja auch, aber so etwas geht gar nicht,
zumindest nicht, wenn man sich als Stürmer
bezeichnet. Wo wir schon hätten stehen können,
wenn nur Axel Lawaree (nur er!) alle seine
Großchancen genutzt hätte – unvorstellbar. Und
irgendwann kann auch ich nicht mehr sagen, dass
es alles nur Pech ist.
Zum Schluss nahm
Fortuna den Tabellenführer also noch ordentlich
auseinander, und die konnten sich bedanken, dass
nur noch das 3:0 von Cebe heraus sprang, mit dem
Schlusspfiff nach herausragender Vorarbeit von
Lambertz erzielt. Der schöne Abschluss eines
schönen Wochenendes. Gut, dass ich es so
genossen habe – es wird wohl auf längere Zeit
das letzte rundum schöne Sportwochenende gewesen
sein.
Insolvenz Part II
– ...ist der Ruf erst ruiniert (a.k.a. Sprachlos
II)
Am Wochenende um
den 19.04.08 hatte Fortuna spielfrei. Und es
geschah Unglaubliches: alle, bis auf Ahlen,
spielten für Fortuna. Mehr Traumergebnisse
gingen gar nicht. Fortuna blieb auf Platz 4, zum
Teil mit zwei Spielen weniger als die
Konkurrenz. Mit einem Sieg im Nachholspiel in
Lübeck würde man Platz 2 hinter Ahlen einnehmen
und anschließend zum absoluten Top-Spiel ins
Münsterland reisen. Und immer noch ein Spiel
weniger haben als Ahlen, die auch noch einmal
aussetzen müssen.
Das machte viele
nachdenklich. Eine solche Chance, dann noch ein
solcher Gegner wie der VfB Lübeck im
Nachholspiel – was kann da schon schief gehen?
Eigentlich alles, solche Geschenke hat Fortuna
stets routiniert abgelehnt. Aber es können doch
nicht auch alle neuen Spieler von diesem
jahr(zehnt)elangen Virus angesteckt worden sein?
Doch, das geht. Man warnte und warnte, und als
das Spiel dann ausfiel, warnte man noch zwei
Wochen länger – alles vergebens. Okay, auch bei
den Fans gab es diejenigen, die die Spiele wohl
vorab an ihrer Playstation spielen, um sodann
Schützenfeste zu fordern, weil es immer so schön
leicht ist, wenn auf dem Papier alles klar ist.
Wahrscheinlich haben die Spieler auch die ein
oder andere Playstation zuhause. Oder sie gucken
zuviel Fernsehen, die Spitzenmannschaften der
Bundesliga sehen ja auch nicht immer gut aus
gegen Underdogs, aber meistens ziehen sie ja
noch den Kopf aus der Schlinge und ermurmeln ein
1:0 oder wenigstens einen Punkt. Und wir sind ja
auch einen Spitzenmannschaft! Dass das gar nicht
so weit hergeholt sein könnte, werden wir gleich
an einer Äußerung sehen.
Der Auftritt an
der Lohmühle geriet zur völligen Blamage.
Natürlich tritt Lübeck nicht mit einer
kompletten Kreisliga-Rumpeltruppe an. Da sind
mit Dietmar Hirsch, Tobias Rott oder Claudius
Weber durchaus noch Spieler dabei, die schon
höherklassig gezeigt haben, dass sie es können.
Mit Pino Canale sogar ein Ex-Pirouettendreher
von Fortuna. Und mit Uwe Fuchs natürlich auch
ein Ex-Fortune als Trainer. Aber der Rest der
Mannschaft fällt doch eher in die Kategorie „No
Name“. Eine Kategorie, die an jenem Abend jedoch
deutlich höher einzustufen ist als die, in die
ich die Rumpelfüße von Fortuna einsortierten
würde. Der Gegner, mit 12 Niederlagen aus den
letzten 13 Spielen am Start, offiziell im
Insolvenzverfahren, vielleicht morgen schon für
pleite und aufgelöst erklärt, der spielte eine
Viertelstunde rum und merkte dann, dass ihr
Trümmertruppen-Ruf wohl in Düsseldorf zur Lex
Lübeck erklärt worden war und sie von der
Fortuna augenscheinlich nicht Ernst genommen
wurden. Da wussten sie, an diesem Abend geht
was. Zunächst legte Oppermann eins vor, wieder
mal nach einer Standardsituation, als Torwart
Melka keine Lust hatte, einen Eckball richtig zu
berechnen. Hierzu sei noch angemerkt, dass
Lübeck in den letzten fünf Spielen vor dieser
Partie noch nicht mal ein Tor erzielen konnte.
Bis Fortuna kam. Anschließend konnte Lambertz,
der Einzige im Team, dem man Kampfgeist und
Einsatzwillen nicht absprechen konnte, sogar in
der ersten Halbzeit noch ausgleichen, als er
einen Pfostentreffer von Sahin im Nachschuss
versenken konnte. Die Playstation-Brigade
seufzte erleichtert auf, es ging ja doch alles
wie vorher schon ausgerechnet. Aber leider nur
noch bis zur Pause, da hielt man nämlich das
1:1. Anschließend dachte man sich wohl, wie im
Pokalfinale gegen Essen, wir schläfern den
Gegner mal schön ein, und natürlich wurde auch
das wieder bestraft, erneut Oppermann und in der
Nachspielzeit Thomas schossen den auf dem Papier
bereits feststehenden Tabellenplatz 2 aus den
Köpfen heraus, wo er sich dummerweise schon weit
vor dem Spiel festgesetzt hatte, ohne auch in
die Füße geleitet zu werden. Da war Stürmer
Kenan Sahin schon nicht mehr dabei, er hatte
eine andere Art von Aggressivität gezeigt und in
der 85. Minute seinen Gegenspieler mit dem
Ellenbogen weggecheckt. War von meinem Platz aus
nicht zu sehen, aber ich bin geneigt, dem
Schiri-Assi zu glauben, auch wenn dieser die
Tätlichkeit mit reichlich Verspätung anzeigte.
Sahin erhielt Rot und vier Spiele Sperre. Eine
ganz besondere Blamage, weil wochenlang vor ihr
gewarnt wurde, was die Spieler anscheinend nicht
im Mindesten interessiert hatte. Denn Torwart
Michael Melka setzte noch eins drauf und gab
nach dem Spiel ein Interview. Dass da nichts
anderes als Phrasen herauskam, ist verzeihlich,
schließlich muss ja irgendein Spieler nach dem
Spiel etwas sagen, ansonsten jammern die Medien
ja direkt etwas von „Boykott“. Solche Interviews
sind in der Regel genau so sinnvoll wie eine
Sendung Musikantenstadl, die interessiert mich
auch mal genau gar nicht. Was aber in diesem
Interview überhaupt nicht vorkommen durfte war
ein Satz wie: „Wir haben den Gegner wohl etwas
auf die leichte Schulter genommen.“ Genau diesen
Satz aber sagte Melka, und da hört der Spaß auf.
Das ist nicht einfach nur noch hohle
Phraseologie auf Lukas-Podolski-Niveau, nach dem
Motto: Hauptsache, irgendwas sagen. Im
Zusammenhang mit dem wochenlangen Vorlauf zu
diesem Spiel war das eine Unverschämtheit, die
sehr tief blicken lässt. Und das sind Blicke,
die ich eigentlich bei meinem Verein nicht mehr
tätigen wollte. Aber ich hätte wissen müssen,
dass sich bei uns doch nie etwas ändert.
Irgendwann sollte selbst ich auch mal erwachsen
werden. Auch wenn’s schwer fällt.
Sprachlos III
Am 26.04.08 trat
Fortuna beim Spitzenreiter RW Ahlen an und
verlor mit 1:5. Ende der Durchsage.
Ich habe für
vieles Verständnis. Auch dass man beim
Tabellenführer verliert, der derzeit einen Lauf
hat und wirklich alles weghaut. Kann passieren.
Aber dass eine Mannschaft derart schnell nach
einem Führungstor zusammen bzw. auseinander
bricht, das ist das Unfassbare daran. Man kann
ja schon nur noch Mitleid haben. Besonders
aufgrund der Tatsache, dass das Spiel nahezu
eine exakte Kopie des letzten Gastspiels in
Ahlen vor knapp 16 Monaten war. 16 Monate sind
über den Daumen gepeilt 480 Tage, runden wir
großzügig auf 500 auf. Fünfhundert Tage – und
nichts gelernt... Damals legten die Ahlener zwei
frühe Tore vor und konterten Fortuna zweimal
klasse aus, ehe Markus Anfang den
1:4-Ehrentreffer erzielte. Diesmal legte Ahlen
wieder zwei Tore vor (das 2:0 damals wie heute
aus einer Standardsituation, sei hier nur mal
kurz angemerkt, neu ist das ja wirklich nicht
mehr) und konterte Fortuna zweimal klasse aus.
Dass es ein Tor mehr wurde als in der letzte
Saison, lag am Schiri, der das zwischenzeitliche
4:1 von Daniel Thioune anerkannte, obwohl es
eindeutig mit der Hand erzielt wurde. Ansonsten
hätten wir wirklich eine exakte Kopie der
Vorsaison gehabt, sogar das Ergebnis hätte
gestimmt. Aber das war dann auch egal, denn
jeder konnte sehen: hätte der Thioune den nicht
mit der Hand reingemacht, dann halt zwei Minuten
später mit dem Fuß. Oder mit dem Kopf. Oder mit
dem Arsch, ganz nach Belieben. Sie machten, was
sie wollten, und es war nur ihrer Gnädigkeit zu
verdanken, dass sie nach 70 Minuten, als das
Endergebnis bereits feststand, mal ein bis drei
Gänge zurück schalteten. Eine Hinrichtung, auch
in dieser Höhe verdient. Ein Debakel. Und wer
jetzt auf meine jahrzehntelange Erfahrung mit
diesem Verein hinweist und in Anlehnung an eine
alte, aber von mir sehr geschätzte Werbung eines
Telefonanbieters süffisant sagt: „Aber, janus,
hör mal, Debakel...stehst du doch drauf!“ dem
entgegne ich: Debakel, ja, kann man irgendwann
mal verschmerzen. Aber wenn etwas herauskommt,
das mein Vater selig einst gerne
landsmannschaftlich-rätselhaft mit „Blamage
erster Kajüte“ zu bezeichnen pflegte, dann ist
auch bei mir keine Luft mehr für irgendwelche
ausschweifenden Interpretationen zum Spiel. Also
kleide ich meine Hilflosigkeit einfach in die
deprimierende Frage, die mir kein Spieler wird
beantworten können: Warum?
Lobend möchte ich
abschließend noch die Fans erwähnen, die nach
der frühzeitigen Entscheidung entweder zur
Selbsthilfe griffen und das Stadion bereits in
der Pause verließen (es war auch Kirmes in
Ahlen, das war sicher lustiger) oder aber sich
endlich mal wieder in Sarkasmus übten, anstatt
zu randalieren, und „Oh wie ist das schön!“
sangen, begeistert applaudierten, wenn Melka mal
einen Ball unfallfrei fing oder ein Pass
wirklich beim Mitspieler landete, und
schließlich noch eine La Ola inszenierten, in
die das Ahlener Publikum begeistert einstimmte.
Zum Spielgeschehen fiel einem wirklich nur noch
„Außer Lumpi könnt ihr alle geh’n!“ ein, denn
Andreas Lambertz muss man auch hier wieder
hervorheben als Einzigen, der zumindest
versuchte, sich gegen die Blamage zu stemmen.
Nicht von ungefähr erzielte auch er wieder das
Tor für Fortuna zum zwischenzeitlichen 1:3, mit
einem hübschen Lupfer von der Strafraumgrenze.
Der hat sich die letzten Wochen wirklich nicht
vorzuwerfen. Alle anderen könnten es, wenn sie
Lust dazu hätten. Wenn...
Fortuna hat in
knapp drei Wochen alles verspielt,
Pokalteilnahme, Aufstieg, beste Abwehr, Ansehen,
Respekt – alles weg in nur drei Wochen. Als
Blitz-Diät wirklich ein Kassenschlager und ein
durchschlagender Erfolg – selten haben Fans so
schnell abgenommen bzw. Abschied genommen.
Leider nicht von einigen Kilos, sondern von
einigen Träumen, die dieselbe Mannschaft zuvor
monatelang geweckt hatte. Zwar ist ein Aufstieg
immer noch drin, aber wenn diese Truppe
aufsteigt, schreib ich persönlich die Manager
sämtlicher anderen Vereine in der Spitzengruppe
an und frage sie, wie man so blöd sein kann,
oder ob das Absicht war, damit wir uns nächste
Saison mal so richtig blamieren. Etwas anderes
steht jetzt auf dem Plan, etwas, mit dem sich
die Mannschaft als so ziemlich einziges Team der
Liga bislang noch gar nicht befassen musste,
weil der Vorsprung eigentlich stets recht
komfortabel war: mit 48 Punkten und Platz 10
sind es nur noch vier Zähler Vorsprung auf Platz
11 – und die 4. Liga...Wieder mal Abstiegskampf
also. Genau wie im letzten Jahr. Ich hatte so
darauf gehofft, dass es kein Déjà vu geben
würde, ich hoffte vergebens. Im letzten Jahr
verspielte man im März alles, dieses Jahr nahm
man sich den April dafür. Ich kann nur hoffen,
dass sie sich noch mal halbwegs aufraffen können
wie im letzten Jahr, und die Punkte holen, die
die Qualifikation für die Dritte Liga bedeuten.
Weiter denke ich schon gar nicht mehr. Und wer
die Spiele in Ahlen und in Lübeck gesehen hat,
der weiß, dass selbst dies momentan ein hehres
Ziel ist. Es wird verdammt eng werden.
Andererseits: es ist ja nicht das erste Mal,
dass ich mich frage, womit ich das verdient
habe. Es ist ja auch eigene Blödheit. Also muss
ich da jetzt durch. Und im
Irgendwie-Durchwursteln, da haben wir doch
Erfahrung. Was anderes ist mit diesem Verein
wohl eh nicht mehr drin. Da stehen wir doch
drauf.
Und mehr ist
aktuell nicht zu sagen. Ich hab auch noch andere
Baustellen in meinem Leben, die mir aktuell
wichtiger sind. Bis nächsten Freitag. Da spielt
Fortuna gegen Dortmund II. Und ich steh wieder
bei der Stadt mit der komischen Bahnhofskapelle
im Stau und hoffe, dass ich pünktlich zum
Anpfiff im Stadion bin. Wie es ein
Forumsteilnehmer genial formulierte: „Zu einer
weiteren Aufführung der Düsseldorfer
Püppchen-Kiste.“
Ich Blödmann,
ich.
Harmlos, hilflos,
hoffnungslos: janus
PS. Aber nie
vergessen: Fortuna Düsseldorf – alles andere ist
eh (nur) Fußball. Derzeit mehr denn je. |