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Tja, wie fängt man an, nachdem man eigentlich
aufhören wollte? Große Reden, salbungsvolle
Sätze, schön geformte Sentenzen? Besser nicht,
es wird auch so schon lang genug. Belassen wir
es also dabei, dass auch ich nicht einfach so
aus meiner Haut kann. Und dass sich derzeit alle
– also auch ich – wieder einigermaßen beruhigt
haben. Mal sehen, wie lange.
Vielleicht bin ich auch nur ein Erfolgsfan, der
Verdacht könnte nach den ersten vier Spieltagen
der Saison aufkommen. Zumal dieser Auftakt der
besten Mannschaft der Welt – Fortuna Düsseldorf
– wirklich dazu verleiten muss, wieder aktiv zu
werden, denn so etwas wie in dieser Saison gab’s
lange nicht mehr. Ich halte mich also nicht
lange auf und sage einfach: „Bin wieder da.“ Das
ist immerhin einfacher, als manch anderem, der
sich auch gerne verändern möchte, so in Richtung
Valencia oder ähnliches. Da hab ich es zum Glück
leichter.
Sommerpause
Fortuna stand nach dieser Katastrophen-Rückrunde
vor der Wahl: entweder neuer Trainer oder neue
Mannschaft. Beides zusammen wäre ein bisschen
zu teuer gewesen. Und erstmals in der
Geschichte des Vereins (so glaube ich zumindest)
entschied man sich für die mühevollere Variante:
nicht einfach einen neuen Übungsleiter
einstellen, sondern einen Großteil der
Mannschaft runderneuern. Der neue Manager Wolf
Werner, der schon zum Ende der letzten Rückrunde
begonnen hatte, Spielern die Fortuna schön zu
reden, lief zu Höchstform auf und verpflichtete
alles, was bezahlbar und nicht bei „Drei!“ auf
dem Baum war. Und für jeden Mannschaftsteil war
etwas dabei: für’s Tor gab es nach den Abgängen
von Deuß (Velbert) und Kronholm (FSV Frankfurt)
die Herren Melka (Bor. Mönchengladbach) und
Ratajczak (RW Erfurt). In der Abwehr sagten
Adrian Spier (Eintracht Frankfurt A-Jugend) und
Fabian Hergesell (Bayer Leverkusen II) Hallo.
Auch dort einsortieren, weil häufig hinten links
im Wechsel mit dem defensiven Mittelfeld, könnte
man Oliver Hampel vom Hamburger SV II, eine
Verpflichtung, die mich aus zwei Gründen
erfreute. Zum einen natürlich, weil er vom HSV
kam (meine Vorliebe für diese Truppe dürfte
bekannt sein), zum anderen, weil Hampel beim
legendären Kuno-Fischer-Karten-Festival gegen
die kleinen Rothosen am drittletzten Spieltag
noch für den Gegner aufgelaufen war. Man
erinnere sich, es gab vier Platzverweise, einen
3:2-Sieg der Fortuna in der 90. Minute, der
endgültig den Klassenerhalt sicherte, und beide
Treffer für den HSV erzielte damals – Oliver
Hampel. Erst versuchte er, uns mit aller Macht
in die Oberliga zu ballern, zwei Monate später
unterschrieb er einen Vertrag bei uns – das
nenne ich tätige Reue! Sehr schön.
Auch Mittelfeld und Angriff wurden mit neuen
Spielern gespickt, wobei man auch vor der
Oberliga nicht Halt machte, wohl wissend, dass
die Zweite Mannschaft als Neuling auch noch ein
paar Spieler für das Abenteuer Oberliga
Nordrhein gebrauchen könnte: mit Tomislav Zivic
von Türkiyemspor Berlin, Ken Asaeda von Waldhof
Mannheim und Marek Klimczok vom BV Cloppenburg
langte man gleich dreimal in der vierten Liga
zu. Marco Christ hingegen dürfte schon eher als
Spieler zu bezeichnen sein, der Erfahrung in den
oberen Ligen gesammelt hat, gehören zu seinen
ehemaligen Vereinen doch immerhin der VfR Aalen,
Dynamo Dresden und der 1.FC Nürnberg. Gespannt
war ich auch auf Sebastian Heidinger vom
Süd-Regionalligisten SC Pfullendorf, ein
pfeilschneller Linksaußen und überragender
Spieler der Truppe aus dem Linzgau in der
letzten Saison.
Die weiteren Neuzugänge im Sturm konnten wohl
mit Fug und Recht Hoffnung machen, nicht wieder
solch ein Fiasko zu erleben wie in der letzten
Rückrunde. Aus der Oberliga Westfalen von
Schalke II kam Christian Erwig, der sich dort in
der letzten Saison als sehr treffsicher erwiesen
hatte. Beim nächsten Namen hätte man ebenso
positiv gestimmt sein können, wenn er leider
nicht einer der Sorte gewesen wäre, die wir nur
allzu gut kennen: verletzt. Es kam der Albaner
Bekim Kastrati, in hiesigen Breiten gut bekannt:
einst als Stürmer-Kumpel des großen Josip Labas
bei Borussia Freialdenhoven gegen uns in der
Oberliga aktiv, dann als Alleinunterhalter bei
Borussia Mönchengladbach II, die er vor zwei
Jahren mit 29 Treffern in die Regionalliga
schoss. Anschließend wechselte er zu Eintracht
Braunschweig in die 2. Liga, machte ein paar
Spielchen und fiel bis heute mit Kreuzbandriss
und diversen Folge-Wehwehchen aus. Es lässt sich
nicht bestreiten, dass der Mann gewaltiges
Potenzial besitzt, ich hoffe nur, er kann es
demnächst auch mal abrufen.
Da man dies bei Fortuna wohl ähnlich sah, machte
man sich noch einmal auf und präsentierte einen
echten Knaller. Zunächst sollte es Markus Kurth
vom MSV Duisburg werden. Kurthi, ein gebürtiger
Düsseldorfer, war auch bereit, und das, obwohl
ihm Fortuna einen Drei-Jahres-Vertrag anbot, mit
dem er dasselbe verdienen konnte wie – mit
seinem Zwei-Jahres-Vertrag in Duisburg. Aber er
dachte sich wohl, lieber ein Stammplatz auf dem
Spielfeld in Düsseldorf als auf der Tribüne in
Duisburg, wo er, auch dank der Verpflichtung von
kleines, dickes Ailton, plötzlich zum Stürmer
Nummer 5 mutierte, und eine solche Aufstellung
selbst Trainer Rudi Bommer nicht zuzutrauen ist,
obwohl der als ehemaliger Fortune ja auch gut
weiß, was es heißt, mal völligen Käse zu
spielen. Also war eigentlich alles klar – bis
Duisburgs Boss Hellmich meinte, mal ein Exempel
statuieren zu müssen. Vielleicht war es auch ein
wenig teuer gewesen, Torwart Georg Koch aus
seinem noch laufenden Vertrag zu entlassen, und
er wollte jetzt irgendwie die Kohle wieder
reinholen. Jedenfalls fordert er bis heute eine
abstruse Ablösesumme für Kurth, die in
Verbindung mit seinem Gehalt dann doch nicht
mehr zu stemmen war. Schade!
Aber auf den „Knaller“ brauchte Fortuna trotzdem
nicht zu verzichten. Durch etwas kuriose
Umstände angelte man sich nämlich dennoch einen
Top-Torjäger aus der 2. Liga: Axel Lawaree vom
FC Augsburg, 15 Buden in der abgelaufenen
Zweitliga-Saison.
Lawaree ist Belgier und wollte wohl gerne in die
Heimat zurück, da seine kleine Tochter in diesem
Sommer eingeschult wurde. Als er in Belgien aber
augenscheinlich nicht unterkam (es gab wohl
Verhandlungen mit Standard Lüttich), versuchte
er, wenigstens so heimatnah wie möglich einen
neuen Verein zu finden. Und wurde in Düsseldorf
fündig. Bestimmt hätte er auch gerne in
Mönchengladbach oder Aachen gespielt, was ja
beides noch ein wenig näher an Belgien liegt als
Düsseldorf, jedoch stand in seinem Vertrag wohl,
dass er nicht zu einem direkten Konkurrenten des
FC Augsburg wechseln dürfe. Und nun waren beide
Klubs ja leider, leider in die 2. Liga
abgestiegen, und Augsburg hatte souverän die
Klasse gehalten. Da blieb dann nur noch
Düsseldorf.
Ein toller Coup.
Mit derselben Vertragsklausel hatten wir vor
zwei Jahren ja schon Oliver Barth abgefischt,
der von den Stuttgarter Kickers zu Eintracht
Trier wechseln wollte und sich mit den
Moselstädtern bereits einig war – bis die am
letzten Spieltag tatsächlich aufgrund eines
einzigen Treffers Unterschied in der
Tordifferenz zu Energie Cottbus aus der 2. Liga
in die Regionalliga Süd abstiegen. Wo die StuKis
spielten. Rums, war der Wechsel geplatzt, und
Fortuna konnte zugreifen. Dass dies jetzt schon
zum zweiten Mal klappte, lässt mich mittlerweile
doch rätseln, welche Klauseln denn heutzutage
noch in den Verträgen von Profi-Fußballern
verankert werden. Aber ich will mich ja nicht
beschweren...
Apropos Olli Barth: der ist weg, nach langem Hin
und Her klappte es schlussendlich doch noch mit
seinem Wechsel zum SC Freiburg, wobei sein
bestes Empfehlungsschreiben der dortige neue
Trainer Robin Dutt gewesen sein dürfte, das ist
nämlich sein ehemaliger Coach aus Stuttgart.
Neben den beiden Torleuten gabs auch Blumen für
Jörg Albertz, der seine Karriere beendete. Pino
Canale wechselte zum VfB Lübeck und verkündete
gleich im ersten Interview, dreißig Prozent
seiner Kraft während des Spiels gingen für’s
Dirigieren drauf. Vielleicht hat man sich beim
VfB Lübeck gedacht, nicht gleich zu Beginn der
Saison mit einer pantomimischen Darstellung von
Beethovens Neunter beglückt zu werden, Canale
ist dort nämlich auch vorerst nur
Ergänzungsspieler. Denis Wolf wechselte zu RW
Erfurt, was ich eigentlich recht schade fand,
aber Training soll wohl nicht so sein Ding
gewesen sein. Immerhin machte er in Erfurt in
den ersten vier Spielen mal gleich drei Tore,
was mich Fürchterliches erahnen lässt,
schließlich spielen wir ausgerechnet am letzten
Spieltag gegen die. Marcel Podszus sucht seinen
verloren gegangenen Torriecher in der Oberliga,
beim 1.FC Kleve, man darf sich also auf ein
Wiedersehen beim Spiel gegen Fortuna II freuen.
Wohin Adewunmi und Kneißl wechselten, ist mir
nicht bekannt, ich gebe aber auch zu, nicht
übermäßig interessiert zu sein. Trauriger war
ich da schon über den Abgang des Stehgeigers mit
der eingebauten Torgarantie, Marcus Feinbier.
Wolf Werner hätte wohl mit dem
Mannschaftskapitän der letzten Saison
verlängert, aber Trainer Weidemann wollte nicht.
Was für meine Begriffe doch schon einiges
aussagt über das, was so mannschaftsintern
während der Rückrunde abgelaufen sein könnte. Da
Feinbier sich auch mit 37 noch lange nicht zu
fein für Fußball ist, wechselte er in die
Regionalliga Süd zur SV Elversberg und netzte am
3. Spieltag auch gleich zweimal ein. So richtig
verlernt scheint er es also nicht zu haben.
Puh, das waren die Personalien. Ich hoffe, ich
habe keinen vergessen, weder bei den Zu- noch
bei den Abgängen. Und vielleicht irrt auch noch
ein Spieler verzweifelt am Mörsenbroicher Ei
(Verkehrsknotenpunkt in Düsseldorf) umher und
sucht die Fortuna-Geschäftsstelle zwecks
Neueinstellung, oder es hämmert einer
verzweifelt gegen die Tür der Abstellkammer in
der Arena, wo er nach dem letzten Spiel
versehentlich eingeschlossen wurde, und niemand
hat es gemerkt. Bei dieser Personalfluktuation
würde mich das nicht wundern.
Natürlich braucht eine solch neue Truppe Zeit,
um sich einzuspielen. Soviel allerdings auch
nicht, denn die Bekanntgabe des Spielplans
bescherte uns dann doch lange Gesichter.
Auswärtsspiel bei Union Berlin, dann Heimspiel
gegen RW Essen, dann auswärts beim Wuppertaler
SV, dann zuhause gegen Werder II. Erst drei
Aufstiegsfavoriten, und dann die Unbesiegbaren.
Da meinte es wohl jemand ganz besonders gut mit
uns, insbesondere mit dem Trainer. Mit ein
bisschen Pech sowie dem üblichen Fortuna-Start
der letzten Jahre könnte der Verein Ende August
dann doch auf die Idee kommen, den Coach
vorzeitig zum Spazierengehen zu schicken,
schließlich steht in dieser Saison unglaublich
viel auf dem Spiel. Ein echter Hammer-Auftakt!
In einer Reihe von Testspielen wurde somit
versucht, das Zusammenspiel möglichst zügig zu
perfektionieren. Hierbei gab es schon
Erstaunliches zu sehen: im Rahmen eines
fünftägigen Trainingslagers in der Eifel trug
Fortuna auch zwei Testspiele aus. In der ersten
Partie gegen Südwest-Oberligist TuS Mayen (4:1)
netzte Torwart Melka ein. Aber nicht per Elfer,
noch nicht einmal per direkt verwandeltem
Abschlag. Vielmehr war es ein Befreiungsschlag
aus dem Spiel heraus, ein mächtiger Bums, der 85
Meter über das Feld flog, vor dem gegnerischen
Torwart aufsprang und dann vom Wind über diesen
hinweg ins Tor geweht wurde. Ein starkes Stück!
Melka durfte sich anschließend ärgern, dass
keine Fernsehkamera in der Nähe war, denn wenn
so eine Nummer nicht Tor des Monats wird, was
dann? Die Fans waren begeistert, Platz 10 in der
Regionalliga war eigentlich schon klar.
Im Spiel gegen den Kreisligisten SV Sötenich,
zwei Tage später, gab es noch mehr zu staunen:
Axel Lawaree, an jenem Freitagmorgen erst frisch
als Neuzugang vorgestellt, fuhr nachmittags
quasi direkt aus dem Urlaub mal in die Eifel,
sagte den neuen Kollegen Hallo, und weil er
schon mal da war, streifte er direkt ein Trikot
über und netzte nach knapp fünf Minuten mit
seinem ersten Ballkontakt zum 1:0 ein (Endstand
10:0). Die Fans rasten, der Aufstieg schien in
greifbare Nähe zu rücken.
Eine knappe Woche später verlor man dann aber
das einzige Testspiel der Vorbereitung, und das
ausgerechnet gegen den Lokalrivalen TuRU
Düsseldorf (1:3). Das ging nun gar nicht, die
Fans tobten, Platz 10 schien plötzlich
unerreichbar. Die neuen Spieler bekamen also
schon mal einen Vorgeschmack dessen, was in der
Saison hier abgehen kann, wenn es super oder gar
nicht läuft. Derart eingenordet machte man in
den letzten Testspielen wieder einen gute Figur,
schlug Oberligist Bochum II und Regionalligist
Hessen Kassel, und rundete das Ganze mit einer
wirklich guten Mannschaftsleistung und einem 1:1
gegen Galatasaray Istanbul ab.
Das klang gut. Aber am 28.07.07 zählte all dies
nicht mehr, selbst die Pleite gegen die TuRU war
vergessen. Erster Spieltag der Saison, in der
man mindestens Zehnter werden muss, um
nicht abzusteigen. Und es ging direkt zu Union
Berlin, dem Verein, der in der Sommerpause unter
anderem den Fan-Beauftragten entlassen, den
Pressesprecher auf Ehrenamt gestutzt und den
Etat für den Nachwuchs empfindlich herunter
gefahren hatte, nur um mehr Geld in Neuzugänge
investieren zu können. Ein richtiger Brocken zum
Auftakt. Und dazu die wohl einmalige
Fortuna-Serie, die mich in den letzten Jahren
bei der Schilderung des ersten Spieltags stets
zu inhaltlich identischen Schlagzeilen greifen
ließ.
Same Procedure as – STOP!
Ja, unser Serie. Wer kennt sie mittlerweile
nicht? Seit 1994 konnte Fortuna kein
Auftaktspiel gewinnen, egal, in welcher Liga.
Und in der Zwischenzeit hatten wir so einiges an
Ligen zu bieten, 1. Bundesliga, 2. Bundesliga,
Regionalliga West/Südwest, Regionalliga Nord,
Oberliga Nordrhein...nie, nie, nie wurde in den
letzten 13 Jahren am ersten Spieltag gewonnen.
Hinlänglich bekannt. Sogar in der
Bundeshauptstadt hatten sie das erkannt und mit
der ebenfalls bekannten „Berliner Schnauze mit
ohne Herz“ entsprechend gewürdigt. Die B.Z.,
augenscheinlich ein Käseblättchen, gegen das
selbst die Bild-Zeitung ansatzweise seriös
wirken könnte, fasste es am Spieltag in die
einzig richtigen Worte, wie man glaubte, und
titulierte Fortuna in einem Vorbericht zum Spiel
als „die Blinden“. Dafür herzlichen Dank. Ich
weiß zwar nicht, ob Trainer Uwe Weidemann jenes
Papier, in das sie wohl in England noch nicht
mal ihren Fisch einwickeln würden, einfach an
die Wand der Umkleidekabine pinnte und sich die
Motivationsrede sparte. Auf jeden Fall dürfte es
auch so nicht spurlos an den Spielern vorüber
gegangen sein. Zumal einige auf dem Platz
standen, die ihr allererstes Spiel für Fortuna
machten, und die somit an dieser Negativserie
gar nicht beteiligt gewesen sein konnten. Wer
lässt sich dann schon gerne lächerlich machen?
In der ersten Halbzeit war es ein flottes Spiel
von beiden Seiten, sicherlich auch begünstigt
durch den Dauerregen, der ab ca. der 20. Minute
einsetzte und das Geläuf noch schneller machte.
Axel Lawaree setzte eine erste Duftmarke, als er
einfach mal zum Seitfallzieher ansetzte, und die
Kugel nur knapp am Tor vorbei flog. Auf der
anderen Seite hatte der junge Stürmer Martins
die Riesenchance zur Führung, als er nach einer
Flanke im Strafraum völlig frei zum Abschluss
kam, die Kugel dann aber zielsicher in Richtung
Gästeblock beförderte. Die Fortuna-Abwehr
wackelte einige Male bedenklich, aber sie fiel
nicht, und die Mannschaft hielt gut dagegen. Man
konnte zur Pause recht zufrieden sein.
Nach der Pause noch ein wenig mehr. Fortuna
legte noch ein Schüppchen drauf und beherrschte
Ball und Gegner relativ gut. Nach mehreren
vergebenen Gelegenheiten tauchte plötzlich sogar
Rechtsverteidiger Krecidlo völlig frei im
Union-Strafraum auf, wartete aber mit dem
Abschluss zu lang, sodass Keeper Glinker den
Winkel verkürzen und den Schuss abwehren konnte.
Es war wie verhext, ein typisches Auftaktspiel
bei Fortuna. Bis zur 75. Minute...
Ecke für Fortuna von rechts. Da bereitet man
sich eigentlich routinemäßig schon auf den
Gegenangriff vor, dass bei Fortuna nach einer
Ecke mal was passiert, das kann man pro Saison
an einer Hand abzählen. Also hoffe ich mal, dass
wir unser diesbezügliches Pulver nicht schon am
ersten Spieltag verschossen haben. Denn den von
Markus Anfang getretenen Ball wuchtete
Abwehrspieler Hamza Cakir auf der Höhe des
kurzen Pfostens mit einem Kopfball-Aufsetzer ins
Netz. 1:0! Hochverdient zu diesem Zeitpunkt,
Union fiel im zweiten Durchgang mal genau gar
nichts ein, um unsere Abwehr in Verlegenheit zu
bringen. Dies änderte sich natürlich nach dem
Treffer, als die Gastgeber langsam, aber sicher
in den fünften Gang hoch schalteten.
Und dann schlug das fortunistische
Auftakt-Syndrom wieder zu: wenn der Gegner schon
nicht trifft, dann helfen wir halt nach. Diesmal
in Gestalt von Jens Langeneke, der in der 85.
Minute bei einer weiteren Verwirrung im
Strafraum per Reflex mit der Hand klärte. Ich
wette, er konnte sich das selbst nicht erklären,
so was passiert halt ab und zu.
Bundesliga-Schiri Kinhöfer zeigte völlig zurecht
auf den Elfmeterpunkt. Wieder alles für die
Katz! Und während man sich das Hirn marterte und
überlegte, wann zuletzt bei Fortuna ein Elfmeter
gehalten wurde (Deuß hielt in Wuppertal 2005
einen, aber das war ein Pokalspiel – in der
Meisterschaft? Ich überlege immer noch..), lief
Mattuschka an und setzte die Kugel flach links
unten ins Eck – wo sie gegen die rechte Hand von
Torwart Melka prallte, der sich den Ball dann im
Nachfassen greifen konnte. Gehalten!
Unglaublich, der war gar nicht schlecht
geschossen, vor allem genau in die äußerste Ecke
platziert. Ha! Aber wir haben nicht umsonst
einen Torwart geholt, der 1,95 m lang ist! Melka
tauchte ins Eck und hielt den Ball und damit
auch den Sieg fest. Denn nun ließ sich die
Truppe nicht mehr aufhalten, nicht vom
anschließenden Sturmlauf der Berliner, nicht von
Gelb/Rot für Palikuca in der 88. Minute, nicht
von den drei Minuten Nachspielzeit. Alles
prallte an der Betonmauer ab, und gegen 15.50
Uhr griff sich Schiri Kinhöfer die Pfeife und
beendete das Spiel – unseren ersten Auftaktsieg
seit 1994. Ca. 1.000 Gästefans unter den 6.300
Zuschauern flippten völlig aus. Man munkelt, es
seien Freudentränen geflossen, die denen in der
Nacht, als die Berliner Mauer fiel, in nichts
nachgestanden haben sollen. Außerdem sollen
ältere Fans gesichtet worden, die die Jüngeren
flüsternd darüber aufklärten, was dort soeben
geschehen war, da diese in ihrem aufgrund
biologischer Gegebenheiten zwangsläufig viel zu
kurzen Leben mit Fortuna noch niemals einen
Auftaktsieg erlebt hatten. Und auch ich konnte
ergriffen sagen: „Dass ich das noch erleben
darf...“
1994 war es, als wir zuletzt bei einem
Auftaktspiel siegten, ein überraschendes 2:1 als
Zweitliga-Neuling beim 1.FC Saarbrücken damals.
Fußball-Deutschland hatte ein „Phantom-Tor“ von
Thomas Helmer und eine WM in den USA hinter
sich, bei dem die polierte Platte Yordan
Letchkov (ausgerechnet einer vom HSV!) die
Deutschen im Viertelfinale rausköpfte. Wort des
Jahres war damals „Super-Wahljahr“, weil
eigentlich durchgehend irgendjemand in
Deutschland irgendwo seinen Wahlzettel in eine
Urne stecken konnte, wäre das in Amiland
passiert, die wären heute noch am
Auszählen....ach ja, und für Fans von Leuten,
die andauernd im Kreis rumfahren: Michael
Schumacher war genau null Mal Formel
I-Weltmeister, es dauerte noch ein paar Monate
bis zum Titel Nr. 1...
Da übermannen einen schon mal die Gefühle,
Bilder drängten sich auf, von all den Jahren der
bitteren Starts, von den Tagen, an denen alles
gut werden sollte, und an denen es doch so viel
Frust gab...
Wie man 2005 die Osnabrücker mit der
Sauna-Taktik schlagen wollte: Wolkenbruch
angekündigt, Dach der Arena zu, gefühlt 40 Grad
im Schatten in der großen Turnhalle...Endstand:
1:2
Wie man 2004 als frisch gebackener Aufsteiger
Preußen Münster in deren eigenem Stadion
schwindlig spielte, ein Dutzend hochkarätige
Chancen vergab und nur ein einziges Mal hinten
nicht aufpasste...Endstand: 0:1
Wie man 2002 Neuland betrat, zum ersten Mal
viertklassig, zum Auftakt die kleinen Zebras aus
Duisburg gut im Griff hatte und dann fahrlässig
binnen 5 Minuten den Sieg verspielte...Endstand
2:2
Wie man nach dem Bundesliga-Abstieg 1997 ein
begeisterndes Spiel bei Eintracht Frankfurt
ablieferte, nur denkbar unglücklich verlor, und
Matthias Jack seinen Einstand als „Der rote
Mattes“ gab und gleich mal vom Platz
flog...Endstand: 2:3
Und natürlich unvergessen, der Beginn der Serie,
nach unserem Bundesliga-Aufstieg 1995, das 1:1
bei Werder Bremen, als Richard Cyron nach ein
paar Sekunden den Führungstreffer für Fortuna
und damit das erste Tor der damaligen
Bundesliga-Saison erzielte... Endstand: 1:1
An all dies habe ich jedes Jahr aufs Neue denken
müssen, wenn wir uns wieder dem 1. Spieltag
näherten, voller doppelter Ungeduld, zum einen,
dass es endlich wieder los gehen würden, zum
anderen, die fast schon irreale Hoffnung, dass
es diesmal anders werden würde, und natürlich
wurde nix anders, nur die Gegner waren immer
andere. All dies ist nun keine aktuelle
Negativserie mehr, sondern nur noch
nostalgischer Rückblick. Den wollte ich mir dann
hier noch mal gönnen.
Mehr als drei Punkte gab es auch für diesen Sieg
nicht. Und am nächsten Tag interessiert auch
keine Sau mehr, ob das ein irgendwie
historischer Sieg war oder nicht. Aber an diesem
einen Tag sollten solche melancholischen
Anwandlungen schon mal erlaubt sein. Mund
abputzen, Augen abtupfen, drei Punkte einsacken,
weitermachen.
Viel Lärm um nichts
Am Samstag darauf war erst mal abwarten
angesagt. Die Partie gegen RW Essen wurde
nämlich auf den Dienstag verschoben, weil die
Essener an jenem Samstag in der 1. Runde des
DFB-Pokals gegen Energie Cottbus antraten. Und
uns den Gefallen taten, dies gleich mal 120
Minuten lang zu tun, plus Elfmeterschießen. Da
kamen Erinnerungen auf, an die vorletzte Saison,
als St. Pauli das Gleiche durchmachen musste,
samstags erst 120 Minuten Pokal gegen Wacker
Burghausen spielen, drei Tage später bei uns
antreten und ziemlich müde 0:2 verlieren. Gegen
eine entsprechende Wiederholung des Szenarios
hätte ich nichts einzuwenden gehabt.
Somit also Spieltag am Dienstag, 07.08.07. Ich
machte mich direkt von der Arbeit aus Bonn auf
den Weg nach Grevenbroich, um von dort mit einem
Bekannten weiter zu reisen. Bei dem, was
nachmittags so auf den Autobahnen los ist, war
es nicht angezeigt, auch nur eine Minute zu
vergeuden. Und natürlich kam es so, wie es
kommen musste, es ging gut bis Köln, dann fing
es nicht nur heftig an zu regnen, sondern mit
dem zügigen Fahren war auch erst mal Schluss,
ein flauschiger 10-km-Stau auf der A 4. Wobei
auf der A4 gar nicht viel los war, wohl aber auf
der A 1, die auf dem Kölner Westring in die A 4
mündet. Denn auf der A1 hat man sich auch nicht
lumpen lassen und ausgerechnet im Bereich der
Kölner Ringe mal wieder eine ordentliche
Baustelle hingestellt. Die plus
Feierabendverkehr plus Regen ergaben die
angesprochene Verkehrsstockung. Bezeichnend war,
dass alles sofort vorbei war, nachdem man das
ominöse Kreuz passiert hatte, die weitere Fahrt
auf der A 4 zum Kerpener Kreuz ging sodann
relativ flott von der Hand bzw. vom Fuß. Dort
dann auf die A 61 und sorglos bis zur
Anschlussstelle Bedburg/Grevenbroich – oder auch
nicht. Denn auch dort wollte man etwas zum
Gelingen des Tages beitragen und hatte nicht nur
eine neue Baustelle aufgemacht, sondern auch mal
gleich die komplette Ausfahrt gesperrt! Somit
ging es weiter zum Kreuz Jackerath, an dem aber
dummerweise nur die A 44 Richtung Aachen abgeht.
Warum das dann ein „Kreuz“ sein soll, können sie
im Planungsamt wahrscheinlich auch erst nach dem
zehnten Bier erklären. Also weiter geradeaus,
tatsächlich bis zum Kreuz Mönchengladbach-Wanlo,
von wo die A 46 Richtung Düsseldorf abzweigt,
die man dann auch in Grevenbroich verlassen
kann. Von Bonn über Ostholland zum
Zwischenstopp, statt der üblichen 85 km deren
110, statt der üblichen Stunde Fahrtzeit auch
ein bisschen länger – da war ich schon bedient,
bevor ich überhaupt im Stadion war. Aber egal,
weiter!
Dabei hätte man sich gar nicht beeilen brauchen.
Das Spiel fing nämlich eh später an. Aufgrund
des doch gewaltigen Andrangs, für
Fortuna-Verhältnisse, wurde die Partie mit 15
Minuten Verspätung angepfiffen. 27.300 Zuschauer
waren in der Arena, eine Zahl, die uns bereits
am zweiten Spieltag einen Zuschauerrekord
bescherte, der eigentlich nur noch von uns
selbst gebrochen werden kann, denn in die
traditionellen Fan-Hochburgen der Liga, Dresden,
Essen, Braunschweig, passen gar nicht so viele
Leute rein. Und dass irgendwelche Fans von
Bundesliga-Vereinen ihr Herz für ihre 2.
Mannschaft entdecken und denen mal die Bude so
richtig voll machen – wer glaubt das schon?
Okay, in einem vorgezogenen Spiel des 2.
Spieltags waren eine Woche zuvor 18.000
Zuschauer beim Spiel VfL Wolfsburg II –
Braunschweig gewesen, aber das war wohl doch
eher eine einmalige Angelegenheit. Zum
anschließenden Auftakt der Erstliga-Mannschaft
der „Wölfe“ gegen Bielefeld war das Stadion
jedenfalls auch wieder nur zu zwei Dritteln
gefüllt, was den Kommentator des Spiels zu der
Schlussfolgerung veranlasste. „Das Stadion war
nicht ausverkauft – VW hat Betriebsferien.“
Scharf beobachtet.
Also, es war alles angerichtet: eine prächtige
Kulisse, ein starker Gegner, fast so etwas wie
ein Derby, die Essener zudem noch reichlich müde
vom Pokal – es konnte losgehen!
105 Minuten später fragte ich mich, ob wirklich
schon an- und wieder abgepfiffen worden war.
Denn passiert war zwischen diesen beiden Pfiffen
so gut wie nichts. 0:0.
Das lag zum einen an Essen, das wirklich sehr
müde war. Die wollten gar nicht gewinnen. In der
ersten Halbzeit ging noch ein bisschen was, in
der zweiten überhaupt nichts. Trainer Heiko
Bonan brachte schon nach 60 Minuten den dritten
defensiven Einwechselspieler und mauerte das
Ding mit zwei Viererketten am eigenen Strafraum
nach Hause. Eigentlich traurig, aber
verständlich.
Eher unverständlich, dass auch Fortuna dazu
nichts Besonderes einfiel. Viel zu harmlos
wurden die Angriffe vorgetragen, der Gegner
wurde kaum mal unter Druck gesetzt, allzu oft
wurde hintenrum gespielt, und am Ende war man
ebenfalls nur darauf bedacht, dass hinten die
Null stehen sollte. Das war ziemlich wenig, auch
wenn die Essener wirklich gut standen.
Okay, ein paar Aufreger gab es schon. Die lagen
zumeist in der ersten Halbzeit. Die beste Chance
des Spiels hatten noch die Essener, als Markus
Anfang kurz vor der Pause im Anschluss an einen
Eckball einen Kopfball von der Linie kratzen
musste. Auf der Gegenseite war Ahmet Cebe mal
wieder zu eigensinnig, nachdem er drei Mann
schwindlig gespielt hatte und von rechts in den
Strafrau eingedrungen war, versuchte er sich mit
einem flachen Ball in die Mitte, halb Torschuss,
halb Pass ins Nirwana, und übersah dabei Axel
Lawarée, der am 11-m-Punkt völlig frei stand und
anschließend fast in selbigen gebissen hätte.
Das wäre die beste Chance des Spiels gewesen,
aber es fehlte wohl ein wenig die Übersicht.
Ansonsten gab es außer einigen gelungenen, aber
im Abschluss erfolglosen Flankenläufen und ein,
zwei Fernschüssen nichts Aufregendes vom Spiel
zu berichten.
Also mussten anders Akzente gesetzt werden. Kurz
vor der Pause prallten Cebe und der Essener
Stürmer Güvenisik im Mittelfeld zusammen, Kopf
an Kopf. Das Ergebnis war wenig schön: Güvenisik
verlor einen Schneidezahn und beschädigte sich
weiteres Kaumaterial. Er musste auf der Stelle
ausgewechselt werden. Da, wo Güvenisiks Gebiss
unfreiwillig Bekanntschaft mit Cebes Schädel
gemacht hatte, wurde es leicht rötlich, und Cebe
musste sich an der Seitenlinie tackern lassen.
Anschließend einen flotten Turban auf den Kopf
gesetzt, und weiter ging’s.
Etwas skurril war dies deswegen, weil in der
zweiten Halbzeit auch Jens Langeneke mit seinem
Gegenspieler zusammenprallte und eine Platzwunde
davon trug. Auch er spielte die restliche
Spielzeit mit einem Kopfverband durch, was dann
doch stark danach aussah, als hätten wir uns
unsere Spieler aus dem nächstgelegenen
Feldlazarett geholt. Aber natürlich kann man es
auch anders sehen und sagen: typisch Düsseldorf,
in der Mode immer was Neues! Die Turbane hielten
bis zum Schluss, und ich hoffe nur, dass der
Verein seitdem nicht eine eigene Akte mit einem
roten Reiter beim Verfassungsschutz hat,
aufgrund öffentlicher Sympathien zu gewissen
Herren in Nahost. Sah schon etwas merkwürdig
aus.
Tja, und wenn dies dann schon diejenigen
Ereignisse waren, die das Spiel mal kurz
aufregend machten, kann derjenige, der das Spiel
nicht gesehen hat, sich wohl ungefähr ausmalen,
wie der Rest ablief. Man dachte, es käme ein
Spitzenspiel, aber es war doch nur eine
ängstliche Fortuna gegen platte Essener.
Immerhin, Trainer Uwe Weidemann sagte nach dem
Spiel völlig zu Recht: „In der letzten Saison
hätten wir so ein Spiel wohl noch verloren.“
Sei’s drum, aber es tröstete nur wenig.
Auf der Rückfahrt probierte ich übrigens mal die
Variante, in Dormagen auf die A 57 aufzufahren
und dann über die A 1, A 4, A 555 und A 565 nach
Hause zu hüpfen. Ich hatte richtig kalkuliert,
es war um diese Uhrzeit nichts mehr los. Dieser
Weg ist auch um einiges kürzer als die Variante
mit der A 61, auch ohne dass man dort
irgendwelche Ausfahrten sperren müsste. Aber
nachmittags kann man so wirklich nicht fahren,
zumindest nicht, wenn man einen wichtigen Termin
hat. Auch wenn es damit so war, wie mit so
vielen Terminen, die man vorher als wichtig
erachtet: es war viel Lärm um nichts.
Nur vier Tage später kam direkt das nächste
Spitzenspiel. Und die nächste Negativserie. Seit
1975 hatten wir kein Pflichtspiel mehr beim
Wuppertaler SV gewonnen. Okay, das lag auch eher
daran, dass in 25 dieser 32 Jahre gar kein
Meisterschaftsspiel Wuppertal gegen Fortuna
angestanden hatte, weil die Herrschaften
ligatechnisch fast immer unter uns platziert
waren (Ausnahmen gab es 1993/94 und 2003/04 - da
standen wir unter denen). Aber trotzdem kann man
damit ja hübsch Schlagzeilen machen. Aber bevor
diese Serie nun auch vor dem Spiel
gebetsmühlenartig wiederholt wurde, mischte ein
anderer den Zeitungswald mal ordentlich auf und
sorgte für beste Stimmung vor dem Derby.
Wolfgang Jerat, Trainer des Wuppertaler SV, und
auf meiner persönlichen Sympathieskala schon
längst an Pelé Wollitz vorbei gezogen, hatte mal
was zu sagen. Es klang lustig, aber er meinte es
wohl Ernst. So kann man sich täuschen.
Wuppertal muss nicht langweilig sein:
Top-Trainer, Top-Mannschaft, Top-Baustelle
Denn Wolfgang Jerat ist nun mal Kölner, kennt
sogar Christoph Daum und hat sich in puncto
Motivation wohl einiges bei ihm abgeguckt. Und
so verkündete er zu Saisonbeginn gleich mal
lautstark, dass seine Mannschaft der
Top-Aufstiegsfavorit sei, er sehe nun wirklich
weit und breit keine Truppe, die der eigenen
auch nur im Ansatz gefährlich werden könne. Die
verzückten Fans dankten es ihm, indem sie gleich
am ersten Spieltag ein Transparent entrollten,
auf dem „Regionalliga-Abschiedstour 07/08“ zu
lesen stand. An wen erinnert mich das nur? Ich
glaube, wir hatten letztes Jahr am ersten
Spieltag in der Arena ein ähnliches Banner
gehisst. Wobei die Wuppis ja noch sagen können –
wenn sie mindestens Zehnter werden, sind sie
nächste Saison in der eingleisigen Dritten Liga
dabei, die heißt dann ja auch nicht mehr
Regionalliga. Wäre immerhin eine Möglichkeit.
Ich glaub’s zwar nicht, wollte es aber nicht
unerwähnt lassen.
Kurz vor dem Spiel widmete sich der Top-Trainer
des Top-Favoriten dann auch mal dem Gegner und
äußerte die Überzeugung, er gedenke, Fortuna
„wegzuhauen“. Anschließend beschäftigte er sich
nur noch mit dem Gegner und ließ raus, das Ziel
der Fortuna könne doch auch nur Aufstieg
bedeuten, und wir sollten dies doch auch
gefälligst zugeben. Da hat er ja richtig Ahnung,
der Mann. Er wollte also mit seinem selbst
ernannten „Top-Favoriten“ einen ebenso
gefälligst selbst zu ernennenden „Favoriten“
eben mal „weghauen“.
Nun ist der Mann Kölner und arbeitet seit
Monaten in einer Baustelle in Wuppertal. Von
daher habe ich eigentlich zu keiner seiner
Äußerungen irgendwelche Fragen. Aber ein
bisschen dick aufgetragen war das schon, selbst
für einen Kölner. Natürlich hat der WSV eine
gute Mannschaft, sie hatten auch die ersten
beiden Saisonspiele gegen Lübeck und in
Oberhausen gewonnen sowie Zweitligist Aue im
DFB-Pokal nach Verlängerung und Elfmeterschießen
rausgekegelt, alles recht glückliche Siege, aber
im Endeffekt verdient. Trotzdem wirkt diese Art
der Motivation auf mich reichlich albern. Aber
sei’s drum. Am 11.08.07 fuhren wir also zum
„Weghauen“ in die Bruchbude Am Zoo. Übrigens zum
elften Mal (!) seit August 2002. Fünf Liga-
sowie drei Pokalpartien gegen den WSV, zwei
Oberliga-Kicks gegen Borussia Wuppertal, bevor
die sich den WSV fusionstechnisch einverleibten
(oder war es umgekehrt?), eine gegen die SSVg
Velbert – da kann der Jerat noch so
rumschwafeln, interessant wird diese Hütte für
mich nie mehr werden. Oder vielleicht doch?
Bei erstaunlich gutem Wetter wurde die Bude
richtig voll. Wie voll genau, konnte leider
niemand sagen, da momentan niemand zu wissen
scheint, wie viele Leute ins Stadion reinpassen.
Der Haufen Bauschutt hinter dem einen Tor,
optisch schön abgestimmt mit dem Haufen
Bauschutt hinter dem anderen Tor, lässt derzeit
nämlich nur eine eingeschränkte
Zuschauerkapazität zu. Da selbst diese eher
selten erreicht wird, kann man somit nicht
sagen, wie „voll“ voll eigentlich ist. 10.000,
15.000? Offiziell waren es 10.341 Zuschauer,
aber das sah schon nach ein wenig mehr aus. Na
ja, irgendwie muss man die Baukosten ja drücken,
und Kleinvieh macht auch Mist. Also lassen wir
diese offizielle Zahl, die auch von nicht
wenigen WSV-Fans anschließend belächelt wurde,
einfach mal stehen.
Das Spiel begann mit einem Paukenschlag: in der
8. Minute missglückte dem Wuppertaler Wiwerink
im eigenen Strafraum der Befreiungsschlag, der
Ball kam nur ca. einen Meter weit und prallte
von Andy Lambertz genau vor die Füße von
Christian Erwig. Ein Ausfallschritt, eine linke
Klebe, flach aus ungefähr zwölf Metern, rechts
unten ins Eck – 1:0 für Fortuna! Was für ein
Auftakt! Und so ging es auch erst einmal weiter,
Fortuna war die klar bessere Mannschaft und
hätte auch nachlegen können, aber besonders der
Torschütze gefiel sich darin, noch zwei, drei
dicke Chancen zu vergeben. Dann wachte der
„Top-Favorit“ auf und schlug zurück. Zunächst
kam Bölstler im Strafraum frei zum Schuss, aber
Ahmet Cebe, der anscheinend hartnäckig einen
Trend setzen will und wieder mit Turban auflief
(nein, im Ernst, die Narbe am Kopf hatte sich
entzündet), konnte sich in letzter Sekunde in
die Schussbahn werfen und die Kugel übers Tor
abfälschen. Nach der anschließenden Ecke musste
mal wieder Markus Anfang auf der Linie retten,
und fünf Minuten vor der Pause wäre Rietpietsch
fast der Ausgleich gelungen, als er nach einer
reichlich unübersichtlichen Situation 16 Meter
vor dem Tor zum Abschluss kam, und etwas
losließ, das Karl-Heinz Rummenigge in seiner
Zeit als Co-Gähner bei den
Öffentlich-Rechtlichen einst als „verzinkten
Schuss“ bezeichnete: aus dem Hinterhalt, für den
Torwart schwer und vor allem erst spät zu sehen,
und schön in die Ecke gezirkelt. Torwart Melka
flog, aber da er, wie erwähnt, „nur“ 1,95 m
groß ist, hätte er den Ball nie erreicht. Dafür
hatten er diesmal Glück: der Pfosten rettete die
Führung in die Halbzeitpause.
Nach der Pause drängte Wuppertal noch vehementer
auf den Ausgleich, und so gab es in der 58.
Minute gleich ein doppeltes Déjà-vu: nach einem
Kuddelmuddel im Strafraum wurde der Ball von
rechts über Melka, der am kurzen Pfosten stand,
in die Mitte gehoben. Der Keeper war mit einer
Hand noch dran, aber das Leder flog weiter und
wurde vor der Linie von David Krecidlo mit eine
Reflex per Hand weiter befördert. Da stöhnt man
natürlich auf: wie zwei Wochen zuvor in Berlin,
Handelfer gegen Fortuna, das kennen wir doch!
Und den Krecidlo als verhinderten Volleyballer
kennen wir auch, im April in Leverkusen war ihm
schon dasselbe passiert. Der Mann hat irgendwie
seine Hände nicht unter Kontrolle.
Aber eins war dennoch neu, und sorgte für große
Aufregung: Krecidlo erhielt von Schiri Zwayer
nicht Rot, sondern nur Gelb. Der Top-Trainer
stand draußen an der Seitenlinie und schüttelte
nur noch den Kopf. Wenn dabei doch nur das
Regelbuch des DFB rausgefallen wäre! Da hätte er
nämlich nachlesen können, dass einem Spieler
nach absichtlichem Handspiel nur dann Rot zu
zeigen ist, wenn er ein Tor oder eine klare
Torchance verhindert. Und noch einmal: der Ball
kam von der Seite, Krecidlo stand kurz vor der
Linie und musste sogar die Hand nach vorne
ausstrecken, um den Ball zu spielen. Wer die
Szene im Fernsehen gesehen hat, muss zugeben,
dass der Ball ohne das Handspiel niemals die
Linie überquert hätte. Und die klare Torchance?
Nun, in seiner Nähe stand kein Wuppertaler
Spieler, der hätte abstauben können, wenn er den
Ball durchgelassen hätte. Auch das machte das
Handspiel ja so überflüssig. Also, wenn ich die
Regel richtig verstehe, dann war das kein Fall
von zwingendem Rot. Da kann man Rot geben, muss
aber nicht. Und genauso handhabte es auch der
Schiri. Eine vertretbare Entscheidung, wie ich
finde.
Aber Elfmeter gab’s ja trotzdem. Mahir Saglik,
Neuzugang vom Regionalliga-Absteiger 1.FC
Saarbrücken, mit der Empfehlung von 15
Saisontreffern an die Wupper gewechselt, trat
an, schoss – und Melka hielt. Nicht zu fassen!
Der zweite Handelfer gegen uns, der zweite, den
Melka parieren konnte. Ich glaube, damit hat er
die fortunistische Torhüter-Statistik der
letzten 20 Jahre gesprengt . Und Saglik musste
einsehen, dass Fortuna irgendwie doch nicht
sein Verein ist. In unserer Aufstiegssaison
2004/05 hatte er, damals noch in Diensten von
Dortmund II stehend, beim Spiel am Flinger
Broich (1:1) kurz vor Schluss das Kunststück
fertig gebracht, den Ball aus drei Metern übers
(!) Tor zu setzen. Diesmal aus elf Metern
klappte es mit dem Zielen besser, aber im
Gegensatz zu damals stand noch ein Torwart auf
der Linie.
Tja, und da sich das Spiel zu einer Kopie der
Partie bei Union Berlin entwickelte, gab es
natürlich auch noch Gelb/Rot für Fortuna,
diesmal für Cebe, den sein schicker Turban in
der 84. Minute auch nicht retten konnte. Ein
etwas genaueres Hinsehen des Schiris hingegen
hätte dies tun können, denn Cebe spielte bei dem
„Foul“, das ihm den Platzverweis einbrachte,
eindeutig den Ball. Das roch geradezu nach
Konzessionsentscheidung des Schiris, weil er
vorher bei Krecidlo regelkonform ein Auge
zugedrückt hatte. Aber auch diesmal ließen wir
uns davon nicht mehr aufhalten. Christian Erwig
verballerte in der Schlussminute bei einem der
wenigen Konter sogar noch die Riesenchance zum
2:0, als er, völlig frei vor Maly auftauchend,
die Kugel weit übers Tor setzte. Aber das wäre
auch des Guten zuviel gewesen. Es reichte auch
so.
Die nächste Negativserie pulverisiert! Man kann
also auch in Wuppertal gewinnen, wenn auch
natürlich glücklich, größtenteils aufgrund des
Pfostenschusses in der ersten Halbzeit. Aber die
Mannschaft hatte ein prima Spiel abgeliefert und
nicht ganz unverdient gewonnen. Da nicht sein
kann, was nicht sein darf, hatte der Top-Trainer
anschließend noch Verschwörungsbedarf. Natürlich
war der Schiri Schuld, nicht nur wegen der nicht
gegebenen Roten Karte, Herr Jerat sah noch zwei
weitere „eindeutige Elfmeter“, die seiner
Mannschaft nicht zugesprochen wurden. Leider
sagte er nicht, in welchen Spielen das gewesen
sein soll, das soeben beendete Match kann er
auch mit der größten Vereinsbrille nicht gemeint
haben. Vielleicht haben ihm die vielen
Strafstöße im Elfmeterschießen gegen Aue ein
wenig die Sinne getrübt. Da gab’s ja quasi
Elfmeter für gar nix, da hatte er wohl eine
entsprechende Fortsetzung erwartet. Dieses
Spiel, das eine Woche zuvor stattgefunden hatte,
wurde dann auch von Wuppertaler Seite gerne als
Entschuldigungsgrund herangezogen, waren die
Spieler doch so richtig erschöpft nach der
englischen Woche. Ui, Ermüdungserscheinungen
schon am 3. Spieltag, und das beim
Top-Favoriten? Ja darf das denn sein? Mein Herz
blutete wirklich, zumal man auf dem Rasen davon
eigentlich ziemlich wenig davon bemerkte. Die
waren an jenem Tag nur zu blöd zum Tore
schießen, das war alles. Aber das ging natürlich
gar nicht.
Um das klarzustellen, auch ich halte den WSV für
eine der stärksten Mannschaften in dieser
Saison, die werden sicherlich oben mitmischen.
Dies bewiesen sie eindrucksvoll nur eine Woche
später, als sie in Ahlen 5:2 gewannen. Und
natürlich hatten die binnen 7 Tagen drei Spiele
und wir nur zwei, das kann schon mal eine Rolle
spielen. Aber wer vor dem Spiel derart die
Klappe aufreißt, den Gegner provoziert, und
anschließend meint, es wären nur „äußere
Umstände“ gewesen, die den Sieg des
„Top-Favoriten“ verhindert hätten, der darf sich
meines mitleidigen Lächelns gewiss sein. Weniger
ist halt manchmal mehr. Obwohl: das lustige
Transparent vom ersten Spieltag, das habe ich
nicht gesehen. Das muss aber nix heißen,
vielleicht war ich vom ganzen Bauschutt
drumherum auch nur abgelenkt. Was soll’s. Ihr
habt die Schwebebahn (die an jenem Tag noch
nicht einmal fuhr ) – wir haben die drei Punkte!
So geht’s also auch.
Fortuna verfügte nach diesem Spieltag über ein
gigantisches Torverhältnis von 2:0. Kein
Gegentor, allerdings eher aufgrund der guten
Leistungen von Torhüter Melka als aufgrund
solider Abwehrarbeit, die ist noch
verbesserungswürdig. Und im Vergleich zu anderen
Teams ist unser Sturm ja wohl erste Sahne! So
stand zum Beispiel beim SSV Reutlingen in der
Regionalliga Süd nach dem 3. Spieltag das ebenso
gigantische Torverhältnis von 0:0 zu Buche. Was
für ein Schluffi-Sturm! Und zudem noch so
uneffektiv! Denn mit dreimal 0:0 hatten die
Reutlinger natürlich nur drei Punkte, wir
hingegen nutzten unsere zwei Treffer zu sieben
Punkten und Platz 3! Auf Platz 2 übrigens der
HSV II mit Torverhältnis 4:0...und
Tabellenführer RW Erfurt, ebenfalls sieben
Punkte, hatte ein Torverhältnis von 10:4. Diese
Angeber! Sollen die doch ihr Pulver jetzt schon
verschießen, wir halten uns erst mal vornehm
zurück...
Nein, natürlich waren die Sturmleistungen
durchaus ebenfalls verbesserungswürdig. Die
nächste Gelegenheit dazu kam am 18.08.07.
Gleichzeitig mit der nächsten Negativserie...
Zehn Spiele in der Regionalliga gegen Werder II
hatten wir absolviert – kein einziger Sieg für
uns. Vier Remis und sechs Niederlagen standen zu
Buche. Da mag der Laie staunend fragen, woran
das liegt. Der Fachmann, der alle zehn Spiele
gesehen hat, weiß es natürlich: Eine solch
konstante Serie in solch einem kurzen Zeitraum
(seit dem Jahr 2000) liegt naturgemäß an
irgendeiner Konstante während dieser Spiele. Und
da gab es nur eine – die hieß Björn Schierenbeck.
Ich schrieb bereits mehrfach über ihn. Das
Bremer Urgestein stand wirklich und wahrhaftig
bei allen zehn Versuchen, die „kleinen“
Werderaner zu putzen, auf dem Platz. Egal, ob
über 90 Minuten und als Torschütze, oder ob nur
für zwei Minuten und mit keinem anderen Auftrag,
als Bälle auf und über die Tribüne zu pöhlen –
der Schierenbeck war immer da. War. Angeblich
soll er ja mittlerweile seine Karriere beendet
haben und jetzt im Trainerstab mitarbeiten. Ich
war da noch skeptisch. Es hätte mich nicht
gewundert, wenn er vielmehr seit Bekanntwerden
des Spielplans heimlich in die sportlichen
Folterkammern des Weserstadions hinab gestiegen
wäre und sich fit gemacht hätte, um gegen uns
aufzulaufen. Nur so. Und zur Not auch noch im
Anzug und mit Krawatte, denn auch er dürfte
mittlerweile um seine hypnotische Wirkung auf
den Spielausgang wissen, wenn es gegen Fortuna
geht. Ich hoffte also, dass er den Übergang ins
eher „sportgeschäftliche“ Leben in der
Sommerpause reibungslos vollzogen hatte und
leider zu „busy“ war, um die Stiefel zu schnüren
und seinen Jungspunden den entscheidenden Kick
zu geben.
Aber wahrscheinlich interessierte ihn das selbst
gar nicht so sehr wie uns. Vielleicht ist genau
das das Erfolgsrezept der Werderaner –
sie nehmen sich selbst nicht so wichtig. Diesen
Eindruck konnte man zumindest beim letzten
Aufeinandertreffen im März auf dem Hinterhof des
Henkers (korrekte Bezeichnung: Nebenplatz 11 des
Weserstadions) gewinnen, als sich die tapfere
Schar der Werder-Anhänger so ab der 75. Minute
unauffällig Richtung Vereinsheim verdrückte.
Dort begann nämlich die Pay-TV-Übertragung des (Bundesliga-)Spiels
der Ersten Mannschaft von Werder. Alles ganz
entspannt also. Vielleicht sollten wir das Spiel
mal genauso angehen und einfach sagen: Da kommen
so ein paar Jungs mit lustigen Vornamen, hauen
wir die doch einfach weg und gehen dann Pay-TV
gucken. Wie ich auf das Thema Vornamen komme?
Nun, neulich fuhr ich auf der Autobahn hinter
einem Wagen, auf dessen Heckscheibe einer dieser
unvermeidlichen Aufkleber prangte: „Charnice an
Bord!“ hieß es da. Da überlegst du erst mal: Ist
das ein Hinweis auf einen Wagen mit Baby oder
einen Gefahrguttransport? Aber es sollte wohl
doch einer jener modischen Namen sein, die coole
Eltern heutzutage wählen, um ihre Sprössling
ganz individuell ins Leben zu schicken. Und wenn
ich mir den Kader der Bremer anschaue, könnte
ich auf die Idee kommen, dass diese Namensgebung
in den 1980er Jahre einsetzte. Wir konnten
nämlich beglückt werden mit dem Auflaufen
solcher Jungs wie Finn, Sandro, Julian oder
Kenny. Nicht zu vergessen Dominik und Dominic
(kein Schreibfehler). Und ganz zu schweigen von
den drei möglichen Kevins. Das zeigt, dass wir
in der Moderne angekommen sind. Aber mal
ernsthaft: Diese vermeintlichen „Jungs“ hatten
uns bei ihren letztjährigen Gastspiel in der
Arena eine Halbzeit lang vorgeführt und
Offensiv-Fußball vom Feinsten zelebriert.
Höchste Vorsicht war somit geboten, unabhängig
vom Vornamen. Aber ich hatte nicht die geringste
Lust, einmal mehr gegen die ganzen Kevins,
Kennys und Julians zu verlieren. Dann fühle ich
mich immer noch älter, als ich sowieso schon
bin. Andererseits, würde Fortuna auch dieses
Spiel gewinnen, würde es langsam wirklich
unheimlich werden. Aber damit hätte ich
irgendwie viel besser leben können.
Negativserienkiller 2007
Und genau so kam es tatsächlich: Fortuna
besiegte Werder II mit 2:0 und knackte auch den
dritten „Fluch“ binnen vier Wochen. Aber ich
behielt auch Recht: Schierenbeck lief erstmals
in einer Partie gegen uns nicht auf – voilà,
schon klappte es. Man könnte fast meinen, es
wäre wirklich etwas dran.
Nebenbei, Schierenbeck war nicht der Einzige,
der bei Werder fehlte. Trainer Thomas Wolter
durfte sich über das Fehlen eines halben Dutzend
Stammspieler ärgern, was allerdings
erfreulicherweise nicht, wie anderswo, durch
Zulauf von schwer spielpraxisbedürftigen
Spielern aus der Ersten Mannschaft kompensiert
wurde. Das wäre auch schwierig gewesen, die
ließen sich ja nahezu gleichzeitig von Bayern
München verdreschen (die wiederum ein junges,
aufstrebendes Talent namens Lukas Podolski
gleichzeitig in der Regionalliga Süd gegen
Unterhaching eine hundertprozentige Torchance
versemmeln und anschließend auswechseln ließen).
Dennoch waren die Werder-Bubis ein Ernst zu
nehmender Gegner, dementsprechend vorsichtig
begann Fortuna. Da von den Gästen zunächst auch
nichts Überwältigendes kam, wurde man ein wenig
offensiver und erarbeitete sich Chancen. Pech
insbesondere für Christian Erwig, der mit einem
Kopfball nur die Latte traf. Zur Pause war
Fortuna klar tonangebend, hatte aber die Bude
nicht gemacht.
Dies hätte sich natürlich fast sofort gerächt,
als Werder nur zwei Minuten nach der Pause
demonstrierte, dass sie auch einen Sturm
mitgebracht hatten: nach schöner Kombination
setzte sich Löning im Strafraum durch und
tauchte plötzlich völlig frei vor Melka auf,
aber dieser konnte parieren. Und dann kam die
55. Minute: Eckball von rechts, Markus Anfang
bringt den Ball herein, in der Mitte springt
Axel Lawaree am höchsten und drückt den Ball zum
1:0 ein. Eine aus mehreren Gründen nahezu
unglaubliche Szene: schon wieder ein Stürmertor,
erstes Tor von Axel Lawaree für Fortuna, und
dann noch nach einer Ecke! Schon wieder, genau
wie bei Union Berlin. Also da war ich bereits
erstaunt, aber nun versuche ich verzweifelt, zu
eruieren, wann wir zuletzt in einer Saison
zwei Tore nach Ecken erzielt haben. Es
scheint tatsächlich eine Spielzeit der
historischen Ereignisse zu werden...
Apropos historische Ereignisse: so etwa um die
30. Minute herum wurde Uwe Weidemann gesichtet,
wie sich am Spielfeldrand einen Spieler
heranholte und ihm Anweisungen gab. Der Uwe!!
Anweisungen!! Das kann man eigentlich kaum noch
glauben, ist das überhaupt noch meine
Mannschaft, oder sind das Außerirdische? Man kam
vor lauter Neuerungen gar nicht mehr hinterher.
Okay, beim Spiel gegen RW Essen war der Uwe kurz
vor Schluss aus dem Innenraum verwiesen worden.
Da hatte er etwas zum Schiri-Assi gesagt, was
diesem nicht gefallen hatte. Das kann ja mal
passieren. Aber dass der Uwe quasi aktiv ins
Spielgeschehen eingreift – ist das noch Fußball?
Ich muss in mich gehen und darüber nachdenken.
Da hatten wir nun unser übliches eines Tor
geschossen, was in dieser Saison zum Sieg zu
reichen scheint, dann wollen wir uns auch nicht
mehr überanstrengen. Und als in der 77. Minute
Andy Lambertz von links in den Strafraum passte,
da war es dann auch kurzerhand der Bremer
Abwehrspieler Erdem, der den Ball aus Versehen
im eigenen Netz versenkte und somit die
Entscheidung brachte. Danke schön! Im Nachhinein
hätten sich die Bremer nicht beschweren können,
wenn’s noch ein oder zwei Stück gegeben hätte,
die Chancen dafür waren da, aber das wäre auch
nicht verdient gewesen, so viel besser als
Bremen waren unsere Mannen auch nicht. Immerhin
konnten die 9.200 Zuschauer erstmals eine
Tabellenführung der Fortuna in der Regionalliga
feiern, wenn auch nur für 24 Stunden, dann zog
Erfurt wieder vorbei, aber das interessiert zu
diesem Zeitpunkt nicht wirklich. Eher schon,
dass man nach nur vier Spieltagen schon ein
Polster von mindestens 6 Punkten auf Platz 11
hat (eigentlich sieben, aber da steht Dresden,
und die haben noch ein Spiel weniger). Was für
ein Auftakt!
Tabellenplatz zwei nach vier Spieltagen, mit 10
Punkten und dem Riesen-Torverhältnis von 4:0!
Kein Mensch weiß mehr, wann wir den letzten
Gegentreffer kassiert haben! Aus dem
Auftaktprogramm mit den drei legendären
„Flüchen“, welches einzig und allein dazu
gedacht schien, dem Trainer einen vorzeitigen
Abgang zu verschaffen, ist ein voller Erfolg
herausgesprungen, was bei unserer chronischen
Auftaktschwäche nun wirklich niemand hätte
vermuten dürfen. Saisonübergreifend ist die
Fortuna jetzt schon seit über 400 Minuten ohne
Gegentor. Und ein Statistik-Freak fand dann auch
prompt heraus, dass seit der Saison 1947/48
keine Fortuna-Mannschaft mehr nach dem 3.
Spieltag ohne Gegentor geblieben ist! Die
historischen Ereignisse nahmen gar kein Ende
mehr. Vielleicht könnten wir da auch noch einen
Zeitzeugen auftreiben, der sich an jene Saison
noch erinnern kann.
Bei so vielen geschichtsträchtigen Ereignissen
nahm ich einen Tag später dann auch eins der 2.
Liga mit: das erste Spiel von Borussia
Mönchengladbach gegen die TSG 1899 Hoffenheim,
gleichzeitig das erste Meisterschaftsspiel der
Borussia, welches um 14.00 Uhr angepfiffen
wurde. Und es war ein lustige Angelegenheit. Die
Hoffenheimer reisten mit einem Mannschaftsbus
an, auf dessen Frontpartie unübersehbar der
Schriftzug „Rita’s Reisedienst“ prangte. Ist
doch hübsch. Der Mannschaft folgten 235 Fans,
inklusive Transparent „Hurra, das ganze Dorf ist
da“; die wurden ob ihrer gewaltigen Anzahl vor
dem Spiel sogar vom Stadionsprecher der
Gladbacher begrüßt und von den anderen 39.000
Zuschauern im Stadion mit freundlichem Applaus
bedacht. Das war natürlich vor dem Spiel. Nach
der Partie klatschte kein Gladbacher mehr, da
gab es nur ein gellendes Pfeifkonzert. 0:0 gegen
den Aufsteiger, der zumindest in der 2. Halbzeit
so spielte, als ob ihnen das mit dem Aufstieg
noch niemand gesagt hätte. Aber die Gladbacher
waren genauso schlecht und nutzten auch die
wenigen klaren Torchancen nicht. Dabei hatten
sie noch Glück, dass Hoffenheim in der ersten
Viertelstunde des Spiels, der einzigen Zeit des
Spiels, an der der Aufsteiger sich zu beteiligen
gedachte, nicht mal sofort 2:0 führte, drei
Riesenchancen wurden vergeben, es sprang nur ein
Pfostenschuss dabei heraus.
Dass das Heimdebüt der „Fohlen“ ordentlich in
die Hose ging, darf sich auch der Trainer
ankreiden, Kay Luhu, oder wie der heißt. Solche
Aufstellungen wie die vom letzten Sonntag
garantieren eigentlich, dass der Name schnell in
Vergessenheit gerät. Heimspiel gegen einen
Aufsteiger – Gladbach mit genau einem Stürmer,
der noch nicht mal einer war, Rösler spielt
eigentlich im offensiven Mittelfeld. Vier
gelernte Stürmer ließ der Trainer auf der Bank
sitzen! Und als er zur Pause endlich mal einen
einwechselte (Rob Friend), beorderte er Rösler
sofort wieder ins Mittelfeld zurück, nicht, dass
man zu stürmisch werden würde! Erst als der vom
Publikum stürmisch (kicher) geforderte Oliver
Neuville zusätzlich kam, konnte man von einem
Gladbacher Sturm reden. Dass Luhukay
anschließend noch Marvin Compper einwechselte,
zwar durchaus als offensivfreudig bekannt, aber
eigentlich Verteidiger, ließ mich dann doch
daran zweifeln, ob ich das Spiel richtig
verstanden habe. Es sei denn, er wollte einen
Punkt sichern. Gegen Hoffenheim. Im Heimspiel.
Dann gratuliere ich natürlich artig zum
erreichten Ziel.
Und weil sich während der beiden Halbzeiten
nicht allzu viel Aufregendes auf dem Rasen tat,
ist mein Held des Spiels auch ein gänzlich
anderer: Elmar Sassenrath. Wer das ist? Keine
Ahnung, bis auf eins: Elmar Sassenrath gewann
das Halbzeitspiel auf dem grünen Rasen. Wie?
Weiß ich auch nicht, ich hab es nicht gesehen,
aber der Stadionsprecher nannte den Namen so oft
und so laut, dass er sich mir unauslöschlich
einprägte. Er muss wohl recht treffsicher
gewesen sein. Elmar Sassenrath ist Gott! möchte
ich ausrufen, so häufig, wie der Name genannt
wurde.
Hoffentlich hat niemand der Gladbacher
Offiziellen gesehen, wie treffsicher
Elmar Sassenrath war. Bloß nicht verpflichten
lassen – als treffsicherer Stürmer kommst du in
Gladbach erst mal auf die Bank. Nur ein gut
gemeinter Rat, Elmar!
Tja, und nach diesem kleinen Abstecher war es
das vorerst. Fortuna mit hervorragendem Start,
so gut, dass man es kaum glauben möchte. Nächste
Woche geht es zu Cottbus II. In alten Zeiten
(bis vor ca. einem Jahr also) waren das immer
die Spiele, die man von vorne herein schon
gewonnen hatte (besonders, wenn man vorher die
„Spitzenspiele“ gut bewältigt hatte), und bei
denen man sich anschließend fürchterlich
blamierte. Man darf gespannt sein, ob sie auch
diese unschöne Verhaltensweise abgelegt haben.
Obwohl: dann wird es mir wirklich, wirklich
unheimlich...
Wieder mittendrin: janus |