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Begeisternde
Spiele und tolle Typen oder:
Rudis
Reste-Rampe in Wort und Spiel
Auch
nach der WM – wir sind wieder wer! Das bleibt
als Fazit aus den vergangenen drei Partien, die
die super-deutsche Nationalmannschaft in den
letzten Wochen gespielt hat. Zwei Siege, ein
Unentschieden, keine Niederlage – ja, zum
Kuckuck, wenn das so bleibt bis 2006, könnten
wir ja mit einer Wildcard direkt bis zum Finale
vorstoßen! Wobei der letzte Mittwoch natürlich
ein absoluter Höhepunkt war.
Was hatte ich mich gefreut! Am Freitag zuvor
schon so ein Knaller: Freundschaftsspiel
Bosnien-Herzegowina gegen Deutschland! Wie sehr
haben sie in Sarajewo diesem Spiel entgegen
gefiebert! Das konnte man eindeutig an der
Zuschauerzahl sehen: glatte 5.000 verloren sich
im Stadion, darunter 800, die sich nicht wehren
konnten: im Feldlager Rajlovac stationierte
deutsche SFOR-Soldaten, denen das ganze einfach
befohlen werden konnte: steht mal zwei Stunden
im strömenden Regen, guckt euch die deutsche
Nationalmannschaft an und vergesst nicht, euch
auf den Rückweg nach dieser grauenvollen
Vorstellung als Belgier auszugeben. Praktisch,
wenn alle dieselbe Uniform tragen und diese
kleine Deutschland-Flagge auf dem Ärmel kann
man in der Dunkelheit ja leicht mit der
belgischen verwechseln. Ich für meinen Teil
jedenfalls hätte es vorgezogen, nach diesem
Grottenkick unerkannt in meinen Wohncontainer
zurückzukehren.
Auch hatte der Schiri den Sinn des Spiels
anscheinend nicht verstanden. Als er
Salihamidzic und Wörns nach einer harmlosen
Rangelei des Feldes verwies, schimpfte
ARD-Reporter Steffen Simon bei Begutachtung der
Zeitlupe: „Jetzt fasst er ihm an die
Hose...mein Gott, das ist ein
Freundschaftsspiel, da muss man für so was
nicht gleich Rot zeigen!“ Und auch wenn die
Platzverweise wirklich ein Witz waren, mich
beunruhigt doch ein wenig, welch dunkle Gelüste
bei dem Begriff „Freundschaftsspiel“ einem
Mann kommen, der sich von meinen Gebühren
finanziert. Irgendwie merkwürdig – aber
lassen wir das.
Am letzten Mittwoch wurde es dann wieder ernst
– EM-Quali. Die Hammergruppe 5 mit den
spielstarken Schotten, den litauischen
Kampfschweinen, den isländischen Gletscherbeißern
und den färingischen Ballartisten, mittendrin
unsere müden, überspielten WM-Helden, denen im
Gegensatz zu den vorgenannten Teams noch 7 kräftezehrende
WM-Spiele in den Knochen steckten, während sich
die Gegner ausruhen konnten. Irgendwie unfair.
Aber unser germanischen Helden zeigten ja schon
im ersten Spiel vor einigen Wochen, wo der
Frosch die Locken hat. Beim ersten Quali-Spiel
wurden die Litauer glatt 2:0 besiegt, ach was,
an die Wand gespielt, auseinander genommen,
gedemütigt, wenn man der Boulevard-Presse
glauben durfte. Ich fands nicht nur
grottenschlecht, sondern auch schade, dass mein
alter Lieblingsstürmer Valdas Ivanauskas (schießt
zwar keine Tore, sorgt aber immer für
Abwechselung) nicht mitgespielt hat, wenn der
seine besonderen Lieblinge von früher, z.B.
Oliver Kahn, wieder gesehen hätte, hätte es
wahrscheinlich schon im Kabinengang vor dem
Spiel gescheppert. Aber er spielt ja nicht mehr,
war leider nur Zuschauer, fror sich den Arsch ab
und sah das, was alle sahen: dass der
Unterschied zwischen Deutschland und Litauen
phasenweise nun doch nicht ganz so groß war.
Aber egal, denn schließlich hatten wir ja mit
angezogener Handbremse gespielt. Genau wie im
„Wir dürfen uns an die Hose
fassen“-Freundschaftsspiel gegen Bosnien. Am
Mittwoch, wie gesagt, wurde es ernst.
Denn der Gegner hieß Färöer, und die sollten
jetzt schon mal pauschal ein bisschen
Schmerzensgeld verlangen – von ungezählten
deutschen Reportern und Journalisten, die zwar
über solch ein Spiel berichten, es aber nicht
mal für nötig halten, sich über den Gegner
auch nur einigermaßen zu informieren.
Respektlosigkeit nennt man sowas. Denn bis auf
den alten unbestechlichen, stets nüchternen
Waldi Hartmann, anscheinend der einzige mit
Durchblick, so traurig diese Aussage auch
klingen mag, habe ich vor, während und auch
nach der Partie den Namen des Gegners immer nur
in folgender Notation gehört: „Wir spielen
gegen die Färöer-Inseln“.
Ja, das deutsche Volk, ein Volk der Dichter und
Denker. Mag sein, aber kein Volk, das bei
erwiesener Unkenntnis wenigstens das unfallfreie
Nachblättern im Lexikon bzw. Atlas beherrschen
würde. Eine Eigenschaft, die im übrigen
hervorragend alle zwei Jahre während
irgendwelcher Olympischer Spiele zu bewundern
ist, wenn wochenlang allseits das beliebte Wort
von der „Olympiade“ gehört oder gelesen
werden kann. Seit über 2.500 Jahren steht der
Begriff „Olympiade“ für den olympiafreien
Zeitraum von vier Jahren zwischen den einzelnen
Spielen – den Deutschen wird das in alle
Ewigkeit nicht jucken. Genauso, wie jetzt
wahrscheinlich für alle Zeiten von der
Fast-Blamage gegen die „Färöer-Inseln“
gesprochen werden wird. Zur Information, liebe
Sport-Informations-Dienste: die Silbe „fär“
bedeutete ursprünglich „Vieh“, hat aber
heutzutage nur noch die Bedeutung „Schaf“,
aus der nicht unbequemen Logik heraus, dass es
auf Färöer als Nutzvieh fast nur Schafe gibt.
Die Silbe „öer“ jedoch, und das ist das
Entscheidende, bedeutet schlicht und ergreifend
„Inseln“, „Färöer“ übersetzt man also
ganz einfach mit „Schafsinseln“ und die so
gern genannten „Färöer-Inseln“ sind
demnach die „Schafsinseln-Inseln“.
Wahrscheinlich, damit jeder auch ganz bestimmt
merkt, dass es sich um...na ja...halt um Inseln
handelt. Beim durchschnittlichen IQ des
durchschnittlichen deutschen Glotzenhockers ist
das anscheinend angebracht – oder sollte es
selbst wichtigen Journalisten nicht bekannt
sein? Ist übrigens genauso intelligent wie das
Wort „Guerillakrieg“, „guerilla“
bedeutet übersetzt nämlich schon „kleiner
Krieg“, um nur ein weiteres Beispiel dafür zu
nennen, dass man mit der Verquickung von Fremd-
und einheimischen Worten ein bisschen vorsichtig
sein sollte – oder sich eben mal fünf Minuten
Zeit zur Recherche nehmen sollte, wenn man den
Anspruch einer seriösen Berichterstattung
aufrecht erhalten möchte. Ein weiterer
Klassiker, dazu noch komplett in „Auswärtssprache“,
ist auch das „LCD-Display“, also das
„Liquid Crystal Display-Display“. Ja, es ist
nicht einfach, hip zu sein. Aber das nur am
Rande.
Unser göttergleiches Team spielte also gegen
die Schafsinseln-Inseln, und was die bei so
einem Namen hier zu melden haben, zeigten die
BILD und der für meinen Geschmack immer
bewusstlosere Karl-Heinz Rumgenippe schon drei
Tage vor dem Spiel: „Die Färöer Inseln
bekommen das, was sie brauchen...sechs bis acht
Stück.“ Woher der Kalle weiß, was die
brauchen, ohne je dort gewesen zu sein, entzieht
sich meiner Kenntnis. Ich würde eher sagen, die
bräuchten mal so einen Medizinmann, der ein
bisschen Sonne zaubern kann, denn die Färinger
haben im Durchschnitt nicht weniger als 280
Regentage pro Jahr. Die fahren wahrscheinlich im
Herbst nach England in Urlaub, weil sie es da so
sonnig finden. 47.000 Einwohner, verteilt auf
ich-weiß-nicht-wie-viele-Inseln und Inselchen,
2 Rasenplätze, einer in der Hauptstadt Torshavn,
einer in Toftir (der sog. „Berti-Platz“...),
eine erste Liga mit 10 Mannschaften und (wie ich
seit dem Spiel Färöer-Schottland weiß) 6
elektronischen Fernsehkameras – dass die sich
überhaupt trauen, hier bei uns aufzukreuzen,
macht sie schon „strafempfänglich“, so
hatte Rotbäckchen Rummenigge sich das wohl
gedacht.
Tja, und wo bitte schön sollte ein Spiel gegen
einen solchen Fußballgiganten wohl stattfinden?
Natürlich in Hannover, das hat zwar mehr
Einwohner als sämtliche Schafsinseln zusammen,
dafür verfügt die Landeshauptstadt
Niedersachsens nicht nur gebäudetechnisch über
das gewisse anziehende Grau-in-Grau-Ambiente,
das der gemeine Färinger bei der Betrachtung
seines täglichen Himmels so schätzt, sondern
auch nach meinem persönlichen Erinnerungsschatz
plus gewagter Hochrechnung auf ein ganzes Jahr
sogar über mindestens 300 Regentage im
Kalenderjahr! Bezeichnend hierfür die Aussage
von Färöer-Stürmer Petersen beim Interview
nach dem Abschlusstraining: „Hier ist es kälter
als bei uns zur Zeit.“ Da mussten sich die Färinger
ja wohl fühlen. Und sie taten es auch. 700
mitgereiste Fans mieteten in Hannover ein ganzes
Brauhaus und wollten, Zeugenaussagen zufolge,
gar nicht mehr gehen. Den Besitzer des
Brauhauses dürfte es gefreut haben, dem
gemeinen Hannoveraner sollte es zu denken geben.
Übrigens waren ja Kalle Rummenigge und Paule
„Ich war mal 3 Minuten Nationaltrainer“
Breitner nicht die einzigen, die vor dem Spiel
kluge Sprüche absonderten. Zitat des Teamchefs,
Häuptling ondulierte Silberlocke Rudi Völler:
„Wenn uns schnell ein Tor gelingt, kann es ein
Selbstläufer werden.“ Wobei ich persönlich
ja anmerken muss, dass ich es ganz toll finde,
wie der Rudi rhetorisch an sich gearbeitet hat.
Wer erinnert sich nicht noch an die WM, als er
die Iren mehrfach kurzerhand zu „Irrländern“
erklärte? Was habe ich in der letzten Woche
darauf gewartet, dass er die Färinger mal als
„Färöris“ bezeichnet, um gleich darauf von
Michael Schumachers Manager verklagt zu werden,
dass der Arbeitgeber seines
Super-Duper-Im-Kreis-Rumfahrers-und-Steuerflüchtlings
nix mit den kleinen Eilanden im Nordatlantik zu
tun habe! Schade, ich hoffte vergebens.
Tja, und der Rudi, der hoffte auch vergebens,
dass das eintreten würde, was er gesagt hatte.
Denn er hatte einen entscheidenden Fehler
gemacht: der hatte vor und während der WM so
viel mit ausländischen Mannschaften zu tun,
dass er vergessen hat, dass er selbst eine
deutsche zu managen hat. Und der gemeine
Deutsche, wir wissen es, ist nun mal ein sehr
genauer Mensch, der Anweisungen (früher:
Befehle) immer exakt ausführt, um hinterher
sagen zu können, er sei doch daran gebunden
gewesen und könne deshalb auch gar nix dafür,
wofür auch immer. Und genauso machte es die
deutsche Mannschaft. Nach dem 1:0 in der 1.
Minute durch Ballacks verwandelten Foulelfmeter
erinnerte sie sich an des Trainers Worte, die
bei der BILD und in halb Fußball-Deutschland
mittlerweile fast schon den selben
Wahrheitsstatus genießen wie der Unsinn, den
„Kaiser“ Franz immer so absondert („Wieviel
Franz steckt in Rudi?“), dass das ja nun ein
Selbstläufer werden würde und stellten mal
flugs die Arbeit ein. Man war zwar sichtlich
irritiert, dass das einzige, was lief, die
Spieler von Färöer waren, und zwar dermaßen,
als ob sie auch nur annähernd so bezahlt werden
würden wie unsere Stehgeiger (just for info:
Punktprämie für die Färöer-Spieler in diesem
Spiel: 500 € pro Nase, Siegprämie: 1.000 €
pro Nase), aber der Trainer wird schon Recht
haben! Und er hatte es ja auch! Ohne etwas zu
tun am Ende noch drei Punkte eingesackt, das
nenn ich Weitblick.
Genauso ist übrigens auch die Aussage von
Christian Wörns vor dem Spiel zu verstehen:
„Sechs bis acht Stück ist vielleicht übertrieben,
aber es muss schon ein klares Ergebnis sein.“
Ja, und ist ein 2:1 etwa kein klares Ergebnis???
Also ich kann klar erkennen, wer bei diesem
Ergebnis gewonnen hat – sollte Wörns das
damit gemeint haben? Oder hat er es als
Mathematiker gesehen? 2:1 bedeutet fette 100%
mehr Tore geschossen als der Gegner! Da sieht
man mal, wer Ahnung vom Fußball hat (Völler, Wörns)
und wer nicht (Rummenigge, Pavian-Paule)!
Und wir wollen fair bleiben und durchaus
zugestehen, dass die Deutschen in der ersten
Halbzeit 4:0 hätten führen können, allerdings
stand da auf dem Rasen jemand, der alles tat,
dies zu verhindern: nein, ich meine nicht Färöer-Keeper
Mikkelsen, obwohl der mit Abstand der beste Mann
auf dem Platz war (übrigens auch der einzige
Profi der Färöer-Truppe, spielt bei Veijle BK
in der 2. dänischen Liga), sondern Carsten
Jancker.
Ich hätte mich zwar fast gewundert, warum der
schon wieder spielen durfte, aber dafür habe
ich ja den Traum aller Schwiegermütter, Michael
„Teddybär“ Skibbe, der mir ungeheuer feinfühlig
erläuterte, warum dieser debile Skinhead (ist
jetzt nicht politisch zu sehen) wieder mal von
Anfang an ran durfte: „Er hat zuletzt wieder
eine gewisse Konstanz in seinen Leistungen
gezeigt.“ Und da hat der Michi durchaus Recht:
in der gesamten letzten Saison bei Bayern kein
Tor erzielt, jetzt in Udine auch noch nix
getroffen – das kann man durchaus
„konstant“ nennen und das rechtfertigt natürlich
auch eine Nominierung als Mittelstürmer in der
deutschen Nationalmannschaft. Nachdem ihm im
Spiel gegen Bosnien noch der Schiri geholfen und
sein Abseitstor anerkannt hatte, wollte diesmal
niemand gut zu ihm sein, besonders dieser
Mikkelsen warf sich zweimal frech in den Weg,
als Jancker völlig frei vor ihm auftauchte.
Aber wer so konstant dazu beiträgt, das Spiel
spannend zu halten, der darf dann auch mal bis
zur 69. Minute durchspielen. Man muss ja auch an
die Zuschauer denken, nicht dass die in der
Halbzeit schon gelangweilt wären.
Wobei wir schon bei meiner Lieblingsminute des
Spiels wären, der 45. nämlich. Eine Minute mit
Vorgeschichte.
Nach dem blamablen 2:2 der Berti-Schotten gegen
die Färöer titelte nämlich eine schottische
Tageszeitung unter anderem: „Von einem Eisverkäufer
lächerlich gemacht.“ Diese Schlagzeile wurde
damals nur zu gerne von der deutschen
Boulevard-Kanaille, sorry: -Journaille übernommen,
um dem Berti mal wieder ordentlich einen
mitzugeben. Und wenn man Schlagzeilen schon übernimmt,
dann sollte man sie sich wenigstens etwas
genauer angucken. Denn mit dem Eisverkäufer war
nicht der damalige zweifache Torschütze
Petersen gemeint, der ist nämlich Lehrer,
sondern es ist der zweifache Vorbereiter, der
erst 19jährige Jakup à Borg, in seiner Heimat
so etwas wie ein Teenie-Star, der diesem in
Deutschland durchaus vom Aussterben bedrohten
Beruf nachgeht. Wobei es uns hätte stutzig
machen sollen – kann sich hier jemand
vorstellen, wie man davon leben kann, auf Inseln
mit 280 Regentagen im Jahr Eis zu verkaufen? Das
kann wohl nur ein echter Kämpfer, ein
Arbeitsmarkt-Survivor sozusagen. Vor dem hätten
wir also allein schon von Berufs wegen gewarnt
sein müssen. Aber egal.
Wer das Spiel Färöer-Schottland damals live in
der ARD verfolgt hat (Reporter auch damals übrigens
Steffen Simon, und niemand fasste irgendjemandem
an die Hose, es war ja auch kein
Freundschaftsspiel), weiß, wie die Tore für Färöer
fielen: bei beiden Treffern setzte sich Borg auf
der rechten Seite durch, flankte in die Mitte,
Petersen hielt einmal den Kopf, einmal den Fuß
hin – 2:0. So einfach kann Fußball sein. Das
hatte die schottische Presse mit ihrer
Schlagzeile gemeint. Und obwohl dies alles hier
bekannt war, was passierte in der 45. Minute?
Pass auf die rechte Seite nach Fehler Wörns,
Borg läuft Jeremies weg, flankt in die Mitte,
einer hält den Kopf hin – 1:1. Wie im
Training. Und wie vor einigen Wochen gegen die
Schotten. Man hätte es wissen können, es hatte
nur niemanden interessiert. Dass der Torschütze
Arne Friedrich per Eigentor und nicht der hinter
ihm stehende Andrew Floetum war, spielt da
eigentlich keine Rolle, Tor ist Tor.
Der Rest ist ja schnell erzählt. Zwei Chancen
in der 2. Halbzeit für Deutschland, erst
Ballack an den Pfosten, dann Klose mit dem
Siegtreffer in der 59. Minute per Kopf. Und in
der 83. Minute fast noch der Ausgleich, und der
wäre wirklich ein Hammer gewesen, allein schon
von der Entstehung her. Abstoß Torwart
Mikkelsen, Kopfballverlängerung Petersen und plötzlich
tauchte Hjalgrim Elttoer völlig frei vor Kahn
auf, traf aber nur den Pfosten. Ich grüble bis
heute, ob ich das gut oder schade finde. Hätten
die Deutschen so ein Tor erzielt, mit drei
Stationen über den ganzen Platz, hätte es
geheißen: Wie im Training gegen überforderte
Amateure. Dass das nun umgekehrt den Färöer-Spielern
beinahe gegen den Vizeweltmeister gelungen wäre,
macht es eigentlich nur noch unglaublicher.
Doch, ich glaube, ich hätte es ihnen gegönnt.
Klose hatte hinterher noch eine Kopfballchance,
blieb danach verletzt liegen und winkte wie wild
mit einem Arm, was Reporter Beckmann zu der
Analyse veranlasste: „Wenn ein Spieler schon
so den Arm hebt, muss es was Ernstes sein!“ Da
das aber der Klose war, hätte ich den ersten
Halbsatz vielleicht anders ergänzt: „Wenn ein
Spieler im Strafraum umfällt und schon so den
Arm hebt, dann muss er bei Kaiserslautern
spielen und denken, er wär am Betzenberg.“
Aber noch ein Elfer wäre auch wirklich übertrieben
gewesen.
Tja, und jetzt nach dem Spiel wissen es eh alle
besser. O-Ton Christian Wörns: „Das Geschwätz
einiger Leute vor der Partie hat uns sicherlich
geschadet.“ Da ist was dran, aber meint er
damit auch sein eigenes? Paule Breitner
erwiderte daraufhin, die Forderung nach „sechs
bis acht Stück“ wäre doch noch höflich
gewesen. Er verstehe die deutsche Sprache nicht
mehr, wenn dies nun bedeutet habe, dass die
Spieler dadurch unter Druck gesetzt worden wären.
Nun, Paule, dass Du die deutsche Sprache nicht
verstehst, glaube ich Dir unbesehen. Zusätzlich
leiden solche Wichtigtuer wie Du und Rummenigge
aber auch noch an einer gewissen
Vergesslichkeit: wart ihr zwei nicht z.B. bei
der WM 1982 dabei, als die deutsche Mannschaft
im ersten Gruppenspiel gegen die damals allerhöchstens
zweitklassigen Algerier 1:2 verlor? Hattet ihr
da nicht auch so tolle Ausreden vom Gegner, den
man zu leicht genommen habe und der über sich
hinausgewachsen sei? Aber als Funktionär oder
HvD (Hartschwätzer vom Dienst) zwanzig Jahre später
wollt ihr davon nichts mehr wissen, oder was?
Natürlich muss man gegen Färöer deutlich
gewinnen, aber ebenso natürlich muss man dafür
heutzutage auch etwas tun, das 8:0-Trainigsspiel
gibt es international nicht mehr, da muss man
selbst bei international völlig unbeschriebenen
Blättern ebenso eine überzeugende Leistung
bringen wie der Gegner einen sauschlechten
Arbeitstag erwischen muss (z.B. Saudi-Arabien
bei der WM). Aber wenn die Altvorderen vor dem
Spiel schon wieder rumschwätzen, ob nicht
endlich mal der Länderspiel-Torrekord der
deutschen Nationalmannschaft geknackt werden könnte
(16:0 gegen Russland am 01.07.1912 bei den
Olympischen Spielen in Stockholm), dann darf man
sich wirklich nicht wundern, wenn die Spieler
auf dem grünen Rasen genau so zu Werke gehen,
weil sie nicht motiviert sind.
A propos motiviert: da heulte sich dann auch
Oliver Kahn mal so richtig ordentlich aus.
Zitat: „Ja, es ist schwer für einen Spieler,
der im Verein viele wichtige Spiele bestreitet,
der nach Madrid, London oder Manchester fährt,
um dann in der Nationalmannschaft die nötige
Motivation aufzubauen für so genannte kleinere
Gegner. Man ist es als Spieler irgendwann Leid,
Kritik einzustecken, für Spiele die eigentlich
kein Mensch braucht.“ Und als ob das nicht
schon unverschämt genug wäre, schob er noch
einen nach (bei der SPORT-BILD): „Es wird
immer schwerer, so eine Woche vor der Familie zu
rechtfertigen. ‚Warum gehst Du weg?’ fragen
sie. ‚Weil ich gegen die Färöers spiele’,
sage ich. Früher konnte ich wenigstens sagen:
‚Ich muss zu einer WM. Ich werde Deutscher
Meister. Ich werde Champions-League-Sieger.’“
Ja, da würde ich doch glatt mal sagen, bleib
demnächst zu Hause, nachdem du deine Tränen
getrocknet hast, du armer unverstandener
Superstar, und spiel mit deiner Tochter im
Garten. Was ist das denn für eine Einstellung?
Für 8 Mio. € Gehalt im Jahr nimmt man also
nur noch die interessanten Sachen mit, die
kleineren Routineaufgaben hat man nicht mehr nötig,
oder was? Dann bleib aber auch bitte nicht nur
demnächst, sondern gleich für immer zu Hause,
wenn mal wieder ein Länderspiel ansteht. Denn
was passiert, wenn du gegen einen wirklich großen
Gegner aufläufst, der deiner Aussage nach
allein deine Anwesenheit rechtfertigen könnte,
das hat man ja im WM-Finale gegen Brasilien
gesehen...
Übrigens war das natürlich vor dem Spiel. Nach
dem Spiel klang das auch bei Herrn Kahn ganz
anders. Und zwar so: „Natürlich war der
Gegner bei dem Gerede vorher besonders
motiviert. Was glauben Sie denn, wie ich spielen
würde, wenn es vor dem Spiel hieße, der
kassiert heute zehn Stück?“ Bleibt auch hier
dieselbe Frage, die ich schon bei Wörns
gestellt habe: meint der damit auch sein eigenes
dummes Geschwätz von vorher? Genau wie Wörns
hat auch Super-Olli dazu nicht Stellung
genommen. Warum auch? Dazu müsste er ja
motiviert sein.
Außerdem ist er eh immer noch bockig, weil ihn
keiner mehr so richtig lieb hat. Dies
verbreitete neulich sein Vater in der
Bayern-Stadionzeitung BILD. Zunächst dachte
ich, der Kahn solle der BLÖD mal sagen, keine
Interviews mit seinem senilen Alten mehr zu
drucken ohne ihn vorher querlesen zu lassen,
dann las ich aber, dass Papi, alles andere als
verkalkt, nur das wiedergegeben habe, was der
Sohnemann ihm am heimischen Kaminfeuer gestanden
habe. Ist also die Meinung von Olli höchst
selbst. Dem setze ich mal kommentarlos die 150
Aussagen von ihm gegenüber, in denen er immer
gesagt hat, er ist erst so richtig gut drauf,
wenn das ganze Stadion gegen ihn ist und ihn
auspfeift, und stelle fest, dass auch dieses
Sensibelchen langsam reif für die Couch ist.
Was spielen eigentlich für Typen derzeit in der
Nationalmannschaft???
Überflüssig natürlich zu sagen, dass Paul
Breitner den Wörns nach seinen Aussagen verbal
zerlegte (siehe oben), den Olli aber
unangetastet ließ. Manche Leute können sich
halt alles erlauben. Zu jemandem wie Olli Kahn fällt
mir eigentlich nur eine Bewertung ein, und die
stammt aus einem offiziellen Leumundszeugnis
irgendeiner Amtsstube aus den Zwanziger Jahren,
mittlerweile in jedem kleineren Büchlein zum
Thema „Behörden-Stilblüten“ zu finden, die
aber für mich so punktgenau auf den untadeligen
Sportsmann Kahn passt, dass ich sie euch nicht
vorenthalten möchte: „Er macht zunächst
einen ungünstigen Eindruck, verliert aber bei näherer
Betrachtung.“
Nun gut, einige der Herren, denen dieser
historische Sieg gelang, werden wir bei der WM
2006 nicht mehr sehen, den Olli vielleicht auch
nicht, er überlegt noch, sagt er, und das war
bekanntermaßen noch nie seine Stärke, kann
also noch etwas dauern. Heute hat er zwar wieder
verlauten lassen, dass er es doch machen will,
aber schließlich ist sein großer Mentor ja
Franz Beckenbauer, der sich auch bei jeder Äußerung
sagt: „Was geht mich mein Geschwätz vom
letzten Satz an?“ Abwarten ist also angesagt,
oder, noch ein echter Franz: „Schaun mer
mal.“ Aber dafür haben wir ja in der
Hinterhand unsere Hoffnungsträger für die WM,
die derzeitige U23 und die U21, letztere unter
dem Befehl von Jürgen „Fußballgott“
Kohler. Das sind Hoffnungsträger! Einer träger
als der andere. Die U21 brillierte zuletzt auch
mit außergewöhnlichen Leistungen. A propos:
kennt eigentlich jemand irgendeinen, der da
mitspielt? Ich meine jetzt nicht aus dem Kader
des Kicker-Sonderhefts, von der Ersatzbank oder
Tribüne eines Bundesligastadions oder von
irgendeinem Regionalliga-Nebenplatz, sondern „livehaftig“
aus der Bundesliga, mit regelmäßigen
Auftritten? Ich nicht. Und so spielen sie auch.
Ein überragendes 4:1 gegen Litauen! Überragend
waren zwar eher die Litauer, die es in diesem
Spiel fertig brachten, drei Eigentore zu schießen,
aber auf dem Papier sieht das ja hinterher ganz
toll aus. Nicht so toll dann zugegebenermaßen
das 1:5 gegen die U21 von Bosnien-Herzegowina
inklusive zweier Roter Karten in diesem
„Freundschaftsspiel“. Aber dafür muss man
Verständnis haben, die bosnischen Spieler
stammen zum Großteil aus Sarajevo und haben
daher schon in frühen Jugendjahren an der
Sniper’s Alley gelernt, was ein erfolgreicher
Kurzstreckensprint Wert sein kann – klar, dass
das eine zu hohe Hürde für unsere Bankdrücker
war. Aber immerhin: ein selbst erzieltes Tor
gegen Litauen, eins gegen Bosnien – das macht
Mut für 2006. Das riecht wieder nach sechs
1:0-Siegen bis ins Finale und danach kann das
Wort „Catenaccio“ vielleicht auch in den
Duden übernommen werden, besonders wenn der
Trainer und „Former“ unserer
„Zukunftshoffnungen“ Jürgen Kohler heißt.
Tja, und was ist nun das Fazit des ganzen, nach
den Länderspielen, und nachdem ich für den
Artikel aus Zeitgründen jetzt so lange
gebraucht habe, dass auch das Wochenende und
damit der 9. Bundesliga-Spieltag darüber
hinweggegangen sind? Leute wie Rummenigge,
Breitner, Beckenbauer glänzen durch
kompetenzfreie Äußerungen, zumal „früher ja
eh alles besser war – also zumindest wir waren
besser“, die deutsche Nationalmannschaft
spielt Scheiße, da aber mittlerweile viel Franz
in Rudi steckt, gewinnen sie die wichtigen
Spiele trotzdem, Bayern spielt schlecht und
gewinnt 1:0, die Verfolger spielen schlecht,
gewinnen aber leider nicht, weswegen Bayern eh
wieder Meister wird, Fortuna Düsseldorf kriegt
beim Tabellenletzten die Hucke voll und holt fünf
Tage später gegen den Tabellenzweiten ein
Unentschieden – was will uns das alles sagen?
Jawohl, es ist alles so wie immer. Nix hat sich
geändert, und das ist auch gut so. Sonst hätte
ich ja auch keine Lust mehr, darüber zu
schreiben.
Bis neulich,
janus
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